Punkte, Linien, Flächen

Da ist diese transparente Schicht
zuerst aus Papier
später auf dem Bildschirm

Ich setze Punkt an Punkt
Zeichne auf die leere Ebene
was untendrunter schon da ist

Ich erschaffe einen neuen Buchstaben
Einen, den es genauso noch nicht gibt
Heiße einen neuen Buchstaben
willkommen in meinem Buchstabenrudel

Verbinde Punkte zu Linien
Verbinde Linien mit Punkten
Schaffe neue Flächen
Male neue Flächen aus
Radiere Überlappendes weg
Hoble Scharfkantiges ab

Nennt überflüssig
was ich da tue
Es gibt schon genug Bücher
Es gibt schon genug Sätze
Es gibt schon genug Wörter
Es gibt schon genug Buchstaben
Es gibt schon genug Fonts
Es gibt schon genug
Es gibt schon
Es gibt

Von allem zu viel

Sinnlos*
Sinne erfüllend
Sinnvoll

GIF, das den Prozess vom gemalten zum digitalisierten Buchstaben Z zeigt.
GIF, das den Prozess vom gemalten zum digitalisierten Buchstaben Z zeigt.

——–

*Ich finde übrigens, dass sogenannt sinnloses, weil nicht materiell einträgliches, kreatives Tun unterschätzt wird. Dafür wird das sogenannt sinnvolle, weil Geld generierende Tun überschätzt.

Kreatives Tun tut der Seele gut – wenn das mal nicht sinnvoll ist!

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Von Bergen, Übergängen und warum Schönheit so gut tut

Bereits sechs Tage ist es her, dass ich Irgendlink am Bodensee von seiner #UmsLand Bayern-Tour abgeholt habe. Nach acht Tourtagen hatte er ungefähr einen Viertel der von ihm angedachten Bayernumradelung geschafft und das geplante Zwischenziel, Lindau, erreicht. Nach einem Bad im Bodensee – natürlich dort, wo wir damals auf unserer Flussnoten-Wanderung den Bodensee erreicht hatten – fuhren wir mit dem Rad im Kofferraum gemeinsam zu mir nach Hause.

Zu meinen Bildern gilt folgendes:
Für Sehbeeinträchtigte und Blinde: Alle Bilder haben Bildbeschreibungen, die vorgelesen werden sollten.
Für Sehende: Auf die Bilder klicken, um zur Galerieansicht zu kommen.

Spontan beschlossen wir, am Wochenende das Team Unserwegs zu besuchen. Nach einer viereinhalbjährigen Reisezeit schlagen die beiden nun am Hinterrhein, in den Bündner Bergen, wieder Wurzeln. Noch leben sie in ihrem Reisebus, bevor sie Anfang Oktober ihre neue Wohnung beziehen können. Auf dem Camping Thusis waren wir drei Tage lang ihre Gäste. (An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für alles, liebe Annette und lieber Beat.)

So fuhren wir also am Freitagnachmittag nach Thusis, in die Region Heinzenberg an den Hinterrhein. Unterwegs picknickten wir bei Fläsch und erfreuten uns an den schönen Erinnerungen, die in uns aufstiegen. Damals, vor zwei Jahren auf unserer Flussnoten-Wanderung hatten wir nicht weit von hier, an einem wunderbaren Platz, wild gezeltet. Diesmal bauten wir zwei große gemeinsame Steintürme.

Gegen Abend langten wir in Thusis an und wurden im Schatten des weitgereisten Reisebusses mit Leckereien verwöhnt.

Am Samstag fahren Irgendlink und ich von Thusis aus auf den Glaspass, wandern von dort aus – nach einem Abstecher ins Häärdställi, wo eine überdimensionierte Kugelbahn zum Spielen einlädt – auf den Glaser Grat und wieder zurück zum Auto (unsere GPS-Daten) (Infos | Bilder).

