Punkte, Linien, Flächen

Da ist diese transparente Schicht
zuerst aus Papier
später auf dem Bildschirm

Ich setze Punkt an Punkt
Zeichne auf die leere Ebene
was untendrunter schon da ist

Ich erschaffe einen neuen Buchstaben
Einen, den es genauso noch nicht gibt
Heiße einen neuen Buchstaben
willkommen in meinem Buchstabenrudel

Verbinde Punkte zu Linien
Verbinde Linien mit Punkten
Schaffe neue Flächen
Male neue Flächen aus
Radiere Überlappendes weg
Hoble Scharfkantiges ab

Nennt überflüssig
was ich da tue
Es gibt schon genug Bücher
Es gibt schon genug Sätze
Es gibt schon genug Wörter
Es gibt schon genug Buchstaben
Es gibt schon genug Fonts
Es gibt schon genug
Es gibt schon
Es gibt

Von allem zu viel

Sinnlos*
Sinne erfüllend
Sinnvoll

GIF, das den Prozess vom gemalten zum digitalisierten Buchstaben Z zeigt.
GIF, das den Prozess vom gemalten zum digitalisierten Buchstaben Z zeigt.

——–

*Ich finde übrigens, dass sogenannt sinnloses, weil nicht materiell einträgliches, kreatives Tun unterschätzt wird. Dafür wird das sogenannt sinnvolle, weil Geld generierende Tun überschätzt.

Kreatives Tun tut der Seele gut – wenn das mal nicht sinnvoll ist!

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Anderswo Aufgepicktes

Zweierlei habe ich heute für euch. Beim einen geht es um Hochsensibiliät, beim andern um den Stress mit dem Glück.

In der Tat habe ich hier schon lange nichts mehr über Hochsensibilität geschrieben, obwohl sie doch eins meiner Dauerthemen ist. Neulich habe ich einen bemerkenswerten Text darüber gelesen habe, den ich euch nicht vorenthalten will. Darum heute mal wieder etwas über Menschen wie mich, die zuweilen das Gras wachsen hören können und die Wörter hinter den Wörtern miteinander tuscheln.

Kennst du schon die 17 grusligsten Sätze, die du zu Hochsensiblen, Schüchternen und Introvertierten sagen kannst?

Ich liste hier eine kurze Zusammenfassung daraus auf:

1. »Komm, wir gehen durch den Raum und stellen uns vor.« (Reizüberflutung)
2. »Was hältst du von diesem Wetter?«
(Smalltalk)
3. »Es wird eine Menge Leute geben.«
(Menschenmassen)
4. »Ich ruf dich an!«
(Telefonieren? Oh, nein, da muss man immer so schnell reagieren)
5. »Erzähl mir von dir.«
(Zu schnell zu viel wollen, zu persönlich sein)
6. »Ich habe spontan unsere Freunde eingeladen.«
(Spontane Planänderungen ohne genug mentalen Vorlauf)
7. »Vergiss nicht, wir haben heute Abend Pläne.«
(Vergessene Termine sind schrecklich!)
8. »Finde einen Partner, wir machen ein Gruppenprojekt.«
(Gruppenarbeiten? Wozu soll das gut sein?)
9. »Nein, ich will noch nicht nach Hause gehen. Das hier macht Spaß!«
(Aus Rücksicht auf andere zu lange bleiben müssen)
10. »Nein, Sie haben keinen eigenen Schreibtisch – bei dieser Firma benutzen wir das offene Bürokonzept.«
(Große, offene Räume, Großraumbüros: zu viel, zu laut, zu nah)
11. »Das Internet ist aus.« (Damit fallen die erträglichen, dosierbaren Kommunikationsmöglichkeiten aus)
12. »Wir werden den ganzen Tag unterwegs sein.« (Hilfe, keine Ruheinseln und Rückzugsräume in Sicht!)
13. »Ihre Note in dieser Klasse basiert auf Ihrer aktiven Teilnahme.« (Niemand sieht, wie viel wir in aller Stille mitbekommen & lernen)
14. »Alle, die du kennst, rufen aus deinem Wohnzimmer: „ÜBERRASCHUNG!« (Der pure Horror! Dein Zuhause ist deine Höhle und du willst doch nur deine Ruhe!)
15. »Du kommst gerade rechtzeitig zum Karaoke!« (Ähm, ich frage mich ja eh, welche Menschen das nicht zum Davonlaufen finden 😉 …)
16. »Verschieben Sie alle Ihre Freitagstermine. Wir machen dann Teambildungsübungen!« (Gruppennackenmassage im Kreis und so)
17. *unerwartetesTürglockengebimmel* (Wir fliehen, als hätten wir ein Monster gesehen)


Quelle: https://introvertdear.com/
Einen Übersetzungsversuch von mir gibts hier.

