Was geht

Vor bald einem Jahr war es. Am Vorabend unserer großen Reise in den Norden Schwedens. Der Liebste hatte meinem iPhone 5S* einen neuen Akku verpasst – keine einfache Sache. Während der Ferien und auch noch eine Weile danach hielt der Akku dann auch, was er versprochen hatte: Er ließ mein Handy arbeiten, zäh und ausdauernd, mit jugendlichem Übermut geradezu. Nennen wir diese hundert Prozent, die mein Handy damals zu laden und zu leisten fähig war, ein bisschen provokativ die ’normalen hundert Prozent’, wenngleich es letztlich keinen wirklich verbindlichen, absoluten Maßstab für hundert Prozent gibt – weder bei Geräten noch bei Menschen. (Denn ja, das hier ist durchaus als Metapher zum Menschsein gedacht).

Die Zeit zog übers Land und es wurde Herbst. Irgendwann spielte ich das neue Update des Betriebsprogramms aufs Handy, iOS 12. Mag sein, dass das neue Betriebssystem den nicht markeneigenen Akku nichterkannte oder schlicht und einfach nicht mochte oder was auch immer: Fakt war, dass mein doch noch fast neuer Akku neuerdings nach immer kürzerer Zeit leer war. Eben zeigte er noch achzig Prozent an, dann siebzig und – schwupp! – war ich bei zwanzig. Ich konnte, während ich am Handy Bilder bearbeitete oder Blogs las, fast zuschauen, wie die Anzeige sank.

Natürlich erinnerte mich das an früher, Stichwort Memory-Effekt. »Als Memory-Effekt wird der Kapazitätsverlust bezeichnet, der bei sehr häufiger Teilentladung […] auftritt. Der Akku scheint sich den Energiebedarf zu merken und mit der Zeit, statt der ursprünglichen, nur die bei den bisherigen Entladevorgängen benötigte Energiemenge zur Verfügung zu stellen. […] Sinkt die Zellenspannung unter diesen Mindestbedarf ab, wird die Zelle für die Nutzung unbrauchbar, obwohl sie noch weiterhin elektrische Energie liefern kann.« Sagt Wikipedia.

Keine Ahnung, ob das der Grund für den immer rascheren Kapazitätsverlust meines Handyakkus ist, zumal ich den Akku extra immer ganz runtergespielt habe, um ja bloß nicht einen Memory-Effekt zu provozieren. Von Anfang an habe ich es so gehalten.

Inzwischen sind aus den ursprünglichen ’normalen hundert Prozent’ vielleicht noch dreißig Prozent übrig geblieben, die wiederum ihre eigenen ’neuen hundert Prozent’ darstellen. Wie klein diese hundert Prozent sind, stelle ich besonders dann fest, wenn ich sehe wie wenig Strom das Handy für eine Ladung von zehn Prozent auf hundert Prozent braucht, gut sichtbar, wenn ich es über die Powerbank lade.

Unweigerlich denke ich an uns Menschen. An mich ebenso wie an liebe Freund*innen. Meine hundert Prozent sind nicht mehr, was sie einst waren. Es sind meine persönlichen hundert Prozent, meine Kapazität zwischen null und hundert ist verglichen an den früheren – könnte man diese denn absolut erfassen – deutlich kleiner geworden. Zum einen hat das persönliche Gründe, zum anderen gehört das zum Älterwerden. Und es ist okay.

Diese hundert Prozent, die ich oben provokativ ’normal’ genannt habe, sind nämlich höchstens im Sinne der Normalverteilungskurve normal. Von unseren persönlichen hundert Prozent auf jene eines beliebigen anderen Menschen zu schließen, ist ganz großer Mist. Passiert uns aber allen immer mal wieder. In beide Richtungen. Aber Vergleichen ist ganz große und ganz unnötige Kraftverschwendung.

Was also mit mir und meinen Ressourcen anfangen? Gut zu mir schauen. Selbstfürsorge. Achtsamkeit.

Mit dem Handy ist das so eine Sache. Ich trage ihm Sorge, klar, doch seit Monaten überlege ich, ob ich weiterhin mit einem altersschwach gewordenen Handy leben oder mir doch irgendwann ein neues Aus-zweiter-Hand-Handy suchen soll. Und nein, das ist nicht nur eine Frage der Finanzen. Man schließt ja diese Dinger eben auch irgendwie ins Herz.


*Ich habe es vor etwa dreieinhalb Jahren (mit kaputtem Glas, das ich repariere ließ) von Freund S. übernommen habe. Handys kaufe ich aus Überzeugung nur noch aus zweiter Hand.

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