So sieht meine Glückseligkeit aus: Weitsicht, Berge, gute Luft, ein feines Lüftchen, Stille – und, ähm, sagte ich Weitsicht schon? Wir wandern berghoch, rasten, genießen, schauen, hören und sind einfach nur da … Ein Tag wie ein Jahr.

Unterwegs auf dem Abstieg finden wir den ehemaligen Lüschersee, der vor über hundert Jahren entwässert wurde. Bereits beim Lüschersee zickt mein linkes Knie leise. Wie neulich beim Abstieg vom Creux-du-Van. Die Schmerzen entschleunigen mich noch mehr. Ein positiver Effekt immerhin.

Fast schon unten angelangt, kommen wir an der Bruchalp vorbei und fragen nach Alpkäse. Leider nein, keiner mehr da. Wegen der Trockenheit war der Alpabzug dieses Jahr ungewöhnlich früh und der ganze Käse ist schon bei den Molkereien und Einzelverkaufsstellen gelandet. Schade.

Wie wir mit dem Auto zurück nach Thusis fahren, entdeckt Irgendlink am Straßenrand ein Schild, das einen Hofladen verspricht. Jippiee, sagen wir, und schon bald sind wir mit der jungen Bäuerin mitten im Gespräch über das Einmachen von Zucchini und anderen Gartengemüsen. Wir kaufen Bündner Nusstörtchen – ein großer Genuss, darum ein Muss, nicht nur um des Reimes willen – zum abendlichen Dreigangmenü auf dem Campingplatz. Auch Alpkäse finden wir hier, von der vorhin passierten Bruchalp. Über diesen unerwarteten Glücksfall freuen wir uns auf dem Rückweg wie kleine Kinder.

Am Sonntag kommt das Team Unserwegs mit uns mit in die Höhe. An der Ruine Hohen Rätien vorbei soll es gehen, Richtung Traversinersteg zur Via Mala-Schlucht. (Details/Infos) Schon nach nicht einmal fünfhundert Metern merke ich, dass ich das nicht schaffen werde. Am Samstag hatte mein Knie nur beim Abwärtslaufen geschmerzt, jetzt zickte es auch beim geradeaus gehen. Nicht lustig das. Ich entscheide mich, umzukehren und den anderen an einen definierten Ort entgegen zu fahren.

Gesagt getan. Nach einem kleinen Spaziergang, der meine Entscheidung bestätigt, setze ich mich ins Auto und suche eine schöne Waldlichtung, wo ich die anderen erwarte. Mit einem guten Buch vergeht die Zeit wie im Flug. Vom Treffpunkt aus fahren wir gemeinsam zum Via Mala-Zentrum, dem Herz der Sehenswürdigkeiten des Hinterrheins.

Der Weg am Hinterrhein entlang war schon sehr früh in der menschlichen Geschichte ein Handelsweg und verband den Süden mit dem Norden. Die Via Mala – der böse, der schlechte Weg – forderte viele Todesopfer, denn hier ist das Rheintal am engsten, ein Durchkommen auf engen Pfaden war zuweilen lebensgefährlich und noch heute ist die Schlucht ein Nadelör, und noch immer auch ein Ort des Staunens. Wie klein wir doch sind, wir Menschen!, sagen wir zueinander, wie wir über Treppenstufen in die enge Schlucht hinuntersteigen. Selbst Friedrich Nietzsche soll hier wortlos gestaunt haben, stattdessen schrieb er: «Ich schreibe nichts von der ungeheuren Grossartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte. Bis zu 300 Meter hohe Felswände ragen, teils nur wenige Meter voneinander, in den Himmel. Sprudelnd, rauschend, zieht das Wasser in schönsten Blau- und Türkistönen durch die Schlucht.»

