#flussnoten19 | Tag 5

(Mein schöner Plan, hier täglich ein bisschen mehr von unserer Flussnoten-Fernwanderung zu erzählen, geht nicht ganz auf. Habt Geduld, die Etappenberichte chömmed eifach nadisna, wie man bei uns in der Schweiz so schön sagt.)

27. Juni 2019

Von unserem Nachtlager nicht weit vom Aareschlucht-Eingang wandern wir am fünften Morgen in die kleine Stadt Meiringen hinein, wo wir unsere Vorräte aufstocken.

Im Migroscafé unterhalten wir uns ein wenig mit Einheimischen und stärken uns mit Heißgetränken und Mini-Ragusa [wie nennt man die eigentlich im Plural: Ragusae? Ragusas? Raguse?], bevor wir uns wieder hinaus in die Hitze aufmachen. Heiß ist es nicht zuletzt darum, weil es kaum Bäume und andere Schattenplätze auf dem Weg nach Brienz gibt. Außerdem läuft unser Wanderweg oft gleichzeitig als lokaler Fahrradweg und ist darum größtenteils geteert. Hot, very hot. Nein, es ist nicht wirklich so toll, hier zu wandern, und ich sage eins ums andere Mal, dass das Land unbedingt mehr Bäume braucht. Hier. Und überhaupt. Es braucht unbedingt überall mehr Bäume!, jammere ich. Na ja, nicht nur aus umweltpolitischen und altruistischen Gründen, ich gestehe es.

Als auf einmal fatamorganesk ein Brunnen* vor uns auftaucht, dauert es keine Minute bis Irgendlink nackt darin sitzt. Ich wasche mir die Haare, kühle mich ab, wasche mich, erfrische mich.

Die Erfrischung hält eine Weile, doch schon nach wenigen Kilometern ist es uns bereits wieder viel zu heiß. Noch eine Fata Morgana?, denke ich, als schließlich ein kleiner Baggersee auftaucht. Ein paradiesisch anmutendes Naturschutzgebiet, das wir fast verpassen, weil der offizielle Wanderweg drumherum führt.

Erneut baden wir. Es ist eh Zeit für eine längere Siesta und ein ausgiebiges Picknick. Das hier ist einer dieser Tage, an denen man nicht genug Pausen machen und baden kann.

Später hopsen wir von Schatten zu Schatten und von Bänklein zu Bänklein weiter Richtung Brienzwiler. Wir stranden in einem kleinen Weiler, wo uns der Mitarbeiter eines Kraftwerks nicht nur Wegvarianten nach Brienz erklärt, sondern uns auch gleich noch mit frischen Wasservorräten ausstattet.

Der Wanderwege sind tatsächlich viele. Die meisten allerdings eher geteert als wirklich schön wanderbar, weshalb wir überlegen, allenfalls bei Brienzwiler den Weg durch das Freililchtmusuem Ballenberg auszuprobieren. Immerhin ein richtig schöner Wanderweg mit Wald drumrum. Was uns abschreckt, ist, dass es zum Eingang ziemlich bergan geht und dass wir uns den Eintritt ins Museum nicht leisten können und wollen. Das Museum und damit die Häuser seien über Nacht geschlossen, hatte uns aber unserer Wasser-Engel erzählt, darum sei das Gelände nachts frei zugänglich.

Herz, was willst du mehr? Ich lotse uns bergauf zum Eingang des Geländes. Irgendlink ist skeptisch. Tickt die Schweiz wirklich so? Lassen die uns rein? Ja. Ja, wir dürfen, ohne Eintritt zahlen zu müssen, durch das Gelände wandern. Wir sind pünktlich und die Kassiererin wartet extra, bis wir unser Eis geleckt haben, um uns die Drehtür zu öffnen.

Hurra, wir sind drin! Lange her, seit ich das letzte Mal hier war. Einer der wenigen Ausflüge, die wir als Kinder mit den Eltern gemacht haben? Oder war es eine Schulreise? Und war es damals schon so riesig, dieses Gelände, auf welchem alte Original-Häuser aus der ganzen Schweiz aufgebaut wurden, um die Vielseitigkeit des Landes sichtbar zu machen?

Wir sind beide sehr beeindruckt. Auch von den vielen Rastplätzen, die zum Innehalten einladen. Ob wir hier campieren könnten? Das lassen wir schließlich, denn immerhin ist das Gelände Naturschutzgebiet.

Wo wir wohl hinter Ballenberg unser Nachtlager aufschlagen könnten? Die Gegend ist hier schon viel dichter besiedelt als an den ersten Wandertagen. Viel Land ist zudem Weideland und da können wir nicht einfach so wild zelten. Auf der Karte sehen wir einen Bach, nicht weit entfernt Häuser. Da dürfen wir bestimmt campieren!, überlegen wir.

Leider ist auf der Karte alles ein bisschen einfacher und anders als in Wirklichkeit. Tatsächlich ist der Bach schwer zugänglich, beidseitig von Gebüsch zugewachsen, das Gelände steil und die Wege sind schmal. Und außerdem sind wir auch noch auf der falschen Bachseite, stellen wir fest, als wir auf einer Wiese stranden und der Weg einfach aufhört.

So langsam werde ich ungeduldig. Es ist heiß. Ich habe Hunger. Ich bin müde. Wir parken die Rucksäcke auf einer Wiese und während Irgendlink nach einem besseren Platz sucht, finde ich mit Karten- und Telefonbuch-Apps die Telefonnummern der diesem Platz am nächsten wohnenden Menschen heraus. Ich nehme meinen ganzen Mut – unterfüttert von Tagesmüdigkeit und Hunger – zusammen und rufe eine der gefundenen Nummern an. Ich habe Glück. Die Frau am anderen Ende, jenseits des Baches, hat uns vorhin sogar vorbeiwandern sehen und meint, dass dort, wo wir jetzt seien, der bestmögliche Platz zum Lagern sei. Da dürften wir zelten. Eine Nacht sei kein Problem. Aber einfach nichts liegen lassen. Natürlich nicht, sage ich. Und: Danke!

Das Beste aber ist: Wir dachten, das hier sei eine Sackgasse und wir müssten einen großen Bogen zurück gehen, um auf die Straße zurückzukommen. Ist es aber nicht. Der Weg geht hier weiter. Ein sehr schmaler Weg sei es allerdings, rutschig, nicht ganz ungefährlich. Wenn man ihm folge, komme man direkt runter nach Brienz.

Ich freue mich sehr. Dass ich mich anzurufen getraut habe. Dass wir hochoffiziell hier bleiben können. Dass der Weg weiterführt. Dort, wo er vermeintlich aufhört, geht es in dichten Wald hinein und nach zehn oder zwanzig Metern direkt zum Bach. Eine Badestelle ist schnell gefunden und einmal mehr staune ich, wie schnell sich das Blatt nach einem erfrischenden Bad wendet.

Den Wassersack, am Bach gefüllt, hängen wir an eine Art Dreifuß, den wir aus den Wanderstöcken und einem dritten Stecken basteln. So können wir uns Koch-, Wasch- und Abwaschwasser holen, ohne jedes Mal zum Bach hinunterklettern zu müssen.

Was für ein farbiger, anstrengender, heißer Tag! Wir lassen ihn gemütlich ausklingen.

Bilder von Tag 5

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 5 unserer Wanderung (Text folgt)


Kartenlink Tag 5


*den Brunnen hatte ich übrigens versehentlich schon am vierten Tag erwähnt, doch unsere Bilder belegen, dass er erst am 5. Tag auftauchte. So viel also zu Fata Morganas.

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