In einem Zug zu lesen #20 – Und es schmilzt von Lize Spit

Ein Buch, das von der ersten Seiten an unter die Haut geht, weh tut und das wohl niemanden kalt lassen wird. Wie im Frühling, als ich das Buch Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara gelesen und rezensiert hatte, musste ich auch bei Und es schmilzt von Lize Spit zwischen den Lesezeiten längere Pausen einlegen.

Die zwei Bücher haben übrigens durchaus gewisse Parallelen, geht es doch in beiden exemplarisch um Kinderseelen, die kaputt gemacht werden. Tagtäglich geschieht das. Immer. Irgendwo.

Cover von Lize Spits Buch Und es schmilzt. Es zeigt auf einem weißen Hintergrund den Namen des Buches und der Autorin. Die Buchstaben sind aus schmelzendem Eis, mit darin eingeschlossenen Blüten und Blättern.Wie ein einziges großes Domino!, dachte ich gestern, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte. Jemand stößt etwas an, überschreitet Grenzen, missbraucht eines anderen Menschen Gutmütigkeit, Leichtgläubigkeit, Sehnsucht nach Zugehörigkeit und hackt so lebenslang blutende Wunden, die möglicherweise nie mehr verheilen können, in das Leben eines anderen Menschen.

Und oft sind auch jene, die dieses Domino anstoßen, auch nur Menschen, die von anderen Dominosteinen zu Boden geworfen worden sind. Die Missbrauchsspirale ist allzu oft ein Teufelskreis ohne Anfang und Ende. Von Opfer zu Täter ist die Grenze oft fließend.

In ihrem Romandebüt, das mich mehr erschüttert hat als mancher Krimi, erzählt die junge Autorin Lize Spit das Leben ihrer Protagonistin. Eva ist eine hochsensible junge Frau, bald achtundzwanzig Jahre alt, die – sobald das damals möglich war – aus ihrem Heimatdorf in Flamen zum Studium in ihre Landeshauptstadt Brüssel geflohen ist und dort versucht, sich ein Leben aufzubauen, das halbwegs erträglich ist.

Eva deutet als Ich-Erzählerin vieles nur an und überlässt, zumindest in der ersten Buchhälfte, vieles der Phantasie und den Lebenserfahrungen der Lesenden.

Am Anfang des Buches, es ist der 30. Dezember 2015, sitzen wir mit ihr und einer riesigen Gefrierbox im Auto. Eva fährt zu einem Fest. In ihr altes Dorf. So weit, so gut. Dass das alles gar nicht gut ist und dass etwas für die Lesenden noch Unfassbares passiert sein muss, wird bald klar.

In Rückblenden, die auf den Sommer 2002 datiert sind – Eva war damals vierzehn Jahre alt – erfahren wir, von den seltsamen Veränderungen der beiden Freunde Evas. Nur zu dritt hatten sie von Anfang an eine Klasse gebildet. Mehr Kinder waren in ihrem Dorf in ihrem Jahrgang nicht zur Welt gekommen. Die drei Kinder – zwei Jungen und das Mädchen Eva – wurden beste Freunde und nannten sich fortan die drei Musketiere. Doch nun, im Sommer 2002, stecken sie mitten in der Pubertät. Das Thema Mädchen wird für Pim und Laurens auf einmal hochaktuell und sie beschließen mit einem ausgeklügelten Spiel, bei dem Eva die Rolle der Spielleiterin zugewiesen bekommt, ihre (un)heimlichen Lüste zu befriedigen. So rutscht Eva mehr und mehr in eine Rolle, die ihr nicht behagt, doch aussteigen kann sie auch nicht. Was würde ihr sonst noch bleiben?

Ihr Leben ist trist. Mit ihrem größeren Bruder Jolan und der kleineren Schwester Tesje, die immer seltsamere Verhaltensweisen an den Tag legt, versucht sie halbwegs würdevoll – und doch voller versteckter Selbstablehnungsmuster – zu leben. Die Geschwister haben längst erkannt, dass in ihrer Familie einiges schiefläuft. Zum Beispiel trinken die Eltern mehr als ihnen gut tut.

Am Anfang sind da nur diese subtilen Andeutungen, die der fast beiläufig skizzierten Szenerie etwas grotesk Selbstverständliches verleihen. Gezielt nutzt die Autorin für solche Erinnerungen eine dritte Rückblendenebene mit nicht datierten Alltagserlebnissen. Hier lässt sich am jeweiligen Alter der Kinder  ablesen, wo wir uns auf dieser fatalen Zeitachse ungefähr befinden.

Und immer wieder kommen wir zurück in die Gegenwart. Der 30. Dezember nimmt seinen Lauf. Eva erreicht das Dorf ihrer Kindheit. Das Elternhaus zuerst. Auch hier blicken wir mit ihr zurück. Erinnerungen, die zu lesen schier unerträglich sind.

Lize Spit ist das unglaubliche Kunststück gelungen, Evas sehr detailreiche sinnliche und hochsensibel wahrgenommene Sicht auf ihre Wirklichkeit, ihre Fähigkeit, die Absichten anderer zu durchschauen, ihre eigene Verletztlichkeit, in Worte zu fassen. So gut, dass das Lesen je umfassender die ganze Geschichte ausgebreitet wird, umso schmerzhafter ist.

Darum hier eine inständige Triggerwarnung meinerseits: Diese Erzählung handelt von Themen wie Missbrauch, Übergriffen, Suizid, Suizidabsichten, zwanghaften Persönlichkeitsstörungen, Alkoholismus. Das Lesen dieses Buches kann Menschen mit einem feinen Nervenkostüm und die möglicherweise ähnliche Erfahrungen wie Eva machen mussten, sehr aufwühlen und triggern. Darum kann ich es nur eingeschränkt zum Lesen empfehlen.

Ich persönlich finde es dennoch eine großartig gelungene Annäherung an Themen, über die man am liebsten nichts wissen und nicht sprechen möchte.

Advertisements