Alles wird gut?

Wie war doch gleich noch diese schweizweite Mineralwasserwerbung vor etlichen Jahren? Alles wird besser, XY bleibt gut.

Was gut ist, muss nicht immer noch besser werden. Oft ist gut gut genug. Ein Satz, den ich mir schon seit Jahren vorbete. Besonders, wenn mich mal wieder ein Anflug von unerfüllbarem Perfektionismus überkommt. Ich zerstöre sehr schnell das fragile Gleichgewicht zwischen meinen eigenen Ressourcen und dem zu Leistenden, weil ich dieses Etwas beinahe perfekt hinbekommen will. Oft schufte ich mich beinahe kaputt. Genug ist genug. Zumal in der Regel kaum jemand den Unterschied bemerkt. (Nun ja, für die wenigen, die es doch bemerken, würde sich der Aufwand natürlich lohnen, und für mich selbst womötlich auch … aber … zu welchem Preis?)

Ja, klar will ich mich weiterentwickeln. Aber ich will der Natur je länger je konsequenter dieses Ding mit der Weiterentwicklung abgucken; die Natur macht uns nämlich vor, wie es geht. Eine Pflanze entwickelt sich weiter und weiter, wächst und wächst, bis sie jenen Punkt erreicht hat, wo es nichts mehr weiterzuentwickeln gibt. Und wo der Zerfall, der Rückbau anfängt. Beides tut sie im Tempo, dass ihr entspricht – den inneren Parametern gehorcht sie dabei ebenso wie dem Umfeld, in welchem sie gedeiht und vergeht. Eigentlich hätten wir Vorbilder zuhauf, wir müssten nur in den Wald gehen. Still sein. Lauschen. Hinschauen. Und ja, möglicherweise wird ja auf diese Weise wirklich alles gut. Zumindest einiges.

Neulich, in einem Gespräch, sagte ich, dass ich zuweilen kaum mehr Hoffnung hätte für unsere Welt. Die Welt gehe vor die Hunde und entwickle sich rasant ihrem Untergang entgegen.

Mein Gegenüber meinte, sie habe da neulich einen Artikel gelesen, der genau das Gegenteil sage. Johan Norberg, der größte Optimist der Welt und schwedischer Historiker, habe nämlich herausgefunden, dass es der Menschheit weltweit noch nie so gut gegangen sei wie heute. Mein Gegenüber vermutete, dass es vor allem die sozialen und die berichterstattenden Medien seien, die das Bild der Welt verzerrten. Mediengaukelei, die darauf abziele, unsere Ängste zu schüren.  ‚Und uns manipulierbar zu machen‘ fügte ich im Geist hinzu.

Als ich vor bald sechsunddreißig Jahren damit aufhörte, tote Tiere zu essen, war ich für die meisten Menschen eine Exotin. Viele wollten mich damals davon überzeugen, dass Vegetarismus ungesund und unnatürlich sei.

Vor über zwanzig Jahren begann ich mit anderen Frauen zusammen schamanische Rituale zu feiern, zu meditieren, Entspannungsreisen in den Körper zu machen. Damals waren wir komische Spinnerinnen.

Als ich vor über fünfzehn Jahren damit anfing, Yogaasanas zu üben, waren wir hierzulande noch eine kleine Gruppe Menschen, die versuchte, im Alltag sich einige Inseln der Entspannung zu schaffen.

Heute? Ist das Essen oder Nichtessen toter Tiere als Thema in aller Munde (oder so). Meditieren und Yoga sind heute Lifestyle (ein Wort, bei dem es mir die Zehennägel hochrollt).

Gut daran ist, dass das gesellschaftliche Umdenken und Sensibilisieren auf andere als nur materielle und sich selbst bereichernde Werte, das wir damals als kleine Minderheit erhofft hatten, inzwischen die Massen erreicht hat. Manche Menschen machen natürlich nur oberflächlich mit, aus Neugier, weil es Mode ist, aber manche Menschen – und ich hoffe, diese Tendenz steigt weiterhin – begreifen tief innen, dass der Weg zur Weiterentwicklung der Menschheit nicht wirklich über Leichen gehen kann. Ich denke an Tierleichen ebenso wie an die Leichen all jener Menschen, die auf der Flucht sind oder in einem Land, das Krieg führt, leben.

Gesellschaftliche Weiterentwicklung kann nur gemeinsam geschehen. Nicht auf Kosten der einen zu Gunsten der anderen. Aber vielleicht ist es ja wirklich so, wie Historiker Norberg sagt und alles wird besser? Oder zumindest gut. Gut ist gut genug.

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