+++

Beim zweiten Lesetipp geht es ums Glücklichsein und warum uns der Positivdenken-Hype nicht glücklicher macht:

Hört auf, euch einzureden, ihr müsstet immer positiv denken

Das Gefühl, immer alles positiv sehen zu müssen, belaste uns, sagt ein dänischer Psychologe. Dieser Wohlfühlkult mache Glücklichsein zur Pflicht. Das sei gefährlich. [Weiterlesen …]

Ich zitiere:

»Öfter mal negativ sein

Beim Arbeitsplatz würde mehr darauf geachtet, dass es ein ’positives Wachstum’ gebe, als Schwierigkeiten offen anzusprechen. Brinkmann bezeichnet das Beharren auf gut gelaunten Mitarbeiter*innen als ’fast schon totalitär’.

Für ihn habe das eher mit Gedankenkontrolle zu tun.
Im Arbeitsleben werde viel Wert auf gute Laune gelegt, weil man laut Brinkmann so teamfähiger und produktiver sei. Oder anders gesagt: Menschen und ihr emotionales Leben besser ausbeuten könnte, als wenn sie schlecht gelaunt wären. ’Das ist die dunkle Seite. Unsere Gefühle neigen dazu, Rohstoffe zu werden. Das bedeutet auch, dass wir uns von ihnen entfremden’, sagt er.«

Und ja, es gibt da diese kleine Ungenauigkeit im Diskurs: Wir werden ja nicht zum Glücklichsein gedrängt, sondern zum Schauspielern, wie Freundin A. mir auf FB dazu geschrieben hat.

Quelle: https://ze.tt/

Unter der Oberfläche

So viel frisches Gemüse! Zucchini, Lauch, Kartoffeln, Karotten, ein großer Salat, Klaräpfel. Herz, was brauchst du mehr? Dazu ein großer Karton mit frischen Eiern. Alles auf dem einsamen Gehöft gediehen.

Ich freue mich sehr über den Liebsten und seine Gaben, natürlich!, doch wohin mit all den Köstlichkeiten? Zwar ist mein Kühlschrank kein Winzling, aber die Gemüseschublade ist bereits zu Dreivierteln voll (was sie fast immer ist) und auch die andern Tablare meines Frigos sind reich gefüllt. Natürlich ist immer irgendwo noch Raum und irgendwie geht es ja immer. Wir finden immer irgendwelche Nischen – im Schrank ebenso wie im Kalender –, um den Dingen, die auf uns zugekommen sind, Platz zu machen. Da eine Ritze, dort ein Spalt. Geht ja. Immer mehr. Und noch mehr. Dies noch und das hier geht doch auch noch irgendwie … Immer obendrauf. Und das, was darunter liegt, sinkt tiefer und tiefer.

Weil es schon spät war, beschlossen wir, die Karotten und ihre Kumpels fürs Erste in ihrer Kiste auf dem Küchenfußboden übernachten zu lassen. Viel wärmer als im Garten ist es ja hier drin auch nicht. Heute Mittag nun nahm ich mir die schmutzigen Kerlchen vor, putzte die Erde weg und war schon drauf und dran, alle zusammen in die Gemüseschublade zu schaufeln, als meine innere Stimme dazwischenschrie.
Halt, Soso, willst du das wirklich? Immer nur oben drauf? Kann das funktionieren? Irgendwann ist doch einfach genug! Alles hat Grenzen. Nimm das endlich ernst, auch bei dir!

Stellvertretend für den ganzen Kühlschrank bekam darum heute wenigstens die Schublade fürs Grobe eine Reinigungskur ab und sie dankte es mir. Denn auf einmal hatte alles wunderbar Platz und ich freue mich bereits jetzt auf all die feinen Gerichte, die wir aus diesen Gartengaben zaubern können. Und darauf, heute aus meinen ersten roten Tomaten einen griechischen Salat zu zaubern.

Figuren kreieren

Sie sitzen im Kreis. Mit offenen Mündern, die Augen weit aufgerissen, hören sie zu. Bei den einen glitzert es sogar ein wenig in den Augenwinkeln und als die Heldin die wackelige Brücke überquert hat, geht ein Aufatmen durch den Raum und die angespannten Glieder bewegen sich wieder. Die Kindergärtnerin klappt das Buch zu und auf einmal wird aus dem mäuschenstillen Menschenknäuel wieder ein wilder Haufen Piraten und Zauberinnen.

