Ich suche (das Glück), also bin ich

Am Anfang war und ist die Suche. Nein, Stopp, falsch. Ganz am Anfang war und ist alles gut. Ganz und gut und gesund. Intakt. Unkaputt. Wir sind in uns selbst Ruhende. In engstem Bezug zu uns und zu allem, was in und um uns ist. Seiende.

Bis etwas dieses Ganz kaputt macht. Vielleicht nur ein bisschen. Oder aber sehr. Dennoch währte das Ganz am Anfang lang genug, damit wir uns ein Leben lang daran erinnern, uns nach ihm sehnen. Mal ist unsere Sehnsucht nach diesem Ganz eher ein Hintergrundrauschen, mal eine handfeste Suchaktion. Wir (ver)suchen, uns ihm auf alle möglichen Arten wieder anzunähern. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben. Beziehen wir uns nicht letztlich immer irgendwie auf dieses Ganz, das ganz am Anfang war? Wir beziehen uns aber auch auf jene Dinge, die sich uns in den Weg stellen. Auf die Herausforderungen. Auf Ereignisse, auf die Umgebung, auf Menschen, auf Geschichten oder auf die Geschichte der Menschheit. Es gibt nichts, auf das wir uns auf unserer Suche nicht beziehen könnten, denn – wie gesagt – ohne Bezug zu nehmen können wir nicht leben.

Ich glaube – im Gegensatz zu den Aussagen der Bibel – nicht, dass es unsere (eigene) Sünde war, die uns aus unserm Ganz herausfallen lassen hat. (Dazu müssten wir eh erst einmal das Wort Sünde frei von jeglichem klerikalen Kontext definieren). Ich ahne, dass es eher eine Ur-Wunde ist, die uns aus der Geborgenheit im Ganz herausfallen ließ, ein Ur-Übergriff, ein Ur-Überfall.

Genau dort hat unser Suchen angefangen, unser Sehnen, unser Verlangen, die Verzweiflung auch, weil wir ab genau dort nicht mehr eins sind, sondern Getrennte, Un-Ganze, von uns selbst Losgelöste (Un-Erlöste). So machten wir uns auf den Weg. Und weil wir sind, wie wir sind, gehen wir auf dem Weg zurück zu uns, Umwege. Vielleicht, weil wir unterwegs den Rückweg vergessen haben. Vielleicht, weil wir vermuten, dass es da noch andere – womöglich sogar bessere – Wege geben könnte. Vielleicht aber auch, weil wir inzwischen vergessen haben, wonach genau wir eigentlich gesucht haben, als wir aufbrachen und wonach genau wir uns eigentlich sehnen. (Wann haben wir eigentlich verlernt zu wissen, was wir wirklich brauchen und seit wann leben wir eigentlich im Konjunktiv?)

Zu allen Zeiten haben wir Menschen uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Nach Aufgaben. Unsere Seele und unser Verstand wollen begreifen. Wir wollen – wir müssen sogar! – verstehen, um uns als Teil des großen Ganzen fühlen zu können, wir müssen uns rückversichern, wir müssen uns in einen Bezug bringen – historisch ebenso wie gesellschaftlich –, um uns lebendig, dem Leben zugehörig, fühlen zu können. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Denn ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben, wie gesagt.

In den letzten vielleicht hundert oder hundertfünfzig Jahren kam zur Suche nach Antworten immer mehr auch auf die Suche nach dem kollektiven und persönlichen Glück dazu. In den Nachkriegsjahren sogar immer mehr mit dem Subtext eines berechtigten Anspruchs darauf. »Glück als moralischer Imperativ«, titelt die Autorin Katharina Herrmann einen Abschnitt ihres lesenswerten Essays¹ über zwei sehr unterschiedliche Bücher.

