Depression zwischen Buchdeckeln #5 – Sörensen hat Angst von Sven Stricker

Ich kenne nicht viele Romane – insbesondere kaum Krimis –, die glaubwürdig ProtagonistInnen mit psychischen Problemen zeigen. Betonung auf glaubwürdig. Oft werden gerade Krankheiten wie Depressionen und Zwangs- oder Angststörungen oder auch Eigenschaften wie Hochsensibilität oder Autismus in Büchern sehr klischeehaft dargestellt und überstrapaziert. Was wenig zu Aufklärung, Toleranz und mehr Verständnis beiträgt, eher Vorurteilen weiter Vorschub leistet.

Darum möchte ich hier zukünftig in loser Folge das eine oder andere Buch, das sich in dieser Hinsicht von der Masse abhebt, vorstellen und die eine oder andere Figur ein bisschen bekannter machen. Und vielleicht sogar über die für einmal wieder offene Kommentarfunktion einen Buchtipps-Austausch ermöglichen.

Buchcover zeigt im oberen Bildteil den Autornamen in Schwarz, darunter den Buchtitel in Weiß. Das gemalte Hintergrundbild zeigt einen regengrauen Himmel, darunter klassische Friesenhäuschen am Deich und vorne rechts, im Vordergrund, einen schwarzgekleideten Mann mit einer schwarzen Wollmütze, der mit dem rechten Zeigefiger die Haut unter seinem rechten Auge herunterzieht. Sein Blick ist melancholisch.Anfangen will ich mit Sörensen hat Angst von Sven Stricker. Zugegeben, die Geschichte selbst ist trotz ihrer Dramatik nichts wirklich Neues. Die Qualität des Buches macht für mich hier einmal mehr Schreibstil und Figurenzeichnung aus. Strickers Protagonisten und Protagonistinnen sind fühlbar, dreidimensional, ambivalent; auch mag ich die Dialoge.

Auf den ersten Blick schreibt Stricker eher locker, leicht ironisch, abgeklärt. Je näher wir Kriminalhauptkommissar Sörensen jedoch kommen und ihm beim Leben über die Schulter blicken können, desto deutlicher wird, dass seine auf den ersten Blick abgeklärte Fassade reiner Selbstschutz ist. Einzig mit seinem Vater, einem Nerd der ersten Stunde, den er im Laufe der Geschichte um ein paar Recherchen bittet, spricht er explizit über seine Angststörung.  Als Leserin bekomme ich dennoch ein anschaulisches, glaubwürdiges Bild eines Lebens mit Angststörung und Depression. Therapie und Medikation inklusive.

Sörensen hatte sich nach einem Zusammenbruch und der Trennung von seiner Frau nach Katenbüll in Nordfriesland versetzen lassen und gehofft, der kleine Ort würde ihm ein ruhigeres und stressfreieres Leben als in Hamburg bescheren. Es ist Herbst und regnet ununterbrochen in Katenbüll. Die Einheimischen verhalten sich Sörensen gegenüber so kühl wie das Wetter. Als kurz nach Sörensens Ankunft auf dem kleinen Stadtrevier die Meldung eintrifft, Bürgermeister Hinrichs liege tot im eigenen Pferdestall, bleibt Sörensen nichts anderes übrig als hinter die Kulissen der Kleinstadt zu blicken.

Mit Jenni, seiner Kollegin und Malte, dem Praktikanten, macht er sich an die Aufklärung eines Mordes, auf den die Menschen im Ort sehr unterschiedlich reagieren. So richtig traurig scheint allerdings niemand zu sein. Als am gleichen Abend Jan, der zwölfjährige Sohn des Bürgermeisters, verschwindet, am nächsten Morgen eine stadtbekannte Gammlerin tot aufgefunden und tags darauf schließlich auch noch der Hotelier erschossen wird, bekommt es Sörensen wirklich mit der Angst zu tun. Wie soll er dieses Chaos bloß aufklären?

