#flussnoten19 | Tag 8

30. Juni 2019

Ein sehr schönes Aufwachen ist es auf 1100 Höhenmetern. Stille, Weitblick – und schon bald kitzelt die Sonne die Berg wach. Nach einem winzigen Frühstück packen wir unsere Sachen und wandern weiter Richtung Waldegg-Beatenberg. Weit ist es nicht mehr, aber schon bald ist es sehr heiß. Als Zwischen- oder vielleicht sogar Tagesziel haben wir uns für die Sundlauenen entschieden, einem Platz direkt am Thunersee, den ich von früher kenne und als wildromantische Badebucht mit Wald und einigen tollen Wildzeltplätzen in Erinnerung habe. Lang her.

Ab Waldegg, einer Siedlung, die zum sehr weitläufigen Berg- und Feriendorf Beatenberg gehört, folgen wir darum den Wegweisern nach Sundlauenen. Da wir keinen Brunnen finden, bitten wir zum ersten Mal auf dieser Tour bei einem Wohnhaus um Wasser. Normalerweise füllen wir unsere Flaschen an Brunnen, Bächen, Flüssen. Die Frau, die uns Wasser zapfen lässt, fragt, wo wir lang wandern und staunt, wie weit wir in einer Woche schon gekommen sind.

Erzählen wir jemandem, dass wir auf der Grimsel losgewandert sind, staunen die Leute immer, dabei ist es im Grunde gar nicht mal so weit. Doch das Wandern scheint hier ungewöhnlich geworden zu sein, wir treffen unterwegs jedenfalls kaum Wandernde.

Auf einer Schattenbank frühstücken wir ausgiebig und genießen die Weitsicht. Noch immer sind wir ziemlich hoch oben.

Bald weicht der Wald Weideland, Scheunen säumen den Weg, Höfe auch. Im Schatten des Waldes ist die Hitze definitiv erträglicher gewesen als auf den Wiesen und – überhaupt! – der steile Abstieg geht ganz schön in die Knochen und Gelenke. Ich bin denn auch ziemlich erschöpft, als wir irgendwann die Autostraße erreichen, die wir überqueren müssen, um zur Sundlauenen-Bucht zu kommen. Was für eine Brutofenhitze! Dazu macht mich die Nähe des Sees ganz hibbelig, ich will mich so schnell wie möglich ins Wasser stürzen.

Doch hier sieht alles anders aus als früher, der Wald ist mit einem Campingverbot belegt, manche Stellen sind abgesperrt und als privat gekennzeichnet. Dazu ist die Badestelle schon ziemlich gut besetzt.

Hatte nicht B. letzte Woche etwas von einer Baustelle erzählt? Davon, dass hier wegen Überschwemmungen oder Unwetterschäden baulich eingegriffen worden sei? Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber  früher war es hier auf jeden Fall schöner. Jedenfalls in meiner Erinnerung.

Der Badestrand ist steinig, ohne Bäume und somit ohne Schatten. Doch da es dort eh schon viele Menschen hat, suchen wir uns im nahen Wäldchen einen Platz, wo wir lagern können. Wir breiten uns aus und folgen, dem Wandern der Sonne entsprechend, den Schattenflecken. Der See ist hier sehr kalt und weil die großen Steine sehr rutschig sind, ist der Einstieg entsprechend, sagen wir mal, experimentell. Dennoch tut die Erfrischung sehr gut und wir erholen uns ein paar Stunden vom anstrengenden Abstieg.

Den Plan, hier zu bleiben, um zu biwackieren, verwerfen wir schnell, es ist ja auch erst etwa vier Uhr. Der Platz ist zu öffentlich und außerdem sind Gewitter gemeldet. Für Gewitter wäre eine Waldhütte nicht schlecht. Oder ein öffentlicher Zeltplatz, auf welchem wir zur Not in ein Badehäuschen flüchten könnten. Wir diskutieren die Möglichkeit, mit dem Schiff von der Sundlauenen-Schiffländte aus ans andere Ufer zu fahren, da dort ein Campingplatz ist. Bei dieser Gelegenheit hätten wir auch gleich einen Twitter-Blog-&-Künstler-Kollegen heimsuchen können. Aber passen Besuche und passt ein Seeseitewechsel in unseren Wanderflussflow?

Hin- und hergerissen sind wir, denn mit dem Schiff könnten wir ja auch einfach die Beatenbucht umschiffen. Denn um die Bucht zu Fuß zu umwandern, hätten wir einmal mehr ein ziemliches Aufwärtsstück gehen müssen. Bei dieser Hitze. So spät noch. Bei Gewitterprognosen. Nein. Man darf sich ja auch mal etwas gönnen. Eine Schifffahrt zum Beispiel.

Die Fahrt ist kurz und das Schiff sehr voll. Wir setzen uns ins Schiffsinnere, denn die vielen Leute und die brutale Hitze strengen an. Über dem Niesen ziehen Wolken auf, wie um die Prognosen zu bestätigen. Ob wir in Merligen irgendwo einen sicheren Platz finden werden? Eine Scheune vielleicht, bei einem Bauernhof?