Das eine – The Happiness Fantasy von Carl Cederström – ist leider erst auf Englisch erhältlich. (Bis es auf Deutsch übersetzt ist, lese ich mich durch seine anderen Bücher, die sich der Selbstoptimierungssucht und dem Wellnesszwang widmen.) Das zweite Buch, das Herrmann auf 54books.de bespricht, heißt Hippie und ist von Paulo Coelho. Ein Buch übrigens, das vor der Autorin wenig Gnade findet. Was ich heute nachvollziehen kann. Früher, als ich jünger, unkritischer und leichtgläubiger als heute war, mochte ich Coelho. Seinen Alchimisten habe ich vor zweiundzwanzig Jahren geradezu verschlungen, doch beim näheren Hinsehen ist in seinen Büchern doch vieles, »holprig aneinandergeklatscht worden […] und – wenig überraschend – der esoterische Kitsch (ist) mit Händen zu greifen.«¹ Frau Herrmann hat es für mich auf den Punkt gebracht. (Und nein, ich werde Hippie nicht lesen.)

Es geht mir hier eh weniger um die Bücher als um das Thema. Um diese verflixte Suche nach dem persönlichen Glück. Oder vielleicht eher noch um die Suche nach Antworten auf die Fragen nach den Ursachen, nach den Zusammenhängen. Nach unserem Platz im großen Ganzen.

»Der Bergarbeiter bekommt eine kranke schwarze Lunge, sein Sohn bekommt es auch und dann dessen Sohn. Die meisten Leute haben nicht die Vorstellungskraft – oder was auch immer –, um die Minen zu verlassen. Sie haben ’es’ nicht.« So zitiert Cederström eine Selbstbeschreibung des aktuellen US-Präsidenten aus dem Jahr 1990. Dieser inszeniert sich ja selbst gerne als Selfmade-Mann und verschweige dabei die geerbten Millionen.

In den späten 1960er Jahren war die Rede immer mehr darauf gekommen, dass der Mensch einfach nur sich selbst finden und sein Potential entfalten müsse, um glücklich zu werden. »Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben. […] Schon früh waren dabei auch Ratgeber der 1930er wie „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill oder „How to Win Friends and Influence People“ von Dale Carnegie von Bedeutung, schon in der Entwicklung von diesen Trainingsprogrammen war also die Verbindung von Idealen und kapitalistischen Motiven angelegt¹«, schreibt Herrmann (Hervorhebung durch mich). Muss man wirklich einfach nur genug erfolgreich oder wahlweise glücklich sein wollen, genug an sich selbst glauben – oder wahlweise an Gott –, um beispielsweise US-Präsident werden zu können? Oder zumindest um glücklich zu werden? Wurde uns das nicht sogar auf allen möglichen Kanälen so ähnlich eingetrichtert? In den Schulen, in den Kirchen, in den Selbsthilfebüchern?

Coelho schlägt in Hippie in die gleiche Kerbe: »Auch hier ist es also das einzelne Ich mit seinem Willen, das die Realität bestimmt: So deutet Paulo seine Entführung durch die brasilianische Polizei bereitwillig als „Strafe der Götter“, „[w]egen all der Traurigkeit, die er hervorgerufen hatte, musste er nackt auf dem Boden einer Zelle mit drei Einschusslöchern in der Wand sitzen.“ (Hippie, S. 50) Er hat sein Schicksal also selbst über sich gebracht – aber kein Problem, denn dann kann er es auch weiterhin steuern: So bemüht er sich während des Verhörs durch die Polizei um Selbstbeherrschung, denn „[n]egative Schwingungen ziehen negative Schwingungen an“ (Hippie, S. 59), und wenn man nur positiv genug herumschwingt, dann wird noch der größte Folterknecht handzahm.« (Katharina Herrmann, Zitat Ende¹; Hervorhebung durch mich)

Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher vulgär-psychoanalytischer und schlicht psycho-manipulativer Techniken habe diese Idee schnell zur Herausbildung von Trainingszentren wie „est“ geführt, in deren natürlich kostenpflichtigen Kursen die Teilnehmer zuverlässig bis zum Nervenzusammenbruch zur psychischen Selbstentblößung gezwungen wurden – um ihre Angst zu überwinden, um frei zu sein, um ihr wahres Selbst zu finden und ihr ganzes Potential entfalten zu können. So fasst es Cederström – von Herrmann zitiert – sinngemäß zusammen. Ein zentraler Aspekt der Gegenkultur der 1960er sei es gewesen, dass Realität nicht außerhalb des Willens des Einzelnen existiere. Cederström zitiert eine Teilnehmerin im Zentrum „est“, die in ihrem Kurs gelernt habe, dass der Wille des Einzelnen allmächtig und das Schicksal völlig vorherbestimmt sei. Sie fühle sich weder schuldig noch schäme sie sich für das Schicksal anderer Menschen; die Armen und Hungrigen müssen sich das alles selbst gewünscht haben (sinngemäß zusammengefasst, siehe¹).

