Zu Fuß | #kursnord

Das war dann jetzt wohl die kälteste Zeltnacht meines Lebens. Und ich habe es nicht mal wirklich mitbekommen, ich habs verpennt sozusagen, müde genug war ich ja. Nicht mal wirklich gefroren hab ich. Allerdings nur dank Vorsorge wie vorheriger Heißdusche, Zeltsauna à la Trangia, genug Klamotten angezogen und in Griffnähe, Seideninlay, kuschliger Drüberdecke und Pulswärmern. Leider ist Irgendlink im noch nicht vollwärmeisolierten Zustand eingeschlafen und um 4:41 mit klappernden Zähnen aufgewacht. Also nochmals Zeltsauna à la Trangia (= Kocher mit offener Flamme im Zelt anmachen) [Warnung: wir übernehmen für Nachahmende und ihre Zelte keine Garantie!]

Erneut warm verpackt haben wir dann richtig lang ausgeschlafen. Die Hitze im Zelt, als die Sonne wieder draufknallte, hat uns schließlich geweckt. Diese Temperatur-Gegensätze aber auch! Ich glaube, ich bin diesbezüglich ein wenig robuster geworden in den letzten Tagen.

Vormittags, am sonnigen Frühstückstisch, dann ein kleines Gelage mit lecker Eieromelett. Überhaupt, wir sind echt richtige Campinggourmets. Und saugut im Kreative-Menüs-Ausdenken. Ich nenne es Inventarkochen: Gucken, was da ist und daraus etwas erfinden. Wie zum Beispiel Zucchinizwiebelrisotto, Tomatencouscous und Kartoffelhaferflockenpuffer … Aber halt, ich will jetzt hier nicht übers Essen schwadronieren.

Unsere Glieder sind einigermaßen matt und muskelkatrig, denn aus der gestrigen kleinen Nachmittagswanderung wurde eine währschafte Tagestour um die knapp zwanzig Kilometer. Als wir um eins in einem kleinen Weiler unser Auto parkten, markierte ich den Punkt vorsorglich in meiner GPS-App, damit wir uns daran bei unserer aus der Touristenwanderkarte selbst zusammengeschusterten Rundwanderung auf dem Höga-Kusten-Leden, der hier überall kreuz und quer durch Wälder sowie an Seen und am Meer vorbei führt, orientieren können würden. Dass dieser Punkt zu sowas wie meinem Rettungsanker werden würde, ahnte ich damals noch nicht.

Das erste Wegstück, sagen wir mal zweieinhalb Kilometer oder so, war Paradies pur. Und schon wieder lindgrüner Frühling. Unser dritter Frühling dieses Jahres, nach dem zweiten in Südschweden und dem ersten zuhause.

Paradies pur also, sprich schmale Wanderwege durch den Wald, über Felsen rauf und runter, moosgrüne, kuckuckslichtnelkenweiße und sumpfdottergelb gefleckte Welt. Und auf einmal diese Bucht. Wäre da nicht dieses eine Haus am rechten Ufer weit entfernt, hätte man meinen können, wir wären die ersten und einzigen Menschen in dieser Gegend. Wir picknicken und hängen rum, das Wasser ist mir aber dann doch zu kalt für ein Bad, immerhin dürfen die Füße ein bisschen kneippen.

Paradiesisch ging es weiter, da und dort legten wir sogar eine kleine Extrarunde ein, wenn uns ein blauer Pfeil auf etwas Sehenswürdiges hinwies und so fanden wir schließlich unsern ersten See. Ein wunderbarer Platz. So viel schön, sagte ich, so viel schön, dass ich kaum mehr Platz für noch mehr schön in mir drin habe. Aber dann rücken die anderen Schöns zusammen und machen dem neuen Platz.

Weil der See eine Sackgasse ist, wandern wir zurück über den wunderbaren winzigen Wanderweg zum Hauptwanderweg. Der ab hier dann eine Schotterpiste ist, auf dem auch Räder und Autos fahren dürfen. Wir sind allerdings die einzigen Menschen weit und breit. Überhaupt: Wir haben im Paradies keinen einzigen Menschen getroffen.

