Ausgelesen #24 | Der Mensch ist frei – ein Rheinland-Pfalz-Lesebuch

»Die beiden großen Zweibrücker Künstlerfamilien mit fünf Mitgliedern vereint in einem Buch – das gab es noch nie!«, schreibt Andrea Dittgen, die Kulturredaktorin der Rheinpfalz, am 12. Dezember in der Zweibrücker Ausgabe.

Buchcover Der Mensch ist frei [Pinker Einband mit Schreibmaschine in der Bildmitte. Oben Titel, unten Untertitel, Herausgeberschaft und Verlag]
In der vor zwei Tagen erschienenen Anthologie, die ich als Rezensionsexemplar schon ein paar Wochen vorher bestaunen und anlesen durfte, finden sich Texte unterschiedlichster Art.

Was für ein schönes Buch!, dachte ich, als ich es auspackte. Ein geradezu haptisches Erlebnis ist es, das hochwertig hergestellte Buch aufzuklappen und das feine, ästhetisch ansprechend bedruckte Papier anzufassen. Dazu ein pinkes Lesebändchen! Herz, was willst du mehr?

Gute Texte zum Beispiel, klar! Und ja, die gibt es. Zuhauf.

Erzählungen, Lyrik, Familiengeschichten, dazu auch Texte über Texte – so viel verrät das Inhaltsverzeichnis über die Gliederung. Umrahmt und eingeleitet werden die einzelnen Kapitel von den sowohl spannenden als auch informativen Metatexten der beiden Herausgeber Michael Au und Alexander Wasner. Michael Au leitet seit 2010 das Mainzer Referat Literaturförderung im Kultusministerium, Alexander Wasner arbeitet als Redaktor und Autor beim Südwestrundfunk und redigiert seit 2001 die ARD-Sendung ’lesenswert’. Das Team hat also die idealen Voraussetzungen für diese literarische Momentaufnahme, für diesen sogenannten Gegend Entwurf durch das Bundesland Rheinland-Pfalz.

Neben den erwähnten ’großen Zweibrücker Künstlerfamilien’ – gemeint sind hier die Ohlers und die Rincks – darf ich auch ein Interview mit der Autorin Root Leeb und ihrem Partner, dem Wahl-Rheinlandpfälzer Rafik Schami, lesen.

Das Buch fordert heraus, darüber nachzudenken, wie frei der Mensch tatsächlich ist.

Ob sich diese Freiheit womöglich auf Bahnhöfen finden lässt? Monika Rinck, Lyrikerin aus Zweibrücken und Wahlberlinerin, schreibt  in ’Landschaft ist Topf am Bahnhof’  über den Bahnhof Pirmasens Nord. Sie spricht von vermeintlicher Endgültigkeit und von Verlangsamung. In ’Sie können Schotter nicht vorstellen’ hinterfragt sie die Ehrlichkeit von Gegend. Mit vielsinnigem Wortwitz führt sie uns an Grenzen und stellt in ’Du weißt es nicht’ in Frage, ob es einer Gegend reicht, wenn eine Person, ein Kind, am Straßenrand winkt.

Wann ist Gegend Gegend und was genau ist Ankommen? Kann man denn überhaupt je ankommen, wenn man ein Reisender ist, ein Artist-in-Motion, einer, der von A nach B unterwegs ist? Der Konzeptkünstler Jürgen Rinck, der zwei Blogtexte zur Anthologie beigesteuert hat, ist im ersten der beiden Texte unterwegs – wie so oft. Doch auf einmal hält er inne. Und isst. Wie es dazu kam, dass er eine Stunde später mit Joseph, dem Mann jenseits des Gleises, Omelette verspeist? Buch aufschlagen. Lesen.

Ein Buch, das zum Schmöckern, Eintauchen und Nachdenken einlädt und sich der Frage nach der Freiheit aus immer wieder anderen Blickwinkeln annähert.


Michael Au/Alexander Wasner (Herausgeber): „Der Mensch ist frei – Gegend Entwürfe 2018.
Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz 2018. Band 2“
ISBN: 978-3-8260-6318-3
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2018
300 Seiten
Erschienen am 12. Dezember 2018
24,80 Euro

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Ausgelesen #23 | European Angst – Texte aus Europa

Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch
– Friedrich Hölderlin

Dieses Zitat am Buchanfang lässt mich innehalten. Ist das so? Kann in dieser Welt mit all ihren Polarisierungen das eine nicht ohne das andere sein? Und gilt Hölderlins Satz womöglich auch umgekehrt?