Die Heldin ist gerettet. Der Protagonist hat sein Ziel erreicht. Wir brauchen sie, diese Figuren aus den Geschichten, die wir lesen oder uns im Fernsehen oder Kino ansehen. Sie vertreten uns und helfen uns, zu leben. Gemäß eines Creative Writing Workshops in den USA – nein, ich habe keinen besucht und werde es höchstwahrscheinlich auch nie tun – soll unsere Heldenfigur innerhalb der ersten vier Seiten eines Romans eine sympathische Tat vollbringen. Weil sonst unsere Lesenden, so geht das Gerücht, das Buch zuklappen. (Hat mir ein Bekannter erzählt, der einen solchen Workshop besucht hat. Oder jemanden kennt, der einen besucht hat. Oder so.)

Na ja, solche Vorgaben finde ich stereotyp und nicht besonders kreativ, aber die Idee hat was. Die Figur, die ich für die nächsten hundert, ein-, zwei-, dreihundert Seiten begleiten werde, muss es wert sein. Sie muss mir also so weit sympathisch sein, dass ich mitgehen will. Selbst wenn diese Figur ein Schelm und ein Kunstdieb ist. Ich denke dabei an Martin Suters Figur Allmen oder Jo Nesbøs Headhunter.

Wir Schreibenden manipulieren. Immer. Bewusst oder unbewusst. Sobald wir an einem Text arbeiten, den wir nicht nur ausschließlich für uns selbst schreiben, angefangen beim Brief hin zum Artikel fürs Blog bis zur Romangeschichte, überlegen wir uns genauer, wie wir was sagen. Ich lese Sätze, die ich ins Tagebuch schreibe, selten durch, doch bereits Briefe und Mails lese ich (meistens) mindestens einmal durch. Ich formuliere manchmal kopfgesteuert oder ich lasse meine Gedanken einfach intuitiv aufs Papier oder in die Tasten fließen. Eins ist dabei klar, auch wenn ich nicht jedes Mal darüber nachdenke: ich will eine Aussage machen und mit dieser eine ganz bestimmte Wirkung erzielen. Ich will verstanden werden und darum unterstreiche ich meine Absicht mit möglichst passenden Worten. Wie es eine Kundenmalerin tut, wenn sie einen Raum neu streicht. Sie wählt jene Farbe aus, die den gewünschten Effekt erzielen soll. Oder der Koch: er hat die Zutaten und dazu eine Idee, wie das Ergebnis auf dem Teller aussehen und im Gaumen schmecken soll. Alle sind wir in irgendwas gut und darin wissen wir, wie wir die richtige, die von uns gewünschte Wirkung erzielen können.

Worte sind meine Gewürze, meine Farben, meine Klänge. Die Tastatur ist mein Instrument, mein Medium, mein Kochlöffel.

Zurzeit arbeite ich mehr oder weniger intensiv an der Fertigstellung eines Romanes, an dem ich schon seit Jahren brüte. Ich balanciere dieser Tage ständig zwischen innen und außen. Ich will die Geschichte um ihrer selbst willen erzählen (einzig das Wie ist noch nicht in jedem Detail klar). Ich will dieses Geschichte erzählen, weil ich sie erst dann wirklich loslassen kann. Und auch, weil ich sie erzählenswert finde. Ich erzähle sie, weil sie sich mir aufdrängt. Es gäbe nettere Geschichten zu erzählen, gewiss. Meine ist nicht nett. Es ist keine Mainstreamgeschichte, keine laute, schrille, die das Zeug zum Bestseller hat – nicht jedenfalls um ihres Inhalts willen. Meine Geschichte ist mein Stein, der sich mir zum Behauen in den Weg gestellt hat. Weil ich die Kenntnisse und das Werkzeug habe und weil ich die Form im Stein sehe, die ich freilegen soll, habe ich mich zur Dienerin des Steins gemacht.

Die Werkzeuge der Steinhauerin dienen der Manipulation des Steins. Hier zuckt niemand beim Wort Manipulation. Auch bei Bildbearbeitung mit Photoshop und Co. stolpert niemand allzu sehr über dieses Wort. Aber beim Schreiben, oh weh, da bekommt das Wort schnell einen negativen Beigeschmack und wir denken an Werbung, an Propaganda und an Diktaturen.

