»Es ist halt jetzt nun mal so!«

Es ist wie fotografieren. Im Moment ist zoomen angesagt, heranziehen, vergrößern, genau hinschauen. Details, kleine Dinge des Alltags, die wir gar nicht beachteten, werden auf einmal wichtig und groß. Wie Kieselsteine im Schuh oder wie das Lied der Amsel auf dem noch immer kahlen Apfelbaum.

Und nein, ich spreche nicht vom ausverkauften Klopapier, eher denke ich an Dinge wie ein Lächeln da und dort oder die Erkenntnis, dass die liebe Freundin noch alleiner ist als ich. Die Kräfte haben sich verschoben. Niemand weiß wirklich, wie es weiter gehen wird. Und es zeigt sich jetzt auch, ob die von uns gewählten Volksvertreter*innen uns wirklich vertreten – oder eben nicht.

Improvisation ist gefragt. Gemeinschaftssinn. Zusammenstehen, miteinander … Worte, die zurzeit inflationär aus unseren Mündern purzeln. Dürfen sie, sollen sie – solange sie echt gemeint sind.

Krisen lassen sich jedenfalls gemeinsam besser ertragen und durchschreiten.

Nun ja, die wirklich schlimmen Krisen waren bisher immer weit genug weg von uns hier im satten Mitteleuropa. Im Mittelmeer zum Beispiel, oder im Osten irgendwo oder im Süden oder noch weiter weg.  Und wenn doch bei uns, dann irgendwo am Rand. Fast unsichtbar für alle Nicht-Betroffenen. Wir haben ja schließlich unsere Grenzen.

Dieser Tage denke ich wieder einmal viel über Grenzen nach und stelle fest, dass ich je länger je weniger an Landesgrenzen glaube.  Nicht nur, weil ich gern und oft der Liebe wegen im ’großen Nachbarkanton’ weile, wie wir hierzulande Deutschland gerne nennen, und weil mir diese Grenzen zu überschreiten aktuell verwehrt ist. Aber das soll heute nicht das Thema sein.

Es gibt aber auch Grenzen, die Fakten abbilden. So gibt es Grenzen die ein Vorher und ein Nachher definieren. Das Vorher, welches wir bis vor zwei, drei Monaten gelebt haben und zu kennen glauben, wird (wahrscheinlich) nie mehr sein. Nicht mehr so. Manches ist für immer vorbei und vergangen, manches wird sich neu formen. Wir stecken mitten in einem umwälzenden Prozess, der existentiell ist und schmerzhaft und der Chancen in sich trägt. Wir stecken mitten gemeinsam in einem ’Stirb und Werde’-Prozess.

Hannah C. Rosenblatt fragt in ihrem gestrigen Blogartikel zu Recht, was “der Kampf gegen COVID-19” mit kollektiver Trauer zu tun hat. Auch denkt sie über den Begriff Kampf nach. Ähnlich wie ich stört sie sich an manchen Wortkonstrukten, die zurzeit die Medien fluten. Mich zum Beispiel stören Begriffe wie ’Kontaktsperre’ oder ’soziale Distanz’. Nein, bitte nicht!

Wir brauchen soziale Nähe, immer, jetzt vielleicht noch mehr denn je. Zurzeit aber halt nicht physischen Kontakt, weil das im Moment nicht geht. (Es lebe das Internet!)

Trauer also. Ja, wir trauern. Kollektiv.

Wenn ich meine ganz persönlichen Erfahrungen der letzten zwei bis drei Wochen betrachte, erkenne ich, dass ich wirklich genau den Weg zurück gelegt habe, den ich zurücklege, wenn jemand stirbt, der mir nahe steht. (wenn auch in einem etwas anderen Tempo).

Ich zitiere Rosenblatt, die unsere kollektiven Trauerreaktionen wie folgt auf die Coronakrise übersetzt hat:

»Ich weiß, dass es jetzt darum geht zu trauern. Dass jetzt ein Prozess einsetzt, der alle bekannten 5 Stadien der Trauer beinhaltet.
+++ Leugnung – „Es wird mich nicht betreffen.“
+++ Wut – „Ich will mich nicht wegen so eines Virus einschränken!“
+++ Verhandeln – „Okay okay, also wir bleiben schön zu Hause und kaufen andern Leuten keine Nudeln weg und dann wird alles gut, ja?“
+++ Traurigkeit – „So viele Menschen sind krank und sterben – und niemand weiß, wann es enden wird.“
+++ Akzeptanz – „Es ist wie es ist, wir werden sehen, wie wir da durchkommen.“« (Zitat Ende)

+++

Ich war heute kurz einkaufen. Die gewünschten Paprikachips für jene mir unbekannte Frau, die mir eine Viertelstunde später ihre alte Zweitnähmaschine schenken würde. Ein symbolischer Tausch. (Hätte es Klopapier gehabt, hätte ich bestimmt noch eine Packung gekauft und ihr vor die Haustür gestellt.)

An der Ladenkasse saß eine freundliche ältere Dame. Diesmal waren deutlich mehr Leute im Laden als letztes Mal und diesmal war nach mir ein älteres Paar dran, das viel zu schnell aufschloß und weder zu ihr noch zu mir den geforderten Mindestabstand einhielt. Nicht aus bösem Willen, sondern aus – so vermute ich – fehlendem Gefahrenbewusstsein. Sie steckten – so vermute ich weiter – noch in der Leugnungsphase (siehe oben). Denn nicht alle haben wir das gleiche Tempo. (Was in dieser konkreten Situation nicht ganz ungefährlich ist.) Die Kassiererin bat sehr kompetent um mehr Abstand, zu ihrem und zu meinem Schutz und sagte dann lächelnd in die Runde:
»Es ist halt jetzt nun mal so!«

Vielleicht mit das Klügste, was ich heute gehört und gelesen habe.

Weil es jetzt halt nun mal so ist, werde ich morgen anfangen, Atemschutzmasken aus Stoff zu nähen. Ein paar bekommt die Frau, die mir ihre alte Nähmaschine geschenkt hat. Wer eine braucht, soll eine bekommen. Das ist, was ich tun kann. Nach einer Anleitung von Youtube. (In meinem PDF hier ist die Quelle genannt). Ich glaube nämlich, dass diese Dinger bald zu unserem Alltag gehören werden. Eine Frage der Gewohnheit. Und eine Frage des Respekts. Um andere zu schützen. Im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, eine Maske zu tragen, dass es aber mehr ist als nichts.

Ja, es sind oft die kleinen Dinge, die in einer Krise helfen, sie zu ertragen.