Drüberreden hilft – Depression im Alltag

Nach der vorgestrigen zdf-Sendung Viel mehr als Traurigkeit (siehe gestrigen Blogartikel) habe ich mir zwei Apps für Depressive geladen. Die eine, Arya, wurde im Film, resp. nachträglich auf Twitter, empfohlen und ist eine Art Stimmungstagebuch. Bei beiden Apps beschreibt man seinen aktuellen Zustand ein- bis mehrmals täglich. Bei beiden Apps klicke ich zurzeit jeweils das ’Mir geht’s mittelmäßig’-Emoticon an. (Die zweite App heißt übrigens Moodpath.) Wobei: Würde ein gesunder Mensch ohne Vorwarnung aus seiner Haut in meine fahren, würde er das vermutlich eher nicht so kuhl finden. Ich vermute nämlich, dass mein normaler Nullpunkt, könnte man ihn denn messen, tief unter dem Nullpunkt einer/s Nicht-Depressiven liegt. Stichwort Leidensgewöhnung.

Die Depression ist eine persönliche (und wohl auch gesellschaftliche) Reaktion oder Antwort auf all die Diskrepanzen, die ich im Leben erkenne. Mich erdrückt zuweilen und ich leide daran, dass ich all die Erwartungen, die ich an mich, die ich ans Leben habe, nicht erfüllen kann. Ich habe den Hoffnungsvorrat – darauf, dass es sich je ändern könnte –, allmählich aufgebraucht. Andererseits füllt sich dieser Vorrat zuweilen aus irgendwelchen, in mir schlummernden Quellen und aus unerfindlichen Gründen wieder auf. Vermutlich, weil das Leben so funktioniert. Stichwort Selbstheilung.

Und ja, ich glaube, dass es eher heilsam als kontraproduktiv ist, über Depression zu reden und zu schreiben. Das Argument, dass dadurch, dass ich drüber rede, alles nur noch schlimmer werde, weil ich dadurch ja ständig über das Thema, über die Krankheit, nachdenke, entkräfte ich so: Eine Wunde, die du ignorierst, blutet ja nicht weniger, wenn du sie nicht anschaust.

Depression ist eine Krankheit. Wie ein chronischer Herzfehler vielleicht, oder wie ein Bandscheibenschaden. Etwas, das bei guter Behandlung nicht unbedingt die Lebensqualität beeeinträchtigen muss, jedenfalls nicht immer. Aber eben: Dieses Etwas ist da. Und geht nicht davon weg, dass wir es ignorieren oder totschweigen.

Drüberreden hat dazu den Nebeneffekt, dass ich lerne, dazu zu stehen, dass ich bin, wie ich bin. Und dass meine Umgebung sensibilisiert wird für meine Symptome und für die Tatsache, dass das Leben nicht ideal ist. Dass ein Mensch keine Maschine ist. Auch dass die Berührungsängste meiner Mitmenschen gegenüber dem Thema schwinden können, ist ein möglicher Effekt und dass Nicht-Betroffene, jene Menschen, die depressiv sind, anders als nur als Versager, Opfer, Unfähige betrachten lernen. Sind wir nämlich nicht. Wie sagte Herr Bock noch mal so schön? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

Und dass ich immer mal wieder über den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Depression nachdenke, verwundert euch sicher nicht.

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