Der alte Mann und das Wasser

Unser erstes Mal sollte auf dem Bözberg sein. Ein neues Zelt will schließlich getestet werden. Darum haben wir letzten Freitagmorgen beschlossen, es ein erstes Mal trocken aufzubauen. Also noch ohne Übernachtung. Auf dem Spielplatz einer Dorfschule.

Dazu muss erzählt werden, dass mir auf meinen Hilfeschrei nach dem Bündnerland-Ausflug neulich, als ich des Liebsten Wanderzelt eine enge Sardinendose genannt und mir ein größeres, aber ebenso leichtes Wanderzelt gewünscht hatte,  ein Twitterer, dessen Weltreise wir vor einigen Jahren in dessen Blog live mitverfolgt hatten, sein ’altes Zelt’ zum Testen und Kaufen angeboten hatte. Mit seiner Partnerin zusammen hatte er mit ebendiesem Zelt die Welt bereist.

Und was soll ich sagen? Das Zelt fühlt sich noch fast wie neu an und sieht auch so aus, denn es wurde sehr gut gepflegt. Es ist viel größer, aber nur ein winziges bisschen schwerer als das von Irgendlink. Und es hat, was mir sehr wichtig war, zwei seitliche Eingänge, so dass wir nun einfacher ein- und aussteigen können. Gerade bei nächtlichem Pinkelmüssen oder so ist das sehr genial. Und es hat auch mehr Platz für unsere Sachen. Und mehr Platz für das Kochen vor dem Zelt. Kurzum: Wir sind beide schockverliebt, nachdem wir das Zelt das erste Mal auf dem Bözberg aufgebaut haben.

Auf dem Rückweg fahren wir an die Aare und stellen fest, dass sie durchaus noch eine erträgliche Badetemperatur hat. Hätte. Schade, dass ich mein Badezeug nicht dabei habe. Irgendlink hupst in der Unterhose rein, der Glückliche.

Am Samstagmorgen wissen wir nur, dass wir mit dem Zelt und den Rädern losfahren werden. Aber wohin ist unklar. Die Region Hallwilersee steht zur Diskussion, der Aareweg zum Rhein ebenso und natürlich auch das Fricktal, diese Landschaft, die uns mit ihren Dörfern, Weilern und Hügeln immer wieder so bezaubert. Also fahren wir ohne Plan los und entscheiden laufend. Es wird schließlich ein spannender Mix aus Vertrautem und Neuem.

Doch zuerst kaufen wir im Unterdorf ein Brot, zwei Dosen Bier und ein paar Goodies. Wir radeln zuerst der Reuss und später der Aare entlang Richtung Villigen und Böttstein und auf einmal sind wir in Laufenburg am Rhein. Und es hat noch nicht mal wirklich weh getan. Zumal wir immer wieder Pausen machen. Gegen Abend finden wir, in den Hügeln in der Nähe von Kaisten, eine Wiese, auf der wir praktisch unsichtbar sind, aber einen wunderbaren Ausblick haben. Hier bleiben wir.

Auf dem Trangia kochen wir unser Abendessen und bauen später, kurz vor Sonnenuntergang, das Zelt auf.

Zur Feier des Sonnenuntergangs stoßen wir aufs Leben und die Liebe an. Nach einem Nachtspaziergang genießen wir den vielen Platz im Zelt. Leider habe ich gegen Morgen schreckliche Träume von Krieg und Tod. Meinem intensiven Nachdenken und Mitfühlen mit den Menschen in Moria geschuldet? Selbst wenn ich (wie schon so oft) versuche, mich wenigstens für einen Tag nur auf meine kleine Welt einzulassen, nehme ich ja doch immer alles mit. Die Welt ist in mir, ich bin die Welt, wir alle sind die Welt.

