Schreibenmüssen

Wenn ich eine Weile nicht schreiben kann, geht es mir bald nicht mehr wirklich gut. Schreiben heißt für mich aber nicht Bewerbungen schreiben, heißt nicht Einkaufszettel, nicht Auftragsartikel, nicht Twitter schreiben, und heißt noch nicht mal Blog oder Tagebuch schreiben. Wobei die zwei letzten gerade noch so taugen, damit ich überleben kann. Schreiben im Reservetank-Modus sozusagen.

Schreiben, wirklich schreiben können-wollen-müssen, heißt bei mir, dass ich an einem längeren Text arbeiten kann-will-muss. An einer fortlaufenden fiktiven Geschichte, an einem zusammenhängenden Etwas. Das kann auch, wie vor zwei Jahren, ein biografischer, noch unvollendeter Text sein; damals ein etwa 200 Seiten umfassendes Essay mit dem Arbeitstitel „Weiterleben“.

Kurz: Ein längerfristiges Projekt ist es, das ich zum Leben brauche. Solche Schreibarbeit ist für mich gleichsam das Atmen der Seele, des Herzens, die Verdauung von Gedanken, von Lebenserfahrungen. Es ist das, was mich mich lebendig fühlen lässt. Seit Monaten – was sage ich da? –, seit einem Jahr ungefähr, habe ich nichts Zusammenhängendes mehr geschrieben. Vielleicht ist das also einer der Gründe, warum es mir nicht gut geht? War es der äußere Stress im Brotjob, der mich am kreativen Schreiben hinderte oder hörte ich mit Schreiben auf und löste damit erst ein stetig wachsendes Stressempfinden aus, das mich schließlich ausbremste? Teufelkreis und eigentlich egal. Fakt ist, dass ich unter Stress nicht kreativ arbeiten, nicht schreiben, nicht sprudeln, nicht aus dem Inneren schöpfen kann. Es ist, als wären dann die Schleusen geschlossen, durch welche ich bei Nicht-Stress zu den Quellen paddeln kann.

Seit zweieinhalb Monaten, also seit ich stellenlos bin, suchte ich immer wieder nach Nischen, um endlich wieder in diesen Schreibflow zurückzufinden, der dazu beiträgt, dass es mir gutgeht. Doch seit zweieinhalb Monaten habe ich ständig so viele Dinge in mein Leben gelassen, haben sich ständig so viele Dinge in mein Leben gedrängt, dass ich keine Kraft hatte, darin nach Nischen zu suchen. Noch ein Zu-Tun mehr – denn das Schreiben wäre ja ein Zu-Tun, auch wenn es eins ist, dass ich will – war einfach nicht zu schaffen. Und so blieben die Schleusen zu.

Was aber, wenn sich eine Romanidee, die unbedingt von mir geschrieben werden will, auf einmal, nachts, im Zustand zwischen Wachsein und Traum, in meine Gedanken schleicht und mich füttert? Eine Idee, die auch im Tageslicht bestehen bleibt und dazu eine Art Synthese all meiner auf Halde liegender Romanentwürfe darstellt? Ich heiße sie herzlich willkommen und bitte sie, mich an der Hand zu nehmen. Und ich verspreche ihr Nischen, ja, ich schaffe ihr sogar Nischen und ich höre ihr zu, wenn sie souffliert.

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18 Kommentare zu „Schreibenmüssen“

  1. Liebe Sofasophia,
    hach ich kenne das so gut, kann das so gut nach- und mitempfinden. Auch mir fehlt schon seit längerem die Muße und daher die Muse für ein längeres Schreib-Projekt – und das wirkte sich immer für mich so erfüllend und beflügelnd aus, wenn ich an einem solchen dran war. So sind einige meiner Bücher entstanden und etliche unveröffentlichte Geschichten, in denen ich irgendwie „mitlebte“ .
    Ich wünsche dir (und auch mir), dass sich wieder eine Schreibidee einschleicht… 🙂
    HerzLichte Grüße schickt dir
    Marina 🙂

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    1. Erfüllung – das ist der Punkt, Erfüllung, die beflügelt und beglückt. Und uns die Welt aus neuen Blickwinkeln sehen lässt. Ja!

      Danke fürs Mitfiebern und Mutmachen! Und herzlich willkommen hier.

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  2. Schreiben ist ja eine Art Hingabe an die Geschichte, die sich souffliert, du hörst ihr jetzt zu, du schaffst ihr Nischen und ich freue mich darüber. Lass fliessen, will ich dir zurufen und ob jetzt oder im November, es will doch und die Idee ist so stimmig!
    herzliche und mitfreuende Grüsse
    Ulli

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