Wird alles gut?

Wenn Schmerzen wieder kommen, obwohl wir doch dachten, alles ist gut. Wenn der Krebs doch wieder kommt, obwohl es hieß, die Metastasen sind raus. Wenn die Trauer wieder zuschlägt, obwohl es uns doch endlich, endlich wieder halbwegs gut gegangen ist und das Leben Sinn zu verheißen scheint. Wenn und obwohl – zwei schwere Wörter, zumal in dieser Kombination, die zwar Hoffnung suggeriert stattdessen Frustration hinterlässt. Und Hader. Angst auch. Angst frisst Hoffnung.

Nein, eine Garantie gibts nicht, niemals, dass alles eines Tages gut wird. Und selbst wenn alles im großen Ganzen gut würde – alles? … das Ding mit der Menschheit – heißt das nicht, dass auch bei mir alles je gut wird. Bei meiner seit Monaten schmerzenden Kalkschulter steigt – trotz der osteopathischen Therapie, die zwar noch ohne anhaltenden Erfolg aber doch kurzfristig Wirkung zeigt – immer mal wieder die Frage in mir hoch: Wird das je wieder gut? Richtig und ganz und gar?

Ja. Manche Dinge werden wieder ganz gut. Und manche Dinge werden nie wieder gut. Oder jedenfalls nicht so, nicht auf die Weise gut, wie wir es möchten. Wenn der Krebs nicht mehr zu besiegen ist, zum Beispiel. Oder wenn ein Trauma zu Suizid führt. Wir kennen viele Beispiele. Es muss noch nicht mal Krieg und es muss auch kein Völkermord sein. Viele Leben gehen mitten im gelebten Alltagsleben kaputt. Und viele Menschen sterben, zerbrechen, zerfallen, unheilbar. Ohne dass ES vorher im landläufigen Sinne gut geworden ist.

Wahlweise fällt den einen dies und den anderen das ein, was diese ungeheilten Menschen zu tun versäumt haben. Zu wenig geglaubt haben sie, mögen FundamentalistInnen sagen; zu wenig gewünscht und visualsiert haben sie, werfen Esos ein. Zu wenig dies und zu wenig das. Wir KüchenpsychologInnen alle haben sofort eine Erklärung zur Hand. Wenn auch meist nicht laut, sie zu denken genügt.

Wir wissen schließlich längst, dass die Macht der Gedanken (wahlweise die Macht des Gebets) etwas bewirken kann. Und dass wir unsere Wirklichkeit (in vielen Teilen) selbst mitgestalten.

Bis auf dieses eine, unendlich große, unfassbare Feld eben, das sich allen Einflüssen entzieht. Wir heißen es Schicksal, Zufall, Glück, Pech. Auch ungeliebte Kinder haben viele Namen.

Ich kannte eine Frau, die psychisch krank geworden ist und sich das Leben genommen hat, weil sie erkannte, dass sie es einfach nicht schafft, genug an ihre Heilung zu glauben. (Nun ja, so einfach war es natürlich nicht. Insbesondere nicht die Umstände ihrer psychischen Krankheit.) Fazit: So gut gemeint Ermutigungen sind, ans Gute zu glauben, an Veränderung zu glauben, so gefährlich sind sie. Weil wir ja nie wissen, was im andern Menschen vor sich geht, wie er tickt, wie sie reagiert auf Frustrationen.

Also doch nur Aktzeptanz, dass etwas halt einfach so ist wie es ist? Und also doch besser nicht mehr hoffen, nicht mehr glauben, nicht mehr anstreben, dass sich etwas verändert, zum Guten wendet?

Ich weiß es nicht. Was ich aber ahne: Dass es mir sehr gut tut, mich in Gelassenheit zu  üben. Gestern habe ich eine Bergmeditation gemacht. Mir dabei die Eigenschaften eines Berges vorgestellt. Mir dabei versucht, diese Eigenschaften für mein Leben vorzustellen. Eine Art Selbstgehirnwäsche vielleicht. Aber eine der guten Art. Eine, die mir hilft, mich weniger aus der Ruhe zu bringen.

Ich glaube, ich kann nach neun Tagen täglicher Meditation bereits sagen, dass es mir gut tut. Dass ich ruhiger bin. Dass ich mich katzengleicher fühle. Katze wäre auch ein gutes Thema für eine Meditation. Oder Baum. Als wir gestern, zur Feier des Geburtstages meines Liebsten, über Felder und durch Wälder strichen, Sonne, Wind und Kälte ausgesetzt, genoss ich diese nackten Silhouetten am Horizont und am Wegrand, wie sie wogten und dem Wind trotzten. Von ihnen könnte ich viel lernen.

Bäume am Horizont. Vorne gefrorene Wiese. Oben Äste, ins Bild ragend. Blauer Himmel.

Vielleicht schreibe ich selbst mal einige Meditationen und nehme sie auf. Oder lasse sie andere aufnehmen. Weise Texte, gewoben aus weisen Gedanken, die gut tun, verinnerlichen ist nicht der schlechteste Weg, die Welt ein bisschen liebevoller zu machen. Ein Weg zu mehr Gelassenheit für den Alltag. Unterlegt mit Katzenschnurren. Besonders für jene Momente, wenn die Schulter zum Schreien schmerzt.

Warum?
Warum nicht.

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