Am Stöpsel ziehen

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Sie taucht unter. Auch den Kopf. Die Geräusche verstummen. Nur den Herzschlag hört sie noch. Ihre Haare schwimmen an die Oberfläche, die Füße liegen auf dem Wasserhahn, denn nicht alles von ihr passt gleichzeitig in die Wanne. Ist Sehnsucht eigentlich eine Art Badezusatz, einer dieser unzähligen Kannst-du-haben-brauchst-du-aber-nicht-wirklich?, fragt sie sich, während sie die Luft anhält. Na ja, das hängt wohl davon ab, ob das Ziel einer Sehnsucht ein Geht-auch-Ohne ist oder ein Brauche-ich-Unbedingt. Und das lässt sich nun wirklich nicht verallgemeinern. Wirklich nicht. Sehnen und Fühlen und Wünschen lässt sich nicht über irgendwelche allgemein gültige Maßstäben definieren.

Sie taucht wieder auf. Holt tief Luft. Genießt die Sinnlosigkeit des Augenblicks. Ha. Als müsste alles immer einen Sinn haben. Also wirklich! Sie seufzt. Denn natürlich kennt sie selbst diesen Wunsch sehr gut, diese Sehnsucht, allem Schwierigen einen übergeordnete Sinn geben zu können, um die erlebte Mühsal durch Sinnhaftigkeit zu veredeln. Nachträglich Sinnloses als Sinnvolles betrachten zu können, alles Erlebte zu allem Gewesenen und noch Kommenden in Zusammenhang sehen zu können, um … Ja, wozu eigentlich? Vielleicht ist es ja unsere Fähigkeit zur Sehnsucht, die uns von Katzen unterscheidet, von Ratten, Hunden und Rehen. Sie lächelt vor sich hin und zieht am Stöpsel.

Gurgelnd fließt das Wasser ab. Sie duscht sich kurz ab, kalt, warm, wieder kalt. Wechseldusche halt. Tastet nach der Stange. Oh, nein, da fehlt ein Handtuch!, erkannte sie, als sie nach ihrem Wechselbad der Gefühle aus der Wanne stieg. Oh verflixt, ich habe kein Handtuch, lacht sie, denkt an die Vogonen und ist froh darüber, nicht in einem Raumschiff durchs All zu rasen, während sie im Schrank nach einem sauberen Tuch sucht. Wobei. Ist das hier nicht auch ein bisschen Raumschiff und All, diese Erde, diese Welt, diese Natur?

In ein kuscheliges Tuch gewickelt stellt sich ans Fenster und schaut hinaus. Rechts der Weg in den Wald. Vor ihr der See, glitzernd. Das kleine Ruderboot ist fest vertäut und schaukelt. Wie schön es da draußen gerade ist! Die Sonne wird bald untergehen, das Licht ist typisch für Herbst, die Schatten und das Licht lassen sie glauben, das alles sei für immer. Ewige Vergänglichkeit.

Alles ist Natur, denkt sie. Das alles. Leben. Die Katze auf dem Holzstapel, die sich im Sonnenlicht räkelt. Alles Natur. Werden und Vergehen. Alles Natur. Gesundsein und Kranksein. Sterben und Gesundwerden. Herbst und Frühling. Alles Natur. Ganz und gar unzynisch denkt sie es. Sie denkt es einfach. So, wie sie über Sehnsucht und Sinn nachgedacht hat.

Sie betrachtet die junge Linde, die sie vor einem Jahr auf der Wiese gepflanzt hat. Am Anfang hatte sie gleich daneben einen Stock als Stütze in den Boden gesteckt, doch bald gemerkt, dass ihre junge Linde keine Stütze brauchte. Bäume brauchen uns Menschen nicht, ich glaube, denkt sie, ich glaube, die sind sich einfach von Natur zugewandt, ohne sich gegenseitig zu brauchen. Jeder wächst für sich, selbst wenn sich ihre Wurzeln und vielleicht sogar ihre Stämme berühren.


Erwürfelter Halbsatz (mit zwei Würfeln): Fünf Augen = fünfte Kommentar-Antwort
Erwürfeltes Genre: Sechs Augen = Kurzgeschichte, Märchen oder Drama selbst gewählt: Kurzgeschichte

Das ist mein erster Beitrag zum Schreibspiel Gemeinsam Schreiben #1 (Infos)
Zugleich ist es mein erster Beitrag für Frau Lakritzes Projekt ’ Erzähl mir eine Geschichte’ (Klick aufs Bild öffnet den Link)

Ein Gedanke zu „Am Stöpsel ziehen“

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