Oknö | #kursnord

Da ist er wieder, dieser bei mir doch eher seltene Glücklichmodus, dem ja ziemlich wenig Unterhaltungswert nachgesagt wird. Nun denn, ich will ja auch nicht unterhalten.

Schon vorgestern, auf der Strecke von Malmö nach Borrby, stellte ich fest, wie sich in meinem Kopf so etwas wie Ruhe und Ordnung breit zu machen begann. Ein Gefühl, das ich so ähnlich auch bei mehrtägigen Wanderungen erlebe. Wenn sich alles anfängt, nur noch um diesen einen Moment, den ich jetzt-jetzt-jetzt erlebe, zu drehen. Aber eben nicht nur in der Theorie und nicht nur für eine befristete Zeit des Tages, sondern den ganzen Tag. Natürlich gibt es auch hier Unterbrüche. Ich lese ja Mails, ich lese Blogs und Twitter (wenn auch sehr punktuell und manchmal im Überflugmodus) und ich bin ja nicht einfach eine unerreichbare Insel geworden.

Dennoch ist es anders. Ich nehme wahr. Ich schaue zu. Ich lasse zu. Ich staune. Ich betrachte. Ich fühle. Alles in Gegenwartsform.

Vor fünf Tagen, am Donnerstagabend, habe ich in die Tiefen meines Handys geschaut. Die berühmte Operation am offenen Herzen. All die Connectoren, Verbindungen in meinem Smartphone, die vor dem Wechsel des Akkus mit feiner irgendlinkscher Hand umgelegt, gekappt, werden mussten! Winzigkleine Metallteilchen, winzige Bewegungen. Doch hätte Irgendlink nach dem Wechsel des Akkus nicht alle Klappen wieder richtig zurückgeklappt, könnte ich jetzt nicht fotografieren, nicht schreiben, nicht telefonieren. Jede noch so winzige Klappe ist nötig.

Vielleicht sind auch bei mir ein paar Klappen endlich wieder auf die richtigen Plätze geklappt worden. Ich fühle mich jedenfalls endlich wieder verbunden mit mir. So, wie schon lange nicht mehr. Synchronisiert sein, nenne ich diesen Zustand. Nicht mehr denken: Ich sollte, ich müsste, nicht: hätte ich doch bloß! Nicht mehr voraus, nicht mehr zurück.

Klar weiß ich, dass dies auch dem Ausnahmezustand namens Ferienreise geschuldet ist. Aber wenn ich diesen Zustand nicht immer wieder zwischendurch so erleben könnte, diese Medizin namens Gegenwart und Glück, würde die Kraft für all die Kämpfe, die ich aktuell im Alltag zu kämpfen habe, nicht reichen.

Hier in Oknö fällt es doppelt leicht, einfach nur jetzt zu sein. Es ist kurz vor acht. Die Sonne wärmt das Zelt auf und es soll heute wieder so ein wunderbar frühsommerlicher Tag werden. So wie gestern, wie vorgestern … Ein Hochdruckgebiet aus Finnland sei das. Ich danke der Wettergöttin herzlich.

Nun sind wir übrigens wieder auf Kurs Nord, wie es der Hashtag, den wir uns für Twitter ausgesucht haben, vorgibt. Nachdem wir gestern Schonens Südzipfel nach Borrbystrands ein bisschen abgekürzt, den Küstenweg verlassen und auf die E22 eingespurt sind, fuhr es sich ganz angenehm. Immer weiter Richtung Kalmar.

Und immer wieder dieses Staunen über Schwedens Verkehr. Über die stressfreie Fahrpraxis der vielen Menschen hier (ob ich hier von wenigen auf alle schließen darf, ist ein anderes Thema). Selbst der kurze Stau irgendwo unterwegs ging trotz Hitze volkommen unaufgeregt über die Bühne.

In Kallinge, in der Nähe von Ronneby, fahren wir raus, kaufen noch ein paar Lebensmittel, finden einen Picknickplatz und halten Siesta.

Später verlassen wir die E22 für einen kleinen Ausflug in ein Dorf namens Pataholm, das so eine Art Freilichtmuseum zu sein scheint. Stünden da nicht zwei Autos, sagt Irgendlink, könnte man sich hier glatt zweihundert Jahre zurückversetzt fühlen.

Hausfassaden im alten Dorf

Das Meer! Überall winzige Inselchen, grün bewachsen, die wie strubblige, grüne Köpfchen aus dem Meer herausragen. Da müsste man rauspaddeln, träumen wir. Vielleicht könnte man ja.

Mann auf Steg vor Meer und Inseln unter Himmelblau

Kurz nach Kalmar – was sag ich da?kurz nach Mönsterås – hat Irgendlink auf der Papierkarte einen Campingplatz auf einer ins Meer ragenden Landzunge ausgemacht und lotst mich dorthin.

Dieser Platz, Oknö, ist grandios. Herr Irgendlinks Gespür für schöne Plätze sag‘ ich da nur. Noch fast leer liegt das Kieferwäldchen vor uns. Das Meer nur einen oder zwei Steinwürfe nah. Die Sonne scheint, es windet kaum, zwanzig Grad.

Das Zelt baut sich inzwischen schon fast wie allein. Es ist kein Zeltbau, sage ich, es ist ein Zeltbautanz.

Strand, Sand, Sonne, links Wald

Nach dem Essen gehen wir dem Strandweg entlang Richtung Westen und werden mit einem Sonnenuntergang vom feinsten beschenkt. Dass es aber auch immer wieder und noch und noch mehr so wunderbare Orte gibt, wo das Herz zur Ruhe kommen kann – ist das nicht unglaublich? Und dass wir zwei noch immer so sehr staunen können. So sehr genießen. Trotz allem. Trotz dieser Welt voller Chaos.

Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen, kein Verdienst.

Und die Nacht? So still, so still. Ab und zu ein Rascheln, kein Straßenlärm, keine menschlichen Geräusche … (wenn man von meinem Tinnitus mal absieht).

Ich glaube, jetzt werde ich mal Kaffee kochen. Und Tee. Und den Tag da draußen begrüßen.

Papierkartenausschnitt der Südküste Schwedens mit eingezeichneter Route, die wir gefahren sind.

Wir tracken übrigens diesmal analog.

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