Sobald ich mit einem Text den Innenraum meiner Gedanken und den Innenraum meiner Festplatte verlassen und ihn einer Leserin oder einem Leser zeigen will, ist es nicht mehr egal, wie ich schreibe. Mir nicht, meiner Leserschaft nicht. Der Balanceakt beginnt. Ich schreibe so, dass ich möglichst so verstanden werden kann, wie ich verstanden werden will. Und doch bleibe ich mir treu. Mir und meinem Schreibstil. Meiner Denkart. Meinen Bildern.

Und genau hier wird es schwierig: Ich-du-er-sie-es-wir alle können nicht anders als von uns und unserer Bilderwelt auf jene der andern zu schließen. Weil wir nur diesen einen Einblick in ein menschliches Denk- und Wahrnehmungskonzept haben – dazu noch sehr lückenhaft. Was ich hartnäckig türkis nenne, nennt Freundin L. genau so hartnäckig grün, nur so als Beispiel.

Ist meine Figur A. für alle, die meinen Roman lesen, sympathisch? Und falls ja, verspielt sie sich diese Sympathie womöglich schon auf den ersten zehn Seiten, weil sie etwas auf eine bestimmte Weise macht, denkt, sagt, schreibt, die meine Lesenden doof finden? Sie für alle und um jeden Preis sympathisch machen zu wollen, kann also nicht funktionieren. Muss auch nicht.

Momentan lese ich ein eBook. Der Protagonist dieses Romans ist ein snobistischer Kotzbrocken. (Ich bin allerdings erst im ersten Viertel und lese das Buch weiter, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass er mir vielleicht doch noch sympathisch wird). War es Absicht des Autors, seinen Protagonisten so unsympathisch zu erschaffen? Weil dem Autor die Leserinnenschaft völlig egal ist? Als Experiment? Oder, und das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist der Protagonist womöglich andern Lesenden durchaus sympathisch? Dass nicht alle allen sympathisch sind, wissen wir. Aber …

Für meine Schreibarbeit extrahiere ich aus meiner aktuellen Leseerfahrung folgende Frage: Kann und darf eine Figur, die wir uns als Schreibende auf eine bestimmte Art vorstellen, auf andere ganz anders oder sogar völlig gegenteilig wirken, als wir es uns vorgestellt hatten?

Ich folgere, dass unsere manipulativen Fähigkeiten nur bis dahin reichen, wo unsere Lesenden ihre Erfahrungsschätze und ihre Phantasie auspacken. Somit ist jede Geschichte immer mehr als das, was ich erzählen kann. Sie ist immer eine Synthese zwischen meinem Text und dem Lesegaumen meines Gegenübers.

Was eine Figur sympathisch oder unsympathisch macht? Obwohl sich diese Frage kaum abschließend und verallgemeinernd beantworten lässt und schon gar nicht befriedigend, gibt es wohl ein paar generelle Kriterien: Eine Hauptfigur muss menschlich sein und fehlerhaft . Sie soll ein paar nicht allzu schlimme Schwächen haben und weder darf sie zu schön noch zu hässlich sein, sonst macht sie uns Angst oder stößt uns ab. Hier betrete ich bereits wackeligen Boden. Denn es gibt durchaus hässliche Romanfiguren, die mir ans Herz wachsen können. Und sogar wunderschöne. Lassen wir es also einfach bei den erstgenannten: menschlich und unvollkommen.

Umgekehrt stellt sich die Frage, was eine Figur unsympathisch macht. Unsere Feindbilder sind so individuell wie unsere Geschichten. Als möglicherweise allgemein akzeptierte Kriterien nenne ich deshalb nur Arroganz, Korinthenkackerei, Besserwisserei, Hochnäsigkeit und Unsensibilität.

Stellt sich die Frage, ob solche Eigenschaften wirklich auch als solche wahrgenommen werden (siehe das erwähnte eBook). Womöglich wirken auf andere Leserinnen und Leser Besserwissertum und Arroganz ja als Gelehrtheit und Abgeklärtheit?

Sich gute Geschichten auszudenken ist eins, sie in lesbare Texte umzusetzen, damit andere Menschen sie lesen, mitgehen und im Idealfall etwas mitnehmen können, das ihr Leben bereichert, etwas anderes.

Ohne gute Geschichten wäre mein Leben grau. Eine gute Geschichte muss mich berühren. Ziemlich einfach eigentlich.

Und für dich?