Schneeeeeee

Je mehr Schnee liege, desto mehr E brauche das Wort, meinte der Liebste neulich. Sieben E kommen, wenn ich es mir recht überlege, hin für den Schnee, den wir hatten.

Seit heute Nacht regnet es. Bis auf Weiteres ist der Schnee Geschichte. Ein guter Grund, ein bisschen Schnee zu posten. Einfach weil ich es kann. Weil ich so viele Bilder habe. Und um mich zu erinnern.

Aufgenommen habe ich die Bilder zwischen dem 6. und dem 23. Januar.

Bildbeschreibung für Sehbeeinträchtigte: Es handelt sich um in der Natur und im Dorf aufgenommene Bilder. Sie zeigen verschneite Bäume, Bänke, Wiesen, Hügel und Häuser. Und manchmal sogar einen Fotografen und Schlittler von hinten. Das Wetter ist mal bedeckt, mal sonnig. Hauptfigur ist diesmal immer der Schnee.

Copyright bei mir.

 

 

Mittendrin. Nur mal so.

Wie werden wir diese aktuelle Zeit wohl später im Rückblick betrachten? Ich hoffe sehr, dass wir uns daran erinnern werden, dass wir alles für uns und die Mitwelt Machbare und Beste getan haben werden. Und dass wir uns nicht für unsere Begrenztsein verurteilen werden.

Ich finde ja, dass diese aktuell auf Teufel-komm-raus praktizierte ’Normalität um jeden Preis’ für uns alle nicht unbedingt das Hilfreichste und Gesündeste ist, auch wenn vertraute Strukturen natürlich dabei helfen, auf dem Weg, den wir gehen, zu bleiben.

Wie auch bei einer Krankheitsdiagnose, die Klarheit schafft und dabei hilft, die passende Therapie zu finden, fände ich es allgemein gesünder, wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass wir in einem Ausnahmezustand leben. Und dass wir nicht die gleichen Maßstäbe benutzen sollten wie im Normalmodus – bezogen auf Corona ebenso wie auf die Klimakrise.

Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der Gesundheit ’normal’ verhalten müssen, sondern Wege für uns suchen, die uns dabei helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und zu werden, mental und physisch.

Da draußen

Wie schrieb gleich Herr Buddenbohm vor ein paar Tagen über das viele Nichts da draußen in dieser auf Pause gestellten Welt?

»Ich habe in mehreren Blogs eine Zeile oder einen Satz gelesen, der in etwa besagte, dass gerade nichts passiere, dass man nichts mehr schreiben könne. Dann folgte dennoch überall ein längerer Text, natürlich war das so, wie das bei uns schreibenden Menschen nun einmal ist – wenn nichts ist, dann befinden wir das immer noch und gründlich, dass nichts ist, und wir erklären das Nichts allen ganz genau. Es ist allerdings tatsächlich nichts oder doch verdammt wenig.«

Nun, ich schaute es mir auch an, dieses Nichts. Zumal sich das Wetter offenbar entschieden hatte, mit dem endlich doch noch beschlossenen (Beinahe-)Lockdown am gleichen Strang zu ziehen. Flockdown*. Also schneite es diese Woche wie noch nie in meinem Leben als Flachländerin. (Ja, ja, lacht nur, deutsche Freund:innen! Auch in der Schweiz gibt’s Flachland. Selbst wenn es natürlich drumrum fast überall hügelig ist, gilt dennoch alles unter – sagen wir mal – fünfhundert Höhenmetern als Flachland. Das Quasi-Gegenteil von Oberland.)

Schnee also. Viel Schnee. Sehr viel Schnee. Nun ja, Schnee ist allerdings nicht wirklich nichts.

Während es schneit ist Schnee zu schippen wenig sinnvoll. Und so schneite und schneite es mit ein paar wenigen Unterbrüchen fast einen Tag lang. Und die Schneeschichten wurden höher und höher.

Die meisten Schneeschipper:innen warten, bis der Schneesegen Pause macht. (Auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, schneit es wieder. Nicht mehr so dicht wie neulich, und weil es nicht mehr unter Null Grad ist, ist es eher ein nasser Schnee. Dieser Tage habe ich sie alle gesehen, alle Schneearten: die Schneekörner, die Flocken, die Nassflocken, die Schneeschnüre, ach … alle eben.)

Vorgestern, die Sonne hatte sich aus dem Urlaub zurückgemeldet, zog es mich in den Wald. Weit kam ich leider nicht, denn da lagen einige Bäume quer. Manche richtig dick, so dass ich fürs Drüberklettern zu kurz Beine gehabt hätte. Und auch die Lust fehlte mir. Also zurück durch den knietiefen Schnee. Watend. Schöner fluffiger Pulverschnee, der zum Schlitteln und Skifahren perfekt ist. Dachten sich auch viele Kinder, wie ich später sehe, als ich auf Quartierwegen durchs Dorf spaziere und mir wie in einem Skiort vorkomme. Am Dorfhügel unter der Linde sausten sie auf ihren Bobs und Davoser Holzschlitten hinunter, um gleich von neuem heraufzukraxeln. Ein Jauchzen ist in der Luft und mein Herz wird Kind und freut sich.

Viele Leute sind unterwegs. Seit dem ersten Lockdown im März/April 2020 habe ich nicht mehr gleichzeitig so viele Spazierende angetroffen. Alle in sicherem Abstand. Vor den Häusern wird Schnee geschaufelt. Jede und jeder schippt sich den Weg zur Straße frei. Da kommt der Schneepflug und räumt die Straße frei, schwarz, während die kleineren Wege weiß geräumt werden, was bedeutet, dass der Schnee liegenbleibt, aber immerhin platt gedrückt wird. Viele Trottoirs sind nicht begehbar, so dass die meisten Leute auf den Straßen gehen und so die Autos zum Langsamfahren zwingen. Ich sehe viele lächelnde Münder und Augen. Freundliche Worte tanzen da und dort.

Der Schneepflug also. Er macht die Straßen und Wege frei, doch den Pfad zu den Straßen und Wegen freizumachen, liegt an uns einzelnen. Wie im richtigen Leben sozusagen. Denn schippe ich den Weg frei, aber der Schneepflug fährt nicht, habe ich ein Problem. Der Schneepflug fährt, aber ich schippe den Weg zur Straße nicht frei? Auch dann habe ich ein Problem.

So irgendwie denke ich herum, doch jetzt werde ich am besten den Besucherparkplatz freischippen gehen, damit der Liebste später einen Platz für sein Autochen hat.


*Wortschöpfung von Patti Basler

Denkfutter

Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]

Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.

So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»

Quelle: republik.ch

Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:

Corona zerlegt unser modernes Mindset

Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.

Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.

[…]

Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.

Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.

[…]

Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.

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Quelle: nzz.ch