Ausgelesen #34 | Hope Hill Drive von Garry Disher

Ein Buch wie ein Song. Blues. Rock. Garry Disher ist ein Meister des Fading wie wir es aus der Musik kennen, denke ich, als ich das Buch zuklappe. Das Buch hört so leise auf, wie es angefangen hat.

In der unteren Bildhälfte ist die Stirnseite eines alten einstöckigen Gibelhauses zu sehen. Die Fassade desselben besteht aus zusammengestückelten ausgebleichten rotbraunen Holzflächen. Die zwei Fenster im Erdgeschoss sind zugemauert. Darüber, am blauen Himmel, stehen in schwarzer Schrift der Autorname, darunter in roter Schrift der Buchtitel und kleiner geschrieben das Wort Kriminalroman. Unter rechts der Name des Verlags.
Buchcover

Hochsommer. Das Land seufzt unter der Hitze. Ein Provinzpolizist, der eben noch bei einem Farmhaus, wo Brand gelegt und Kupferdraht gestohlen wurde, bei Feuerlöscharbeiten geholfen hat, findet auf dem Rückweg zum Revier einen abgemagerten Hund, auf den eine aktuelle Vermisstenmeldung passt. (Hier sich im Hintergrund ein einsames Saxophon vorstellen.)

Alltag im australischen Outback, wie ihn Paul Hirschhausen, von allen Hirsch genannt, kennt. Er mag seine neuen Aufgaben und geht ihnen mit einem herzlichen Engagement nach. Disher zeichnet seine Hauptfigur als unspektakulären Alltagsmenschen, was mir diesen sofort sehr sympathisch macht. Grummelige Superhelden ohne Privatleben gibt es schließlich genug. Wobei: Pauls Privatleben kommt in diesen zwei Wochen, von denen hier erzählt wird, auch eher zu kurz. Er muss sogar auf die eigentlich freien Weihnachtstage mit seiner Freundin Wendy und deren halbwüchsiger Tochter Katie verzichten. Zwischendurch sehen sie sich zwar, doch so richtig erholsam sind diese Tage nicht.

Der kleine Ort Tiverton bereitet sich auf das alljährliche Santa Claus-Event vor, bei dem diesmal Paul als offiziell gewählter Santa Claus hoch zu Ross allen Kindern Geschenke verteilen darf. Zugleich soll er, als Chef der örtlichen Polizeistelle, die Hausbesitzer:innen mit der schönsten Weihnachtsbeleuchtung küren.

Langsam bekomme ich als Leserin einen Blick und ein Gespür für den Ort, für die Menschen, für die Energie, die diesen Landstrich beherrscht. Zänkereien, Neid, psychische Krankheiten, Drogen und häusliche Gewalt gibt es auch in diesem Irgendwo im Nirgendwo. Hirsch gelingt es mit seiner empathischen und klaren Art, zu deeskalieren. Jedenfalls fast immer. Und fast immer sieht er, wenn die Menschen, die abdriften, einsichtig sind, von Strafverfolgung ab. So auch bei einer jungen Frau, deren Kind im geschlossenen Auto fast einen Hitzschlag erlitt, weil diese eine Minute zu lange für eine Besorgung gebraucht hatte.

Langsam nimmt die Lautstärke zu, der Rhythmus wird härter und schneller, der Sound wird dichter, und auf einmal findet sich Hirsch inmitten vieler einzelner Verbrechen, die so gar nicht an diesen Ort passen wollen. Tot gestochene Pferde zum einen, zum anderen zwei Leichen und zwei Mädchen auf der Flucht.

Verstärkung aus Sydney trifft ein und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus den nächstliegenden Revieren gilt es die einzelnen Fälle aufzuklären. Weil Hirsch die Menschen hier am besten kennt, wird er – trotz seines niedrigen Rangs – immer wieder als Schlüsselfigur einbezogen. Und er ist es denn auch, der am Ende die Fäden aufdröselt und das Fade-Out schafft.

Auf einer Metaebene der Geschichte liest Paul immer wieder in einem alten Tagebuch, das er in der Schublade seines neuen Arbeitsplatzes gefunden hat. Das Tagebuch erzählt die Geschichte der Kolonialisierung Australiens aus der Sicht weißer Einwanderer, die den Anspruch hatten, sich alles zu unterwerfen. Ich höre ein Bassgitarre-Solo. Gestern und heute verweben sich in Hirschs Gedanken.

Jedes Dorf hat seine Gwynnes und seine Flanns, dennoch lässt sich Disher nicht auf stereotypisches Wiederholen von Klischees ein und selbst Nebenfiguren zeichnet er mit deutlicher Tiefenschärfe. Ich habe mich von Dishers Komposition mitreißen lassen und das Buch geradezu verschlungen.