Nun ja, richtig gut schlafen geht anders, aber weil ich genug Platz habe, mich, ohne dabei den Liebsten zu stören, hin und her zu wälzen, war das Wachliegen nicht so schlimm wie in Irgendlinks schmalem Wanderzelt. Ich genoß die Nachtgeräusche. Lauschte Eulen und Käuzchen. Dort ein Rascheln, da ein Zischen und ein Klopfen in den Bäumen.

Um acht tauchen wir aus unsern Nachterlebnissen auf und begrüßen uns und den neuen Tag. Kaffee und Tee im Bett; hach, wie ich das liebe! Das Frühstück verschieben wir auf später. Auf eine Bank. Und das Zelt packen wir nass ein. Auch das wird später trocknen dürfen. Es ist schattig auf unserer Wiese, nicht kalt, eher frisch auf die angenehme Art.

Später, bei einer Halbschatten-Bank, breiten wir das Zelt auf der sonnigen Wiese und über meinem Fahrrad aus; es darf an der schon warmen Sonne trocknen, während wir gemütlich frühstücken. Später radeln wir weiter südwärts. Nicht mehr auf Radwegen nun, sondern auf Wanderwegen, weil wir zum Sennhütten-Kneipchen wollen, das wir diesen Juni auf einer Wanderung entdeckt haben. Sagte ich Wanderwege? Bergwege eigentlich eher, denn das Gefälle war streckenweise 36%. Ich übertreibe nicht. Die Wasserwaage in meinem Handy hat es gemessen. Es ist schlicht zu steil zum fahren. Räderschieben ist anstrengend, jedenfalls wenn es so steil bergan geht. Wir schieben darum immer abwechselnd mal das eine, mal das andere Rad zu zweit hoch. Total müssen wir wohl etwa einen bis zwei Kilometer schieben. Einmal sogar über eine Treppe. (Das kommt davon, wenn man Wanderwege radeln will.)

Aber dann sind wir da. Das Sennhütten-Beizli ist voll. Es summt und brummt. Wir fragen am Selbstbedienungstresen, ob wir eine Bank neben der Scheune im Schatten aufstellen dürfen. Weg vom Gewusel. Dürfen wir. Auch frisches Wasser bekommen wir. Einfach so. Und Kuchen. Und Getränke.

Wir lagern gemütlich und füttern unsere Handys übers mitgebrachte Solarpanel. Nach einer ausgiebigen Siesta fahren wir weiter, runter nach Kästhal, weiter nach Effingen, weiter nach Linn, weiter nach Bözberg. Vieles nun ist Abfahrt. Manches steil, meistens aber moderat, so wie ich es mag. Staunen darüber, dass wir zuvor sooo viel hochgeradelt sind.

In Linn finden wir endlich einen Brunnen, doch als wir unsere leeren Flaschen füllen wollen, sehen wir, dass es kein Trinkwasser ist. Ein alter Mann im Bauernhaus gegenüber spricht uns an. Wir dürfen unsere Flaschen füllen. Meine ist noch halbvoll, das reicht bis daheim, aber Irgendlink nimmt das Angebot gern an und folgt dem Mann in die Bauernküche. So sollte es sein, denke ich. Teilen aus der Fülle, die wir haben.

Von Bözberg radeln wir über Riniken nach Umiken und sind schließlich wieder an der Aare. Und diesmal haben wir die Badesachen dabei, und diesmal will ich baden. Es ist heiß. Und das kalte Wasser tut so gut.

Wir dösen und auf einmal kriecht das Kopfweh der letzten zehn Tage wieder in meinem Schädel herum. Umso besser tut die Siesta. Wir genießen die Frühabendstimmung und irgendwann radeln wir noch das letzte Stück wieder nach Hause.

Und jetzt weiß ich übrigens, dass ich für kommende Touren Anhängertaschen brauche und dass das mit dem Radeln vielleicht doch etwas für mich sein könnte. Nicht im großen Stil wie der Liebste, aber ab und zu so dreißig, vierzig Tageskilometer mit dem Zelt? Ja, das könnte mir durchaus gefallen.