Als uns allmählich bewusst wird, dass die Distanzen auf unserer Touristenwanderkarte länger sind als sie aussehen und darum die von mir angedachte Runde länger ist als gedacht, suchen wir eine Alternativroute zum Auto zurück.

Merke: Schau dir den Kartenmaßstab vorher genau an, wenn du eine kleine Wanderung planst, Sofasophia!

Natürlich war auch der Rest der Wanderung schön, weil: die Natur ist ‚hier oben‘ einfach wunderbar, wunderschön, exorbitant (und was es sonst noch so an Adjektiven dieser Art gibt), aber wir gingen nun halt nicht mehr auf beschaulichen Waldwanderwegen, sondern auf geschotterten Radwegen und teils sogar auf der geteerten Autostraße, was für die Füße natürlich viel anstrengender ist. Was uns aber immerhin zur ersten Wette verführte: Wie viele Autos sehen wir noch auf dem Weg zurück zum Auto? (Da waren es noch etwa sechs Kilometer.) Ich vermutete zehn, Irgendlink drei. Sieben waren es schließlich und nun bekomme ich also vom Liebsten bald mal einen Blumentopf.

Die zweite Wette hat er gewonnen. Wie viele M sehen wir ab hier noch, bis wir wieder beim Auto sind? (Da waren es noch etwa vier Kilometer.) Mit M-Tafeln werden die Ausweichstellen auf einspurigen Sträßchen gekennzeichnet, heißen bei uns darum ‚Mausweichstellen‘, und mal hat es mehr von ihnen, mal weniger, je nach Straße. Ich tippte auf zwölf, er auf zwanzig. Es waren schließlich neunzehn.

Laangweilig? Sorry. Auf solchen Schabernack kommt man eben, wenn die Füße langsam müde werden und man sich eine Ruhebank wünscht, aber partout keine auftauchen will.

Meine GPS-App zeigte lange Zeit immer etwa dreieinhalb Kilometer Luftlinie bis zum Parkplatz an, was – den Wegpunkten an, die ich unterwegs auf dem Handy markierte – bedeutete, dass wir eine fast kreisförmige Strecke abwanderten. Ja, die letzten sechs Kilometer waren ein Abwandern, ein Anwandern gegen die Müdigkeit. Es war da ja auch schon nach sieben und schließlich wurde es halb neun, bis wir endlich das Auto erreichten. Siehe da: Der von Irgendlink nach etwa vier Kilometern Wanderung gestartete Track sprach von fast sechzehn Wanderkilometern. Noch nicht dabei der Weg zum kleinen See. Den zum zweiten größeren See aber schon, wo wir eine zweite Pause eingelegt hatten.

Na ja, das mit den zwanzig Kilometern war so nicht geplant … eher so zehn bis zwölf. Zumal wir ja erst nach eins vom Parkplatz losgewandert sind.

Schlotternd und mit knurrenden Mägen setzten wir uns ins noch halbwegs sonnengewärmte Auto und fuhren zurück Richtung Härmösand.

Ein heißes Bad wäre jetzt schön, fantasierten wir, oder ein Thermalbad. Oder, ach, eine Massage. Für die müden Glieder. Ich bin so müde, jammerten wir. Wir kochen heute etwas Supereinfaches, etwas Schnelles, Suppe mit Nudeln oder so. Oder, hm, wir könnten eigentlich … war da nicht noch ein Sibylla-Fastfood irgendwo? Au ja … das leisten wir uns!

Ich muss gestehen, dass die Pommes und der Halloumiburger ziemlich gut getan und sogar ziemlich gut geschmeckt haben.

Zuhause auf dem Zeltplatz dann nur noch heiß duschen (jaaa!) und ab ins Zelt.

Collage des gestrigen Tages mit den im Artikel beschriebenen Szenen und Orten

Heute? Bummeln wir rum. Ein Camper aus Holland, der seit achtzehn Jahren im Wohnmobil lebt und Europa durchquert, hat uns besucht. Geschichtenerzählen und Heilen sind seine Leidenschaft. Spannend war das.

Jetzt? Ich wäre schon fast wieder reif für ein Nickerchen. All die schöne Plätze hier können schließlich auch ohne mich schön sein.