#wirsindmehr | Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Juna Grossmanns Buch über das Ende der Schonzeit ist leider hochaktuell. Er hat nur geschlummert, der (deutsche) Antisemitismus, weg war er nie. Wie andere Auswüchse von Fremdenhass und Rassismus ist auch der Antisemitimus, diese Feindlichkeit allem Jüdischen gegenüber, in den letzten Jahren wieder deutlich fühlbarer und sichtbarer geworden.

Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann, mit Untertitel: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Grundfarbe weiß, in der Mitte, über dem Titel, zwei breite gelbe Balken quer ums Buch herum.
Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Aufgewachsen in Berlins Osten hatte sich Juna Grossmann nach dem Mauerfall entschieden, ihre jüdischen Wurzeln ernstzunehmen und herauszufinden, wie es sich in der heutigen Gesellschaft als Jüdin lebt. »Erst als junge Erwachsene, wenn man so auf Spurensuche geht, da habe ich meine jüdischen Wurzeln gefühlt«, erinnert sie sich. »Damals war dieser inzwischen alltägliche Antisemitismus gar kein Thema, ich führte ein hoffnungsvolles jüdisches Leben in einer entspannten Zeit. Heute sehe ich das ganz anders. Über die Jahre ist es immer mehr geworden, dabei gab es gewisse Zäsuren«*

Bereits seit zehn Jahren schreibt Grossmann in ihrem Blog ’irgendwie jüdisch’ über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. In ihrem Artikel Auf Papier erzählt sie, wie es zu ihrem Buch gekommen ist. In Schonzeit vorbei schreibt sie zum einen über ihre ganz persönlichen Erfahrungen zum anderen über die Erlebnisse und Erfahrungen anderer Juden und Jüdinnen, die im heutigen Deutschland leben.

Es könnte aktueller nicht sein, was sie schreibt. Obwohl ich recht sensibel  gegenüber jeglicher Form von Rassismus bin, erschrak ich doch darüber, wie weitverbreitet Antisemitismus ist. Und wie viele Vorurteile es über das Judentum gibt. (Ob es in der Schweiz ebenso aussieht, kann ich nicht sagen, aber ich ahne, dass es ähnlich ist.) Fakt ist, dass wir alle das eine oder andere Vorurteil haben. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wir können Vorurteile unhinterfragt glauben und auf ihnen unser Menschen- und Weltbild aufbauen oder aber wir können versuchen, ihnen auf den Grund zu gehen, herauszufinden, was es mit ihnen auf sich hat und woher sie kommen – zum Beispiel indem wir Fragen stellen, uns informieren.

Einige Jahre lang hat Grossmann im Jüdischen Museum Berlin unzählige Fragen beantwortet. In ihrem Buch schreibt sie  über Begegnungen, die sie als Mitarbeiterin dieses Museums hatte, haarsträubende und berührende. Sie schreibt über Anfeindungen und Bedrohungen und sie schreibt über jene eine Ausstellung, die sich dem Thema Hass- und Drohbriefe gewidmet hatte. Grossmann beobachtet die politische Entwicklungen schon länger und vergleicht Fakten mit dem, was die Gesellschaft zu sehen bekommt. Immer wieder zeigt sie auf, was Anfeindungen aller Art mit einzelnen Menschen machen. Und mit einer Gesellschaft. Wie Hass Menschen kaputt macht – hassende ebenso wie gehasste.

Warum nur fällt es vielen Menschen so schwer, anderen das Recht zuzugestehen, auf ihre Art und Weise zu denken, zu fühlen, zu leben und zu glauben, solange dabei niemand zu schaden kommt? Und woher kommt dieser ganze Hass? (Ist es womöglich, wie Die Ärzte singen, ein Schrei nach Liebe?)

Wie auch immer. Aufklärung tut Not. Mit ihrem Buch leistet Juna Grossmann einen wichtigen Beitrag dazu und ich wünsche ihr und ihrem Buch viele aufmerksame Leserinnen und Leser.


*Juna Grossmann im info-Radio.de.

Schonzeit vorbei, Juna Grossmann:
Klappenbroschur, Droemer HC
ISBN: 978-3-426-27775-1; € 14,99
E-Book, Droemer eBook
ISBN: 978-3-426-45415-2; € 12,99
160 S.

Werbeanzeigen