Zusammenhängend

Ich kenne fast nur auf die eine oder andere Weise beschädigte Menschen. Menschen, die chronische Krankheiten, starke Beschwerden, psychische Krankheiten und seelische oder körperliche Schmerzen haben. Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise am einen oder andern leiden; am Leben und an dessen Schatten. Natürlich ist die Spanne sehr breit, was die Schwere der Beschwerden, die Wahrnehmung derselben sowie der Umgang mit oder das Leiden an ihnen betrifft.

Im Kreis der mir lieben und nahen Menschen gibt es einige, die meiner Meinung nach dringend mehr Unterstützung von außen bräuchten; finanzielle die einen (manche sehr dringend), andere eher kompetentere oder besser vernetzte Hilfe als die bisher erhaltene.

Manche dieser Menschen, die mir am Herzen liegen, sind den Weg von Pontius nach Pilatus in vielen Variationen gegangen, auf Umwegen, auf scheinbar vielversprechenden Abkürzungen, dabei mal mäandernd, mal auf allen Vieren, mal aufrecht und dabei immer wieder neu hoffend, dass doch endlich, eines Tages, eine gute Lösung für ihr Problem gefunden werde.

Einige sind auf diesem Weg, obwohl sie teilweise sichtbare Gebrechen haben, immer wieder in die Schublade der hysterischen HypochonderInnen gesteckt worden und wurden in ihrem Leid nicht ernst genommen. Schließlich kann da doch nichts sein, wenn mit den zur Verfügung stehenden Diagnosemethoden keine Ursachen für die Beschwerden zu finden sind. Oder aber sie sind in die Schublade ’Das können wir nichts machen, das ist psychisch!’ gesteckt worden. (Und selbst wenn es so wäre? Wäre es denn nicht genauso wichtig, diese möglichen Ursachen ernsthaft zu untersuchen?) ’Das bilden Sie sich bestimmt nur ein!’ ist ebenfalls eine wenig hilfreiche Reaktion auf noch nicht definierte Krankheitsbilder oder solche, die atypisch für ein bereits definiertes Krankheitsbild sind.

Speziell denke ich an eine Freundin, die schon länger wegen unterschiedlicher inzwischen längst chronischer Beschwerden in Behandlung ist. Unterwegs wurde sogar mal ein gutartiger Tumor entdeckt und entfernt, doch die Hauptbeschwerden blieben weiterhin bestehen und die Ursachen sind bisher unerkannt. Nun endlich tut sich eine ganz neue Spur auf und ich hoffe soo sehr, dass es diesmal die richtige ist. Auf der Suche nach Auslösern kam nämlich endlich jemand auf die Idee, ihren Hormonhaushalt unter die Lupe zu nehmen. Dabei wurde ein eklatanter Mangel eines sehr wichtigen Hormons festgestellt, der bekannterweise(!) genau zu einigen ihrer Symptome passt. Etwas, worauf in den ganzen Jahren noch nie jemand sein Augenmerk gerichtet hatte. Weil bestehende Zusammenhänge nicht hergestellt worden sind.

Die Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen – die körperlichen ebenso wie die gesellschaftlichen, die mentalen ebenso wie die politischen – sind weit komplexer als wir es ahnen. Sie zu sehen, sie zu verstehen, sie überhaupt herstellen zu können, erfordert Wissen und Kenntnisse, die wir oft nicht oder nicht umfassend genug haben, um überhaupt auf die richtige Lösung kommen zu können. (Interesse und Neugier sind dabei auch nicht zu unterschätzen, aber sie ersetzen das Wissen nicht.)

Wichtig also auch, dass wir immer wieder bereit dazu sind, davon auszugehen, dass es noch immer unentdeckte Dimensionen und ungelöste Fragen gibt. Im Menschen ebenso wie in der Welt. [Man denke an den quadratischen Flächenländer aus dem Buch Flächenland, der seinen Mitbewohnern von der dritten Dimension erzählen wollte und auf lauter Unglauben gestoßen ist.*]

Ich plädiere einmal mehr für individuelle, für persönliche Lösungen. Und das in einer Welt, wo alles immer mehr normiert und standardisiert wird. Natürlich gibt es Parallelen von Mensch zu Mensch, doch was der einen geholfen hat, ist bei der anderen – trotz ähnlicher Beschwerden – unwirksam oder sogar kontraproduktiv. Jeder und jede leidet eben anders.

Zum Heilwerden braucht es in der Regel eben mehr als einfach nur die richtigen Tabletten oder ein bisschen mehr guten Willen und gute Ratschläge.

Was das ganze menschliche Miteinander kompliziert macht. Und auch darum ist Respekt vor unserer Unterschiedlichkeit so dringend notwendig.

 


* Wikipedia dazu: »Zurück in seiner zweidimensionalen Welt erscheint dem Erzähler eine Kugel, ein Gast aus unserer dreidimensionalen Welt. Erst nach langer Mühe gelingt es der Kugel, das Quadrat von der Existenz der dritten Dimension zu überzeugen, und sie nimmt es zu einem Rundflug über seine zweidimensionale Heimat mit. Der nun zur vollen Erkenntnis der Dimensionalität gelangte Erzähler übertrifft daraufhin die Kugel, seinen Lehrer, darin, indem er sogar die Denkbarkeit vier- und höherdimensionaler Welten beschreibt, was die Kugel verärgert, die ihn deshalb zurück in seine Welt stößt. Als der Erzähler seine Erkenntnis der höheren Dimensionen schließlich unter den Bewohnern von Flatland verbreiten will, stößt er allerdings nur auf Irritation und wird schließlich als Aufrührer eingekerkert.«

Wofür es sich lohnt

Es gibt Tage, Orte und Erlebnisse, die wir einfach nie vergessen. So ein Tag, so ein Ort und so ein Erlebnishappen war die Reiseetappe des 11. Juli 2010, als Irgendlink und ich uns auf der Straße 17, jener legendären norwegischen Küstenstraße immer weiter nach Norden, immer näher an den Polarkreis, geschoben hatten.

Geendet hatte dieser wunderbare Reisetag schließlich – nach einigen Inselhüpfern in Fähren, wo es keine Straßen gab – auf einem traumhaft schönen Campingplatz. Bei wohligen 20 Grad genossen wir direkt am Strand unseren bis dahin wohl längsten Sonnenuntergang. Stundenlang ist nicht übertrieben.

»Nur schon dafür hat sich die lange Reise gelohnt!«, sagte Irgendlink damals. Ein Satz, der seither fast reisetraditionell geworden ist. Zumal, wenn wir gemeinsam reisend unterwegs sind. An besonders schönen Orten, in besonders stimmigen Stunden, an besonders guten Tagen fällt er wie von selbst, doch noch nie klang er fad oder abgedroschen. Im Gegenteil: Es klebt Dankbarkeit an ihm und er dreht sich wie ein Windrad mit uns mit, wenn wir es besonders gut haben.

Gestern nun, als ich mir morgens meine tägliche Wellnessstunde schenkte – zuerst eine halbe Stunde Meditieren, danach eine halbe Stunde Yoga –, gestern also, als ich im Sonnengruß den Tag begrüßte, sagte meine Herzstimme zu mir: »Dafür hat sich doch dein bisheriges Leben gelohnt!«

Der Gedanke ist irgendwie neu. Eigentlich bin ich ja der Ansicht, dass alles, was wir tun sinn- und wertvoll und wichtig sein sollte, eine Verbesserung für die Welt, eine Leistung für die Menschheit. (Nun ja, von Ferien- und Freizeitdingen einmal abgesehen: diese dürfen, sollen sogar, in erster Linie Spaß machen, müssen also nicht zwingend wichtig, sinn- und wertvoll sein).

