Das hier ist übrigens keine Neujahrsansprache; sie tut nur so und hat kein Verfalldatum

Ja, ich habe da tatsächlich ein paar Wünsche für das Neue Jahr. Für mich und für uns alle. Und noch immer ein paar Hoffnungen. Sie sterben angeblich zuletzt, sagt man. Aber daran glaube ich schon lange nicht mehr. Denn für mich ist es die Liebe, die es am längsten mit uns aushält. Wobei – sterblich? Nein, sterblich ist sie nicht.

Fürs neue Jahr wünsche ich mir und uns allen mehr achtsames Miteinander. Mehr ’alle’ und weniger ’ich zuerst’.
Lasst uns statt der großen und lauten Sprünge lieber kleine, organische Schritte gehen und feiert mit mir die Langsamkeit. Das Wachsen der Blüte zur Frucht, die – wie alles – dem Verfall gewidmet ist. Unausweichliche Endlichkeit, Vergänglichkeit. Jetzt. Immer.
Lasst uns darum dem Fehler und dem Scheiterndürfen wieder mehr Raum geben, sie als Lehrer und Kumpel willkommen heißen und uns einfach akzeptieren, dass sie da sind und zum Menschsein dazugehören. Ja, wenden wir uns doch grundsätzlich wieder mehr diesem Menschsein zu, das vom Optimierungswahn, der zurzeit grassiert, fast aufgetunkt wird. Lasst uns einander Menschen sein, unvollkommen zwar, aber einander zugewandt. Wohlwollend in unserm Unvermögen und Begrenztsein, aufrichtig dabei. Und ehrlich – den andern gegenüber ebenso wie uns. So gut es geht jedenfalls. Liebevoll und wohlwollend.

Womit wir bei den Regeln und dem gesunden Menschenverstand angelangt wären. (Und nein, das hier ist kein neues Regelwerk!) Machen wir uns doch immer wieder – liebevoll – bewusst, dass in aller Regel Entscheidungen, zumindest weitreichende, in für alle Beteiligten guter Absicht getroffen werden. Und dass aber niemand je – ebenfalls in aller Regel – den Ausgang und die letzten Konsequenzen unserer Entscheidungen kennt. Plan und Realität sind nämlich zwei Paar Schuhe.
Darum lasst uns unsern Regeln misstrauen, sie hinterfragen und überdenken. Und manche über Bord schubsen.
Lasst uns stattdessen wieder mehr dem gesunden Menschenverstand lauschen.
Wen höre ich da lachen und ’Den gesunden Menschenverstand gibt’s längst nicht mehr!’ sagen?
Okay, dann lasst ihn uns reanimieren. Neu weben vielleicht sogar.
Aber nicht aus Dogmen.
Nicht aus Glaubenssätzen.
Nicht aus Regeln.
Auch nicht aus lebensfeindlichen Materialien.
Dafür mit mehr Intuition. Und mehr Liebe. (Von wahrer Liebe gibt es eh nie zu viel!)
Ja, lasst uns ab sofort Liebe, Zugewandtheit und Mitmenschlichkeit als Wasserwaage nehmen. So wir denn überhaupt eine Maßeinheit brauchen, lasst es die Liebe sein. Jene, die sich nicht messen lässt, jene, die überfließt. Jene, die bedingungslos ist und alle meint. Frauen jeden Geschlechts, Männer auch. Alte. Junge. Alle anderen halt, und auch jene, die wir nicht verstehen. Ja, lasst uns wieder mehr ’Wir’ denken und fühlen statt ’Wir und die anderen’.
Lasst uns wieder mehr Gräben zuschütten und Brücken bauen, statt Mauern und Schützengräben. (Und ja, das alles sage ich auch zu mir, die ich oft genug mit der Schaufel herum renne, als ob so ein Feindbild auf der rechten Straßenseite irgendwen glücklicher, heiler, lebendiger machen würde.)
Und lasst uns wieder aufmerksamer unseren eigenen Subtexten lauschen und sie auf Spuren von Manipulation abklopfen. Und auf Besserwissereien und Besserkönnereien.
Seien wir uns doch wieder mehr bewusst, dass das, was auf dieser Welt passiert, fast nie unsere eigene Schuld ist, fast nie unser eigenes Verdienst.
Denn alles kann sich von jetzt auf gleich verändern.
Alles kann von jetzt auf gleich zerbrechen.
Alles steht und fällt ständig.
Alles wandelt sich ständig.
Bevor wir mit dem Finger auf jemanden zeigen, dem es scheiße geht, halten wir doch kurz inne und fragen uns:
Was wissen wir schon vom andern? (Und ich meine wirklich, also wirklichwirklich!)
Was wissen wir schon von seinem Schmerz und ihrem Trauma?
Von seiner Flucht.
Von ihrer Geschichte.
Von seinen Erfahrungen.
Von ihren Albträumen.
Was ein anderer Mensch gut und richtig findet, muss nicht das sein, was auch wir richtig finden – ich und du.
Überdenken wir unsere Wertungen, unsere Vorurteile, unsere Schubladen.

Das Wort Égalité fällt mir dazu ein, französisch für Gleichheit. Für mich steht es aber auch für die Gleichwertigkeit von Meinungen und dafür, wie gut es uns allen tut, das Bewerten der Ansichten anderer sein zu lassen. Hören wir doch endlich damit auf, unsere eigene Gedanken und Erkenntnisse zu verallgemeinern, von uns auf andere zu schließen, mit unseren Erfahrungen gar zu missionieren und machen wir uns bewusst, das jeder Mensch ein klein bisschen anders gestrickt ist als wir selbst. Oder sogar ziemlich sehr anders.
Diese Verschiedenheit ist es doch, die die Welt bunt macht. (Und ja, ich wünsche mir weiterhin eine bunte Welt. Eine, in der alle Regenbogenfarben Platz haben.)
Und ich wünsche uns mehr Demut, mehr von jenem Bewusstsein davon, dass uns manche Dinge einfach so passieren, denn Schuld und Verdienst sind fragile, sehr menschliche Konstrukte, wie gesagt.
Natürlich, alles hängt zusammen, aber wir können nicht alles beeinflussen. Wir haben schlicht nicht alles in der Hand. Wir haben keine Macht darüber, in welche Richtung der Faden der Geschicke unser Lebensgefährt zieht.

Ja, heute wünsche ich mir nichts mehr, wenn ich eine Sternschnuppe sehe und ich glaube auch nicht mehr wirklich daran, dass Schnapszahlen Glück bringen. Außer eben genau im Jetzt. Weil es mich jetzt glücklich macht. Weil es Glück ist, sie zu sehen. Dass ich sie überhaupt sehen kann, diese eine Schapszahl und diese eine Sternschnuppe. Und dass ich die Schönheit von Sonnenuntergängen wahrnehmen kann. Und den Geruch von Wald, von Meer, von See, von Gras. Dass ich meine Sinne offen halte kann.

Kurz gesagt: Machen wir uns bewusst, dass wir immer nur einen Ausschnitt sehen, nie das Ganze.

Darum wünsche ich mir für uns alle im neuen Jahr mehr Liebsprech statt Hatespeech.

So, und jetzt vergesst alles wieder, was ich hier geschrieben habe und macht beherzt euer eigenes Ding, auf eure Weise, sammelt eure eigenen Erfahrung und tragt dabei uns allen Sorge.