Gestern Vormittag machten wir uns nach dem Brunch auf den Rückweg in die Deutschschweiz (Rückweg-Link). Allerdings wollten wir zuerst, nicht zuletzt um die unvermeidliche Rückkehr hinauszuzögern, noch ein wenig Kultur tanken. So fuhren wir ein weiteres Mal durch die Via Mala, diese enge Schlucht, südwärts. Nach Zillis. In die Kirche.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht so mit Kirchen habe. Doch diesmal war die kulturelle Neugier größer gewesen als die Abneigung. Die St. Martinskirche in Zillis ist bekannt für ihre uralten Dachgemälde. Im Gemeindehaus Zillis sehen wir uns eine kleine Ausstellung und eine spannende Multimediaschau über die berühmte Kirchendecke an. In der Diaschau wird Dionysius Areopagita zitiert und ich erlaube mir, ihn deshalb auch hier zu zitieren: »Das Gute stammt aus der einen und universellen Tatsache, das Böse aber aus vielen und partialen Defekten. […] Wenn nun das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist, so sind die Ursachen ds Bösen viele. Die schöpferischen Faktoren des Bösen sind nicht Prinzipien und positive Kräte, sondern Ohnmacht, Schwäche, unsymmetrische Vermischung der unähnlichen Dinge.«

Neugierig geworden spazierten wir zur Kirche. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. In vielen Einzelbildern sahen wir über uns das mittelalterliche Weltbild, Mystik inklusive, abgebildet. Nicht sehr detailreich, schlicht, aber gekonnt und ausdrucksstark. Ja, ich war wirklich tief beeindruckt.

Wir fuhren nordwärts nach Reichenau, wo Hinter- und Vorderrhein aufeinander treffen und wo wir damals auf unserer Tour gepicknickt hatten. Wieder tauchten wir in schöne Erinnerungen ein und beschlossen, später, vor dem Taminser Dorfladen rastend, dass wir der alten Zeiten willen über den Oberalppass zurück nach Hause fahren wollten. An den Orten vorbei, an denen wir vor zwei Jahren vorbei gewandert sind.

Guck dort! Schau, da sind wir doch damals …! Unterwegs halten wir irgendwo am Vorderrhein an und bauen wieder. Ja, was wohl? Steintürme natürlich. Weils so schön ist. Und entschleunigt. Und gut tut.

Später landeten wir über Hunderte von Kurven auf dem Oberalppass, wo damals unsere Wanderung ihren Anfang genommen hatte. Wir schauten uns die Wegweiser an und verstanden nicht, wie wir damals den falschen Weg hatten gehen können. Eigentlich hatten wir ja den Wanderweg zum Tomasee nehmen wollen, zur Rheinquelle, stattdessen waren wir den Bergwanderweg, der über den Pazzolastock zum Tomasee führt, gewandert. Was im Grunde ein Glücksfall gewesen war.

 

Irgendwann gegen Abend sind wir gut, zufrieden, müde, glücklich, sonnensatt und hungrig wieder zuhause angelangt. Und dankbar, ja, das auch, das vor allem.

Wochenendimpressionen

Was für ein Wochenende! Am Freitagnachmittag fuhren wir via Bern, meiner alten Heimat, ins Schwarzenburgerland. Ans Schwarzwasser. Einem jener Flüsse, denen ich in meinen Berner Jahren oft einen Besuch abgestattet habe – allein oder mit Freundinnen und Freunden und natürlich auch mit dem Liebsten.

Schon auf der Fahrt hatte sich der Himmel zu überziehen begonnen, doch das hinderte uns nicht daran ins Schwarzwassertal hinunterzusteigen. Unten, bei einer kleinen Brücke, die eine Art Kreuzung in vier Richtungen darstellte, beschlossen wir vor der Brücke nach links zu gehen, als uns von rechts zwei Frauen entgegen kamen. Die rechts sieht ja aus wie R., murmelte ich und es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich erkannte, dass es sogar R. war. Was für ein Zufall! Vorhin waren wir an ihrem Haus vorbeigefahren und ich hatte noch laut überlegt, dass wir ja eigentlich …

Nun begrüßten und umarmten wir uns herzlich und ließen uns für später zu einem Tee einladen. Und, falls wir wollten, auch zum Übernachten. Mal schauen, sagten wir, und: Bis später!

Zuerst aber wollten wir einfach das Schwarzwasser begrüßen. Ins Flusstal waten. Uns badend abkühlen. Schwül war es und ab und zu fielen ein paar Regentropfen vom sich bewölkenden Himmel. Die Temperatur fiel ein wenig. Ach, herrliches Schwarzwasser! So viele Steine zum Türme bauen. Steine und Wasser und Bäume und relative Stille. Wie gut das tut!

Auf einem Fels, der aus dem Wasser ragte, baute ich ein Steinmännchen, wie ich es noch nie gemacht hatte. In die Schräge hinein baute ich es, wie ein Terrassenhaus, dabei versuchend, wie ich es im Leben ja oft genug übe, den unidealen Voraussetzungen zu trotzen. Definitiv schwieriger als ein Steinmännchen auf ebenem Untergrund. Es wurde deutlich weniger hoch als manche andere, die ich schon geschaffen hatte, zu fragil war das Gleichgewicht, zu unsicher der Untergrund.

Langsam wurden die Füße dann doch ein bisschen kühl vom Wasser und auch der Regen schien es langsam ernst zu meinen. Wir zogen uns wieder um und wanderten zurück zum Auto. Nach einem kleinen Abstecher nach Schwarzenburg, um noch dies und jenes einzukaufen, fuhren wir auf einen Tee zu R., um mit ihr über das Leben und das Reisen zu philosophieren. Ihr Übernachtungsangebot lehnten wir allerdings ab, obwohl Regen angesagt war, denn wir hatten uns innerlich auf ein Zeltwochenende eingestellt und wollten endlich einmal Bern vom Eichholz-Camping aus erleben.

So fuhren wir nach Wabern auf den Aare-Campingplatz Eichholz. Bisher kannte ich dieses Areal ja nur von unzähligen Spaziergängen zwischen dem Aareufer und ebendiesem Zeltplatz. Jetzt aber wollten wir es wissen. Kaum hatten wir uns angemeldet und Fr. 38.50 für Übernachtung, Duschjetons, Parkkarte und Tickets für den öffentlichen Verkehr bezahlt und uns einen schönen Platz für unser Zelt aussuchen wollen, fing es richtig heftig zu regnen an. Spontan fuhr uns ein Zeltplatzeinweiser mit Fahrrad und Schirm voran und lotste uns in eine schmale Lücke zwischen zwei Wohnwägen, wo wir das Auto kurz, zum Ausladen, abstellen durften. Nachher müsse das Auto aber wieder raus. Unter den Bäumen, in einer vielleicht sechs Meter schmalen Lücke zwischen anderen Zelten, war es relativ trocken und so bauten wir ebendort, mangels Alternativen, in Rekordzeit und halbwegs trocken unser Zelt auf. Während Irgendlink das Auto wieder herausfuhr, befüllte ich unsere Matten mit Luft, packte die Schlafsäcke aus und schon bald hatten wir es schön gemütlich. Im Zelt dem Regen lauschen hat was – echt jetzt! – und so richtig heftig regnete es inzwischen eh nicht mehr. Zwischendurch war sogar das Murmeln der Aare zu hören. Je später und dunkler es wurde, desto aktiver und lauter wurden allerdings die Menschen in den Zelten um uns herum.

Während wir uns etwas Feines kochten, überlegten wir, ob es wirklich so eine tolle Idee gewesen war, mitten in der Hochsaison auf einen vollen Stadt-Camping zu gehen. Zumal für uns zwei Schwedenverwöhnte. Nun denn … Wir haben ja zum Glück einen Fußball … und auch sonst geht es uns gut.

Zwei Finger in kleinen Fußballschuhen, die einen kleinen Fußball gegen einen Fuß als Tor schubsenUnd  tatsächlich wurde es gegen 23 Uhr still und in der Nacht hätte man kaum glauben können, dass hier einige hundert Menschen schlafen.

Geplapper im Nachbarzelt, es war noch vor sieben Uhr, weckte mich. Wie ein angestoßener Dominostein setzte sich das Geplapper fort und schon bald war der Campingplatz wach.

Beim Tee- und Kaffeetrinken beschlossen Irgendlink und ich, dass wir das Zelt abbauen und doch bei den Freunden, die uns zum Abendessen und Übernachten eingeladen hatten, übernachten würden. Jedenfalls, wenn sich der Wetterbericht für Sonntag doch noch zum Guten wenden sollte. Außerdem gab es die Option, nach dem Abendessen bei unseren Freunden auch einfach nach Hause zu fahren. Mal schauen.

Irgendlink fotografiert den Zytglogge-Turm, eins der Wahrzeichen Berns

Um zwölf trafen wir uns mit Freundin M. (2) auf der Münsterplattform, einem beliebten zentralen Treffpunkt hinter dem Münster, von welchem aus man ’von oben herab’ auf die Aare und die Quartiere am Fluss blicken kann. Gemütliches Zusammensein. Einfach schön, solche Menschen zu kennen!, dachte ich, wie schon oft.

Dank des Citytickets für den öffentlichen Verkehr konnten wir ohne Parkplatzsorgen vom Stadtzentrum zur Col-Art-Austellung fahren, wo wir an einem Col-Art-Workshop teilnahmen. Zu neunt malten wir an acht verschiedenen Bildern. Demokratisch, gemeinschaftlich, miteinander – so der Grundgedanke der Kunstrichtung Col-Art/Kollektive Kunst, die heuer 50 Jahre alt wird.

Acht bunte Bilder auf Holzboden mit vielen sehr unterschiedlichen Bildelementen, Acryl auf Papier.Gründer Marc Kuhn stellt einen Monat lang mit großem Engagement im alten Tramdepot Bilder aus fünfzig Jahren Col-Art aus. Diese Ausstellung läuft noch bis Ende Juli.

Mehr Infos gibt es hier: https://agenda.bernerzeitung.ch

Später holen wir das Auto auf dem Campingplatz und parken im Quartier unserer Freunde. Gemütlich ist es. Die kleine Tochter giggelt uns fröhlich und die inspirienden Gespräche und das feine Essen tragen ebenfalls zu einem tollen Abend bei. Müde legen wir uns schlafen. Am Morgen werden wir vom Singsang des Töchterleins sanft aus dem Schlaf gelotst. Wir freuen uns über das gute Wetter und beschließen, die Idee, im Jura wandern zu gehen, umzusetzen. Nach all den vielen nährenden Gesprächen der letzten beiden Tage ist es uns nach Natur und Stille. Und Bewegung.

Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Schlenker zum nahen Friedhof fahren wir ins Traverstal, wo die Areuse schluchtet und der Creux du Van das Staunen lehrt.

Eine natürliche Felsenarena gewaltigen Ausmaßes ist er, der Creux du Van. Um die hundertsechzig Meter hohe, senkrechte Felswände umschließen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel. Gewaltig, wunderbar, ehrfurchtgebietend!

Über vierzehn Kurven wanderen wir von Noiraigue aus zum Plateau hoch und genießen hier eine Weite, die es so nur in den Bergen gibt.

Auf dem Weg bergauf wünschten wir allen Leuten, die unsere Wege kreuzten, freundlich Bonjour. Kaum oben auf dem Plateau angekommen, hören wir schnell damit auf. Viele Menschen teilen mit uns die Fernsicht und das spektakuläre Erlebnis. Viele allerdings fahren mit dem Auto zum Bergrestaurant hoch und flipflopen sich am Abgrund entlang um das ultimativ spektakulärste Bild schießen zu können. Zum Glück hat es genug Platz für alle.

Wir umrunden den Krater an seiner Oberkante und steigen auf der anderen Seite der Felsarena wieder abwärts. Die ersten drei oder vier Kilometer sind wieder sehr steil, wie schon beim Aufstieg, auch der Rest hat es in sich. Und geht ganz schön in die Beine. Ich bin auch langsam müde von all den vielen Eindrücken, Begegnugen und Gedanken.

Auf den letzten Kilometers des Abstiegs verbiege ich mir dummerweise irgendwie das Knie, sodass ich, wegen der stechenden Schmerzen, nur noch ganz langsam gehen kann, doch wir haben es zum Glück nicht eilig.

Auf der Rückfahrt nach Hause bin ich tief entspannt. Und sehr dankbar für dieses nährende Wochenende.


*Hier der Streckenlink  zu unserer Wanderung und hier eine Karte:

Mehr Infos:
Wiki
http://wegwandern.ch
www.schweizmobil.ch
www.wanderungen.ch

Die kleine Wildnis

Meine erste Nacht unter freiem Sternenhimmel erlebte ich ziemlich spät. Ich muss bereits etwa siebzehn Jahre alt gewesen sein. In einem Pfingstlager war es; und ich erinnere mich kaum mehr an Details. Eigentlich nur noch daran, wie erstaunt ich gewesen war über die Feuchtigkeit des Frühsommermorgens im Wald.

Später hatte ich immer mal wieder mit Freundinnen und Freunden die eine oder andere Nacht in der freien Natur verbracht – von Zeltplätzen einmal abgesehen. Aber auch in der Wildnis häufiger mit Zelt drumrum als ohne. Und obschon ich Nächte im Zelt liebe, ist doch dieses Gefühl, unter dem freien Sternenhimmel zu schlafen, durch nichts zu übertreffen. (Natürlich spreche ich von warmen (Früh-)Sommernächten, denn ich friere schnell.)

Bereits vor vielen Jahren machte ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, einmal ganz allein in der Natur zu übernachten. Hätte ich eine Löffelliste – eine Liste also mit Dingen drauf, die ich tun will, bevor ich eines Tages den Löffel abgebe –, wäre ’allein unter freiem Himmel schlafen’ sicher einer der ersten Punkte. Gewesen. Denn jetzt kann ich diesen Punkt ja abhaken. Wobei … ich ahne, dass es nicht meine letzte Alleinnacht war.

Dass ich es endlich getan, gewagt, habe, verdanke ich der lieben M. (2), die mich gestern eigentlich hatte besuchen wollen. Zu Fuß startete sie am Samstagmorgen fünfzig Kilometer von mir entfernt und näherte sich meiner Wohngegend dem Lauf der Aare folgend, dem Fluss der unsere Wohnorte miteinander verbindet.

Ich selbst machte mich erst am späten Samstagnachmittag auf den Weg. Mein Fahrrad belud ich mit Schlafsack, Matte, Überlebensdecke, Buch, zweieinhalb Liter Wasser, Picknick, Zahnbürste und einem guten Buch. Klingt nach wenig, ist aber dann doch einiges an Material.

Auf mir wohlbekannten Wegen fuhr ich der Aare entlang und hielt immer mal wieder Ausschau nach einem schönen Platz, zumal ja nicht die Radtour im Vordergrund stand. Ich kenne hier viele schöne Plätze, denn ich bin nicht weit von hier aufgewachsen und habe als Jugendliche und auch später, als ich schon mal in der Gegend gewohnt hatte, viele schöne Sommerabende am einen oder anderen Kies- oder Sandstrand und auf dieser oder jener Halbinsel verbracht.

Dass diese noch immer heiß begehrt sind, musste ich schnell feststellen. Alle Lieblingsplätze, die ich beim Vorüberradeln sah, waren besetzt. Und beschallt. Womit wir beim Punkt wären, warum ich mich bisher vor so einer Nacht in der Natur gefürchtet hatte. Die Leute. Das Partyvolk. Menschen, die lärmen. Weniger also die Natur, obwohl auch diese natürlich meinen ganzen Respekt hat.