Dem Gewitter davonlaufend

Wieder einmal haben wir die Gewitterwarnungen ignoriert. Ist ja noch ewig hin. Um 18 Uhr sind wir sowieso wieder da. Sagen wir. Und die Wahrscheinlichkeit ist eh nur bei 30%.

Wir wollten gestern ja einfach nur baden und wandern. Und dazu war das ein perfekter Tag. Endlich nicht mehr so heiß.

Nicht zu weit weg wollten wir, darum schlug ich den Ohmbachsee vor, in welchem wir schon vor einem Monat geschwommen sind. Die Wanderung dazu hat uns das Internet vorgeschlagen und weil ich die entsprechende App nicht habe, übertrug ich einfach ein paar Eckpunkte in meine GPS-App. Der Rest würde sich finden, und tat er auch.

Blick zurück in den Wald, auf dem Weg liegt bereits dichtes Laub. Die Bäume sind noch grün.
Im Wald.

Vom Parkplatz am Westzipfel des Sees aus wanderten wir im Uhrzeigersinn Richtung Nordosten. Nach einigen Kilometern auf einem asphaltierten Wanderweg tauchten wir endlich in den Wald ein, fast wie in Schweden murmelnd, und genossen die relative Kühle. Herrliches Gewölk über uns, das sich nach und nach grauer färbte; und als wir gerade ein Gehöft passierten, fielen ein paar erste schwere Tropfen.

Sollen wir uns unterstellen, bis der Regen, das Gewitter, vorüber ist? Wir überlegten kurz. Warten auf ein vielleicht nicht eintreffendes Gewitter oder weiterlaufen? Was wäre, wenn wir ins Gewitter kämen? Wenn wir klitschnass würden? Bis zum Auto waren es etwa vier bis fünf Kilometer. Als nach den ersten dicken Tropfen keine weiteren mehr folgten, wanderten wir entschlossen weiter. Im Wald würden die Bäume den Regen abhalten, zumindest eine Weile. Wir wanderten ziemlich zügig voran, denn trotz allem war von oben nass zu werden nicht wirklich das, was wir wollten. Lieber von unten, im See. Aber das könnten wir uns vermutlich abschminken.

So wanderten wir südwestwärts und hörten das sich nähernde Gewitter hinter uns, links von uns. Der Wind lärmte übermütig in den Bäume und wir schielten zwar ab und zu auf die Karte, um herauszufinden, wie weit es bis zu der nächsten Unterstellmöglichkeit  wäre, doch richtig Angst hatten wir erstaunlicherweise nicht.

Unsere worst cases: Klitschnass werden und/oder vom Blitz getroffen werden. Wir haben Glück im Unglück, sagen wir zueinander, wenn es anfängt zu blitzen, halten wir uns einfach an den Händen, dann trifft es uns beide gleichzeitig. Galgenhumor.

Das Gewitter rumpelt mal näher, mal ferner, aber der Regen bleibt aus. Wir erreichen den Ort Gries ohne nass zu werden. Der Himmel vor uns klart auf, hinter uns ist er noch immer grau, aber das Gewitter hat eine andere Richtung eingeschlagen als wir.

Schließlich erreichen wir den Ostzipfel des Sees und beschließen den See außenrum zu umwandern, um so wieder zu unserer Badestelle vom letzten Mal zu gelangen, denn jetzt gibt es kein Halten mehr. Wie erwartet sind diesmal kaum Menschen am See. Die Luft hat etwa 24 angenehme Grade, das Wasser dürfte ähnlich warm sein. Nachdem ich aus dem Wasser steige, dünkt es mich gar, die Luft sei kühler als das Wasser. Herrlich erfrischend ist die lauwarme Brühe dennoch.

Vorne dürre Wiese, in der Mitte der See mit Irgendlink darin, hintendran hügelige Wiese mit Bäumen
Am See

Wir ziehen uns an, bevor wir frieren und wandern zurück zum Auto. Elf Kilometer sagt die App, inklusive des kleinen Stücks Irrweg. Auf dem Rückweg wird der Himmel wieder grau und dunkel. Da haben wir ja echt mal wieder Glück gehabt.