Wäre dieses Manifestieren von Erfolg und Glück wirklich so einfach wie die Gurus und Erfolgreichen auf der ganzen Welt behaupten, wäre die Welt heute eine andere. Dass im Umkehrschluss Unglück, Armut und Hunger ebenso selbstgestrickt seien wie Erfolg und Glück, ist geradezu zynisch. Wären gewonnene Erkenntnisse, wäre die Rückverbindung, die Bezugnahme zu uns, zu unserer Mitte, zu unserm Anfang, wo alles ganz und gut und gesund war, wirklich so einfach umzusetzen, wie es uns der eine oder andere sogenannt erfolgreiche Mensch vorgaukelt, würden wir doch nicht hier sitzen und uns mit Problemen wie Rassismus, Sexismus, Krieg und Flucht herumschlagen müssen. Ja, klar haben wir Macht, aber nicht im Sinn von Allmacht, und auch nicht so, als ob wir die Geschicke der ganzen Welt beeinflussen könnten. Ja, wir sind mächtig, eigenmächtig, und ja, wir tragen Verantwortung. Und das nicht nur ausschließlich für uns und für unsere persönliche Selbstverwirklichung und unser persönliches Glück. Auch die anderen Menschen gehen uns etwas an. Eine menschliche Gesellschaft funktioniert nur als Solidargemeinschaft.

Menschliches Verhalten, das auf verinnerlichten Glaubenssätzen – meist aus der frühen Kindheit – und auf epigenetisch vererbten Traumata fußt, lässt sich nicht einfach per Knopfdruck, umwälzender Erkenntnis, Erweckungserlebnis oder Gehirnwäsche ändern, überschreiben oder gar ausschalten. Auch nach derartigen Erfahrungen dreht sich die Erde weiter. Und wir … wir leben weiter mit unseren Fragen und suchen weiter nach Antworten, denn wir wollen die Auswirkungen unseres Tun begreifen, unsere Selbstwirksamkeit erfahren und letztlich Verbundenheit finden.

Womit wir bei Milena Mosers neuem Roman wären. In Land der Söhne erzählt die vor einigen Jahren nach New Mexico ausgewanderte Schweizer Autorin vom jungen Luigi, der mit seiner Mutter im zweiten Weltkrieg aus der Schweiz ohne den verschollenen Vater nach Amerika flüchtete und seine Oberstufenjahre in einem Outdoor-Internat in der Nähe von Santa Fe verbrachte. Moser erzählt auch die Geschichte seines Sohnes Giovannis – Gio genannt –, der mit seiner Mutter vor dem jähzornigen Vater Luigi, inzwischen The Big Lou genannt, in eine Hippiekommune in der Nähe von Santa Fe geflüchtet ist. Die dritte Protagonistin ist Sofia, Giovannis Tochter. Sofia, die Tochter zweier Väter, ist in der Schule ein Opfer von Cybermobbing. Und letztlich trägt auch ihr Cousin Nestor Narben. Alle verbindet die Tatsache, dass sie von übergriffigen Menschen teils böswillig und vorsätzlich, teils aus purer Dummheit schwer verletzt wurden. Auch sexueller Missbrauch kommt dabei zur Sprache, für einmal an Buben begangen, nicht an Mädchen oder Frauen.