Eben noch hatte er dank Adrenalinschub ein Verhör geführt, sich dabei souverän gefühlt und eloquent, hatte sogar seine innere Unruhe integrieren können, und ja, er hatte sogar Spaß gehabt –» und jetzt wieder das. […] Nicht lebenstauglich, das war die Diagnose, immer noch nicht lebenstauglich, egal ob in Katenbüll, Hamburg oder New York, egal, ob mit Tabletten oder ohne, ob therapiert oder nicht.« (S. 116*)

Dass er zwischendurch ziemlich in Schwung kommt, tut ihm gut. Und immer mal wieder ist die Angst auf einmal weg. Doch »… just in dem Moment, als er das dachte, war es auch schon wieder vorbei damit. So war das meistens. In dem Sekundenbruchteil, in dem er bemerkte, dass er angstfrei war, kam die Angst zurück. Die Angst davor, dass alles wieder von vorne losgehen würde. Was es dann augenblicklich tat.« (S. 159*)

Gerade hatte er erfolgreich eine ziemlich merkwürdige Pressekonferenz hinter sich gebracht und war zurück ins Revier gegangen. Dynamisch hatte er zwei Steinstufen aufs Mal genommen, als alles wieder kippte: »… Malte hing schon wieder am Telefon, verzweifelt versuchend den Lärm zu übertönen. Sörensens Selbstvertrauen schwand, die Kraft verließ ihn im gleich Maße wie die Sinneseindrücke ihm schlagartig zu viel wurden. Die Umgebungsgeräusche verschmischten sich, sammelten sich, spuckten sich wieder aus, mit Nachhall und im falschen Raum. Einzelne Stimmen waren nicht zuzuorden, Gesichter verschwammen, der Pulsschlag beschleunigte sich, das Herz klopfte gegen den Brustkorb, der Blutdruck stieg in den roten Bereich, dazu dröhnte die Klimaanlage, war die auch schon vorher da gewesen, diese verdammt noch mal beschissen laute Klimaanlage?« (Seite 287*)

Zum Glück ist da wenigstens noch Cord, ein Mischlingshund vom Nachbarhof, der bei ihm Schutz vor Schlägen sucht und den er darum kurzerhand adoptiert.

Dass er im Laufe der Ermittlung auf ziemlich viel Mist stößt, den Jenni in Katenbüll so nicht erwartet hätte, muss hier natürlich auch erwähnt werden. So viel Mist, dass selbst Jenni die Kotze hoch kommt. Und »… er hatte wieder dieses asthmatische Gefühl, das man so leicht mit echten Lugenproblemen verwechseln konnte, dabei war das doch alles die Psyche. Alles war die Psyche. Sörensen war mittlerweile geneigt, so ziemlich das ganze Leben auf seine Psyche zu schieben, auf sein vegetatives Nervensystem, auf seine Angstzustände.« (S. 295*)

Ole, jener aufmerksame junge Mann, den Sörensen ganz am Anfang der Geschichte als Autostopper kennengelernt hatte, nennt schließlich am Ende des Buches Sörensens Angststörung beim Namen. Uff, durchschaut!

Wie lebt es sich an einem Ort, an dem dich die Leute durchschauen? An dem sie wissen, dass du krank bist?

Sven Stricker hat mit Sörensen eine sympathische, ambivalente Figur geschaffen wie ich sie mag. Selbstreflektierend und humorvoll; und niemals macht sich der Autor über die Krankheit und ihre Symptome lächerlich.

Ich bin schon jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die Ende September erscheinen wird.


Sörensen hat Angst gibt es auch als Hörspiel. Es ist noch eine Weile online: hier oder auch hier (direkt).

Rowohlt Taschenbuch/eBook
ISBN: 978-3-499-27118-2
Print: 432 Seiten, *eBook: 317 Seiten
Print/eBook: je € 9,99, Fr. 14,90/12.–

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Wochenendimpressionen

Was für ein Wochenende! Am Freitagnachmittag fuhren wir via Bern, meiner alten Heimat, ins Schwarzenburgerland. Ans Schwarzwasser. Einem jener Flüsse, denen ich in meinen Berner Jahren oft einen Besuch abgestattet habe – allein oder mit Freundinnen und Freunden und natürlich auch mit dem Liebsten.