Blick aus dem Autofenster: Links rote Ampel, darüber dunkle Gewitterwolken, darunter Häuser und Autos.
Auf dem Rückweg.

Und als wir zuhause in der Künstlerbude hocken, regnet es dann doch noch. Ein bisschen.

Link zur Karte

Im Bündnerland | #mdLidA

oder Drei Tage Leben aus den Bordmitteln
oder Mit dem Liebsten in den Alpen (#mdLidA, mein Twitterhashtag)

Endlich doch noch ein bisschen raus. Ein bisschen was wie Ferien. Mit möglichst wenig Gepäck wandernd unterwegs sein. So der Plan. Wir wollten unterwegs sein ohne auf Einkaufsmöglichkeiten angewiesen zu sein, denn auf über tausend oder gar zweitausend Höhenmetern, zumal am Wochenende, könnte es schwierig werden, einen offenen Laden aufzutreiben. Wir schafften es mit Kocher, Wasser, Lebensmitteln und Übernachtungskram auf nur rund zehn Kilo pro Person. Plusminus. Omni mecum porto. Mein Wandermantra. Ich trage alles (was ich brauche) mit mir.

Mit dem Gedanken, doch noch so ein mehrtägiges Abenteuer zu wagen, hatten wir seit Wochen gespielt, und dann war da auf einmal dieses eine Wochenende ohne Termine und Pflichten. So packten wir am Freitagmorgen unsere Siebensachen und fuhren gegen Mittag los in die Berge. Bruthitze. Richtung Thusis zuerst und von dort dann westwärts den Berg hoch. Bei Ober Rascheins haben wir mein Autochen zweieinhalb Tage stehen lassen und machten uns von dort zu Fuß und per ÖV auf den Weg. (Route: siehe unten*)

Ein Freund führt seit Juni die Alp Bischola-Summerbeiz und hat uns quasi hergelockt. Darum sind wir schließlich auch als erstes dorthin und haben uns ein wenig an die für uns doch ungewohnte Höhe (knapp 2000 m. ü. M.) akklimatisiert. Zwischen Parkplatz und Bergrestaurant liegt der wunderschöne Pascuminersee. Noch zuhause haben wir ihn als ersten Lagerplatz auserkoren und zum Glück waren am Freitagabend noch nicht so viele Leute dort wie am Sonntagnachmittag. Am Freitagabend waren nur noch eine Frau mit ihrer Tochter dort. Sie zelteten ebenfalls direkt am See. Eine Jugendclique  hatte sich zum Glück etwas weiter weg auf einer Anhöhe eingerichtet. [Als es dunkel war, ließen die doch tatsächlich ein Feuerwerk steigen. Auf 2000 m. ü. M.! Was für Volldeppen!]

Beat, der Wirt, hieß uns herzlich willkommen und servierte uns – da es (neben dem Käseteller) das einzige Gericht ohne Fleisch war – einen Eblysalat. Na ja. Immerhin habe ich es mal wieder probiert, aber Ebly und ich werden wohl nie Freundinnen. Dafür schmeckte die Nussschnitte göttlich, eine Bündner Spezialität, die süchtig macht. Und die zwei Kuchenstücke, die er uns als Bettmümpfeli mit auf den Weg gegeben hat, als Geschenk des Hauses, schmeckten – am See genossen – einfach nur wunderbar. Annettes Zucchini- und Zitronencake sind echt eine Entdeckung!

Zurück am See war es ziemlich unruhig. Wir beobachteten eine Weile das Geschehen, bevor wir schließlich doch direkt am See und bei der Feuerstelle unser Lager einrichteten. Die Idee, ohne Zelt zu schlafen, ließen wir aber bleiben, weil es doch recht feucht und kühl wurde. Und weil eine Mutter und ihre halbwüchsige Tochter sich zu uns gesellten, als wir gerade das Feuer entfacht hatten.

