An der Hohen Küste | #kursnord

Die Yakwolldecken, die Irgendlink in seinem gestrigen Blogartikel zu kaufen angekündigt hatte, sind flauschig-weich und aus Polyester. Meine weiß, seine orange. Und aus dem Alles-Laden in Hudiksvall sind sie auch nicht. Aber sie waren Schnäppchen im Mega-Coop Härnösand. Decken kann man ja eh nie genug haben. Zuerst hatten wir ja noch einen Tag am Camping Hudiksvall bleiben wollen, Minigolf und so, aber wie schon auf Twitter festgestellt wurde: Trotz all der Weile war da eine kleine Eile in uns, ein galoppierendes inneres Pferdchen, dass nordwärts zog. Fast magisch, wie ein Damoklesschwert – aber in gut! – hing der Begriff, will heißen die Landschaft, Höga Kusten (Hohe Küste) über uns.

Da wir ja dem Dogma Schaunwirmal frönen, schauten wir die letzten Tage einfach mal. Wie das Wetter sich entwickelt, wie sich das Reisen anfühlt, dieses Nordwärts umd so. Ob wir vielleicht doch irgendwo länger bleiben wollen würden. Doch trotz der Schönheit unterwegs war da eben immer dieser Sog.

Und jetzt sind wir also da. Auf dem Camping in Härnösand. Am hügligen Strand einer Halbinsel. Schwedenbillderbuchhafter gehts wohl kaum mehr und nördlicher fahren wir diesmal nicht mehr. Außer für Tagesausflüge. Unser Malschauen-Plan sieht vor, ein paar Tage hier zu bleiben und von hier aus Tageswanderungen und Ausflüge zu machen. Die Nächte sollen auch wieder ein bisschen wärmer werden.

Gestern also. Wir haben den Morgen mit Rumhängen, Frühstücken, Geschirrspülen, total verdreckte Autofensterscheiben putzen und Zeltabbau verbracht.

In der Nähe von Sundsvall kreuzen wir wiederholt Irgendlink #ansKap-Radwege von 2015.

Hier bin ich lang gefahren!, sagt er ein paar Mal und zeigt nach da oder nach dort. Weil wir eh pinkeln müssen und ein kleines Hüngerchen anklopft, fahren wir in eine Art Park – mit alten Gebäuden, Friedhof, Kirche -, wie es sie hier überall gibt.

Hier bin ich rumgeradelt und habe mir überlegt, das Zelt aufzubauen. Da oder dort. Bin aber dann doch weiter, erzählt der Liebste.

Nach einer kleinen Rast fahren wir weiter. Härnösand ist größer als wir dachten. Der Camping liegt auf der Halbinsel, die Schranke ist offen und an der Rezeption werden wir aufgefordert, einfach einen Platz zu wählen und am Abend an der Rezeption zu erscheinen.
Was soll ich sagen? Es ist wunderbar hier.

Fürs Auge: Bilderbuchschwedisch.
Für die Ohren: Stille bis auf Vogelzwitschern.

Aber bevor wir uns jetzt müde ins eben aufgebaut Zelt legen und ein Nickerchen machen, müssen-wollen wir noch in die Stadt. Milch, Brot, Käse sind alle. Bargeld auch bald. Und auch Wanderkarten von der Gegend wären nicht schlecht … und überhaupt: Wo sind wir da überhaupt gelandet?
Wie ich schon sagte: Der Ort ist größer als wir dachten. Parken können wir sogar kostenlos – mit blauer Scheibe. Danke, Härmösand, Danke!

Die vielen großen Häuser, die wuselnden Menschen und die Hitze machen mich ganz konfus und ich lasse mich einfach neben Irgendlink mittreiben. Für Kartenmaterial sollen wir zum Hotel, hatte die Frau auf dem Campingplatz gesagt. Stimmt. Dort finden wir Prospekte, Karten und erfahren Wissenswertes.

Die Bankomaten hingegen können kein Visa-Plus, werden also teuer zu melken sein. Wir warten ab und fahren erstmal zum Coop. Mit vollen Taschen und zwei Kuscheldecken fahren wir auf den Camping, hängen rum, gucken Karte (er), schreiben digitale Karten (sie), kochen und essen.

Und melden uns offiziell an. Eine Campingkarte für das Schwedencampingnetzwerk brauchen wir nun also doch, wenn wir das Zelt nicht einfach wieder abbauen wollen. Nun denn.
Aber was ein Prozedere! Hätte ich doch bloß nicht gesagt, dass ich ein Smartphone habe. Dann hätte ich einfach eine Karte (aus Papier) bekommen. So aber habe ich nun eine App mit eine QR-Code, der mir als Karte dient und den Zugang auf all die Campingplätze erleichtert, die wir die nächsten zwölf Monaten noch aufsuchen werden. Oder so.

Das große Badhaus ist zum Glück beheizt und beschert uns abends, als es dann doch nach dem Barfuß-T-Shirt-Tag empfindlich kühl wird, eine wohltuende heiße Dusche.

Wir heizen danach nochmals richtig das Zelt ein, legen weitere Kleiderschichten bereit, falls wir später frieren sollten, legen die neuen Decken um die Schlafsäcke und dann gehts ab ins Traumland. Diesmal brauchten wir keine nächtlichen Heizaktionen.

Grad sag ich zu Irgendlink: Ich schreibe einen superstinklangweiligen Artikel. À la ‚links sind Bäume, rechts sind Bäume und dazwischen eben diese vielgerühmten Zwischenräume‘.
Wir haben schließlich nichts wirklich Aufregendes erlebt. Und die Story mit der Anmeldung an der Rezeption, die voller Situationskomik war, lässt sich auch nur schwer verschriftlichen. Und überhaupt: Schönheit hat, wie Glück übrigens, einfach weniger Unterhaltungswert als Tristessen aller Art. Noch nicht mal etwas sonstwie Reisephilosophisches oder sonstwie Geistreiches habe ich zu bieten. Der Kopf ist im Relax-Modus. So what?

Stellt sich eh die Frage, ob sich nur Aufregendes zu erzählen lohnt.

Wenn ich das hier später mal lese, könnte es vielleicht dieses Gefühl von Ruhe heraufbeschwören helfen, denke ich soeben, dieses Gefühl von Ich-bin-jetzt-da!, das ich seit einigen Tagen immer stärker habe.

Während ich diesen Text in die Tastatur hacke, heizt die Sonne das Zelt allmählich auf. Ich glaube, ich ziehe mich langsam an und sage der Welt da draußen Hallo.

Sonnenuntergang über Meer, links Strand

Collage aus Tagesbildern mit Zelt, Wald, Natur etc.

Werbeanzeigen