In einem Zug zu lesen #7 − Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk

Dichtung ist immer eine Expedition nach der Wahrheit, sagte Franz Kafka.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich Fiktion der sogenannten Realität vorziehe. Und nein, ich glaube nicht, dass dies eine Flucht vor der Wirklichkeit ist oder dass ich vor mir selbst weglaufe, wenn ich Bücher lese, eher ist es für mich so, dass ich zuweilen über die Fiktion näher an die Wirklichkeit herankomme als auf dem sachlichen Weg. Näher und besser. So wie sich Eisentabletten mit Orangensaft besser im Körper auflösen können, gelingt es mir vielleicht eher, die Wirklichkeit über Dichtung zu verstehen. Ein erfundener, gedichteter Text, aus der Phantasie heraus entstanden, ist ebenso wahr wie die Realität. Die Wirklichkeit, wie wir sie sehen, bildet außerdem niemals das Ganze, die ’ganze Wahrheit’ ab, ist immer nur ein Ausschnitt. So heißt ’wahr’ hier also nicht ’nicht erfunden’, wahr heißt hier ’dem Leben nachgebildet oder abgeschaut’. So ist Fiktion, so ist Dichtung also eine Parabel der Wirklichkeit, ein Gleichnis der Welt.

Lese ich ein gutes Buch, begebe ich mich gleichsam, wie Kafka sagt, auf eine Forschungsreise in ein neues Land. Ich tauche in die Erkenntnisse, Hirngespinste und Herzgewebe eines anderen Menschen ein und nähere mich so seiner Wahrheit.

Buchcover Die hellen TageDie hellen Tage von Zsuzsa Bánk ist genau eins dieser Bücher, eins dieser Forschungsreisen. Mein persönliches ’Buch des Jahres’ – jedenfalls bis jetzt.

Seri, die eigentlich Therese heißt, erzählt von den hellen Tagen ihrer Kindheit in der Nähe von Heidelberg, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt. Aja ist ein Zirkuskind, stammt aus einer ungarischen Artistenfamilie und lebt mit ihrer Mutter Évi in einem Gartenhaus am Rand der Kleinstadt. Bald gesellt sich Karl zu den beiden Freundinnen und fortan leben die drei Kinder ein glückliches Dreieck. Karl hat kürzlich seinen jüngeren Bruder Ben verloren. An einem Frühlingstag ist er – innert zweier Sekunden – in ein fremdes Auto eingestiegen und nie wiedergekommen ist. Zwei Sekunden werden von jetzt an die Zeiteinheit, in der Karl alles misst. Wenn er Elfen und Schatten fotografiert, wenn er durch die Wälder streift. Zwei Sekunden, in denen sich alles verändern kann.

Die Welt der späten Sechsziger, als die Kinder noch Kinder sind und über die Zsuzsa Bánk im ersten Buchteil schreibt, ist allerdings nur scheinbar heil. Nicht nur in Karls, auch in Seris und Ajas Leben gibt es eine Leerstelle. Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt und Ajas Vater Zigi, Trapezkünstler in einem Zirkus, besucht die Familie nur einmal im Jahr für ein paar Wochen und ist die restliche Zeit des Jahres nur durch seine Abwesenheit anwesend.

Évi sorgt mir ihrer Herzlichkeit und Beharrlichkeit dafür, dass es den drei Kindern trotz all der Leerstellen an nichts fehlt. Maria, Seris Mutter, bringt Évi das Lesen bei und sorgt dafür, dass sie im Städtchen Arbeit finden und Fuß fassen kann. Évi hilft mit der ihr typischen Geduld Karls Eltern – Ellen und dem vornamenlosen Vater – zurück ins Leben. Beide haben nach dem Verlust ihres kleinen Sohnes den Halt verloren.

Als die drei Kinder, inzwischen erwachsen geworden, ihre Studien in Rom fortsetzen, kommt nach und nach die eine und andere Lebenslüge ans Licht. Wahrheiten, die alle nicht aus Bosheit bis dahin verschwiegen worden sind. Niemand wird verschont. Zum Glück haben die Kinder von ihren Müttern gelernt, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und können so den Erschütterungen – nicht ohne Narben, aber mit neu gewonnener Kraft – trotzen.

Fast möchte ich die Geschichte ein Heldenepos nennen, oder nein: eigentlich werden hier gleich mehrere Heldenepen erzählt. Es sind Geschichten von Menschen, die alle ein wenig mehr wahrnehmen, ein bisschen deutlicher hinter den Vorhang blicken können als die meisten anderen Menschen. Hochsensible Kinder und hochsensible Mütter, die die Welt auf eine ganz persönliche, ganz eigene Art sehen und auf sie zugehen.

Bánks Sprache hat mich von der ersten Seite an begeistert. Sie leiht Seri eine Stimme, die leise und eindringlich beschreibt, wie die Dinge wirklich sind und wie sie von ihnen allen wahrgenommen werden. Ich rieche Évis Küche, in der sie ihre Kuchen bäckt, die dann Karls Vater zu den Kundinnen nach Hause fährt. Ich spüre die klamme Kälte im winterlichen Gartenhaus und ich spüre das Schaukeln der Hängematten zwischen den Linden in Evis Garten. Und ich höre auch das Klackern in Karls Kopf, das ihn noch immer an die Murmeln erinnert, mit denen sein Bruder Ben und er gespielt haben. Trotz Bánks sinnlicher, beinahe poetischer Sprache sehen wir auch die Dramen, denen die Menschen in dieser Geschichte ausgesetzt sind. Alle je getroffenen Entscheidungen haben Konsequenzen, mit denen neu gelebt werden will. Dass das gelingt, verdanken alle nicht zuletzt der Liebe, dem Vertrauen, der Freundschaft – gewoben und gewachsen in all den hellen Tage. Dank ihnen lassen sich auch dunkle Tage besser ertragen.

Herzliche Leseempfehlung!

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12 Kommentare zu „In einem Zug zu lesen #7 − Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk“

    1. Genau das habe ich bei dem Buch auch gespürt: Eines der ersten Bücher, von denen ich denke, ich werde es ein zweites Mal lesen. Jetzt bei Sosos Text waren meine Leseberührung, die Stimmung, die erzählte Welt sofort wieder ganz präsent in mir. Ein unglaubliches Buch …
      Herzlichen Gruß an Euch beide!

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  1. Dieses Buch geht wirklich ans Herz und nimmt einen ab der ersten Zeile mit auf die Reise. Es hilft, das Leben aus anderen Blickwinkeln und noch einmal mit Kinderaugen zu sehen. In vielen Dingen konnte ich mich wiederfinden. Eins meiner absoluten Lieblingsbücher!

    Gefällt 1 Person

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