Gut schlafen geht anders. Für eher schlaflose Nächte ist unsere winzige Sardinendose, pardon unser hübsches kleines Wanderzelt doch ein bisschen eng**, so dass ich bei der ersten Morgendämmerung aus dem Zelt schlüpfte und herumspazierte. Etwas, das ich daheim nie tun würde, da ich ja eher eine Eule als eine Lerche bin. Es war jedenfalls einer der schönsten Sonnenaufgänge, den ich je erlebt habe.

Nach einem herrlich erfrischenden Morgenbad frühstückten und packten wir, um den Tguma hochzuwandern (knapp 2200 m. ü. M.). Um ins Safiental zu gelangen, mussten wir von dort aus über sehr steile Serpentinen etwa tausend Höhenmeter abwärts steigen. Was mir mal wieder so richtig fett in die Knie gefahren ist. Sie schrien laut, ich schwör! So sehr, dass ich unten, am Stausee, angekommen – die letzten zwei Kilometer mit zig Pausen wegen der brutalen Schmerzen –, kaum mehr gehen konnte. Wir fanden zum Glück bei einem Holzlager direkt am See einen tollen Nachtplatz, von wo aus wir auch gleich im nahen Bach Wasser holen konnten. Beide waren wir sooo müde, dass wir – nach dem Essen und einer Katzenwäsche im Bach – um halb zehn schon in den Schlafsäcken waren und bis kurz vor Sonnenaufgang durchschliefen. Ha, geht doch!

Meinen Knie ging es am Morgen deutlich besser, aber an den zuhause geplanten Aufstieg zur Alp Bischola respektive nach Ober Rascheins, wo das Auto stand – diesmal auf einer andern Route als beim Abstieg – war nicht wirklich zu denken. Also setzten wir den am Samstagnachmittag gefassten Plan um, mit ÖV so nahe wie möglich ans Auto ran zu kommen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich zwar relativ schmerzfrei aufwärts und geradeaus gehen kann, aber nur mit relativ starken Schmerzen abwärts.

Wir studierten Karten und Höhenprofile und entschieden uns, mit ÖV zum Glaspass oder bis kurz davor zu fahren und von dort die letzten, nicht erschlossenen Kilometer nach Ober Rascheins zu wandern. Der Glaspass war im Grunde direkt über uns, die wir in Safien Carfil, am Stausee, lagerten. Von hier unten hinaufzusteigen hieße aber mit dem Feuer spielen, denn ich war ja nicht schmerzfrei. Immerhin waren die Schmerzen aber über Nacht erträglich geworden.

Um auf den Glaspass zu kommen, mussten wir die ganze Gebirgskette umfahren, um von der anderen Seite auf den Pass zu kommen. Heißt, wir mussten das Safiental abwärts mit dem Postauto, dort dann mit dem Zug dem Rhein abwärts ins Vorderrheintal zurück nach Thusis und von dort mit dem Postauto hoch zum Pass. Verrückte Rundreise! Aber schön wars. Trotz Maske.

Auf der Karte zeigen die roten Bömbel in Uhrzeigerrichtung unsere Rundfahrt an. (Den Link zur Karte gibt es hier und ganz unten.)

Screenshot der Karte
Screenshot der Karte

Irgendlink und ich hatten tatsächlich unsern Spaß, denn Postautofahren in den Bergen ist ja schon ein tolles Erlebnis. 🙂 Und die Rhätische Bahn ist auch irgendwie angenehm. Zum Glück hatten wir unsere Masken dabei und die behielten wir dann bis auf dem Glaspass auf, denn es gibt ja immer so Menschen, die … (aber das ist jetzt doch ein anderes Thema.)

