Über die Schwelle gehen

Zwischen innen und außen gibt es diese Schwelle, die ich hier einfachheitshalber Mund nenne. Innen drin sind ganz klare Gedanken, oft wunderbar formuliert, gute Gedanken, viele Gedanken. Geschichten und Ideen. Wörter manchmal, Sätze oft.

Manche wollen heraus. Ich lasse sie gehen. Über die Lippen. Oder in die Finger. In den Stift. Auf die Tastatur. Dabei verändern sie sich. Manchmal erinnern sie mich an Asseln, die davonhuschen, wenn du den schweren Stein aufhebst, unter welchem sie hausten.

Gedanken sind, sobald ich sie aussprechen oder aufschreiben will, sobald sie ans Tageslicht kommen, flüchtig wie ein Duft. Wie ein Geräusch. Wie ein Hauch. Sie verpuffen. Sie verdampfen. Sie verflüchtigen sich. Ich verliere sie und ihre Ursprünglichkeit, ihre Originalität, in dem Moment, wo ich sie herauslasse. Oder vielleicht entgleiten sie mir sogar schon kurz vorher. Beim Absprung. Sobald sie die Grenze, die Schwelle, anpeilen und schließlich überschreiten, beginnt ihr Verfall.

Manchmal setzen sie sich hinterher wieder neu zusammen. In der Luft zwischen mir und meinem Gegenüber; auf dem Papier; auf dem Bildschirm. Nie genau so wie sie vorher gelegen haben, bestenfalls ähnlich, und nein, nicht unbedingt schlechter. Womöglich artiger, gefälliger. Aber anders.

Vielleicht geht es ja Ideen und Gedanken wie Kindern, wenn sie auf die Welt kommen. Innen pure mütterliche Geborgenheit, draußen Kälte, Lärm und all das, was eben draußen so abgeht.

Vielleicht bereuen sie es ja, meine Gedanken, dass sie nicht geblieben sind, wo sie waren. In mir drin. In der Geborgenheit meines Hirns.

Wer weiß das schon so genau?

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Über die Null als Mitte

Über Kräfte und Gegenkräfte las ich heute Morgen bei Irgendlink, und wie uns Gedanken in Aufruhr bringen können, graue Gedanken, nie endenwollende.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich folgenden Text aus einem ähnlichen Gefühl heraus geschrieben habe.

Hier Fülle | da Leere
Extreme | Kontraste
Das eine nicht existent ohne das andere
Die Summe aller Zahlen ist Null*
Ist alles | ist nichts
Gegenwart der Punkt auf meiner unendlichen Gerade
Der Kreuzpunkt aller unendlichen Geraden ist
Jetzt

(Ausschnitt; siehe auch hier)

Tröstliches Wissen um dieses Jetzt aus dem ich Kraft schöpfe. Für das nächste Jetzt und für das Jetzt nach jenem Jetzt, so wir uns die Zeit als etwas Fassbares, Lineares, Chronologisches denken. Und ja, ich sehe die Baustellen auf diesem Weg, viele Baustellen.

Wie hat Kai doch neulich geschrieben? Dass Verhaltensänderungen eine sehr zähe Angelegenheit seien, die erst durch regelmäßiges Üben Einzug in unsere Lebensgewohnheiten schaffen? Stimmt. Wer je versucht hat, eine nicht mehr erwünschte, möglicherweise schädliche Gewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich rede. Wer keine schlechte Gewohnheiten hat, muss hier nicht weiterlesen. [Und natürlich ist weiterzulesen auch für alle anderen freiwillig.]

Neue Gewohnheiten also. Nun ja, ich bin keine Psychologin, doch einiges habe ich in meinem Leben durch Beobachten und Erleben erfahren und erkannt. Und einige Schlüsse daraus gezogen habe ich auch. Und vielleicht sogar das eine oder andere dabei gelernt. Verhaltenstherapie, so weiß ich inzwischen, setzt beim Reflektieren von Gewohnheiten und Denkmustern an, bei der Erkenntnis, was gut tut und was nicht. Nicht allgemein, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern ganz persönlich und selbstliebevoll. Ziel ist, diese Selbstbeobachtung  so weit auszubilden, dass krankmachenden Verhaltensweisen aller Art allmählich aus eigener Kraft und aus eigener Überzeugung gegengesteuert werden kann. Verhaltenstherapie ist somit nicht einfach nur ein Erlernen neuer Gewohnheiten durch das Überschreiben der alten Muster, sondern setzt bei der Selbstreflexion an. Und ja, das klingt natürlich – wie so oft – viel einfacher als es ist.

Sind selbst für sogenannt gesunde Menschen, Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse eine zähe Angelegenheit, oft ein anstrengender Kampf gegen die selbst in Bewegung gerufenen Kräfte und Gegenkräfte, wie ungleich schwerer sind solche Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse für Menschen, die psychisch verwundet sind. Insbesondere, weil es ja darum geht, krankmachende, oft lebenslang geglaubte Sätze über sich selbst zu identifizieren, zu entlarven, neu zu bewerten. Es ist nämlich nicht einfach damit getan, etwas verändern, etwas anders betrachten zu wollen. Der Wille ist wichtig, keine Frage, doch da sind noch viele andere Hürden, die es zu nehmen gilt. Homo homini lupus. Sinngemäß übersetzt oder auch nicht, war und ist der Mensch schon immer sein schlimmster Feind.

