Die Milch ist keine Milch | #kursnord

This way goes very beautiful to the things, ulken wir in wort-für-wort-übersetzendem Englisch, nachdem wir das erste eher flache Wegstück zur Slåttdalsskrevan, die uns letztlich nicht unwesentlich so weit in den Norden geködert hat. Die ersten vielleicht fünfhundert Meter gehen wir auf zweispurigen, schmalen Brettern, die auf Holzstammstücken aufgelegt und festgenagelt sind. Eben hatte ich noch gespottet: Was kommt als Nächstes? Rollbänder, auf denen man wie am Flughafen bergan geschoben wird?

Doch dann das: Bergan erwarten uns nicht etwa berneroberländische, lieblich mit Moos bewachsene Wanderwege, sondern karge Geröllhalden. Überhaupt: Der Slåttdalsberget ist eine einzige überdimensionierte Geröllhalde. Wenn auch eine wunderschöne Geröllhalde, zugegeben. Mein Schweizherz hatte am Morgen noch milde gelächelt, als mir Irgendlink vom höchsten Berg an der Hohen Küste erzählt hat. Um die 260 Höhenmeter über Meer sei er hoch. Und ja, dem Berg ist es gelungen mich zu überraschen, mich Demut zu lehren.

Auf solchen Geröllfeldern zu gehen ist buchstäblich ein Balanceakt. Eine Meditation. Auge, Fuß und Hirn arbeiten in absoluter Übereinstimmung. Das Auge sieht die nächsten Steine, die zur möglichen nächsten Schrittkombination taugen, meldet dem Hirn die gewünschte Fußauflageform – hinten, mittig, vorne – und schon, Zack!, ist in Sekundenbruchteilen der Schritt getan. Und ja, es sind viele Schritte. Weil wir hier nicht einfach geradeaus gehen können. Weil wir über die Steine, Felsen, Kieselsteine mäandern, mal kletternd, mal tänzelnd. Es geht zur Sache, really. It goes to the things. Und in die Knochen. Und Gelenke. Wir legen Pausen an der noch zaghaften Sonne ein, klettern uns bergan und schließlich finden wir die Pforte zur Schlucht, ein Durchgang zwischen Felsen. Die Schlucht selbst? Unbeschreiblich und auf all den vorher gesehenen Bildern von ihr längst nicht so imposant wie in echt. Boah! Dafür hat sie die Mühe gelohnt, die vielen Autokilometer. Die kalten Nächte. Die kargen Mahle. Wir überschlagen uns in der Aufzählung all der gebrachten (fiktiven) Opfer. Und aaahen und ooohen zum unzähligsten Mal auf dieser Tour. Vor der Schlucht verewigen wir uns im fleddrigen Gipfelbuch, picknicken, und klettern schließlich hinunter, über eine Holztreppe zuerst, dann über Geröll und Schneefelder. Kalt ist es in diesem Spalt zwischen den Felsen. Als ob ein Riese mit einem Handkantenschlag die Felsen zerteilt hätte. Der Weiterwanderoptionen sind viele: Auf einem ähnlichen Weg -allerdings über das Bergplateau – zurück zum Eingang Süd des Skuleskogen-Naturreservats, wo wir ein paar Stunden zuvor das Auto geparkt haben oder um die beiden Seen weiterunten oder um die Seen herum und dann auch noch auf die Insel. In reinen Kilometern nicht soo weit. Aber die Höhenmeter. Die Unwegsamkeit. Die Anstrengung. Nach der Schlucht, auf einem felsigen Plateau, findet uns die Wärme. Die Sonne hat die Felsen aufgewärmt und die Aussicht ist unglaublich. Weite. Die Seen unter uns. Dahinter, unter hellblassblauem Himmel das Meer. Darin unzählige Schären. Wachsende Schären, die sich nach den Lasten des Drucks von tonnenschwerem Eis über all die vielen Jahre nun wieder entfalten, nach oben wachsen.

Hier entscheiden wir uns schließlich für die Variante ‚Zurück über den Berg‘. Weil das deutsche Paar, dem wir vorhin begegnet sind, davon so geschwärmt hat.

Und ja, es hat sich gelohnt. Obwohl ich kurz davor war, aufzugeben (so müde Füße, so müde). Obwohl es sooo steil war. Aber sowas von steil. Eine nicht gerade ungefährliche Kraxelei. Aber der Berg. Wen er ruft, der kann nicht nicht folgen. Weitsicht auf einem felsigen Plateau.

Der Abstieg war erstaunlich moderat, vom Weg her ebenso wie von der Steigung/Neigung. Und irgendwann waren wir dann doch froh über die Bretterwege, denn, wie ich schon sagte, this goes very beautiful to the things.

Auf dem Rückweg kauften wir Tiefkühlpizze, die wir in der Campingküche backen würden. Überhaupt. Wir könnten ja eigentlich, es war ja dann doch wieder ziemlich kühl geworden, eh in der Küche essen. Die Heizung anwerfen.

Später, am Feuer, hält die innere Wärme an, gemütlich ist es. Wir philosophieren und twittern, als auf einmal ein Fuchs auftaucht. Er kommt immer näher, schnuppert, verhält sich wachsam, aber nicht irgendwie bedrohlich. Umkreist uns. Umkreist das Feuer. Schnuppert an der Tasche mit den Küchensachen. Findet nicht, was er erhofft hat. Guckt uns an, guckt das Feuer an. Kommt näher. Bleibt stehen. Ich sehe ihm in die Augen, sage, dass wir ihm nichts tun, und sage auch, dass er uns nichts tut Alles gut. Irgendwann zottelt er weiter.

Wie immer stellen wir vorm Ins-Zelt-Gehen die Sachen für die morgendlichen Heißgetränke, die wir im Zelt genießen, bereit. Trangia, Becher und Zutaten. Trangia muss eh da stehen, weil, wenn es kalt wir, können wir uns und das Zelt damit schnell ein wenig aufheizen.

Die Nacht ist kühl, aber nicht so frostig wie auch schon. Wir sind inzwischen ziemlich gut drin, solche Nächte unbeschadet zu überstehen.

Am Morgen kocht Irgendlink Kaffee und Tee für uns, während ich noch im warmen Schlafsack liege.

Die Milch ist keine Milch und den Tee hat bestimmt der Fuchs geholt, murmelt er. Das hier ist Blaubeersaft.

Oh nein, dann muss ich, als ich gemerkt habe, dass ich die Tetra mit dem Trinkjoghurt statt der Milch in der Hand hatte, den Tee auch gleich wieder zurückgestellt haben. Drei Tetra aufs Mal haben mich gestern Abend wohl schlicht überfordert, murmle ich zurück.

Später. Er: Du, da schwimmt eine Mücke in deiner Tasse.

Ich: Schnell: retten. Reanimieren.

Er: Ich glaube die ist tot.

Ich: Schnell: bestatten!

Und auch sonst haben wir es richtig toll.

Heute fahren wir weiter Richtung Südwesten. Ins Landesinnere. Richtung Dalarna. Auf den Spuren des Nordkapradlers von 2015.

Collage aus Bildern des Tages. Szenen sind im Text erwähnt.

Der Fuchs schleicht durch den Wald

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