Schon auf der Fahrt hatte sich der Himmel zu überziehen begonnen, doch das hinderte uns nicht daran ins Schwarzwassertal hinunterzusteigen. Unten, bei einer kleinen Brücke, die eine Art Kreuzung in vier Richtungen darstellte, beschlossen wir vor der Brücke nach links zu gehen, als uns von rechts zwei Frauen entgegen kamen. Die rechts sieht ja aus wie R., murmelte ich und es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich erkannte, dass es sogar R. war. Was für ein Zufall! Vorhin waren wir an ihrem Haus vorbeigefahren und ich hatte noch laut überlegt, dass wir ja eigentlich …

Nun begrüßten und umarmten wir uns herzlich und ließen uns für später zu einem Tee einladen. Und, falls wir wollten, auch zum Übernachten. Mal schauen, sagten wir, und: Bis später!

Zuerst aber wollten wir einfach das Schwarzwasser begrüßen. Ins Flusstal waten. Uns badend abkühlen. Schwül war es und ab und zu fielen ein paar Regentropfen vom sich bewölkenden Himmel. Die Temperatur fiel ein wenig. Ach, herrliches Schwarzwasser! So viele Steine zum Türme bauen. Steine und Wasser und Bäume und relative Stille. Wie gut das tut!

Auf einem Fels, der aus dem Wasser ragte, baute ich ein Steinmännchen, wie ich es noch nie gemacht hatte. In die Schräge hinein baute ich es, wie ein Terrassenhaus, dabei versuchend, wie ich es im Leben ja oft genug übe, den unidealen Voraussetzungen zu trotzen. Definitiv schwieriger als ein Steinmännchen auf ebenem Untergrund. Es wurde deutlich weniger hoch als manche andere, die ich schon geschaffen hatte, zu fragil war das Gleichgewicht, zu unsicher der Untergrund.

Langsam wurden die Füße dann doch ein bisschen kühl vom Wasser und auch der Regen schien es langsam ernst zu meinen. Wir zogen uns wieder um und wanderten zurück zum Auto. Nach einem kleinen Abstecher nach Schwarzenburg, um noch dies und jenes einzukaufen, fuhren wir auf einen Tee zu R., um mit ihr über das Leben und das Reisen zu philosophieren. Ihr Übernachtungsangebot lehnten wir allerdings ab, obwohl Regen angesagt war, denn wir hatten uns innerlich auf ein Zeltwochenende eingestellt und wollten endlich einmal Bern vom Eichholz-Camping aus erleben.

So fuhren wir nach Wabern auf den Aare-Campingplatz Eichholz. Bisher kannte ich dieses Areal ja nur von unzähligen Spaziergängen zwischen dem Aareufer und ebendiesem Zeltplatz. Jetzt aber wollten wir es wissen. Kaum hatten wir uns angemeldet und Fr. 38.50 für Übernachtung, Duschjetons, Parkkarte und Tickets für den öffentlichen Verkehr bezahlt und uns einen schönen Platz für unser Zelt aussuchen wollen, fing es richtig heftig zu regnen an. Spontan fuhr uns ein Zeltplatzeinweiser mit Fahrrad und Schirm voran und lotste uns in eine schmale Lücke zwischen zwei Wohnwägen, wo wir das Auto kurz, zum Ausladen, abstellen durften. Nachher müsse das Auto aber wieder raus. Unter den Bäumen, in einer vielleicht sechs Meter schmalen Lücke zwischen anderen Zelten, war es relativ trocken und so bauten wir ebendort, mangels Alternativen, in Rekordzeit und halbwegs trocken unser Zelt auf. Während Irgendlink das Auto wieder herausfuhr, befüllte ich unsere Matten mit Luft, packte die Schlafsäcke aus und schon bald hatten wir es schön gemütlich. Im Zelt dem Regen lauschen hat was – echt jetzt! – und so richtig heftig regnete es inzwischen eh nicht mehr. Zwischendurch war sogar das Murmeln der Aare zu hören. Je später und dunkler es wurde, desto aktiver und lauter wurden allerdings die Menschen in den Zelten um uns herum.

Während wir uns etwas Feines kochten, überlegten wir, ob es wirklich so eine tolle Idee gewesen war, mitten in der Hochsaison auf einen vollen Stadt-Camping zu gehen. Zumal für uns zwei Schwedenverwöhnte. Nun denn … Wir haben ja zum Glück einen Fußball … und auch sonst geht es uns gut.

