Die Notwendigkeit von Stille

Von Ksenia Anske

Diese letzten Szenen von TUBE* haben mich ausgelaugt. Wenn ich jeweils mein Schreibwerk des Tages vollendet habe, bin ich leer und brauche Stille, um mich mit meinem kleinen Selbst zu versöhnen, das mir meine Geschichte erzählt, und um darüber nachzudenken, wie ich es am besten darstellen kann, dass (die Geschichte, die ich erzähle) nicht meine sondern Olesyas Geschichte ist. Um für sie zu fühlen, so viel zu fühlen, dass es daneben keinen Platz mehr für etwas anderes gibt. Dazu brauche ich Stille. Stille. Himmel und Bäume und Wind. Einfach nur Platz, um zu sein. Ohne zu reden, ohne eilig wohin rennen zu müssen oder wegzulaufen.

Vor Jahren konnte ich mir einen Ort wie diesen hier nicht vorstellen: einfach nur Frieden. Je mehr ich schreibe, desto weniger greift mich meine Leistungsangst an, desto weniger habe ich Angst davor, was die Leute über mich oder meine Bücher denken werden, desto weniger will ich jemandem etwas beweisen. Ich bin auf dem Weg, mein kleines Ich zurückzuerobern, so wie es sein wollte, als ich frei und wild und sorglos und glücklich war und einfach nur lebendig.

Ob ich nun Käfern beim Kriechen zuschaute und dabei in einem Haufen Dreck saß, (war egal, denn) es machte mich glücklich und ich kicherte. Oder ich hob Steine von der Straße auf, schiele gegen die Sonne und beobachtete die Kristalle in ihnen, sah sie funkeln und konnte mich so stundenlang beschäftigen. Es kümmerte mich nicht, ob es regnete und ich nass wurde oder ob mein Haar so oder anders aussah oder ob mein Körper falsch war oder mein Gesicht oder mein Geschlecht. Als ich auf der Brücke über einen kleinen Fluss lag, beobachtete ich, wie die Wasserläufer auf ihren langen, dünnen Beinen herumrannten und ich dachte, ich könnte das gleiche tun, wenn ich nicht so schwer wäre.

Ich dachte, dass meine Gedanken unglaubliche Wahrheiten waren, die ich alle auf eigene Faust herausgefunden hatte, nämlich dass die Menschen niemals starben; sie wurden einfach nur sehr alt, und wenn sie zu alt wurden, wurden sie wieder jung, und so ging es im Kreis. Und ich staunte über meine Erkenntnis, dass ich mich nie so ansehen können würde, wie es andere Leute taten, wenn ich nicht ständig in den Spiegel schaute – ich dachte über eine ganze Woche nach, starrte auf mein eigenes Spiegelbild und machte Gesichter.

Wenn ich barfuß herumlief, fand ich es so lustig, den Matsch durch meine Zehen fließen zu hören – es machte dieses lustige Geräusch –, dass ich nicht damit aufhören konnte, bis meine Zehen sich verkrampften.

Selbst das Schlafen war Magie, weil Träume kommen würden, und auch das Aufwachen war Magie, weil es einen neuen Tag mit neuen Dingen gab, die ich noch nicht gesehen oder gehört oder gerochen hatte.

Einfach nur sein, ohne Urteil, Zweifel, Furcht, Angst, Schüchternheit, Unentschlossenheit, Sorge, Angst, Müdigkeit, Nachdenken.

Ich spreche nicht über ein bestimmtes Alter. Ich spreche über Momente, die anfangs reichlich waren, und dann schwanden, als ich heranwuchs, und schließlich ganz verschwanden. Sie kommen jetzt zurück. Aus der Stille. Langsam. Einer nach dem anderen. Sie tauchen aus ihren Verstecken auf. Ich muss sie ausreden lassen. Ich muss geduldig warten, nichts tun, nur suchen und zuhören und nehmen, was ich bekomme.

Ich werde mich zurückfordern. Aus dem Nichts. Aus der Stille. Außerhalb des Schreibens.

ksenia anske | fantasy writer
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Copyright by Ksenia Anske (Quelle/Original), mit freundlicher Genehmigung.

Herzübersetzt von Sofasophia


* Ksenias aktuelles Romanmanuskript

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