Im Reisebus

Alle sind sie da. Die Müllers, Mijatovićs, Kellers samt Enkelkindern sogar, Von Halters, Azikiwes, Singhs mit ihren zwei Töchtern, Gomez‘, Meiers, Jeffersons, Larssons, Schneiders, O’Sullivans und wie sie alle heißen, haben sich auf dem großen Busbahnhof der kleinen Großstadt eingefunden. Eine Reise ins Grüne haben sie gebucht. Nun ja, manche haben sich den Gutschein für die Reise mit Sammelpunkten aus dem Supermarkt erarbeitet, weil … so eine Reise ins Grüne ist doch wirklich genau das, was sie brauchen. Immer nur an der Kasse sitzen oder die Klos anderer zu putzen ist nämlich ganz schön anstrengend.

Nun steigen sie ein. Was für ein Gerangel! »Wir haben erste Klasse gebucht!«, sagt Frau von Halter, spitzt ihre Ellbogen und sichert sich einen Platz ganz vorne. Den Gemahl zieht sie am Sakko neben sich auf den Sitz. Einem Thron mit viel Platz für die Beine und mit einem frisch gebügelten Tuch für den Kopf. In der zweiten Klasse werden die nämlich nur einmal im Monat gewechselt.

Endlich haben alle Platz gefunden. Die Reisebegleiterin klopft kurz aufs Mic und begrüßt mit smarter Stimme alle Mitreisenden. Sie freut sich über alle, die da sind, sagt sie. Ihre Freude blubbert durch die Lautsprecher in die Ohren der Reisenden. Und schon plappert sie munter weiter und erklärt, dass auf den Fernsehern über den Sitzen gleich ein Programm mit sanfter Unterhaltung beginnen werde und bittet darum, dass alle ganz besonders den Werbespots ihre volle Aufmerksamkeit schenken mögen.

Die Busfahrerin hat inzwischen ausgeparkt und manövriert den vollen Reisebus durch die Straßen der Stadt. Vorbei an roten und grünen Ampeln, Wohnquartieren und Industriegebieten. Schließlich schaukelt der Reisebus Richtung Autobahn.

Musik tönt aus den Lautsprechern, Werbung trieft aus den Bildschirmen und draußen flitzt die Welt vorbei. Ein bisschen Grün sieht man da ja tatsächlich. Allerdings nur, wenn man raus sieht. Kaum jemand tut das. Manche beschäftigen sich damit, über den schlechten Platz, den sie bekommen haben, zu schimpfen, während andere denen, die jammern, erklären, dass erste Klasse eben ein Privileg sei, das man sich erst einmal verdienen müsse. Und dass sie gefälligst froh sein sollen, dass sie überhaupt mitfahren dürfen.

Erster Halt. Kaffeepause. Ein Restaurant in einem Industriegebiet neben der Autobahn. Es gibt Gratiskaffee für alle. Für die Erste-Klasse-Gäste gibt es obendrein Croissants oder wahlweise ein Stück Torte. Alle andern müssen dafür zahlen. Als es sich alle halbwegs gemütlich gemacht haben, erzählt die Reisebegleiterin etwas über Heizdecken, später begeistert sie sich für Wohnzimmerlampen und gleich danach erzählt sie von den Reisen, die sie verkaufen – all inclusive – und die man natürlich auch gewinnen könne. Wenn man denn eine Decke oder eine Lampe kaufe. Und ja, es gibt natürlich auch Lose für jene, die kein Geld für eine Decke haben. Dass das alles Nieten sind, verschweigt sie.

Weiter geht’s. Über Land. Über Hügel. Vorbei an Flüssen. Ja, wirklich schön ist es da draußen. Doch sie alle sitzen drin. Kaum jemand schaut aus dem Fenster in diese Welt hinaus, die da draußen vor sich hin ist.

Mittagsrast. Obwohl das Restaurant nur einen Steinwurf von der Autobahnausfahrt entfernt liegt und von außen eher ungemütlich aussieht, gibt es für die Erste-Klasse-Gäste Stoffservietten und ein Fünf-Gänge-Menü. Die anderen bedienen sich am Büffet, wo ein paar labbrige Salate, keine vegetarische Alternativen neben seltsam trocken aussehenden Burgern und ein paar lieblos zubereitete Beilagen und Saucen das Auge der Betrachtenden beleidigen. Und die Mägen zwar füllen, aber den Seelenhunger ungestillt lassen.

Während des abschließenden Gratiskaffees – diesmal wieder für alle – gibt es erneut eine Präsentation der neuesten Produkte. Diesmal demonstriert die Reisebegleiterin eine Maschine, die offenbar alle negativen Gedanken in positive verwandeln und aus erfolglosen Menschen erfolgreiche machen kann. Freiwillige werden gesucht. Herr Gomez, seit drei Monaten arbeitslos, setzt sich neben die Maschine, stülpt sich, wie geheißen, den Helm über und sagt laut, was er gerade denkt. Auf einmal sprudeln höchst positive Sätze aus seinem Mund, obwohl er doch vorhin, im Bus, noch gelästert hat über die von Halters in der ersten Klasse und dass die doch nur so reich seien, weil sie Leute wie ihn ausquetschten. Nun aber lobpreist er den Kapitalismus und seine Segnungen in den höchsten Tönen. Und er hat auf einmal wieder Mut, sieht von jetzt auf gleich nicht mehr schwarz und kann sich ein Leben in Hülle und Fülle plötzlich sehr bildhaft vorstellen.