Die bildhafte, sinnliche, unaufgeregte Sprache Garry Dishers hat mein Kopfkino inspiriert. Der Stoff eignet sich für eine Krimi-Serie, eine Mini-Serie, denn an Fäden, die es aufzuklären gilt, mangelt es nicht. Sogar den Soundtrack kann ich bereits hören.

Ich bedanke mich herzlich beim Autor und beim Team des Unionsverlages für die anregenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2020
Hardcover, 336 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00563-1
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31093-3 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41093-0 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61093-4 (Apple)

Offene Ateliers Rheinland-Pfalz

Kommt alle am Samstag oder Sonntag aufs Einsame Gehöft. Irgendlink zeigt tolle Kunstwerke aus den letzten Jahren.

Ganz besonders empfehle ich das neue Format, mit dem er seit 2019 da und dort als Radelgalerist unterwegs war, seine vielseitigen Daily-Bilder nämlich, die er in den letzten eindreiviertel Jahren erschaffen hat.
Guckt dazu in seinem Shop.

Flyer-Vorderseite zeigt viele unterschiedlich bunte grafisch dargestellte offene Türen auf orangem Hintergrund.
Flyer-Vorderseite

 

Ausstellungsinfos mit Datum und Atelieradresse.
Herzlich willkommen!

Bitte beachten:
In den Innenräumen tragen wir Masken (bitte selbst mitbringen),
Auf dem Außengelände begegnen wir einander zwar herzlich nahe, respektieren aber den physichen Abstand zueinander.

Für Fragen geht es hier lang.

Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Der alte Mann und das Wasser

Unser erstes Mal sollte auf dem Bözberg sein. Ein neues Zelt will schließlich getestet werden. Darum haben wir letzten Freitagmorgen beschlossen, es ein erstes Mal trocken aufzubauen. Also noch ohne Übernachtung. Auf dem Spielplatz einer Dorfschule.

Dazu muss erzählt werden, dass mir auf meinen Hilfeschrei nach dem Bündnerland-Ausflug neulich, als ich des Liebsten Wanderzelt eine enge Sardinendose genannt und mir ein größeres, aber ebenso leichtes Wanderzelt gewünscht hatte,  ein Twitterer, dessen Weltreise wir vor einigen Jahren in dessen Blog live mitverfolgt hatten, sein ’altes Zelt’ zum Testen und Kaufen angeboten hatte. Mit seiner Partnerin zusammen hatte er mit ebendiesem Zelt die Welt bereist.

Und was soll ich sagen? Das Zelt fühlt sich noch fast wie neu an und sieht auch so aus, denn es wurde sehr gut gepflegt. Es ist viel größer, aber nur ein winziges bisschen schwerer als das von Irgendlink. Und es hat, was mir sehr wichtig war, zwei seitliche Eingänge, so dass wir nun einfacher ein- und aussteigen können. Gerade bei nächtlichem Pinkelmüssen oder so ist das sehr genial. Und es hat auch mehr Platz für unsere Sachen. Und mehr Platz für das Kochen vor dem Zelt. Kurzum: Wir sind beide schockverliebt, nachdem wir das Zelt das erste Mal auf dem Bözberg aufgebaut haben.

Auf dem Rückweg fahren wir an die Aare und stellen fest, dass sie durchaus noch eine erträgliche Badetemperatur hat. Hätte. Schade, dass ich mein Badezeug nicht dabei habe. Irgendlink hupst in der Unterhose rein, der Glückliche.

Am Samstagmorgen wissen wir nur, dass wir mit dem Zelt und den Rädern losfahren werden. Aber wohin ist unklar. Die Region Hallwilersee steht zur Diskussion, der Aareweg zum Rhein ebenso und natürlich auch das Fricktal, diese Landschaft, die uns mit ihren Dörfern, Weilern und Hügeln immer wieder so bezaubert. Also fahren wir ohne Plan los und entscheiden laufend. Es wird schließlich ein spannender Mix aus Vertrautem und Neuem.

Doch zuerst kaufen wir im Unterdorf ein Brot, zwei Dosen Bier und ein paar Goodies. Wir radeln zuerst der Reuss und später der Aare entlang Richtung Villigen und Böttstein und auf einmal sind wir in Laufenburg am Rhein. Und es hat noch nicht mal wirklich weh getan. Zumal wir immer wieder Pausen machen. Gegen Abend finden wir, in den Hügeln in der Nähe von Kaisten, eine Wiese, auf der wir praktisch unsichtbar sind, aber einen wunderbaren Ausblick haben. Hier bleiben wir.

Auf dem Trangia kochen wir unser Abendessen und bauen später, kurz vor Sonnenuntergang, das Zelt auf.