Wo Rettendes ist, wächst
die Gefahr auch.

Bedingt oder beschwört sogar unsere relative Sicherheit Gefahren herauf? Ist unsere Sicherheit letztlich nicht unter Lebensgefahr anderer gewachsen?

Angst beschäftigt fast alle auf die eine oder andere Weise. Kollektive Angst ist aus unseren Medien seit einer Weile nicht mehr wegzudenken. Ist European Angst die Ausweitung der German Angst auf einen ganzen Kontinent?

Buchcover zeigt die Großbuchstaben EA in weißer Schrift (im unteren Bilddrittel), darunter den Titel European Angst, ebenfalls in weißer Schrift. Ein bordeauxrot-violett eingefärbtes Schwarzweißbild eines Flurs mit vielen abgehenenden Türen bildet den Hintergrund. In den unteren Ecken die Verlagsnamen in weißer Schrift.
Buchcover European Angst © Goethe-Institut | Frohmann

»Mit German Angst beschreibt man im Ausland oft abschätzig das Problematisieren, Abwägen und Zögern der Deutschen, besonders dann, wenn die Gründe dafür nichtig und klein erscheinen. European Angst aber hat nichts mit stereotyper Bedenkenträgerei zu tun. Sie ist vielmehr ein Bündel starker Emotionen über viele Ländergrenzen hinweg und war deshalb ein treffender Titel für eine Konferenz, auf der über beunruhigende Entwicklungen, über Populismus, Extremismus und Europaskepsis gesprochen werden sollte.«
Quelle: https://www.goethe.de/

Entstanden ist dieses Buch an einer KONFERENZ* ÜBER POPULISMUS, EXTREMISMUS UND EUROPASKEPSIS IN GEGENWÄRTIGEN EUROPÄISCHEN GESELLSCHAFTEN. Das Goethe Institut Belgien und der Frohmann Verlag Berlin haben die entstandenen Essays auf Englisch und Deutsch in diesem Buch zusammengefasst.

Es war ein Zitat aus Herta Müllers Essay, das mich gepackt hatte:

»Als sie den verstümmelten Fuchs sah, hatte meine Mutter auch Angst. Angst um mich und Angst um sich selbst.
Sie sagte: Du liegst eines Tages tot im Graben. Dafür hab ich dich nicht großgezogen.
Und dann schluckte sie, verdrehte die Augen und sagte dazu: Andere applaudieren und verdienen Geld. Und du bringst unsere Familie in Gefahr.
Sie hatte eine doppelte Angst. Angst um mich und Angst vor mir. Diese doppelte Angst ist mir im ganzen Land begegnet. Ich bekam nie wieder eine feste Anstellung und wusste nicht, wovon ich leben soll. Ich hatte überhaupt kein Geld. Gelegentlich bekam ich eine befristete  Aushilfsstelle in irgendeiner Schule. Von der Straße kommend hörte ich das laute Summen der Stimmen aus dem Lehrerzimmer. Sobald ich die Tür öffnete und im Lehrerzimmer erschien, wurde es still wie in einer Kirche.«

Quelle: European Angst, Seite 157, Herta Müller: Freiheit ist etwas, wovor manche Angst haben und andere nicht

Neugierig geworden habe ich mir das eBook European Angst** heruntergeladen*** und bereits den einen oder anderen Aufsatz darin gelesen. Ein Buch für Ängstliche, Mutige und alle, die es wissen wollen.

Lesenswert!


*Infos zur Konferenz: hier → lang.
**Infos: www.goethe.de
***Zum Gratis-Download: hier → lang.

Ausgelesen #22 | Neues aus Schottland und Österreich

Gleich zwei Buchtipps habe ich heute für euch. So gegensätzlich sie sind, so lesenswert sind sie. Beide!

Wer andern eine Bombe baut von Christopher Brookmyre

Das Buchcover zeigt eine klassische runde Bombe mit Zündschnur. Darin eine schwarze menschliche Silhouette vor orangerotem kreisförmigem Hintergrund. Über diesem orangen Kreis steht in weißer Schrift im oberen Teil der Bombe der Buchtitel. Das Cover ist hinter der Bombe in gelbgrünstichigem Blau, worauf oberhalb der Bombe in schwarzer Schrift der Name des Autors steht.Ich gestehe, dass ich Christopher Brookmyre bisher nicht kannte. Bedauerlich, denn mir fällt spontan kein aktueller britischer Autor ein, der Spannung und den seiner Heimat eigenen Humor so geschickt kombinieren kann wie er. Doug Adams lässt grüßen.

Im gestern endlich auf deutsch erschienen Thriller aus dem Jahre 2001 werde ich mitten in eine Welt geworfen, in welcher der gewissenloser Auftragsterrorist Black Spirit ein Verbrechen im Vereinigten Königreich plant wie es die Welt noch nie gesehen hat. Über mögliche Ziele spekulieren selbst die Geheimdienste, doch niemand weiß etwas Genaueres über das Ziel. [ → Weiterlesen …]

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Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl

Buchcover des vorgestellten Buches: Grüne, schwarze Schatten werfende Farnblätter. Mittendrin auf weißem Hintergrund eine Tafel mit Titel und Namen.Eins dieser Bücher, die so wehtun, dass sie mich – so genial geschrieben sie auch sein mögen – zwischenzeitlich fast zum Aufhören zwingen. Zu heftig die beschriebenen Emotionen. Schier unerträglich. Dennoch konnte ich dieser Geschichte nicht widerstehen. Zu ergriffen war ich vom Schicksal der Figuren, zu berührt von der Geschichte jedes einzelnen. Von der ersten Seite an hat mich Fallwickls Sprache ergriffen, mich hineingezogen in das Fühlen, Denken und Erleben ihrer Figuren. Lesend reise ich mit ihr durch die Zeit und lerne den dreijährigen Moritz kennen. Später erlebe ich ihn als Vierzehn-, als Siebzehn-, als Achtzehnjährigen und noch später, im Heute, als jenen Mann, der er schließlich geworden ist. Abwechselnd folge ich auch seiner Mutter Marie, der einzigen Ich-Erzählerin, durch ihre Jahre auf dem Berg und schließlich auch seiner Moritz’ erster Liebe Johanna.
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Ausgelesen #21 – Drei Worte von Sabine Wirsching

Liebesgeschichten sind ja nicht wirklich mein Lieblingsgenre, darum hätte ich ohne Sabine Wirschings Namen auf dem Buch Drei Worte wohl nicht gelesen. Doch weil mich die Autorin bereits mit ihrem Debütroman Druckstaueffekt überzeugt hat, bekam auch Drei Worte seine Chance.

Ich brauchte eine ganze Weile, um bei Milka und Till anzukommen, die in Ich-Form abwechselnd in tagebuchartigen Momentaufnahmen über ihre Erlebnisse erzählen – mal zeitversetzt im Rückblick, mal zeitgleich. Auf den ersten zwanzig Seiten des Buches kam ich mir gar wie eine Forscherin in einer fremden Welt vor, die eine ihr unbekannte, künstliche Kultur erforscht. Nun ja, die beiden könnten immerhin fast meine Kinder sein.

Auf einmal bin ich dann doch mittendrin. Ich tauche in das Berliner Großstadt- und Club-Universum ein mit all seinen Codes, mit denen sich jede Jugend von Neuem erfindet. Die beiden parallelen Geschichten entwickeln sich und ziehen mich mit und irgendwann kann ich das Buch kaum mehr zur Seite legen und stelle überrascht fest, dass mir das alles hier ja doch nicht so fremd ist. Wollen wir letztlich nicht alle dasselbe? Glücklich sein. Lieben. Geliebt werden. Nein, einfach war das noch nie.

Dass Ariane, eine von Milkas besten Freundinnen bei einem One-Night-Stand schwanger geworden ist und das Baby behalten will, gibt dem Roman seine Struktur und so begleite ich Milka und Till sechsunddreißig Wochen lang.

Nachdem sich Till und Milka gefunden haben, hängt ihr Himmel voller  Geigen Luftgitarren. Doch schon bald hängt auch die schon lange geplante Ferienreise Milkas über ihnen. Wie ein Damoklesschwert. Drei Wochen Trennung scheinen unvorstellbar. Dennoch fliegt Milka mit ihrer Freundin Lynn Richtung Süden und genießt die Tage in Tansania, obwohl es sie zuweilen vor Sehnsucht nach Till beinahe zerreißt.

Till verheddert sich derweil in seinem Leben. Er kommt immer schlechter mit seinem Alltag klar und als Milka zurückkommt, finden die beiden nicht mehr zur früheren Leichtigkeit zurück. Als dann auch noch Beck, Tills Freund aus Kindertagen, beschließt nach Hannover umzuziehen, um Verantwortung für das in Arianes Bauch heranwachsende Kind zu übernehmen, fällt Tills Welt wie das vielzitierte Kartenhaus in sich zusammen. Nichts geht mehr. Er lässt niemanden mehr an sich heran und verschanzt sich nach Becks Umzug in Milkas Wohnung. Ich möchte den beiden am liebsten sagen: »Redet doch endlich richtig miteinander, zeigt euch einander, sagt euch doch endlich, was ihr wirklich denkt und fühlt!«

Wenn man sich einander nicht wirklich öffnet, wie kann man sich denn da je richtig ’haben’, richtig lieben? Was gäbe es denn da zu verlieren? Vielleicht jene Illusion von Leichtigkeit aus den Anfangszeiten? Es nur schön, leicht und nett miteinander zu haben, kann doch nicht alles sein? Liebe ist mehr, geht tiefer.

»Depression kann man behandeln«, sagt Robbie, Milkas Tätowierer, dem sie ihr Herz ausschüttet. Stimmt. Depression lässt sich allerdings nur dann behandeln, wenn die Betroffenen erkennen, dass sie Unterstützung brauchen. Und wenn sie erkennen dass diese Phasen, so brutal und schmerzhaft sie auch sind, nicht alles sind. Nicht mehr nämlich als ein Ausschnitt vom Ganzen – ein brutaler Ausschnitt zwar, und einer, der ganz reale Auswirkungen hat, dennoch: Nicht alles. Das Leben ist mehr.

Till sperrt sich allerdings gegen diese Diagnose und erst recht gegen fachliche Hilfe. »Ich will sagen, dass ich ganz bestimmt keinen an der Latte habe …«, denkt er. Sagen kann er oft überhaupt nichts mehr. Als Milka ihn bittet, eine Therapie zu machen, schreibt er: »Wobei soll das helfen? Ich bin kein Psycho!« Vorurteile, Uneinsicht und Unkenntnis sind die Feinde, mit denen sich Milka vergeblich abmüht. Sie klärt sich selbst eingehend über die vielen Gesichter der Krankheit Depression auf und begreift erst allmählich, wie komplex das alles ist. Inzwischen ist der Graben zwischen Till und Milka tief geworden, unüberwindbar womöglich. Tristan und Isolde auf berlinerisch. Dieser Graben hier besteht nicht aus Wasser, dieser Graben hier heißt Depression. Milka kapituliert schließlich und Till verlässt eines schweren Tages ihre Wohnung und ihr Leben.

Sabine Wirschings Innenschauen sind überzeugend und streckenweise äußerst schmerzhaft. So lässt sie Till auf sehr maskuline Weise vor seinen innern Monstern davonlaufen, er verstummt, trinkt noch mehr Bier als sonst und verweigert das Gespräch, derweil Milka verletzt und noch immer voller Liebe zu verstehen versucht. Wie viele andere weibliche Co-Betroffene gibt auch sie sich die Schuld für das schreckliche Ende ihrer Beziehung. Wie es wohl umgekehrt gewesen wäre – Milka als Depressive, Till als ihr Gegenüber?

Milka holt sich in ihrer Krise Hilfe bei Janina, Sascha und Ariane, mit denen sie tiefe Freundschaften verbindet. Diese andern lässt Wirsching zuweilen über Kurznachricht-Zitate zu Wort kommen. Ihren Freundinnen gegenüber kann Milka sich öffnen – mehr als sie es Till gegenüber je getan hat.

Meine Lieblinge in dieser Geschichte sind übrigens Ariane und Beck. Ich mag ihren unaufgeregten Pragmatismus. Und weil Beck eben ist, wie er ist, ist er auch da, als Till ihn braucht – Hannover-Berlin ist schließlich nicht die Welt – und einmal mehr hilft er seinem Freund auf die Beine.

Als Milka und Till sich Wochen später zufällig über den Weg laufen, wird ihnen klar, dass sie sich trotz des brutalen Endes eine zweite Chance geben wollen.

Sabine Wirsching gelingt eine dichte Aufnahme dieser Zeit, einer Großstadt und ihrer Sounds; und vor allem der Menschen, die diese Stadt bevölkern. Nah dran sind wir als Lesende, wenn wir Milka und Till beim Leben zuschauen, fast voyeuristisch nah. Nicht dass ich daran zweifle, dass es nicht wirklich genauso ist, doch für meinen Geschmack wird oft zu viel geredet, und zu wenig gesagt. Manches nervt und vieles schmerzt, doch ich zweifle nicht daran, dass Wirsching ein treffendes Abbild dieser Stadt und dieser Zeit gezeichnet hat.

Drei Worte steckt voller Leben, voller Tränen auch und voller Wenden und ist letztlich, trotz der Verortung im heutigen Berlin, eine universelle Geschichte. Eine, die unter die Haut geht.