Zentrifugalkraft

Es dreht sich das Karussell und nimmt uns mit.
Dreht uns im Kreis. Im Kreis, im Kreis. Immer im Kreis.
Manche kreischen.
Da ist ganz viel Lärm in mir drin.
Und da sind Ängste, die mit Kirmesgewehren herumballern.
Noch lachen alle. Jubeln. Kreischen lauter. Rufen schneller.
Schneller, schneller, und lauter und wilder und mehr, mehr, mehr.
Da. Auf einmal fliegen die ersten heraus. Schließlich immer mehr.
Nur die ganz Starken, jene, die ein paar Tricks kennen, um der Schwerkraft zu trotzen, und die mit den spitzen Ellbögen können sich halten. Sie drängen sich in die Mitte.
Am Rand steht bald niemand mehr.
Da draußen, am Boden, liegen schon ganz viele.

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Drüberreden hilft – Depression im Alltag

Nach der vorgestrigen zdf-Sendung Viel mehr als Traurigkeit (siehe gestrigen Blogartikel) habe ich mir zwei Apps für Depressive geladen. Die eine, Arya, wurde im Film, resp. nachträglich auf Twitter, empfohlen und ist eine Art Stimmungstagebuch. Bei beiden Apps beschreibt man seinen aktuellen Zustand ein- bis mehrmals täglich. Bei beiden Apps klicke ich zurzeit jeweils das ’Mir geht’s mittelmäßig’-Emoticon an. (Die zweite App heißt übrigens Moodpath.) Wobei: Würde ein gesunder Mensch ohne Vorwarnung aus seiner Haut in meine fahren, würde er das vermutlich eher nicht so kuhl finden. Ich vermute nämlich, dass mein normaler Nullpunkt, könnte man ihn denn messen, tief unter dem Nullpunkt einer/s Nicht-Depressiven liegt. Stichwort Leidensgewöhnung.

Die Depression ist eine persönliche (und wohl auch gesellschaftliche) Reaktion oder Antwort auf all die Diskrepanzen, die ich im Leben erkenne. Mich erdrückt zuweilen und ich leide daran, dass ich all die Erwartungen, die ich an mich, die ich ans Leben habe, nicht erfüllen kann. Ich habe den Hoffnungsvorrat – darauf, dass es sich je ändern könnte –, allmählich aufgebraucht. Andererseits füllt sich dieser Vorrat zuweilen aus irgendwelchen, in mir schlummernden Quellen und aus unerfindlichen Gründen wieder auf. Vermutlich, weil das Leben so funktioniert. Stichwort Selbstheilung.

Und ja, ich glaube, dass es eher heilsam als kontraproduktiv ist, über Depression zu reden und zu schreiben. Das Argument, dass dadurch, dass ich drüber rede, alles nur noch schlimmer werde, weil ich dadurch ja ständig über das Thema, über die Krankheit, nachdenke, entkräfte ich so: Eine Wunde, die du ignorierst, blutet ja nicht weniger, wenn du sie nicht anschaust.

Depression ist eine Krankheit. Wie ein chronischer Herzfehler vielleicht, oder wie ein Bandscheibenschaden. Etwas, das bei guter Behandlung nicht unbedingt die Lebensqualität beeeinträchtigen muss, jedenfalls nicht immer. Aber eben: Dieses Etwas ist da. Und geht nicht davon weg, dass wir es ignorieren oder totschweigen.

Drüberreden hat dazu den Nebeneffekt, dass ich lerne, dazu zu stehen, dass ich bin, wie ich bin. Und dass meine Umgebung sensibilisiert wird für meine Symptome und für die Tatsache, dass das Leben nicht ideal ist. Dass ein Mensch keine Maschine ist. Auch dass die Berührungsängste meiner Mitmenschen gegenüber dem Thema schwinden können, ist ein möglicher Effekt und dass Nicht-Betroffene, jene Menschen, die depressiv sind, anders als nur als Versager, Opfer, Unfähige betrachten lernen. Sind wir nämlich nicht. Wie sagte Herr Bock noch mal so schön? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

Und dass ich immer mal wieder über den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Depression nachdenke, verwundert euch sicher nicht.

»Viel mehr als Traurigkeit« – Depression und das Leben mit ihr

Gestern habe ich mir auf zdf die Sendung 37 Grad angeschaut. Viel mehr als Traurigkeit hieß die gestrige Folge. Schon im Vorfeld war auf Twitter darüber gesprochen worden, denn die Sendung porträtiert zwei depressive Twitternde. Leider ist auf Twitter neulich einmal mehr über Depression gespottet worden. Über das heutige Mimosentum. Über eine Gesellschaft, die nichts mehr abkann.

Jana Seelig aka @isayshotgun und Uwe Hauck aka @bicyclist, die über ihr Leben als Depressive twittern, haben in Viel mehr als Traurigkeit über ihren Alltag, über ihr Zuweilen-Nichts-Fühlen, über die Krankheit, über Hoffnungen und Ängste gesprochen. Ich bin dankbar, dass sie das getan haben und bewundere ihren Mut.

Was mir im Kontext mit diesem Film endlich klar geworden ist: Jede Depression hat ein anderes Gesicht. Bei manchen fängt es erst später an, bei manchen früher; fast jeder zweite Mensch hat in seinem Leben mindestens einmal eine depressive Episode. Bei den meisten bleibt es dabei, bei anderen kommt der Schwarze Hund, das Monster, immer wieder. Und Medikamente, ja, die helfen. Manchmal. Nicht allen. Nicht immer. Vor allem hilft der Placebo-Effekt. Aber auch der nicht immer.

Manche spotten leider über Depressive.
Manche verstehen nicht. Viele geben Tipps, ohne zu wissen, wie es wirklich ist, wenn nichts mehr geht. Auch hängt über der Krankheit eine schier undurchdringliche Schamwolke, die auch mich daran gehindert hat, hier bisher deutlicher davon zu sprechen, dass ich eine Betroffene bin.
Manche glauben, dass Depressive selbst dran schuld sind, weil sie … Manche denken, dass man nur auf die Zähne beissen muss und dann wird alles wieder gut.
Manche glauben sogar, dass man nur das Richtige denken, glauben, wissen muss, damit es gut wird.

Ach, wenn es so einfach wäre … und wenn wir Betroffenen doch denen, die zu wissen glauben, was für uns gut ist, weniger Gehör schenken würden.
Ach, Konjunktiv!

Die Rolle, die Aufgabe, die Botschaft von Uwe Haucks Frau Sibylle hat mich aufgerüttelt:
Was macht die Depression mit unseren nächsten Mitmenschen? Wie schwer belasten wir unsere Partner, Partnerinnen, Freundinnen und Freude? Und lastet auf ihnen nicht die subtile Erwartung, dass sie für uns Depressive so etwas wie die WunderheilerInnen sein müssten? Anders gefragt: Lastet auf ihnen nicht der latente Anspruch, dass sie zu wenig gut sind, wenn wir wieder eine depressive Episode durchwandern? Wie gehen sie mit dieser Belastung um, die wir Depressive für sie sind? Für Depressive, die keine Freundinnen und Freunde habe, stelle ich es mir noch brutaler vor.

Vereinsamung ist ja das Huhn und das Ei innerhalb der Depression: Ziehen wir uns zurück und vereinsamen wir, weil wir depressiv geworden sind, oder sind wir einsam und werden deshalb erst depressiv? Da capo al fine.

Kurz und gut: Wir tragen Verantwortung füreinander.

Oder wie es Uwes Frau Sibylle sagt: »Wir profitieren auch von Uwes Krankheit, weil wir in Tiefen eindringen können, wo normalerweise Menschen wahrscheinlich gar nicht hinkommen.«

Stummes Gespräch

Wie bereits vor einem Jahr und vor vier Jahren habe ich die Kommentarfunktion dieses Blogs, die ich vor einigen Wochen reaktiviert hatte, vor Kurzem wieder geschlossen.

Manche schlucken leer, wenn man auf einem Blog, auf einer Webseite, in einem sozialen Medium NICHT kommentieren kann. Es sei wie Einbahnstraße, man fühle sich ausgeschloßen, hörte ich schon sagen. Denn schließlich sei das doch der Sinn sozialer Medien: Dass man miteinander ins Gespräch komme.

Ja. Aber. Mich macht dieser Kommentierdruck erneut so müde. »Nicht alles was gedacht werden kann, muss auch gesagt und geschrieben werden«, schreibt Tinacor im gestern hier im Blog zitierten Artikel.

Natürlich soll/darf/kann ich mir zu etwas Gedanken machen, das jemand geschrieben hat. Dafür wurde es ja veröffentlicht. Doch was ich darüber denke, muss ich ja nicht um jeden Preis in eine Kommentarspalte schreiben. Kann ich, muss ich aber nicht. (Auch nicht aus Gründen wie Mitleid, weil bisher noch niemand etwas dazu geschrieben hat.)

Ich habe für mich beschlossen, weniger zu kommentieren. Oder vielleicht gar nicht mehr. Welche Kriterien ich anwenden werde, weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht werde ich nur noch kommentieren, wenn mein Kommentar ein fortlaufender Dialog zur Person, der ich einen Kommentar schreibe, darstellt.

Oder aber ich kommentiere nur noch, wenn ich etwas Lustiges auf den Lippen habe oder etwas Wesentliches erkannt habe. Wobei hier bereits meine Augenbrauen hochrutschen, denn genau das meinen wir ja alle, wenn wir kommentieren: Dass die Welt auf unsere glorreiche Erkenntnis gewartet hat.

Als ich neu bei Twitter war, war ich noch richtig im Kommentareschreibemodus drin, wie er ja hier in der Blogosphäre üblich ist. Dass Twitter eher Monolog und somit eine eigene Kunstform des Wortspiels ist und des rhetorischen Fragens, habe ich erst allmählich gemerkt.

Und ja, natürlich gibt es auch jene Tweets, die bewusst für den Dialog geschrieben werden. Und jene, die sich um Befindlichkeit oder Politik drehen. Das hängt von der jeweiligen Filterblase ab.

Immer öfter jedoch lese ich Twitter wie eine Art Buch (von der Like- und Retweet-Funktion einmal abgesehen).

Es ist wirklich nicht so, dass mich eure Gedanken zu meinen Texten grundsätzlich nicht interessieren. Eher ist es so, dass ich meine Blogtexte so ähnlich wie die Seiten eines Buches verstehe. Ihr lest sie, wenn und wann immer ihr sie lesen mögt. Und ihr dürft euch auch gerne dazu Gedanken machen. Da, wo Gedanken wohnen. In eurem Inneren. Ich glaube nicht, dass wir alle etwas verlieren, wenn wir weniger kommentieren, aber wir gewinnen wieder mehr Ruhe.

Danke. Fürs Lesen.