Zwei Finger in kleinen Fußballschuhen, die einen kleinen Fußball gegen einen Fuß als Tor schubsenUnd  tatsächlich wurde es gegen 23 Uhr still und in der Nacht hätte man kaum glauben können, dass hier einige hundert Menschen schlafen.

Geplapper im Nachbarzelt, es war noch vor sieben Uhr, weckte mich. Wie ein angestoßener Dominostein setzte sich das Geplapper fort und schon bald war der Campingplatz wach.

Beim Tee- und Kaffeetrinken beschlossen Irgendlink und ich, dass wir das Zelt abbauen und doch bei den Freunden, die uns zum Abendessen und Übernachten eingeladen hatten, übernachten würden. Jedenfalls, wenn sich der Wetterbericht für Sonntag doch noch zum Guten wenden sollte. Außerdem gab es die Option, nach dem Abendessen bei unseren Freunden auch einfach nach Hause zu fahren. Mal schauen.

Irgendlink fotografiert den Zytglogge-Turm, eins der Wahrzeichen Berns

Um zwölf trafen wir uns mit Freundin M. (2) auf der Münsterplattform, einem beliebten zentralen Treffpunkt hinter dem Münster, von welchem aus man ’von oben herab’ auf die Aare und die Quartiere am Fluss blicken kann. Gemütliches Zusammensein. Einfach schön, solche Menschen zu kennen!, dachte ich, wie schon oft.

Dank des Citytickets für den öffentlichen Verkehr konnten wir ohne Parkplatzsorgen vom Stadtzentrum zur Col-Art-Austellung fahren, wo wir an einem Col-Art-Workshop teilnahmen. Zu neunt malten wir an acht verschiedenen Bildern. Demokratisch, gemeinschaftlich, miteinander – so der Grundgedanke der Kunstrichtung Col-Art/Kollektive Kunst, die heuer 50 Jahre alt wird.

Acht bunte Bilder auf Holzboden mit vielen sehr unterschiedlichen Bildelementen, Acryl auf Papier.Gründer Marc Kuhn stellt einen Monat lang mit großem Engagement im alten Tramdepot Bilder aus fünfzig Jahren Col-Art aus. Diese Ausstellung läuft noch bis Ende Juli.

Mehr Infos gibt es hier: https://agenda.bernerzeitung.ch

Später holen wir das Auto auf dem Campingplatz und parken im Quartier unserer Freunde. Gemütlich ist es. Die kleine Tochter giggelt uns fröhlich und die inspirienden Gespräche und das feine Essen tragen ebenfalls zu einem tollen Abend bei. Müde legen wir uns schlafen. Am Morgen werden wir vom Singsang des Töchterleins sanft aus dem Schlaf gelotst. Wir freuen uns über das gute Wetter und beschließen, die Idee, im Jura wandern zu gehen, umzusetzen. Nach all den vielen nährenden Gesprächen der letzten beiden Tage ist es uns nach Natur und Stille. Und Bewegung.

Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Schlenker zum nahen Friedhof fahren wir ins Traverstal, wo die Areuse schluchtet und der Creux du Van das Staunen lehrt.

Eine natürliche Felsenarena gewaltigen Ausmaßes ist er, der Creux du Van. Um die hundertsechzig Meter hohe, senkrechte Felswände umschließen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel. Gewaltig, wunderbar, ehrfurchtgebietend!

Über vierzehn Kurven wanderen wir von Noiraigue aus zum Plateau hoch und genießen hier eine Weite, die es so nur in den Bergen gibt.

Auf dem Weg bergauf wünschten wir allen Leuten, die unsere Wege kreuzten, freundlich Bonjour. Kaum oben auf dem Plateau angekommen, hören wir schnell damit auf. Viele Menschen teilen mit uns die Fernsicht und das spektakuläre Erlebnis. Viele allerdings fahren mit dem Auto zum Bergrestaurant hoch und flipflopen sich am Abgrund entlang um das ultimativ spektakulärste Bild schießen zu können. Zum Glück hat es genug Platz für alle.

