Vom Kattegat zum Skagerrak | #kursnord

Jetzt aber! Der Regen gibt alles, holt nach, holt auf vielleicht schon bald. Die Erde freut sich, trinkt, saugt auf, während ich diese Zeilen hier schreibe. Wir sitzen im Zelt und nippen an unseren heißen Getränken. Zwischen zwei Regenpausen ist Irgendlink kurz rausgehuscht, um Kaffee und Tee zu holen, desgleichen ich, später, für die Tastaturen. Und nun sitzen wir da. Über uns das schützende Zeltdach. Hat was. Zumal die Aussichten nicht schlecht sind, dass die Regenfront mit ihren Gewittern, die wir gestern und in der Nacht erleben konnten, weiterzieht.

Nach unserer Siesta gestern in der Göteborger Kirche sind wir – in weiser Voraussicht, wie wir später erkannten – auf direktem Weg und trockenen Fußes zurück zum Auto spaziert. Dieses hatten wir bereits in der Spur für die Fähre geparkt und nun stand es in bester Gesellschaft anderer Autos nach uns. Überholt hatte uns niemand, obwohl wir extra so geparkt hatten, dass das kein Problem gewesen wäre. (Das sähe in Deutschland vermutlich ganz anders aus.) Kurz vor der Rückkehr zum Hafen hatten wir unsere letzten hundertfünfzig Kronen in Zimtschnecke (ich), Donuts (er) und zwei Falafel investiert. Ohne schwedisches Bargeld sind wir hierher gekommen, ohne schwedisches Bargeld gehen wir. 

Kaum sitzen wir im Wagen, öffnet sich der Himmel. Fast orkanartig prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben, während wir unser leckeres letztes Mahl in Schweden verspeisen. Wir sind noch über eine Stunde zu früh, die Fähre startet um sechzehn Uhr. Schau an, in meinem Goodiesbeutel, den ich mir während unserer ersten Schwedenwoche gekauft hatte, ist doch tatsächlich noch etwas drin. Zum Glück, denn so Lakritzeschnecken versüßen Schwedenabschiede und Wartezeiten doch sehr.

Nächste Szene: Fährenntetris. Mit unglaublicher Präzision dirigieren die Fährmänner unser Auto in die genau richtige Lücke. Ganz und gar unbedeckt allerdings. Was beim aktuellen Wetterchen nicht gerade lustig ist. Halbwegs trocken besteigen wir die Treppen ins Schiffinnere und verirren uns sogar ein wenig, da wir ja die ersten sind und zum ersten Mal auf dieser Fähre; und auch niemandem hinterherwatscheln können. So führen wir allerdings jene, die uns hinterherwatscheln erstmal falsch, Richtung Sonnendeck, wo der Regen uns kalt erwischt. Meine Turnschuhe und Socken sind von den tiefen Pfützen inzwischen nass. Zum Glück hat Irgendlink vorsorglich die Wanderschuhe angezogen. Well done.

Was für ein Kahn! Zum einen riesig – zehn Stockwerke hoch –, zum anderen … nun ja: In allen Räumen und Wänden hängen plappernde Fernseher, die einen wechselnden Mix aus Schwarzweißkino, Werbung, Kinderprogramm und Naturfilmdokus zeigen. Und natürlich auch – wie im Flugzeug – einen Film für Notfälle. Rettungswesten. Rettungsboote. Rettungswege. Ein Spielcasino für große und kleine Kinder darf natürlich nicht fehlen. Auch nicht die Kabinen in den Zwischendecks mit Duschen für die Fernfahrenden von all den Brummis, die mit uns auf der Fähre sind. Dann natürlich Zollfreishop. Kiosk mit Bücherladen. Kinderparadies. Pi Pa und Po hoch neunundvierzig. 

Außer Ruhe, Ruhe gibt es kaum. Gut, dass ich ein wenig Vorrat im Gepäck habe. 

Als der Regen dann doch endlich aufhört, gehen wir aufs Sonnendeck und begrüßen sie, die Sonne, die sich zwar noch immer bedeckt hält, aber doch da und dort hinunterblinzelt. Kalt ist es zum Glück nicht, um die siebzehn Grad oder so.

Zurück in den Aufenthaltsräumen finden wir eine etwas ruhigere Ecke und ich fange einen neuen Krimi zu lesen an; das angefangene Buch mit den schwedischen Kurzkrimis ist gestern abgelaufen. Wie so ein Stück Käse, nur in Geschichten.

Kurz nach sieben Uhr ist Land in Sicht. Wir stehen wieder draußen und sehen den Hafen Frederikhavns näher kommen. 

Und auf einmal sitzen wir im Auto. Und auf einmal rollen wir von der Fähre und auf einmal fahren wir durch Dänemark Richtung Skagen, diesen nördlichsten Zipfel der dänischen Halbinsel. Vom Kattegat in den Skagerrak. 

Da drüben, sagt Irgendlink, dort irgendwo müsste die versinkende Kirche sein – als auch schon ein Wegweiser auftaucht. Sollen wir morgen hin fahren oder heute noch? Ach, komm, ist ja nicht weit. Und schon biegen wir ab und fahren fast an einem Campingplatz vorbei, den wir hier nicht erwartet hatten. Es ist ruhig, so ruhig, dass wir überlegen, hier zu bleiben statt zu jenem Platz zu fahren, auf welchem Irgendlink auf seiner Tour um die Nordsee vor sechs Jahren mit Ray gezeltet hatte. Die Schranke öffnet uns die Platzwartin via Fernbedienung, als Irgendlink die Nummer an der Rezeption anruft. Magiiieee! 

Das schöne Wetter lockt uns nach dem Zeltaufbau zur versandeten Kirche, die sich uns sonnenuntergangsbeleuchtet präsentiert. Ein kleiner Abstecher auf einen kleinen Hügel, der uns einen herrlichen Ausblick auf das Meer beschert. Auf dem Rückweg folgen wir kleinen Wanderwegen und staunen immer wieder über die Schönheit dieser Landschaft. Wanderdünen. Sandig-kiesiger Waldboden, Büsche, Bäume und da: ein Rast- und Abenteuerspielplatz mitten im Wald. Hier möchte man Kind sein!

Zurück kochen wir vor dem Zelt, doch die Mücken werden immer anhänglicher und so essen wir drin. Und schon bald fängt der Regen an. Und die Augenlider werden immer schwerer.

Nachts Gewitter. Keine Stürme bis jetzt, zum Glück. Dafür Regen. Viel Regen. Jetzt scheint sich die Regenfront verabschiedet zu haben.

Wir fahren heute weiter bis an die Nordspitze und dann der Westküste Dänemarks entlang Richtung Süden. Kurs Nord-Süd.

Der Sand in unserer Feriensanduhr rinnt unaufhaltsam durch das Loch. Von mir aus könnten wir gut und gerne noch ein paar Wochen so weiterreisen. Überhaupt: Es fühlt sich an, als wären wir schon seit vielen Monaten unterwegs. Die Zeit, die Zeit …  

Göteborg

Aufnahmen aus Göteborg von unterwegs und in der Kirche als Collage

Die Überfahrt

Verschiedene Aufnahmen von Schiffsdetails, des Meeres, des Landes vor Abfahrt und Ankunft als Collage

Skagen und seine im Sand versunkene Kirche

Collage mit diversen Aufnahmen des versunkenen Kirchturms. Man sieht noch den Teil ab Oberhälfte der Tür