»Viel mehr als Traurigkeit« – Depression und das Leben mit ihr

Gestern habe ich mir auf zdf die Sendung 37 Grad angeschaut. Viel mehr als Traurigkeit hieß die gestrige Folge. Schon im Vorfeld war auf Twitter darüber gesprochen worden, denn die Sendung porträtiert zwei depressive Twitternde. Leider ist auf Twitter neulich einmal mehr über Depression gespottet worden. Über das heutige Mimosentum. Über eine Gesellschaft, die nichts mehr abkann.

Jana Seelig aka @isayshotgun und Uwe Hauck aka @bicyclist, die über ihr Leben als Depressive twittern, haben in Viel mehr als Traurigkeit über ihren Alltag, über ihr Zuweilen-Nichts-Fühlen, über die Krankheit, über Hoffnungen und Ängste gesprochen. Ich bin dankbar, dass sie das getan haben und bewundere ihren Mut.

Was mir im Kontext mit diesem Film endlich klar geworden ist: Jede Depression hat ein anderes Gesicht. Bei manchen fängt es erst später an, bei manchen früher; fast jeder zweite Mensch hat in seinem Leben mindestens einmal eine depressive Episode. Bei den meisten bleibt es dabei, bei anderen kommt der Schwarze Hund, das Monster, immer wieder. Und Medikamente, ja, die helfen. Manchmal. Nicht allen. Nicht immer. Vor allem hilft der Placebo-Effekt. Aber auch der nicht immer.

Manche spotten leider über Depressive.
Manche verstehen nicht. Viele geben Tipps, ohne zu wissen, wie es wirklich ist, wenn nichts mehr geht. Auch hängt über der Krankheit eine schier undurchdringliche Schamwolke, die auch mich daran gehindert hat, hier bisher deutlicher davon zu sprechen, dass ich eine Betroffene bin.
Manche glauben, dass Depressive selbst dran schuld sind, weil sie … Manche denken, dass man nur auf die Zähne beissen muss und dann wird alles wieder gut.
Manche glauben sogar, dass man nur das Richtige denken, glauben, wissen muss, damit es gut wird.

Ach, wenn es so einfach wäre … und wenn wir Betroffenen doch denen, die zu wissen glauben, was für uns gut ist, weniger Gehör schenken würden.
Ach, Konjunktiv!

Die Rolle, die Aufgabe, die Botschaft von Uwe Haucks Frau Sibylle hat mich aufgerüttelt:
Was macht die Depression mit unseren nächsten Mitmenschen? Wie schwer belasten wir unsere Partner, Partnerinnen, Freundinnen und Freude? Und lastet auf ihnen nicht die subtile Erwartung, dass sie für uns Depressive so etwas wie die WunderheilerInnen sein müssten? Anders gefragt: Lastet auf ihnen nicht der latente Anspruch, dass sie zu wenig gut sind, wenn wir wieder eine depressive Episode durchwandern? Wie gehen sie mit dieser Belastung um, die wir Depressive für sie sind? Für Depressive, die keine Freundinnen und Freunde habe, stelle ich es mir noch brutaler vor.

Vereinsamung ist ja das Huhn und das Ei innerhalb der Depression: Ziehen wir uns zurück und vereinsamen wir, weil wir depressiv geworden sind, oder sind wir einsam und werden deshalb erst depressiv? Da capo al fine.

Kurz und gut: Wir tragen Verantwortung füreinander.

Oder wie es Uwes Frau Sibylle sagt: »Wir profitieren auch von Uwes Krankheit, weil wir in Tiefen eindringen können, wo normalerweise Menschen wahrscheinlich gar nicht hinkommen.«

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