Ausgelesen #31 | Marianengraben von Jasmin Schreiber

»Es geht um Depression, Trauer, kleine Brüder und um die langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte der Verfolgungsjagden.« So beschreibt die Autorin Jasmin Schreiber ihr Buch Marianengraben auf ihrer Webseite. Was irgendwie stimmt, aber irgendwie auch viel zu tief stapelt. Denn das Buch ist mehr. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben. Nun ja, nicht von Anfang an, denn am Anfang wird gestorben. Paulas zehnjähriger Bruder Tim ertrinkt. In den Ferien. Und Paula, die Ich-Erzählerin, ist nicht da, um ihn zu retten.

Das Buchcover hat einen dunkelblauen, tiefseefarbigen Hintergrund. Darauf in hellviolett die Tentakeln eines Tintenfisches. In der Bildmitte in hellblau der Buchtitel, darüber kleiner der Name der Autorin, darunter der Begriff Roman, ganz unten am Bildrand der Verlagsname.
Cover des vorgestellten Buches

Paula, die kurz vor ihrer Doktorarbeit als Biologin steht, fällt in eine tiefe Depression. Zwei Jahre lang mäandert sie in tiefer Trauer durch ihr Leben und beginnt schließlich und endlich mit einer Therapie. Ihr Therapeut, mit dem sie – um dem Kern ihres Schmerzes nicht in die Augen schauen zu müssen – stundenlang über Kochrezepte diskutiert, gibt Paula den entscheidenden Schubser, der dazu führt, dass Paula eines Nachts Helmut kennenlernt. Eine turbulente Begegnung mit Folgen, die weder Paula noch Helmut hätten ahnen können. Und Hündin Judy schon gar nicht.

Paula begibt sich spontan zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise. Und es wird eine von jene Reisen, die Menschen zuweilen brauchen, um zu sich selbst zurückzufinden. Paula, von Helmut zuweilen Heulboje genannt, da sie beim kleinsten Anlass in Tränen ausbricht, erzählt hier von ihren Erlebnissen nach dem Tod ihres Bruders und so ist dieses Buch letztlich ein einziger langer Brief an Tim, in welchem sie sich immer wieder an Gespräche mit ihm erinnert. Und an seine Begeisterung für das Meer, deren tiefste Stelle, der Marianengraben, den Titel für das Buch liefert. Aus Gründen. (Und ganz nebenbei lernen wir auch viel über die Tiefen der Tiefsee.)

Weil sich Paula an Gespräche erinnert, erfahren wir viel über die Dynamik ihrer Beziehung zu Tim. Ihre Kapitel benennt Paula nach der jeweils aktuellen Tiefe ihres persönlichen Marianengrabens, dem Synonym für ihre Trauer.

»Jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.« (S. 9.)

»Ich hatte schon oft in meinem Leben das Gefühl, einsam zu sein. […] Aber erst jetzt verstand ich, dass man nur wirklich einsam ist, wenn man zurückbleibt, wenn man übrig ist. Und dann fährt man in die Berge, weil sie so unendlich groß und mächtig sind und man selbst so klein, und man hofft, dass das irgendetwas kompensiert. Dass die Weite des Gebirges den Raum ausfüllen kann, den der andere zurückgelassen hat, dass das Schmelzwasser der Gletscher in alle kleinen Ritzen und Lücken eindringt und alles wieder mit Leben befüllt. Aber kein Gebirge der Welt kann diese Leere kompensieren.« (S. 52)

Jasmin Schreiber, ursprünglich Biologin wie Paula, schöpft, was das Sterben betrifft, aus einem tiefseetiefen Erfahrungsschatz. Sie begleitet ehrenamtlich Eltern, deren Kinder im Sterben liegen oder gerade gestorben sind. Als ehrenamtliche Trauerbegleiterin weiß sie, wovon sie redet. Und auch Depressionen sind ihr persönlich bekannt.

Ihre beiden Figuren hat sie sehr glaubwürdig und vielschichtig gezeichnet. Helmut und Paula kommen sich im Laufe der Reise, die sie zusammen unternehmen, innerlich näher und teilen Gefühle und Gedanken um geliebte und verstorbene Menschen. Sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache, die Sprache der Trauer.

»Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.« (S. 96)

Wer jetzt aber meint, dass Marianengraben ein furchtbar trauriges Buch sein muss, täuscht sich. Und zwar mega. Noch nie habe ich über Trauer so ein witziges Buch gelesen, und das ohne jegleiche Plattheiten, Geschmacklosigkeiten oder Kitsch. Wer allerdings Heile-Welt und Happy End sucht, ist hier falsch.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gleichzeitig so viel gelacht und geweint habe. Trotz aller Situationskomik erzählt die Autorin hier eine sehr schmerzhafte Geschichte, eigentlich sogar mehrere. Geschichten aber,  die mich allesamt – mit meinen eigenen Trauergeschichten – ein bisschen getrösteter zurücklassen. Und die mir Hoffnung schenken. Und immer wieder ein Lächeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Autorin und beim Eichborn-Verlag für das nicht nur innen, sondern auch außen wunderschön gestaltete Buch.


Eichborn Verlag
Hardcover
254 Seiten
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Ersterscheinung: 28.02.2020

  • 20,00 € inkl. MwSt.

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Notizen am Rande #2

Wieso soll man eigentlich körperlichen Schmerz auf keinen Fall ignorieren, weil er auf etwas Ernstes hinweisen könnte und sich möglichst schonen und Belastungen vermeiden, aber bei psychischem Schmerz sagen sie: da musst du durch!, denn dieser solle angeblich nämlich stark machen, weil er uns ja nicht umbringe …

»Apropos Vermeidung, schon mal jemand einem Nussallergiker gesagt, dass er durch den Walnusseisbecher einfach durch muss?«

Julia von Blütenstille

Ich werden den Eindruck nicht los, dass da etwas ziemlich falsch läuft in unseren Denkwelten. Schmerz ist doch Schmerz: ob nun die Seele schmerzt oder das Kniegelenk.

+++

Die Arbeitgeber*innen, die Wirtschaftsmenschen, die Was-auch-immers dieser männerdominierten Welt hätten es ja am liebsten, wenn wir Menschen alle stromlinienförmig wären, ohne Kanten, genormt, rund, flüssig, glatt und am liebsten ohne Fehler und gänzlich wartungsfrei. Der Druck auf uns Menschen ist enorm und fängt immer früher im Leben an. Nun, darüber müssen wir wohl nicht diskutieren. Auch nicht, dass immer mehr Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen, aus dem Rennen fliegen, kaputt gehen, krank werden – körperlich ebenso wie psychisch.

Kranke aber sind unberechenbar, körperlich Kranke vielleicht noch ein bisschen weniger als psychisch Kranke. Aber letztlich sind alle Kranken nicht kalkulierbar. Also drangsaliert man sie von oben und von außen mit allen Mitteln und allen möglichen Sanktionen, um ihnen dieses Krankgewordensein-am-Leben schnellstens auszutreiben. Dass das vermeintlich ’kleinere Übel’, eine Rückkehr in die stromlinienförmige Anpassung an die Ansprüche der Arbeitswelt, aber langfristig eben eine Art JoJo ist, berücksichtigen sie dabei nicht.

Ich kenne so viele Beruftstätige, die immer am Limit leben. Doch am Limit lenkt der Zufall.

+++

»Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.«

Es muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein, der diese Erkenntnis erstmalig in so einfache und klare Worte gegossen hat. Ich tippe auf eine Wasserträgerin.

Den Dingen ihren Platz geben | #Depression #notjustsad

Seit meine Angststörung, Folge eines schweren Traumas, ihren Namen hat, ignoriere und bagatellisiere ich sie weniger als früher. Bausche ich sie auf? Ich glaube nicht. Eher höre ich ihr endlich zu, gebe ihr ihren Platz, erlaube ihr hier zu sein.

Ich behandle sie fast so wie einen anderen Menschen und ich behandle sie so, wie ich selbst auch behandelt werden möchte: Respektvoll. Ich nehme sie ernst. Früher habe ich sie so behandelt, wie ich mich selbst noch immer viel zu oft selbst behandle: abwertend, nicht ernstnehmend, abschätzig.

Auch mit dem Trauma selbst gehe ich endlich angemessener um. Kurz und gut: Ich behandle die einzelnen Teile meines komplexen Krankheitsbildes respektvoller.

Im Kontext mit Depressionen verfolgte ich vor gar nicht mal so langer Zeit eine Diskussion im Internet. Jemand behauptete, dass durch das Reden über psychische Erkrankungen alles aufgebauscht und damit größer werde – schlimmer und dramatischer – als wenn man es verschweige und es mit sich selbst ausmache. (Ich gestehe, so hatte ich frühr auch gedacht. Und still, isoliert, vor mich hingelitten. Dass manche Symptome auf diese Weise statt zu schrumpfen wachsen konnten, ist ein – wie ich inzwischen auch von andern weiß – gar nicht mal so seltener Nebeneffekt solcher Ignoranz.)
»Sag mal zu einer Krebskranken, dass sie den Krebs eher loswerde, wenn sie ihn ignoriere!«, antwortete jemand auf besagte dummdreiste Behauptung, psychische Krankheiten lösten sich durch Verschweigen von allein wieder auf.

Tatsächlich gibt es Depressionen, die vorwiegend körperlich, will heißen körperchemisch, verursacht sind – man denke an durch Sonnenlichtmangel verursachte Winterdepressionen  – und die tatsächlich durch die Einnahme von Medikamenten oder Vitamin D ‚geheilt‘ werden können. Gegen Lichtmangel hilft eine Gesprächstherapie vermutlich eher wenig, okay.