Zur Feier des Sonnenuntergangs stoßen wir aufs Leben und die Liebe an. Nach einem Nachtspaziergang genießen wir den vielen Platz im Zelt. Leider habe ich gegen Morgen schreckliche Träume von Krieg und Tod. Meinem intensiven Nachdenken und Mitfühlen mit den Menschen in Moria geschuldet? Selbst wenn ich (wie schon so oft) versuche, mich wenigstens für einen Tag nur auf meine kleine Welt einzulassen, nehme ich ja doch immer alles mit. Die Welt ist in mir, ich bin die Welt, wir alle sind die Welt.

Nun ja, richtig gut schlafen geht anders, aber weil ich genug Platz habe, mich, ohne dabei den Liebsten zu stören, hin und her zu wälzen, war das Wachliegen nicht so schlimm wie in Irgendlinks schmalem Wanderzelt. Ich genoß die Nachtgeräusche. Lauschte Eulen und Käuzchen. Dort ein Rascheln, da ein Zischen und ein Klopfen in den Bäumen.

Um acht tauchen wir aus unsern Nachterlebnissen auf und begrüßen uns und den neuen Tag. Kaffee und Tee im Bett; hach, wie ich das liebe! Das Frühstück verschieben wir auf später. Auf eine Bank. Und das Zelt packen wir nass ein. Auch das wird später trocknen dürfen. Es ist schattig auf unserer Wiese, nicht kalt, eher frisch auf die angenehme Art.

Später, bei einer Halbschatten-Bank, breiten wir das Zelt auf der sonnigen Wiese und über meinem Fahrrad aus; es darf an der schon warmen Sonne trocknen, während wir gemütlich frühstücken. Später radeln wir weiter südwärts. Nicht mehr auf Radwegen nun, sondern auf Wanderwegen, weil wir zum Sennhütten-Kneipchen wollen, das wir diesen Juni auf einer Wanderung entdeckt haben. Sagte ich Wanderwege? Bergwege eigentlich eher, denn das Gefälle war streckenweise 36%. Ich übertreibe nicht. Die Wasserwaage in meinem Handy hat es gemessen. Es ist schlicht zu steil zum fahren. Räderschieben ist anstrengend, jedenfalls wenn es so steil bergan geht. Wir schieben darum immer abwechselnd mal das eine, mal das andere Rad zu zweit hoch. Total müssen wir wohl etwa einen bis zwei Kilometer schieben. Einmal sogar über eine Treppe. (Das kommt davon, wenn man Wanderwege radeln will.)

Aber dann sind wir da. Das Sennhütten-Beizli ist voll. Es summt und brummt. Wir fragen am Selbstbedienungstresen, ob wir eine Bank neben der Scheune im Schatten aufstellen dürfen. Weg vom Gewusel. Dürfen wir. Auch frisches Wasser bekommen wir. Einfach so. Und Kuchen. Und Getränke.

Wir lagern gemütlich und füttern unsere Handys übers mitgebrachte Solarpanel. Nach einer ausgiebigen Siesta fahren wir weiter, runter nach Kästhal, weiter nach Effingen, weiter nach Linn, weiter nach Bözberg. Vieles nun ist Abfahrt. Manches steil, meistens aber moderat, so wie ich es mag. Staunen darüber, dass wir zuvor sooo viel hochgeradelt sind.

In Linn finden wir endlich einen Brunnen, doch als wir unsere leeren Flaschen füllen wollen, sehen wir, dass es kein Trinkwasser ist. Ein alter Mann im Bauernhaus gegenüber spricht uns an. Wir dürfen unsere Flaschen füllen. Meine ist noch halbvoll, das reicht bis daheim, aber Irgendlink nimmt das Angebot gern an und folgt dem Mann in die Bauernküche. So sollte es sein, denke ich. Teilen aus der Fülle, die wir haben.

Von Bözberg radeln wir über Riniken nach Umiken und sind schließlich wieder an der Aare. Und diesmal haben wir die Badesachen dabei, und diesmal will ich baden. Es ist heiß. Und das kalte Wasser tut so gut.

Wir dösen und auf einmal kriecht das Kopfweh der letzten zehn Tage wieder in meinem Schädel herum. Umso besser tut die Siesta. Wir genießen die Frühabendstimmung und irgendwann radeln wir noch das letzte Stück wieder nach Hause.

Und jetzt weiß ich übrigens, dass ich für kommende Touren Anhängertaschen brauche und dass das mit dem Radeln vielleicht doch etwas für mich sein könnte. Nicht im großen Stil wie der Liebste, aber ab und zu so dreißig, vierzig Tageskilometer mit dem Zelt? Ja, das könnte mir durchaus gefallen.