Dass selbst jene, die eigentlich kein Geld haben, diese Maschine unbedingt brauchen, versteht sich von selbst. Fast alle unterschreiben den Kaufvertrag, denn man kann das Teil auch auf Pump kaufen. Erhalten tut man sie allerdings erst, wenn man sie abbezahlt hat. Und jetzt sind sie alle glücklich. Glücklich darüber, endlich die Antwort auf alle ihre Probleme gefunden zu haben. Klar, dass die von Halters die Maschine nicht gekauft haben. Schließlich haben sie sie ja erfunden und entwickelt.

Weiter geht’s. Die Fahrt durch die grüne Landschaft zieht sich hin. Manche schlafen ein. Manche testen ihre neue Maschine, doch weil sie am Stromnetz besser arbeite als über den Akku, halten sich ihre neuen positiven Gedanken eher bedeckt. »Macht ja nichts. Daheim haben wir genug Strom«, sagen sie zueinander. Manche fangen kurz zu zweifeln an, sagen sich aber: »Wenn ich nur erst immer positive Gedanken habe, wird alles gut. Und dann werde ich reich und dann bin ich glücklich.«

Ein paar wenige, nämlich jene, die den Vertrag nicht unterzeichnet haben, fühlen sich vom Rest der Gruppe ausgeschlossen. Außerdem, diese ganze Fahrt ins Grüne, die hatten sie sich eh anders vorgestellt. Das Grün ist ja nur da draußen, aber sie sitzen hier drin und können es zwar sehen, anfassen geht jedoch nicht. Und sehen können sie es auch nur dann, wenn sie ihre Augen vom Bildschirm heben und den Blick nach außen richten. Das ist ganz schön anstrengend, wo sich doch hier drin so vieles bewegt. Ständig tröpfeln Filme und Musik und muntere Geschichten über Lautsprecher auf die Reisenden herunter. Unentrinnbar sind sie alle diesen Einflüssen ausgeliefert. Nein, so haben sie es sich nicht vorgestellt. Aber das will ja wieder keiner hören.

Am Nachmittag dann eine weitere Kaffeepause. Gratiskaffee gibt es diesmal für all jene, die den Vertrag unterzeichnet haben, die anderen müssen zahlen. Diesmal werden Produkte, die einen guten Schlaf garantieren, vorgestellt. Darunter ein wunderhübscher knuffiger Sandmann, der einem so lange volltextet, bis man eingeschlafen ist. Den kennt sogar Frau von Halter noch nicht und kauft ihn für sich und ihren Mann. Dieser ist allerdings weit weniger begeistert als sie. Denn bisher hatte ihn seine Frau allabendlich vollgetextet. Kostenlos. Wozu also Geld ausgeben?

Endlich parkt der Bus wieder auf dem großen Busbahnhof der kleinen Großstadt und spuckt seine Gäste aus. Erschöpft packen die Reisenden ihre neuen Schätze und stapfen durch die einsetzende Dunkelheit davon.

Dass Herr Gomez beim Abschied von der Reiseleiterin einen fetten Umschlag in die Hand gedrückt bekommt, sieht vermutlich niemand. Außer mir.

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15 Kommentare zu „Im Reisebus“

  1. Hallo SoSo,
    wie sich Leute auf solchen Kaffeefahrten dazu ueberreden lassen koennen, jeden Mist, der da propagiert wird, zu kaufen, das hat sich mir noch nie erschlossen.
    Hab’s fein,
    Pit

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    1. Konsumsucht wird geweckt, blöd, wenn so viele der Werbung auf den Leim gehen- ich halte die Konsumsucht für ein prima Ablenkungsmanöver von allem was wesentlich ist- und ich … ich bin nur süchtig nach Büchern, das aber hallo! … ansonsten halte ich mich an meine Grundbedürfnisse, meine ich wenigstens, lasse mich gerne belehren …

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    2. Ja, Ulli, genau: Es ist die Ablenkung. Das sehe ich jedenfalls genauso. Und ja, ansonsten (von Büchern mal abgesehen) bleibe ich auch ziemlich bei den Basisdingen. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, aber eigentlich auch aus Überzeugung.
      Danke dir für deine Anregungen.

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  2. Hallo SoSo,
    zum Thema „Wecken von Konsumlust“ ist mir gerade noch eingefallen, wie das ja in Supermärkten mit verschiedenen Methoden gemacht wird, u.A.:
    – Wege des Kunden durch geschickte Regalaufstellung so leiten, dass er an möglichst vielen Waren vorbei muss
    – immer wieder ändern, wo die Waren sind, damit der Kunde beim Suchen auch Dinge sieht, die er (eigentlich) gar nicht kaufen will, dann aber eben doch glaubt, haben zu müssen
    – Süßigkeiten etc. an der Kasse, damit vor dem Bezahlen noch schnell „zugeschlagen“ wird
    Übrigens: in unserem lokalen Supermarkt habe ich die ersten zwei genannten Verführungstechniken nie gesehen. Da findet sich Alles immer an demselben Platz. Finde ich wirklich gut. An der Kasse gibt es dann allerdings diese kleinen Regale mit vorwiegend Süßigkeiten.
    Hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit

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    1. Wir sind also die Opfer, weil … wir werden schließlich in Versuchung geführt? *grins* Im Ernst: Konsumsucht ist eine jener Süchte, gegen die kaum jemand etwas tut. Obwohl sie nicht zu unterschätzen ist. Aber weil sie die Wirtschaft ankurbelt und legal ist, stört sie kaum jemanden. Tja … (meine hält sich aus budgettechnischen Gründen – außer bei Büchern – ziemlich in Grenzen.)
      Danke dir fürs deine Gedanken hier.

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