Notizen am Rande #1

Wir puzzeln uns mit unseren Beobachtungen und Nachfragen, gesammelten Informationen und angestellten Vergleichen ein Bild zusammen – von der Welt, vom Leben, den anderen. Haben wir es vermeintlich fertig zusammengestellt, merken wir – manchmal auch nicht –, dass das gemachte Bild nur ein Ausschnitt ist.

Manchen ist das genug.

Andere wie ich können nur immer weiterpuzzeln. Oben, unten. links, rechts. Immer neue Ausschnitte. Darob vergessen, was wir bereits fertig zusammengesetzt haben. Oder feststellen, dass die vermeintlich richtig platzierten Teile, in Wirklichkeit ganz woanders hingehören.

Welche Wirklichkeit?

Hoffentlich hören wir nie damit auf, den einzelnen Teilen die Möglichkeit eines immer wieder anderen Kontextes zuzugestehen.

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Fast könnte ich schlafen, zumindest ein wenig dösen. Ich wage es nicht, denn es könnte auf einmal weitergehen und auf einmal wäre die Straße vor mir wieder frei.

Irgendwann ist der Stau immer vorbei. Jeder Stau, in dem ich je gesteckt habe, hat sich immer irgendwann aufgelöst.

Alle paar Sekunden schaue ich vom Handy auf, in welches ich diese Buchstaben tippe. Perlen auf einer Schnur. Wie die Autos hier, die dicht an dicht hintereinander gereiht auf der Straße im Irgendwo stehen.

Wir stehen nun schon fast eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde Lebenszeit. Jemandes Todestag vielleicht. Heute ist – mutmaße ich – der Tag, der zum Tag werden wird, an welchem Xy tödlich verunfallte, in der Nähe von Blablub, auf der Autobahn.

Ich schaue immer seltener vom Handy auf. Fast ist dieses Warten auf die Weiterfahrt, dieses staustehende Lebensprovisorium, zu einem Normalzustand geworden. Über die Lautsprecher höre ich Hjatalin. Beinahe löse ich mich auf in der Melodie.

Der Fahrer im Auto hinter mir spielt – passend zu meiner Musik – ein Trommelsolo auf seinem Armaturenbrett. Auf dem Pannenstreifen fahren zivile Fahrzeuge mit Blaulicht.

All die Menschen, die mit mir im Stau stehen.
All die Menschen und ihre Geschichten.

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Wenn ich sehr reich wäre – und/oder sehr innovativ-kommunikativ und geschäftstüchtig – , ich würde eine Stiftung gründen.

Meine Stiftung hieße ’Bedingungslos’ und würde Menschen, die kein lebenswürdiges, wertschätzendes Einkommen erhalten, weil sie – wegen psychischer oder psychosomatischer Krankheit, sonstiger Inkompatibilität mit den Leistungsanforderungen der Gesellschaft oder aus ähnlichen Gründen – aus dem Hamsterrad gefallen sind, ein Grundeinkommen zahlen.

Ein paar Kandidat*innen wüsste ich bereits.