In Mosers Roman sehen wir Menschen wie du und ich, Menschen mit Wunden. Milena Moser gelingt es durchgängig Menschen- und Geschlechterbilder zu zeichnen, die keine herkömmlichen Klischees bedienen. Im Gegensatz zu Coelho, der – gemäß Katharina Herrmann – sein Hippie-, Menschen- und Weltbild unverkennbar männlich-patriarchal zeichnet. Was sie in ihrer Rezension sehr pointiert titelt: »Männer finden sich selbst, Frauen finden einen Mann.« (Zitat Ende, siehe¹)

In Mosers Land der Söhne hat sich Gio nach dem Tod seines Vaters zusammen mit seiner Tochter auf die Suche nach seiner verschollen geglaubten Mutter gemacht, deren Adresse er erst kürzlich erfahren hat. Inzwischen leitet diese unter neuem Namen eine esoterische, exklusive und elitäre Frauenoase in New Mexico. Als Gio sie auf das Geld, das sie ihm seit seiner Kindheit schuldet, anspricht, fällt ihre Maskerade und sie beschimpft ihren Sohn, den sie vor vielen Jahren auf der Suche nach sich selbst verlassen hat. Von ihrer nach außen hin glänzenden Fassade bleibt nichts mehr übrig. Trotz der »… Sinnsprüche, die in Schönschrift an die Wände gemalt waren.
Erfolg wird in Strahlen gemessen.
Wohlstand ist eine Frage der Einstellung.
Weil ich es wert bin.« (Zitat Ende, siehe²)

Nein, Veränderung wird wirklich nicht durch Schönschriftglaubenssätze manifestiert. Veränderung und Heilung geschehen still und leise. Dort nämlich, wo wir zulassen, wo wir integrieren, wo wir akzeptieren, was ist, wie es ist. Dort, wo ich mir erlaube, eine Suchende zu sein. Quaero ergo sum | Ich suche, also bin ich. Eine Unfertige. Auf dem Weg zurück in mein Ganz, das mir eine Richtung gibt.

Am Ende von Land der Söhne sagt Gio zu seiner Tochter, zu seinem Neffen Nestor und letztlich auch zu sich selbst: »Das ist schlimm, keine Frage. Aber es hat nichts mit euch zu tun. Es ist nicht euer Problem. Stellt euch vor, ihr fahrt im Bus die Mission Street entlang und ein Betrunkener übergibt sich plötzlich. Ihr könnt nicht ausweichen, das Erbrochene trifft euch. Das ist widerlich, zweifellos, aber ihr denkt nicht darüber nach, ob ihr etwas falsch gemacht habt, ob es an euch liegt, ob etwas nicht stimmt mit euch. Nein, das ist allein das Problem des Betrunkenen. Und das, was euch passiert ist […], das, was uns passiert ist, ist genau dasselbe. Es hat nicht mit uns zu tun.« (Zitat Ende, siehe ²) Für mich die Schlüsselszene. Und nein, das widerspricht nicht meiner Überzeugung, dass alles mit allem zusammenhängt. Dieser Ansatz – dieses Es-hat-nicht-mit-uns-zu-tun – nimmt uns jedoch den Druck, dass wir uns angeblich kraft unseres Willens und unserer Gedanken alles, was uns geschieht und geschehen ist, selbst aufgeladen haben sollen. Und den Druck auch, dass alles, aber auch wirklich alles – sogar Schmerz und Wunden, die uns andere zugefügt haben –, einen Sinn haben und mir und/oder meinem Körper etwas sagen wollen. Denn unglücklich und un-ganz zu sein gehört eben auch zum Leben.

Ob es jenseits von Zeitgeistströmungen und deren Methoden überhaupt ein dauerhaftes Glück im Gefundenhaben und im Angekommensein, ein anhaltendes Zurück-ins-Ganz geben kann?


¹Quelle: Katharina Herrmann auf 54books.de
²Quelle: Milena Moser in Land der Söhne

Die erwähnten Bücher:

The Happiness Fantasy, Carl Cederström
ISBN: 978-1-509-52380-1
200 Seiten (englische Ausgabe)
erschienen im September 2018

Hippie, Paulo Coelho
ISBN: 978-3-257-07049-1
Hardcover Leinen
304 Seiten
erschienen am 26. September 2018

Land der Söhne, Milena Moser
ISBN: 978-3-312-01093-6
gebundene Ausgabe
420 Seiten
erschienen am 20. August 2018

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