Mir hilft der Gedanke an jahrzehntealte, tiefe Ackerfurchen, die ich mit einer kleinen Harke ausebnen soll. Dass das nicht einfach so – *mirnichtsdirnichts*, *Hokuspokus*, *dumusstnurgenugwollen*, *ichbetefürdich* – geht, ist wohl allen klar. Dieses Bild hilft, mir vorzustellen, wie langwierig Veränderungsprozesse sein können.

Gute Vorsätze, ob nun zu Neujahr gefasst oder wann immer wir das Bedürfnis zu Veränderung verspüren, finde ich durchaus faszinierend, denn sie spiegeln ja meist, in welche Richtung wir uns bewegen wollen – so wir sie uns selbst gegenüber liebevoll motiviert gefasst haben.

Reflexion ist der Anfang aller Veränderung. Wichtig, sehr wichtig. Aber vor allem eben ein Anfang.

Schnitt.

Ich wäre ein Haus – mit Fassade, Dachstock und Keller, mit Fenstern, Kellerräumen, Terrasse, Balkon und allem Pipapo. Du auch. Es läge an uns, dieses Haus nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Gedeih und Verderb des Hauses wäre in meiner kleinen Metapher quasi in unserer Hand. (Was natürlich so nicht ganz stimmt, da ja die Unwägbarkeiten des Lebens nicht wirklich in unserer Hand liegen.)

Sehen wir uns doch mal all die Baustellen unseres Hauses an. Im einen Kellerraum fängt es zu schimmeln an, weil wir zu wenig gelüftet haben. Kann ja mal vorkommen. Oh, das Dach hat Risse bekommen und einige Ziegel haben sich gelockert. Der Sturm, der Sturm war das! Doch uns fehlen Kraft und Ressourcen, alles in Schuss zu halten. Selbst wenn wir es wollten, wir schaffen es nicht, nicht immer. Viel. Zu viel. Und so bleibt der Schimmel bestehen und das Loch im Dach wird nicht kleiner. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Regen ins Wohnzimmer tropfen wird?

Nun ja, wir können ja nicht alles, aber wir tun was wir können. Und so putzen wir immerhin die Scheiben regelmäßig. Das ist abschaubar, überschaubar, machbar. Und vermittelt nach außen einen guten Eindruck. Was ja soo wichtig ist.

Womit wir wieder bei den Kräften und Gegenkräften wären.

»Eigentlich dürfte man gar nicht erst anfangen, über etwas nachzudenken, denn sobald man dies tut, setzt man Kräfte in Gang, die miteinander ringen. Wie Krieg. So funktioniert alles. Dadurch, dass die Kräfte nie gleich groß sind, entsteht Bewegung und mit der Bewegung entsteht Chaos und mit dem Chaos kommt das Bedürfnis nach Ordnung, das auch wieder eine Kraft im Spiel ist. […]
Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist falsch. Und richtig. Wenn ein Falsch auf ein Richtig trifft, neutralisiert es sich zu Nichts.
Vielleicht.« -Irgendlink in ’Das graue Band, das niemals endet

Die Summe aller Zahlen ist Null*


*Mathematisch habe ich diese Aussage nicht verifiziert, sie will philosophisch verstanden werden.

Bodens(ch)ätze und Buchstabenkrümeleien

Laut pfiff der Wind ums Haus. Kalt war es. Sie hatten kein Holz mehr. Er zeigte ihr, wie Bettdecken wärmen. Und Geschichten.
Als wäre meine Hand dazu gemacht, deine Haut zu berühren, sagte sie später.

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Subtexte. Aber mit Untertiteln.
Subtexte von Subtexten lesen lernen. So wichtig.

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Katze spielt mit Wolle - zwei Bilder als GIFAm Anfang müsste man anfangen. Bloß wie? Und wo genau? Und wie lässt sich der Anfang eines solch chaotischen Wollknäuelgewusels finden? Gordische Knoten gabs schon viel zu viele.

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Nicht aufhören, es für möglich zu halten, zumindest theoretisch, dass ein Mensch alles ist. Gut und böse. Opfer und Täter.

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Der Mensch schuf den PC zu seinem Bilde.

[Wäre der Mensch ein Computer, entspräche unserm Körper die Hardware. Alle wissen es: Betriebssysten und Software sind letztlich genauso wichtig für das Funktionieren des Rechners wie die Hardware.]

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Manche Wörter gibts nur bei Scrabble.
Im richtigen Leben einmal für kreativen Unfug die dreifache Punktzahl bekommen: Das nächste große Ding.

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Wenn auf die Frage »Warum tust du dir das an?«, die Antwort nicht »aus Liebe« oder »weil ich es will« lautet, wäre »es bleiben lassen« eine gute Option.

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Was wäre, wenn statt all der vielen Regeln nur eine einzige gälte, um die menschliche Natur zu bändigen?

Nämlich: Niemandem schaden, nichts beschädigen (mir fehlt grad keine umgekehrte, posivitve Formulierung ein)? (Religionen nennen das Nächstenliebe. Respekt. Empathie.)

Schwer umzusetzen, ich weiß. Ich merke es ja selbst. Wir beschädigen ja ständig. Uns. Andere. Die Natur.

Aber wenn wir noch nicht mal das schaffen, wie sollen wir denn alle anderen Gesetze und Regeln schaffen können?

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Es sind die wohltuend-nährend-köstlichen Momentaufnahmen, die, weil sie die grauen Momentaufnahmen überstrahlen, das Leben erträglich machen. Ohne die grauen wären die nährenden aber bald blass.
(Dazu lesen: Wege ohne Farben von Frau Rebis)

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Und noch ein Irgendlinksches Schmankerl zum Abschluss: