In einem Zug zu lesen #8 – Die Spuren meiner Mutter von Jodi Picoult

Buchcover von Die Spuren meiner Mutter»Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mit Hilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.« Schön und gut, aber dieser Klappentext verschweigt, wie sehr mich das Buch erschüttern wird.

Ja, von der ersten bis zur letzten Seite hat es mich gefesselt, dieses Buch. Und begeistert. Und zu Tränen erschüttert. Nicht zuletzt wegen der gewählten Erzähltechnik: Die Autorin lässt kapitelweise immer wieder eine andere der Figuren in Ich-Form aus ihrer Gegenwart und Vergangenheit erzählen, was mir als Leserin nicht nur tiefen Einblick in die einzelnen Geschichten und deren Zusammenhang mit allen anderen gibt, sondern auch in die Welt der Elefanten. Schon als Kind haben mich diese Tiere fasziniert, doch darüber, dass sie so klug, so sozial und so sehr zu Trauer und Beziehungen fähig sind, wie das die Autorin – durch die Augen der Elefantenforscherin Alice – beschreibt, war mir nicht bewusst.

Trauer und Verluste sind im Grunde die roten Fäden dieses Romans – bei den Menschen ebenso wie bei Elefanten. So stehen Mutterkind-Beziehungen im Zentrum sowie immer wieder auch die Liebe zwischen Menschen und Menschen, Tieren und Tieren, Menschen und Tieren.

Alice‘ Tagebuch-Stimme erzählt immer wieder vom Elefantenalltag und den Beobachtungen desselben in der Wildnis Afrikas und im später im Reservat in den Staaten. Was ich über das Zusammenleben von Elefanten lese, lässt sich unmittelbar auf die Menschenwelt übersetzen. Jugendliche Elefantenbullen, zum Beispiel, die durch Wilderei ihre Mütter und Väter verloren haben, werden verhaltensauffällig und unverhältnismäßig aggressiv. Weil sie unnatürlich aufwachsen. Bei Elefantenherden ist es die ganze Herde, die das Elefantenkalb aufzieht. Und es sind die Matriarchinnen, die dem Rudel vorstehen. Ein intaktes Rudel, ein intaktes Matriarchat, lässt jedem Kalb genug Zeit und Raum, geborgen und beschützt heranzuwachsen. Ein Kalb wird, nach und nach, als Schwester oder Bruder, in die Aufzucht und Mitverantwortung für die anderen eingebunden, um eines Tages selbst in der Lage zu sein, ein Kalb aufzuziehen. Werden aber Matriarchinnen ihrer Größe und des begehrten Elfenbeins wegen abgeschlachtet, geht mit ihnen gleichsam die Geschichte der Herde verloren, die kollektive Erinnerung. Das Gleichgewicht des Rudels wird gestört und die jungen, zurückgelassenen Tiere wissen nicht oder noch zu wenig, wie das Rudelleben funktioniert. Das Wissen um die Wege zu den Wasserstellen geht zum Beispiel verloren ebenso wie das Wissen um die Zyklen, die Rhythmen des Überlebens in der Wildnis.

Ich schlucke immer wieder schwer beim Lesen und komme nicht umhin, Parallelen zu uns Menschen zu ziehen. Zu all den jungen Menschen, die ohne Leitplanken aufwachsen, zu all den älteren Menschen, die verlernt haben, Vorbilder zu sein.

Das Buch dreht sich aber weit mehr um Menschen als um Elefanten. Um Menschen, die etwas verloren haben, sich selbst, einen lieben Menschen, eine Gabe. Es geht um Menschen, die vermissen und die suchen.  Nicht zuletzt auch durch die feine spirituelle Note, die durch das sehr glaubwürdig dargestellte Medium Serenity eingebracht wird, hat mich dieser Roman tief berührt und erschüttert. Und auch wegen der letzten Seiten, dieser Auflösung, mit der ich so wirklich nicht gerechnet hatte, die aber schlussendlich alles Vorherige in einen Zusammenhang stellt und mich besser verstehen lässt.

Vorhin habe ich mich auf der Webseite des Elephant Sanctuary in Tennessee umgeschaut, welches im Buch vorkommt. Ein riesiges Reservat, ein Heiligtum für Elefanten, die in Zirkussen oder Zoos gelebt haben und aus unterschiedlichen Gründen schließlich ins Sanctuary übersiedelt wurden, wo sie nun endlich so artgerecht wie möglich leben können. Und ja, auf einmal sehe ich die Elefanten dort mit anderen Augen, sehe ihre Gesichter, ihre Gesten, ihre Haltung anders.

Das Buch ist ein großartiger Herz- und Augenöffner.

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5 Kommentare zu „In einem Zug zu lesen #8 – Die Spuren meiner Mutter von Jodi Picoult“

  1. Hallo SoSo,
    ich sehen so viele Rezensionen von lesenswerten Buechern, nicht h=nur hier bei Dir, aber leider komme ich im Augenblick so gut wie gar nicht zum Lesen. Wird aber bestimmt wieder.
    Hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit

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    1. Das wird schon wieder werden. Lesen tue ich zwar auch jetz, aber fast ausschlieszlich Nachrichten, aus deutschen und amerikanischen Tageszeitungen. Aber Buecher werden auch bald wieder an der Reihe sein.

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