Das Schönheit-Ding

Dieser Moment, auf den man so lange hingelitten hat, dieser Moment des Todes, muss nun nicht mehr gefürchtet werden. Er ist gekommen und er schuf eine neue Wirklichkeit, eine neue Lücke, mit der wir nun leben lernen. »Der Wind weht weiter«, hat Irgendlink heute getwittert. Das trifft es gut. Weiter ist ja nicht nur ein Synonym für weiterhin, sondern auch ein Komperativ von weit. Und ja, Weite tut unseren Herzen gut. Besonders dann, wenn jemand stirbt. Der Tod liegt im Wesen und in der Natur alles Lebendigen.

Über den Tod und die Möglichkeiten, ihm mit künsterlichen Mitteln zu begegnen, denke ich schon lange immer mal wieder nach. Und über Schönheit und Kunst. Über Vergänglichkeit und Zerfall.

Schönheit kann kein Ziel sein, titelte Klaus Harth neulich eins seiner Bilder. Auch im Buch So geht Kunst! von Grayson Perry geht es um Ähnliches. Auch um den Unterschied von Schönheit und Ästhetik und warum Kunst nicht schön sein muss, Schönheit ihr eher sogar zuwiderläuft. Es geht Perry auch darum, zu zeigen, was Schönheit überhaupt ist, warum wir etwas als schön definieren und wo die Schnittstellen zwischen guter und dekorativer Kunst sind.

Und das alles inmitten einer Gesellschaft, in welcher Schönheit, Schönsein und schöner Schein viel zu wichtig geworden sind.

Bei einem Gespräch letzte Woche, am Lagerfeuer, ging es unter anderem um die Rollen von Schauspielerinnen und Schauspielern und dass letztlich nicht Schönheit über Qualität entscheidet, sondern Ausdruck; diese ganz besondere Fähigkeit, auszudrücken, was in der Rolle drin ist und von innen nach außen transportiert werden will und soll.

Ähnliches diskutierte ich am Sonntagnachmittag mit einer anderen Freundin. Perfektionismus ist ja eine meiner (Un-)Tugenden und nicht nur für mich eher negativ konnotiert. Wer nicht an Perfektionismus leidet, kann ihn nämlich nicht wirklich verstehen. nicht seinen Sinn, bestenfalls seinen Unsinn. Dieser innere Zensor, der mit nichts zufrieden ist, ist sehr mächtig und macht auch mächtig Druck. Erst in diesem sonntäglichen Gespräch wurde mir klar, dass mein Perfektionismus dem vollkommenen Ausdruck, nachdem ich mich sehr sehne und für den ich bis vor kurzem keinen Namen hatte, zuwiderläuft.

Vollkommener Ausdruck nenne ich also ab sofort, wenn es möglichst exakt gelingt, das Innen möglichst ungefiltert, ohne Widerstände, ohne Verfremdungen, nach außen zu bringen, nun ja, eben vollkommen auszudrücken. Ohne Abstriche und ohne nette Opfer zu bringen für KritikerInnen und für all jene, die es lieber nett & dekorativ mögen. Eigentlich ist es ja wie bei der oben erwähnten Schauspielerei: Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, ein vollkommenes Medium der Rolle, der Botschaft, zu sein, die von innen nach außen will. Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, das Innending authentisch zu materialisieren. Egal, ob es schön oder gefällig ist.

Nun ja, ich stolpere noch viel zu oft über die Filter schön und gefällig. Noch verfälschen sie immer mal wieder meinen Von-innen-nach-außen-Transport. Dennoch will ich mich lieber weiterhin diesem Versuch des vollkommenen Ausdrucks widmen als die nie und nimmer erreichbare Perfektion erreichen zu wollen.

Vollkommenheit ist doch auch eine Form von Perfektion, denkst du jetzt womöglich, und fragst dich, wo da der Unterschied sei. Vollkommen ist für mich viel weniger negativ gefärbt als perfekt, es ist für mich der natürliche Zustand von etwas, vollkommen ist für mich eher ein Synonym von natürlich, also nicht aufgepimpt, aufgebretzelt, zurechtgeschliffen, zurechtgepfriemelt, sondern genauso gewachsen. Geworden. Von innen nach außen geholt. In sich vollendet.

Wortklauberei vermutlich. Egal, auch Wörter sind ja letztlich vergänglich.

Hinter den Worten eine andere Welt

Da sind so viele Worte in mir, oft zu viele, um wirklich den Wörtern in der Luft um mich herum zuhören zu können. Aber wirklich sind sie deshalb nicht weniger. Und auch nicht weniger wirksam.

Englische Notiz: I wish that just for one day everyone would just say exactly what they wanted.
Ich wünschte, dass wenigstens einen Tag lang alle exakt das sagen, was sie wollen. (Fundstück)

Sie flüstern andere Bedeutungen, lesen Zwischenzeiliges, mehr schlecht als hilfreich nachträglich zwischen Gesagtes Eingepapptes; an der Decke kleben sie, hochgestiegen wie Heliumballons vom Jahrmarkt. Und manche von ihnen sind lauter als jene Worte, die vorher ausgesprochen worden sind.

So behindern sie mich zuweilen ein wenig mit ihrer Vehemenz, verhindern mein Hören auf das tatsächlich Ausgesprochene. Und sie bereichern es.

Wortebenen wie Bildebenen. Aufeinandergelegt, übereinandergefühlt. Übereinander gefüllt. Übereinander gegossen. Verschmolzen. Untrennbar nun.

Subtexten gleich hinterlassen auch viele gesprochene, viele gelesene Wörter Abdrücke in mir, sinnliche Eindrücke.

Sag Meer und ich höre Möwen, rieche Salzwasser, höre Rauschen, fühle Wind auf der Haut und sehe Sand und Fels.
Sag Wald und ich höre Amseln, rieche feuchte Erde, höre den Wind in den Blättern, fühle weichen Erdboden und sehe grün und satt und braun.
Sag Berge und ich höre Stille, rieche Freiheit, höre das Rascheln von Murmeltieren, fühle den steinigen Boden unter den Füssen und sehe Weite, Weite, Weite.

Wörter öffnen Welten.
Wörter sind Vorhänge,
sind Schutzhäute,
sind Decken.

Reichtum ist es, den Worten hinter den Worten lauschen zu können. Alles aber hat einen Preis. Diese Fülle ist Geschenk und zugleich reizüberflutende, herzundhirnberauschende Knochenarbeit.

Interpretation, ja; alles ist und bleibt letztlich Interpretation.

Artwalking mal wieder

Eigentlich wollten wir ja nur einige Beiträge zur wachsenden Bahnhofsbilder-Sammlung einer auf Twitter befreundeten Community schießen, doch auf einmal fanden wir uns in einem herzigen Dorf mit dem pittoresken Namen Waldfischbach-Burgalben wieder und suchten nach der Bahnhofsfotografierung mal wieder nach einem Geocache in den nahen Hügeln. Zwar haben wir den nicht gefunden, aber sonst ein paar schöne Motive. Denn echt jetzt, die Pfalz ist schön. Nicht immer und nicht überall. Aber gestern. Aber dort.