Mein kleiner Alltag als offiziell Stellenlose/Stellensuchende, als Schriftstellerin, als Teilselbständige erlaubt mir zum Glück zurzeit, meinen Alltag sehr frei zu gestalten. Darum ist meine Wellnessstunde ein fester Alltagsbestandteil geworden, doch bis jetzt buchte ich das immer als Freizeitelement (ich muss also in dieser Stunde nicht die Welt retten und so), doch nach diesem neuen Gedanken – »Dafür hat sich doch dein bisheriges Leben gelohnt!« – dachte ich zum ersten Mal darüber nach, dass eigentlich jeder Mensch innerhalb seiner Arbeitszeit eine bezahlte Wellnessstunde haben müsste. Dass also auch die Erholungsräume von den Arbeitsgeberinnen und -gebern entlöhnt werden müssten, weil diese Zeiten es ja erst möglich machen, dass wir Menschen arbeiten können. Ohne Erholung keine Arbeit.

Einmal mehr ertappte ich mich selbst dabei, wie an meiner Wellnessstunde, obwohl sie so wichtig und so kostbar für mich ist, noch immer das ihr von mir verliehene Etikett Luxus klebte. Mir diese Stunde zu gönnen hat noch immer etwas latent Illegales an sich (ich müsste doch in dieser Zeit etwas leisten!), zumal ich ja zurzeit nicht klassisch berufstätig bin.

»Dafür hat sich doch dein bisheriges Leben gelohnt!« Mit diesem Satz legitimiere ich ab sofort Freude, Dankbarkeit und Alltagsschönheit, die ich zuweilen kaum wirklich wahrnehme. Insbesondere dann nicht, wenn ich mal wieder – oft genug – durch die Depro-Brille nur Grautöne sehen kann. Den grauen Tagen, Stunden, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen also Dankbarkeit entgegenhalten, dazu Freude und einen Blick auf das, was in meinem kleinen Alltag Spaß macht, gut tut, Lust auf das Leben, auf die Zukunft macht. Genau das will mir dieser Satz sagen.

Ähnlich wie bei einer langen Reise von Zeit zu Zeit eine Reisemüdigkeit auftaucht, taucht ja in meinem Leben phasenweise immer wieder eine tiefe Lebensmüdigkeit auf, die alles, was je war, in Frage stellt. Warum also nicht ähnlich wie bei einer langen Reise diese Müdigkeit zwar sehen, beobachtend, möglichst wertfrei, sie aussitzen, ihr aber zugleich auch erlauben, sich von neuen Erfahrungen ablösen zu lassen und sich aufzulösen?

Auch wenn es abgelutscht klingt: Eigentlich weiß ich ja inzwischen, dass es hinter der schwarzen Wand weitergeht. Weil es bisher immer weitergegangen ist. Immer irgendwie. Nicht immer einfach, nicht immer ideal, aber immer irgendwie. Und irgendwann wurde es immer wieder irgendwie besser. Warum sollte es nicht auch weiterhin so sein?

Diese Gedanken, aber genau umgekehrt, in invertierten Farben und Formen also, denke ich auch, wenn ich in einer depressiven Episode stecke. Dass nämlich alles immer so schwarz wie jetzt weitergehen wird.

Jetzt aber, in einer nicht-schwarzen, in einer sogar eher bunten Lebensphase (und ja, dafür hat es sich doch wirklich gelohnt, bisher zu leben!), kann ich Herzressourcen sammeln. Lebensvertrauen. Denn Satz in mir konfigurieren. Schritt für Schritt anderes Denken üben, mir dabei bewusst machen, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht nur die großen Dinge, eigentlich eher noch und besonders die kleinen. Das sehen lernen, was gut ist und was gut tut.

Und auch wenn das alles jetzt ein bisschen unstrukturiert und wild daher kommt: Ja, auch das tut manchmal gut. Wie ein wilder Garten, der in meinem Kopf und in meinem Herz vor sich hin wächst.