In Merligen ist da auf einmal diese riesige Lust auf Pommes. Oder doch lieber ein Eis? Die Möglichkeit zu konsumieren macht es. Oder sind es die vielen Menschen hier? Jedenfalls sitzen wir kurz darauf schon wieder an einem schattigen Tisch. In der Badi Merligen. Mit einem Klingeldingsi vor uns, das angeblich kundtun wird, dass die Pommes fertig sind. Nach zwanzig Minuten gehe ich beim Kneipchen vorbei und frage nach. Doch die Pommes sind noch nicht fertig, denn die arme Frau ist mit Küche und Theke allein und bekommt buchstäblich nichts gebacken. Nach einer weiteren Viertelstunde werde ich dann doch langsam ungeduldig und kündige Irgendlink an, dass ich in zwei Minuten nochmals nachfragen werde. Ich stelle dazu sogar demonstrativ den Handywecker. Nach anderthalb Minuten hüpft und lärmt das Klingeldingsi auf dem Tisch herum und ich hüpfe auch und hole die Pommes. Die dann auch ziemlich gut schmecken und den gröbsten Hunger stillen.

Inzwischen haben wir die Wanderkarten ein bisschen ausgiebiger betrachtet. Irgendlink hat oberhalb von Merligen eine Waldhütte entdeckt. Nicht weit von hier. Luftlinie gerade mal achthundert Meter. Da in der Nähe könnten wir es bestimmt mit Zelten versuchen. Irgendlink ersteht am Badi-Kiosk eine Flasche Bier, Dosen gibt es hier nicht. Verrückter Kerl, als hätten wir nicht schon genug Gewicht in den Rucksack. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf einen kühlen Schluck Bier.

Ab Dorfmitte geht es immer schön steil aufwärts, teils über Wanderwegtreppen. Schließlich lassen wir das Dorf hinter und unter uns. Erste Regentropfen fallen. Der Himmel ist ein graues Geschmier, durch das aber doch immer wieder ein paar Sonnenstrahlen dringen. Und heiß ist es auch noch immer. Das kühle Seebad ist längst mit Schweißbächen überschrieben, überschwitzt. Und noch immer geht es weiter bergauf. Ich schaue immer mal wieder auf dem Handy, wie weit es noch ist und ob wir es wohl trocken nach oben schaffen.

Und auf einmal sind wir da. Was für ein Waldhaus! Mit vielen Picknicktischen – steinerne unter freiem Himmel, hölzerne unter einem Dach. Dazu zwei Brunnen. Eine geöffnete Toilette. Ein Spielplatz mit Holzschnipselboden, den wir schon bald zum Biwackplatz bestimmen. Dazu eine prächtige Aussicht auf den Niesen am Ufer gegenüber, der sich mit Wolken bedeckt hält.

Es ist ein kleines Wunder, dass wir nach diesem heißen Tag und bei den angekündigten Gewittern so einen guten, sicheren Platz gefunden haben. Und sogar einen Bierflaschekühlbrunnen gibt es hier!

Ich mag Brunnen, auch baden lässt es sich nämlich in ihnen. Nach dieser wohltuenden Erfrischung kochen und essen wir. Später trinken wir unser kühles Bier und bald schlüpfen wir auch schon im Spielplatzbereich in unsere Schlafsäcke. Der Regen hat sich wieder verzogen und auch die Gewitter scheinen es doch nicht ernst gemeint zu haben.

Auf Twitter schreibe ich am nächsten Morgen einen Thread:
1.) So ein Gewitter hat was. Zuerst als Intro Wetterleuchten überm Niesen, dann erste Donner und Blitze ebendort, ennet des Sees. Spektakulär! Kein Kino kann so was. 3D kann einpacken. Langsam kommt das Ganze näher und wir entscheiden uns um ein Uhr nachts,
2.) uns von ‚zwischen dem Schaukelpferden’ auf die Tische zu verlagern. Wie in einem Freilichttheater konnten wir von dort aus – liegend -weiter staunen. Ja, und ein bisschen unheimlich wars schon. Schließlich der Regen. Erlösende Kühle. Um 2:22 guck ich nochmals aufs Handy, dann
3.) penne ich ein. Tief und fest. Ich wollte ja schon immer auf einem Tisch tanzen. Schlafen toppt das irgendwie.

Kurz bevor wir fertig gepackt haben, kommt der  Platzwart, ein Mitarbeiter der Gemeinde, und sagt, dass man hier eigentlich nicht übernachten dürfe, ABER alles sei gut. Wir bräuchten auch kein Geld in die Kasse am Haus zu legen (was wir vorgehabt hatten). Das Geld sollen wir lieber für die weitere Reise behalten. (Yesss! Damit sind wir nun definitiv in die Gilde der Pilgernden dieser Welt aufgestiegen. Irgendlink trauert dem Umstand nach, dass er keinen Pilgerpass dabei hat.) Wir hätten im Schloss Rallingen übernachten können, sagt der Platzwart weiter, da habe es eine Pilgerherberge. (Was wir theoretisch hätten sehen und somit wissen können.)

Was für ein netter Mensch! Danke Merligen für diese Wahnsinnsnacht.

Bilder von Tag 8

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 8 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 8

Nachtlager: 1. – 9. Nacht auf Twitter hier klicken