Im Bus | #Schattenklänge

Er zuckt zusammen, schluckt schwer. Nein, niemals will er sich daran gewöhnen, dass Menschen über andere Menschen so reden. Zwar hat es diesmal nicht ihm gegolten, nicht wirklich jedenfalls, denn sie haben ihn nicht gesehen. Dennoch. Nein. Das geht einfach nicht.

Angefangen hatte es bei ihm mit dem Schielen. Ein Geburtsfehler. Ihn hatte es nicht allzu sehr gestört. Schwieriger war der Spott der Klassenkameraden gewesen. Weh hatte das getan. Für eine OP war es irgendwann, als er endlich sein eigenes Geld verdient hatte, zu spät gewesen. Zu unsicher, hatten die Ärzte gemeint, zu riskant. Ohne Erfolgsgarantie.

Vor vier Jahren dann der Unfall. Ein Raser hatte ihn übersehen. Sein Gesicht sieht heute einseitig aus, asymmetrisch, schräg, da es rechts gewissermaßen herunterhängt. Ein Kollateralschaden. Die kaputten Muskel hatte man zu spät bemerkt, andere Reparaturen waren wichtiger gewesen. Manches war eben nicht mehr reparierbar. Sein Gesicht zum Beispiel. Daran änderten auch Schadenersatzzahlungen nichts.

Als er nach Wochen endlich die Klinik verlassen konnte, hatte er sich an sein neues Gesicht bereits halbwegs gewöhnt. Daran, dass die Leute auf der Straße zusammenzuckten und wegschauten, wenn sie ihn anschauten, konnte er sich allerdings bis heute nicht gewöhnen. Bei Fremden versuchte er es einfach wegzustecken. Freunde und Freundinnen akzeptierten ihn nach wie vor als den, der er war. Schlimm war aber gewesen, als er das erste Mal wieder seinen Kolleginnen und Kollegen im Pausenraum begegnete. Außer der Lateinlehrerin, die seinem Blick tapfer aushielt, hatten alle peinlich berührt weggeschaut. Die Schülerinnen und Schüler hatten rote Köpfe bekommen. Hatten getuschelt, wenn er nicht hinschaute, und gekichert. Anfangs tat er so, als merke er es nicht, aber als irgendwann eine Zeichnung auf der Wandtafel in der Aula aufgetaucht war – das asymmetrische Gesicht sollte wohl eine Karikatur von ihm darstellen – wusste er, dass er etwas unternehmen musste.

Also hatte er sich an die Schulleiterin gewandt, mit der er sich bis zum Unfall immer bestens verstanden hatte. Einmal hatte sie ihn sogar eine ihrer engagiertesten Lehrpersonen genannt. Nun ja, Geschichte, Deutsch und Latein waren schon immer seine große Leidenschaft gewesen. Mit Herzblut und Begeisterung hatte er viele Jahre unterrichtet und auch sein Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern war immer gut gewesen. Bis zum Unfall.

Er selbst fühlte sich, von innen nach außen guckend, noch immer als der gleiche Mensch. Äußerlichkeiten hatten ihn nie groß interessiert. Seiner Frau ging es ähnlich. Sie hatte gesagt, dass sie sich natürlich, genau wie er selbst, an sein neues Gesicht gewöhnen müsse, doch das ändere nichts an ihrer Liebe.

Die Schulleiterin war seinem Blick ausgewichen. Weißt du, sagte sie, vielleicht ist es … Sie druckste herum, suchte nach Worten. Es gibt Eltern, sagte sie, Eltern, die finden … Nun ja, vielleicht ist es besser, wenn du nicht mehr unterrichtest. Etwas von Abfindung und bezahlter Umschulung sagte sie ebenfalls, während er aus allen Wolken fiel. Nie hätte er damit gerechnet, dass sogar seine Schulleiterin, diese kluge und gebildete Frau, ihn – nur weil er heute anders aussah als früher – nicht mehr als die Lehrperson sehen, ja, als diesen Menschen betrachten konnte, der er noch immer war. Dass sie derartige Eingeständnisse machen würde und sich den Unzumutbarkeitsbekundungen einzelner Eltern beugen. Ganz im Gegenteil. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie sich mit ihm solidarisieren und Toleranzaktionen umsetzen würde.

Wo, wenn nicht hier, an der Schule, sollten Kinder denn bitteschön Toleranz gegenüber Menschen lernen, die aus Gründen, die nicht relevant waren, anders aussahen als die Norm?, fragte er sich, während sie weiterplapperte. Dachte er ihre Haltung weiter, dürften Menschen mit sichtbaren Behinderungen, mit sogenannt entstellten Gesichtern oder Körpern keine öffentlichen Ämter mehr innehaben. Weil ihr Aussehen unzumutbar war. Sollten Menschen wie er aus der Öffentlichkeit verschwinden? War das wirklich das, was sie ihm da zu sagen versuchte? Wer sollte denn noch an Toleranz glauben wollen, wenn sie nirgendwo gelebt wurde?

Wie es den betroffenen Menschen dabei ging, war offenbar nicht der Rede wert. Was war denn mit seiner Leidenschaft, dem Unterricht? Wenn er die Aussagen seiner Schulleiterin konsequent und auf sich bezogen weiterdachte, dürfte er noch nicht mal an der Hochschule unterrichten, Studentinnen und Studenten das Rüstzeug für eine Laufbahn als Lehrperson mit auf den Weg geben. Weil sein Aussehen unzumutbar war.

Wo würden die Grenzen gezogen und wer würde bestimmen, welches Aussehen noch gerade so öffentlich vertretbar war um als Lehrperson, als Politikerin, als Arzt in Erscheinung treten zu dürfen? Wo war die Schmerzgrenze? Wessen Schmerzgrenze? Und warum galt diese nur in die eine Richtung? All jene Menschen mit Stigmata – war es ihnen denn zumutbar, in dieser Gesellschaft zu leben, wo Menschen wie er als Geächtete betrachtet wurden?

Und was wäre mit dem ganzen Potential, mit den Talenten all dieser Menschen, die – weil sie aus Gründen, die im Grunde niemanden etwas angingen, anders als die Norm aussahen – ihre Berufung nicht leben durften, weil ihr Aussehen der Öffentlichkeit nicht zu zumuten sei?

Die Schulleiterin brach ihren Redeschwall abrupt ab und sah ihn an. Sah, dass er nach Worten rang. Schließlich nicht mehr rang, da er keine fand. Und sprachlos aufstand.

Sie hatte über ihre Chefin gesprochen, die junge Frau im Bus zwei Reihen hinter ihm. Wie hässlich sie sei. Als würde sie ständig eine Grimasse reißen. Eine unendliche Grimmasse. Sie ist nun für immer so hässlich, weißt du, sie hatte einen Unfall. Sie sieht so gruslig aus, sage ich dir. Wenn ich so aussähe wie die, ich würde mir echt die Kugel geben.

An der nächsten Haltestelle steigt er aus. Das echte Gesicht der jungen Frau, die sich die Kugel geben würde, war hinter der Schminke schwer auszumachen. Mit viel Farbe hatte sie sich ein Gesicht aufgemalt, das in dieser Gesellschaft vermutlich als schön galt. Doch Schönheit war ja noch nie eine Frage des Aussehens gewesen.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

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