Die Strecke vom Glaspass nach Ober Rascheins war nicht allzu anspruchsvoll, eine etwa vier- bis fünf Kilometer lange Wanderung rüber zum Parkplatz mit vielleicht zweihundertfünfzig Höhenmetern aufwärts und ein bisschen weniger abwärts. Wir wählten halb absichtlich, halb zufällig jene Route mit den wenigsten steilen Abstiegen und errreichten – nach einer köstlichen Picknickrast auf einer Bank mit Blick auf den Piz Beverin – gegen drei Uhr das Auto. Weil es meinen Knien noch immer relativ gut ging – super wäre übertrieben, aber ich hatte keine starken Schmerzen – und der Tag noch zu jung war, um bereits nach Hause zu fahren, beschlossen wir, nochmals ins Beizli zu wandern. Eine knappe halbe Stunde rauf, eine knappe halbe Stunde runter. Ohne Gepäck. Auf dem Rückweg wollten wir ein letztes Mal im Pascuminersee baden.

Im Beizli angelangt, freuten wir uns darüber, auch Annette noch zu sehen, die Partnerin des Beizers. Es herrschte Hochbetrieb, doch nach 17 Uhr wurde es ruhiger und wir hatten Zeit, ein bisschen auszutauschen. Eile hatten wir ja keine und die angenehme Temperatur um die 25 Grad war es wert, solange wie möglich zu bleiben. Auf dem Rückweg dann wieder alles abwärts. Und ja, ich habe das bewusst in Kauf genommen. Ich ahnte, dass das für meine Gelenke nicht so gut sein würde, doch ein letztes kühles Bad im Pascuminersee wollte ich mir eben nicht entgegen lassen. Unten angelangt pochten meine Kniegelenke wieder heftig. Gut, dass Irgendlink fuhr.

Inzwischen geht es den Gelenken zum Glück wieder besser und auch der Muskelkater-aus-der-Hölle verkrümelt sich so langsam. Und ja, unsere Bordmittel haben gereicht und wir hatten am Schluss sogar noch ein bisschen Nüsse und Dörrfrüchte übrig. Oh, warte! Da war doch noch dieser köstliche Cake im Alp Bischola-Summerbeizli. Den darf ich nicht vergessen. Der war nämlich nicht Bordmittel, der war Zugabe.

Was bleibt? Erinnerungen. Viele Bilder. Filmchen mit Kuhgebimmel und Bergbachrauschen. Und immer wieder bleibt mir diese Sehnsucht nach dem nächsten Mal, wenn der Berg ruft.


Tag 1

Tag 2

Tag 3


*Für die Karte (hier) habe ich drei Wegpunktefarben verwendet. Der unterste der blauen Bömbel markiert den Parkplatz und ist somit Ausgangs- und Schlusspunkt. Die blauen Wegmarkierungen gehören zu den Tagen eins und zwei, die lilafarbenen gehören zur Wanderung am Sonntag und die roten markieren unsere Reise per ÖV. Die Karte liest sich im Uhrzeigersinn.

**Das Sponsoring für ein leichte(re)s größeres Wanderzelt für zwei Personen ist hiermit eröffnet. 😉

Wie so ein sich ausbreitender Tintenfleck

Was für ein wunderbarer Platz! Obwohl es hochsommerlich heiß und Ferienzeit ist, halten sich nur wenig Menschen hier, am Ohmbachsee, auf. Wie schön! Ein Badesee vom feinsten, umgeben von Wald, unweit eines WoMo-Stellplatzes, eines Campingplatzes und eines Restaurants. Erstaunlich eigentlich, dass hier nicht mehr Leute sind, die baden oder mit Tretbooten durch das Wasser schippern.

Wolkiger Blauhimmel über See. Vorne Grasufer, hinten Ufer mit Wald. Auf dem See in der Ferne ein Tretboot.
Am Ohmbachsee

Es ist Montagnachmittag. Wir umrunden den See halb, bis wir eine Stelle finden, die uns gefällt. Sie ist geradezu perfekt: Halbschatten und dazu eine sehr nahe Einstiegstelle. Außerdem sind wir hier fast allein. Etwa zwanzig oder dreißig Meter entfernt sitzt – oder vielmehr liegt – ein anderes Paar. Als wir uns niederlassen und umziehen, kommen ein paar Radler:innen vorbei – eine Familie, die sich kurz an der schönen Aussicht erfreut – und eine kleine Pause machen, danach weiterradeln.