Aber.

Aber es gibt eben auch jene Depressionen und jene Folgeschäden, Folgestörungen von Traumata und Co. – insbesondere Angststörungen, Panikattacken & Co. – deren Symptome sich nicht einfach mit Tabletten ausknipsen lassen.

Denkt da bitte einfach dran, bevor ihr den nächsten Spruch raushaut … Apropos Spruch raushauen. Manchmal gibt es natürlich schon so Heilwunder. Über eins hat zum Beispiel der Postillon neulich berichtet:

„Das wird schon wieder“: Mann heilt depressiven Freund mit einem einzigen Satz
Sensationeller Durchbruch in der Psychologie! Der Bankangestellte Manuel P. hat seinen seit geraumer Zeit an Depressionen leidenden Freund geheilt. Gelungen ist ihm dies mit dem einfachen Satz „Das wird schon wieder“, nachdem der Freund ihm seine Erkrankung gebeichtet hatte. Fachleute sind sich einig, dass die Methode die gesamte Psychotherapie revolutionieren könnte … [weiterlesen]

(Ja, ich weiß, das ist Satire …)

#Depression zwischen Buchdeckeln #6 – Geh mir weg mit deiner Lösung von Yvonne Reip

Depression kann alle treffen, doch wer selbst noch nie erlebt hat, wie Depressionen das eigene Leben auf den Kopf stellen können, reagiert zuweilen spontan mit Sprüchen wie ’Jetzt stell dich nicht so an!’ oder ’Reiss dich mal zusammen!’ Oder rät zu diesem oder jenem Heilmittelchen, das ihm oder ihr schon mal bei schlechter Laune geholfen hat.

Nun ja, Vereinfachungen, Rezepte und Verallgemeinerungen helfen wenig, eher verstärken sie die Symptome, geben den Betroffenen das Gefühl, zu schwach, zu dumm oder zu faul zu sein, um selbst wieder aus dem schwarzen Loch herauszufinden. Überhaupt: Druck jeglicher Art macht alles noch schlimmer. Druck haben die Betroffenen eh schon genug; schon das Wort Depression spricht von Druck, von Überdruck.

Das Buchcover zeigt ein Schwarzbild von einem Nagel in einer Bretterwand im unteren Bilddrittel, der ein Plexiglasfenster mehr schlecht als recht stabilisiert. Darüber in schwarzer Schrift Autorinname, Buchtitel und Untertitel.Weil viele Angehörige oft hilflos und überfordert daneben stehen und helfen möchten, aber nicht wissen wie, hat Yvonne Reip ein Buch geschrieben. Unter dem Titel ’Geh mir weg mit deiner Lösung – Vom Umgang mit depressiven Menschen’ erzählt sie persönlich und kompetent, wie es sich anfühlt, wenn die angebotene Unterstützung kontraproduktiv ist. Und sie erzählt, was wirklich helfen kann.

Ganz am Anfang stehen Respekt und Bereitschaft. Respekt vor der Krankheit und vor dem kranken Menschen. Und Bereitschaft, das eine vom anderen trennen zu können.

Menschen, die zuhören, sie ernst nehmen und für sie da sind, sind für Depressive wichtig, denn meistens fühlen diese sich unverstanden und ziehen sich darum immer mehr zurück.

Yvonne Reip schreibt, dass sie mit ihrem Buch den Angehörigen von Depressiven Anregungen für den Umgang miteinander an die Hand geben will. »Da ich selbst depressiv bin und mit einem Ehepartner zusammenlebe, kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Außerdem möchte ich mit Vorurteilen gegenüber der psychischen Krankheit Depression aufräumen und für sie sensibilisieren. Das Buch richtet sich also auch an andere Menschen, die in irgendeiner Form mit dem Thema Depression zu tun haben oder sich einfach nur dafür interessieren.«

Ich verdanke diesem Buch einige wichtige (Selbst-)Erkenntnisse und empfehle es herzlich und ohne Einschränkung sowohl Betroffenen als auch Angehörigen weiter. Yvonne Reip schreibt anschaulich, persönlich und dennoch immer sachlich. Als Therapeutin und Betroffene kennt sie beide Seiten der Krankheit und kann darum ein umfassendes Bild zeichnen, das eine gute Basis für Gespräche über Depression möglich macht.

Auf ihrem Blog vertieft die Autorin das eine oder andere Thema aus persönlicher Sicht. Dazu geht es hier → lang.


Yvonne Reip: Geh mir weg mit deiner Lösung
Selbstverlag
Taschenbuch/eBook
ISBN: 978-3-74502338-1 | eBook: 978-374-502625-2
148 Seiten

Print: € 10.99/Fr. 15,90 eBook: € 4,99/Fr. 6.–
Mehr Infos