Wir umrunden den Krater an seiner Oberkante und steigen auf der anderen Seite der Felsarena wieder abwärts. Die ersten drei oder vier Kilometer sind wieder sehr steil, wie schon beim Aufstieg, auch der Rest hat es in sich. Und geht ganz schön in die Beine. Ich bin auch langsam müde von all den vielen Eindrücken, Begegnugen und Gedanken.

Auf den letzten Kilometers des Abstiegs verbiege ich mir dummerweise irgendwie das Knie, sodass ich, wegen der stechenden Schmerzen, nur noch ganz langsam gehen kann, doch wir haben es zum Glück nicht eilig.

Auf der Rückfahrt nach Hause bin ich tief entspannt. Und sehr dankbar für dieses nährende Wochenende.


*Hier der Streckenlink  zu unserer Wanderung und hier eine Karte:

Mehr Infos:
Wiki
http://wegwandern.ch
www.schweizmobil.ch
www.wanderungen.ch

Dass du nicht mehr leben willst. Ein Brief | #Depression #notjustsad

Lieber Mensch

Du sagst, dass du keine Kraft mehr hast, weiterzuleben. Dass das Leben so weh tut, dass du es kaum mehr erträgst. Ich sehe deine Tränen. Ich spüre deinen Schmerz. Ich höre dir zu, halte dich und weine mit dir. Ich versuche, zu verstehen, auch wenn ich weiß, dass das nicht wirklich geht.

Du magst nicht mehr leben. Immer wieder sagst du es.

Die Fragen, die ich mir stelle, wenn ich dich das sagen höre, sind vielleicht nicht die, die sich die meisten anderen stellen. Ich studiere zum Beispiel definitiv nicht über deine Zwangseinweisung in die Psychiatrie nach. Und nein, ich studiere auch nicht darüber nach, wie ich dich retten könnte.

Ich versuche einfach nur zu fühlen, wie du dich wohl fühlst. Ich nehme dabei wahr, was dir jetzt weh tut, aber ich nehme auch wahr, was früher war. Was du schon alles erlebt hast. All das, was dich schon als sehr junger Mensch immer wieder aufgerieben hat. (Natürlich gelingt mir das nicht ohne Vergleiche mit meinen eigenen Wunden, doch solange ich mir dessen bewusst bin und nicht von mir auf dich schließe, ist das in Ordnung. Zumal ich ja deine Wunden nicht heilen kann. Ich kann bestenfalls Salbe auftragen.)

Ja, es ist eine verdammte Scheiße, was dir da alles passiert ist, was du alles erlebt hast. Was dich alles geprägt hat. Schrecklich auch, dass damals niemand da war, der dir geholfen hat. Nein, niemandem dürfte das passieren, auch nicht Teile davon. Kein Mensch darf einem anderen Menschen solche Dinge antun! (Auch wenn man selbst kaputt ist, darf man andere Menschen nicht kaputt machen.) Es geschieht dennoch. Tagtäglich.

Ich spüre dein Leid. Manchmal ist es für mich als Zuhörerin schier unerträglich schmerzhaft. Wie viel schlimmer muss es dann für dich sein?

Ja, ich verstehe, dass du nicht mehr leben magst.

Die Fragen, die ich mir stelle, sind nicht: Wie kann ich dich retten? Wie kann ich verhindern, um jeden Preis, dass du dir etwas antust, dass dir das Leben nimmst?

Damit wäre dir nicht geholfen, nicht wirklich. Ich darf dich nicht zum Leben zwingen.

Die Fragen, die ich mir stelle, lauten: Womit kann ich dich überzeugen, dass sich ein Weiterleben lohnt, trotz all des erlebten Bullshit, trotz all der Feindseligkeiten auf dieser Welt und in deiner Umgebung, trotz all der existentiellen Ängste, die in deinem Leben sehr real sind? Wie kann ich dir erlebbar machen, dass du um deinetwillen ein liebenswerter Mensch bist, auch wenn du keine Kraft mehr hast? Wie kann ich dich unterstützen? Wie kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein Ort ist, auf dem es sich auch für Menschen, die keine Kraft mehr haben, erträglich leben lässt.

Ich bin die Letzte, die es verurteilen oder nicht verstehen würde, wenn du eines Tages genug hast und den Tod wähltest. Du würdest eine große Lücke hinterlassen, nicht nur bei mir, bei anderen, aber ich würde es akzeptieren.

Ich wünsche mir, dass du nicht in erster Linie aus Rücksicht auf andere hier bleibst, am Leben. Ich wünsche dir, dass du in erster Linie dir zuliebe leben kannst.

Ja, das ist es, worüber ich nachdenke, während ich dir zuhöre. Während ich deine Tränen sehe. Während ich deinen Worten und deinem Schmerz lausche.

Mögest du entdecken, wie gut es sich anfühlt, dir zuliebe zu leben.
Mögest du dich lieben, von Kopf bis Fuß, immer ein bisschen bedingungsloser, immer ein bisschen befreiter vom Denken und den Rückmeldungen anderer.

Du bist es wert. Du bist liebenswert.


Ich habe diesen Brief für dich geschrieben – und für dich und dich auch. Und ja, ich habe ihn auch für mich selbst geschrieben. Für den Fall, dass ich es mal wieder vergessen sollte, dieses Liebenswertvollsein.

Inspiriert hat mich unter anderem ein Text, den ich heute im Blog Dare to be mad gelesen habe. Er heißt Ein paar Worte zu Suizid:

Ich zitiere:
»Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.«

Du fehlst | Die Anthologie

Ohne dich

Als du auf einmal nicht mehr da warst, blieb die Welt nicht stehen. Auch mein Atem floss weiter und sogar mein Herzschlag setzte nicht aus. Heute jedoch bekomme ich kaum Luft, wenn das Leben besonders scharfkantig auftritt. Auch das Holpern kam erst später.

Als du auf einmal nicht mehr da warst, sah meine Welt noch fast gleich aus wie vorher. Aber nichts passte mehr.

Seit du nicht mehr da bist, ist da, wo du warst, nur noch dieses Loch. Auch nach all den Jahren ist deine Absenz zuweilen schier unerträglich.

Du fehlst mir.

Deine Stimme, wenn du „Mama!“ sagtest. Wie du es sagtest. Wie ein Lied. Ach, und deine Stimme, wenn du beim Spielen mit deinen Kuscheltieren vor dich hin gesungen hast.

Und wie du mir vorgesungen hast, dass du mich lieb hast. Nur wenige Wochen, bevor du für immer gegangen bist.

Weiterlesen?

Am 20. Juli erscheint das Buch DU FEHLST, für welches ich obige Geschichte geschrieben habe. Eine von fünfzig Geschichten, die aus 730 Beiträgen für das Buch DU FEHLST ausgewählt wurde.

60% des Erlöses gehen an Hospize und helfen so Menschen dabei, Leben, Abschied und Sterben so würdig wie möglich zu gestalten

Buchcover mit Titel, Untertitel, Herausgeberschaft und in der Mitte einer verblühten weißen Lilie, halb fotografiert, halb gezeichnet.
Buchcover

Einen Blick ins Buch gibt es auf der Verlagsseite > q5-verlag.de
Zu kaufen wird diese Anthologie in allen Buchhandlungen sein.

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Ich mag die Texte, die ich bisher gelesen habe, sehr. Das Buch eignet sich gut als Geschenk für Menschen, die einen lieben Menschen verloren haben.

Dass neben dem Text einer lieben Freundin auch einer von Irgendlink mit im Buch ist, freut mich ganz besonders und obwohl ich die anderen Autorinnen und Autoren nicht kenne, stehe ich voll und ganz hinter diesem Buch.

Ich hoffe, dass es viele Menschen lesen, teilen, verschenken und sich bewusster und intensiver mit unser aller Vergänglichkeit auseinandersetzen.

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In eigener Sache:
Dieser Tage bestelle ich einige Exemplare beim Verlag. Wer das Buch gerne über mich beziehen möchte, damit ich (und/oder Irgendlink) eine kleine Widmung hineinschreiben kann, darf mir gerne eine Mail schreiben.

(Die Preise sind die gleichen wie im Buchhandel: € 19.99/ca. 24 Fr. zuzüglich Versandkosten.)