Wir schwimmen eine Weile und legen uns danach naß auf unsere Tücher. Herrlich ist das. Ich döse ein. Als ich die Augen öffne, stelle ich fest, dass sich etwa zehn Meter neben uns eine junge Familie niedergelassen hat. Wir nicken und lächeln uns zu. Das Kleinkind, vielleicht acht oder neun Monate alt, gluckst und giggelt und kann mich gar nicht mehr aus den Augen lassen, nachdem wir uns ein erstes Mal angeschaut haben.

Ich beschließe, da ich inzwischen wieder trocken bin und die Hitze bereits wieder an mir knabbert, ein weiteres Mal schwimmen zu gehen. Hilft nämlich auch gegen den Lärm der Militärflugzeuge, die das Gebiet hier immer mal wieder großräumig überfliegen. Gibt es etwas Erholsameres und Beglückenderes als mit den Ohren im Wasser auf dem Rücken im Wasser zu liegen und den Wolken beim Wolkensein zuzuschauen?

Nachdem ich mich wieder auf mein Tuch fallen gelassen habe, landet unweit von uns eine Familie. Schlägt auf, trifft es eigentlich besser oder: nimmt Land ein. Papa, Mama, ein etwa neun- oder zehnjähriges Mädchen, ein etwa zwölfjähriger Sohn an der Grenze zum Stimmbruch. Und ein Hund. Ich mag Hunde. Wirklich. Sehr. Meistens jedenfalls.

Was soll ich sagen? Zuerst sind sie ja dort hinten und ziehen sich um. In gebührendem Abstand zu uns, zur jungen Familie. Das junge Paar hat inzwischen das Bady in einen Badeanzug gepackt, da es – nachdem Irgendlink und ich geschwommen sind – auch ungedingt ins Wasser will. Es hat sichtlich Spaß daran, von der Mutter durch das kühle Naß gezogen zu werden. Zwischen uns und dem Paar ist eine angenehme Nachbarschaft entstanden.

Nun aber stürzen sich die beiden Kinder in die Fluten. Die Einstiegstelle ist, recht nahe von uns und darum ist es nicht verwunderlich, dass sie an uns vorbei müssen. Was aber dann doch verwunderlich ist, wie selbstverständlich und wie rücksichts- und grußlos sie das tun. Wir alle werden schlicht nicht wahrgenommen. Sie rufen nach den Eltern und die kommen schließlich auch ans Ufer. Papa in Badehose, ebenso grußlos, baut sich vor uns auf, also an der Einstiegstelle vor uns. Und schließlich kommt auch die Mama mit Hund an der Leine (immerhin), der zuerst direkt auf das junge Paar  und ihr Kindchen zuhält. Immerhin nimmt die Frau dann die Leine und damit den Hund zu sich. Immerhin. Man darf ja schon dafür dankbar sein. Uns ignorieren Hund und Menschen. Sind wir überhaupt da, also sichtbar?

Wir ziehen uns rasch um, hier wird es uns zu ungemütlich. Zum Glück waren wir nochmals im See. Jetzt hätten wir daran keinen Spaß mehr. Vorbei mit der Ruhe.

Wie so ein Tintenfleck!, sagt Irgendlink, als wir zurück zum Parkplatz schlendern. Wie so ein Tintenfleck haben die sich ausgebreitet.

Und natürlich frage ich mich immer, ob es an mir liegt und meiner Empfindlichkeit oder ob manche Menschen einfach immer weniger Aufmerksamkeit für ihre Umgebung haben. Für ihre Mitmenschen. Nur noch ihr Ziel sehen; wie so ein Tintenfleck alles überschreiben, was im Weg ist.

[Zum Glück wollten wir eh gehen, denn ich hatte ja noch eine lange Fahrt, zurück in die Schweiz, vor mir.]