Ich ließ die lärmenden Menschen links liegen und fuhr weiter. Und auf einmal war er da, der Flow. Die Ruhe. Ich machte immer wieder Pausen, setzte mich auf sonnige und auf schattige Bänke; und auf Steinstufen, badete die Füße und genoss es einfach zu sein. Ich blieb immer genauso lange, wie ich mich an einem Ort wohl fühlte. Und immer nur dort, wo ich mich wohlfühlte. In mir drin das ruhige Wissen, dass ich jederzeit umkehren und nach Hause radeln könnte.

Selbst als ich bereits meinen Platz für die Nacht gefunden hatte, war diese Ruhe in mir, dass ich nichts muss, ich muss niemandem etwas beweisen. Da war einfach diese tiefe, innere Gewissheit, dass es gut ist, wie es ist. Zwischen einem Rapsfeld und einem Waldrand, auf einem Stück Wiese, fand ich schließlich meinen Platz. Eigentlich für einen Frischling in Sachen ’Schlafen unterm Sternenhimmel’ perfekt. Hier würde ich meine Ruhe haben, fernab vom Partyvolk. Vom Radweg nicht allzu weit entfernt, aber wegen des Rapsfeldes war ich hier praktisch unsichtbar.

Derweil hatte auch M. mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass überall an den Stränden und schönen Plätzen schon Menschen waren. Schließlich fand auch sie einen Nachtplatz. Und ja, auch für sie war es das erste Mal allein unterm Sternenhimmel. Wir schrieben hin und her und nach einem kleinen Anruf beim Liebsten legte ich mich um zehn bereits schlafen. Es war dunkel und das Beobachten der Nacht spannender als mein Buch. So blieb ich noch eine Weile wach und lauschte dem Glücksgefühl in mir nach. (Endorphine und so.) Der Halbmond leuchtete mir ins Gesicht und tauchte alles um mich in ein sanftes Licht.

Überhaupt: Dämmerung. Sie ist für mich die schönste Tageszeit, wenn ich draußen schlafe. Noch nicht dunkel, noch nicht wieder hell. Zwischenwelt.

Während ich vor mich hindöste und den Geräuschen der Nacht lauschte (auch die Autobahn gehört dazu, fern zwar, aber hörbar), erinnerte ich mich an frühere Nächte unterm Sternenhimmel. Im Wald, am Gerzensee mit anschließendem Morgenbad, in St. Lup, in Israel, an der Melezza, anderswo an der Aare, zwischen den Mauern einer Ruine, immer mehr Orte und Nächte fielen mir ein und ich dachte dabei an all die Menschen, neben denen ich schon unterm Sternenhimmel geschlafen hatte. Verbundenheit. Frieden. Dankbarkeit. Und irgendwann schlief ich tief und fest ein.

Als ich um halb fünf pinkeln musste, war es noch dunkel, dunkler als beim Einschlafen, da sich der Mond nun woanders aufhielt; und es war kalt. Neun Grad. Diesmal dauerte es eine ganze Weile, bis mir warm wurde und ich weiterschlafen konnte. Kurz nach dem ersten Vogelgesang – 5:45 sagte mein Handy – döste ich wieder ein und verpennte den Sonnenaufgang.

Erst um halb acht wurde ich wieder wach. Richtig erholt fühlte ich mich. Richtig wohl. Richtig geborgen. Auch M. hatte es so ähnlich erlebt, doch weil sie am Vortag über dreißig Kilometer gewandert war, fühlte sie sich zu erschöpft zum Weiterwandern und fuhr mit dem Zug nach Hause. Genau das meint Selbstfürsorge. Genau das ist Selbstmitgefühl. Wir klopften uns gegenseitig verbal auf die Schultern, wir Heldinnen.

Auf dem Heimweg fand ich einen Weg, den ich schon viel zu lange nicht mehr geradelt bin. Was für eine schöne Gegend eigentlich, in der ich lebe!

Und wie schön, dass ich ein Zuhause habe, eine warme Dusche, ein Bett. Dinge, die so selbstverständlich zu sein scheinen, wertschätze ich nach einer Nacht in der Wildnis definitiv mehr.