Manches schon, manches nicht – Gedanken zum Heilwerden

Bei einem Auto spricht man ja davon, ob es sich noch lohnt, es zu reparieren. Etwa dann, wenn sich die Kosten für die Reparatur denen für die Anschaffung eines neuen (Gebraucht-)Wagens annähern oder sie gar überschreiten. Selbst dann, wenn der Schaden womöglich mit großem Aufwand repariert werden könnte, wird das kaputte Auto oft lieber ersetzt. Es hängt vom Menschen ab, dem das Auto gehört, ob er in eine Reparatur oder in eine Neuanschaffung investieren will. Oder ob er ohne Auto leben will.

Metaphern wie diese lassen sich nur bedingt aufs Menschsein übersetzen. Zumal sich der Wert eines Autos nicht mit dem eines Menschenlebens messen lässt. Auch ist ein menschlicher Körper weitaus komplexer als ein Motor. Dennoch gibt es auch bei einem kranken Menschen diesen einen Moment, diesen einen Punkt, und jemand spricht die Worte ’unheilbar krank’ aus.

Doch wann gilt ein Mensch als unheilbar krank und wer trifft diese Entscheidungen und sind sie wirklich wahr? Welche Grenze muss überschritten sein, damit wir das Therapieren aufgeben und nur noch danach trachten, Schmerzen auf ein Minimum zu reduzieren?

Körperlich-physisch lässt sich vielleicht ein klein wenig besser definieren und beobachten, wann der Punkt erreicht ist, wenn – bezogen auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse und berufliche Erfahrungen – nichts mehr gemacht werden kann. (Von Wundern mal abgesehen.)

Wie aber sieht es bei psychischen Krankheiten aus? Wann gilt jemand mit einer psychischen Einschränkung als austherapiert?

Ich frage mich, ob meine Eingeschränktheit in Sachen mentaler Belastbarkeit, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar macht, heilbar, veränderbar ist oder ob sie zu jenen nicht mehr veränderbaren, heilbaren Dingen gehört, die ich einfach als gegeben akzeptieren muss. Einer Amputation gleich – ein Bild, das so unzutreffend gar nicht ist.

Mit ’mir mehr Mühe geben’, mit Ausdauertraining und mit ’es nur richtig wollen’, wächst zwar kein amputiertes Glied nach, aber ich kann manchmal und punktuell etwas erreichen. Dennoch gehe ich dabei immer wieder über meine Grenzen. Und es stellt sich die Frage, was damit erreicht ist.

Ist es nicht, wie gesagt, vielmehr wichtig, zu akzeptieren, dass etwas eben so ist, wie es ist?
Zu akzeptieren, dass ich das Putzen meiner kleinen Wohnung immer auf zwei Tage verteilen muss, weil ich es an einem einzigen kräftemäßig nicht schaffe.
Zu akzeptieren, dass ich nicht mehr länger als vier Stunden am Stück am PC sitzen kann, weil ich bei mehr Zeit im Sitzen Schmerzen bekomme.

Akzeptieren ist für mich so oder so die einzige Möglichkeit mit Schwierigkeiten umzugehen. Wenn ich denn nicht verbittern will. Selbst dann, wenn etwas wieder besser werden sollte. Wie bei meiner Schulter (frozen shoulder), die nach vielen Monaten Schmerzen und Unbeweglichkeit dank gezielter Physiotherapie und schmerzhaften täglichen Trainings nun langsam wieder beweglich geworden ist (zu 95% von 100% wieder hergestellt).

Manches ist heilbar, manches nicht.

8 Jahre Bloggerei

Vor acht Jahren habe ich meinen ersten Blogartikel auf WordPress geschrieben. Sagt WordPress. Auf dem Uraltblog damals noch.

Ich weiß nicht, wer von euch noch vom Anfang dabei ist, aber ich bin froh, dass ich angefangen habe. Und ich danke euch, dass ihr da seid. Und mitlest (… mitesst hätte ich fast geschrieben).

Auf ein Neues! Und bleibt mir gewogen.