In einem Zug zu lesen #9 – Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Buchcover PicoultIn Jodi Picoults Buch Bis ans Ende der Geschichte (Original: The Storyteller) kommt das Wort Geschichte in seiner ganzen Mehrdeutigkeit zum Zug. Anders als die beiden englischen Wörter Story und History, die zum einen auf die reale, historische, zum anderen auf die fiktive Möglichkeit einer Geschichte hinweisen, können wir unser Wort Geschichte hier gerne als ein Wort mit Vorsilbe interpretieren. Ein Geschiebe, ein Gespinst, ein Geschichte, ein Aufeinandergeschichte, ein Nebeneinandergeschichte von Dingen, von Menschen, von Erfahrungen, von Erzählungen – das erfahren wir in diesem Buch hautnah. Nicht nur erzählt Picoult meisterhaft – wie schon im von mir hochgelobten Buch Die Spuren meiner Mutter –  parallalel mehrere Geschichten, hier jene der Hauptfiguren Sage, Josef, Leo und Minka, auch erzählt sie als weiteren Strang die abenteuerliche Gruselgeschichte nach, welche Minka vor siebzig Jahren im KZ buchstäblich das Leben gerettet hat.

Die fünfundzwanzigjährige Sage ist Bäckerin aus Leidenschaft. Seit einem Autounfall, an deren Folgen ihre Mutter gestorben ist, fühlt sie sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Als eine Art Selbstbestrafung besucht sie nun schon set drei Jahren eine Trauergruppe, wo sie den über neunzigjährigen Josef Weber kennenlernt. Trotz des großen Altersunterschieds spüren die beiden die geheimen Wunden des jeweils andern und werden schließlich Freunde. Josef erzählt Sage eines Tages seine schreckliche Geschichte und bittet sie um einen höchst ungewöhnlichen Freundschaftsdienst. Doch das Geheimnis ist für Sage zu groß und sie holt sich Hilfe beim Anwalt Leo, dem sie sich – obwohl sie eine Eigenbrötlerin ist – nach und nach öffnen kann. Mit Leos Unterstützung gelingt es Sage endlich, ihre Großmutter, eine KZ-Überlebende, dazuzubringen, ihnen ihre Geschichte zu erzählen.

Mit unglaublicher und brutal schmerzhafter Detailtreue und Glaubwürdigkeit bringt Jodi Picoult uns vier so unterschiedliche Lebenswege nahe. Aus unterschiedlichen Perspektiven sehen wir die Wirkungen dieser Menschen aufeinander. Umrahmt wird alles von Auszügen aus Minkas Gruselgeschichte, die sie in den ersten Jahren des Krieges, damals noch in vermeintlicher Sicherheit, zu schreiben begonnen hat. Selbst im KZ hat sie, auf die Rückseiten von Fotos, weitergeschrieben und erzählt.

Am Ende der Geschichte und am Ende aller Geschichten ist alles anders. Und wir wissen nicht, wie die Geschichten zu Ende gehen; weder die aus Minkas Notizbuch, die sie nach dem Krieg erneut aufgeschrieben hat, noch jene, die im Buch stehen, das ich eben gelesen habe.

Eine Gesichte gekonnt in einer Geschichte zu verpacken ist eine große Kunst, doch hier gleich liegen fünf Schichten – was sage ich da? zig Schichten! – nebeneinander, weitesgehend kunstvoll verwoben und dennoch auch ein bisschen so chaotisch wie all die Leichen, die Minka in den KZ  gesehen hat. Und über die sie siebzig Jahre zu reden verweigert hat.

Ein Buch über Schuld und die Idee des Verzeihens, über Freundschaft, Familie und Liebe und auch ein Buch über die Sehnsucht nach all jenen Menschen, die nicht mehr da sind.

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