Über die Null als Mitte

Über Kräfte und Gegenkräfte las ich heute Morgen bei Irgendlink, und wie uns Gedanken in Aufruhr bringen können, graue Gedanken, nie endenwollende.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich folgenden Text aus einem ähnlichen Gefühl heraus geschrieben habe.

Hier Fülle | da Leere
Extreme | Kontraste
Das eine nicht existent ohne das andere
Die Summe aller Zahlen ist Null*
Ist alles | ist nichts
Gegenwart der Punkt auf meiner unendlichen Gerade
Der Kreuzpunkt aller unendlichen Geraden ist
Jetzt

(Ausschnitt; siehe auch hier)

Tröstliches Wissen um dieses Jetzt aus dem ich Kraft schöpfe. Für das nächste Jetzt und für das Jetzt nach jenem Jetzt, so wir uns die Zeit als etwas Fassbares, Lineares, Chronologisches denken. Und ja, ich sehe die Baustellen auf diesem Weg, viele Baustellen.

Wie hat Kai doch neulich geschrieben? Dass Verhaltensänderungen eine sehr zähe Angelegenheit seien, die erst durch regelmäßiges Üben Einzug in unsere Lebensgewohnheiten schaffen? Stimmt. Wer je versucht hat, eine nicht mehr erwünschte, möglicherweise schädliche Gewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich rede. Wer keine schlechte Gewohnheiten hat, muss hier nicht weiterlesen. [Und natürlich ist weiterzulesen auch für alle anderen freiwillig.]

Neue Gewohnheiten also. Nun ja, ich bin keine Psychologin, doch einiges habe ich in meinem Leben durch Beobachten und Erleben erfahren und erkannt. Und einige Schlüsse daraus gezogen habe ich auch. Und vielleicht sogar das eine oder andere dabei gelernt. Verhaltenstherapie, so weiß ich inzwischen, setzt beim Reflektieren von Gewohnheiten und Denkmustern an, bei der Erkenntnis, was gut tut und was nicht. Nicht allgemein, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern ganz persönlich und selbstliebevoll. Ziel ist, diese Selbstbeobachtung  so weit auszubilden, dass krankmachenden Verhaltensweisen aller Art allmählich aus eigener Kraft und aus eigener Überzeugung gegengesteuert werden kann. Verhaltenstherapie ist somit nicht einfach nur ein Erlernen neuer Gewohnheiten durch das Überschreiben der alten Muster, sondern setzt bei der Selbstreflexion an. Und ja, das klingt natürlich – wie so oft – viel einfacher als es ist.

Sind selbst für sogenannt gesunde Menschen, Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse eine zähe Angelegenheit, oft ein anstrengender Kampf gegen die selbst in Bewegung gerufenen Kräfte und Gegenkräfte, wie ungleich schwerer sind solche Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse für Menschen, die psychisch verwundet sind. Insbesondere, weil es ja darum geht, krankmachende, oft lebenslang geglaubte Sätze über sich selbst zu identifizieren, zu entlarven, neu zu bewerten. Es ist nämlich nicht einfach damit getan, etwas verändern, etwas anders betrachten zu wollen. Der Wille ist wichtig, keine Frage, doch da sind noch viele andere Hürden, die es zu nehmen gilt. Homo homini lupus. Sinngemäß übersetzt oder auch nicht, war und ist der Mensch schon immer sein schlimmster Feind.

Mir hilft der Gedanke an jahrzehntealte, tiefe Ackerfurchen, die ich mit einer kleinen Harke ausebnen soll. Dass das nicht einfach so – *mirnichtsdirnichts*, *Hokuspokus*, *dumusstnurgenugwollen*, *ichbetefürdich* – geht, ist wohl allen klar. Dieses Bild hilft, mir vorzustellen, wie langwierig Veränderungsprozesse sein können.

Gute Vorsätze, ob nun zu Neujahr gefasst oder wann immer wir das Bedürfnis zu Veränderung verspüren, finde ich durchaus faszinierend, denn sie spiegeln ja meist, in welche Richtung wir uns bewegen wollen – so wir sie uns selbst gegenüber liebevoll motiviert gefasst haben.

Reflexion ist der Anfang aller Veränderung. Wichtig, sehr wichtig. Aber vor allem eben ein Anfang.

Schnitt.

Ich wäre ein Haus – mit Fassade, Dachstock und Keller, mit Fenstern, Kellerräumen, Terrasse, Balkon und allem Pipapo. Du auch. Es läge an uns, dieses Haus nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Gedeih und Verderb des Hauses wäre in meiner kleinen Metapher quasi in unserer Hand. (Was natürlich so nicht ganz stimmt, da ja die Unwägbarkeiten des Lebens nicht wirklich in unserer Hand liegen.)

Sehen wir uns doch mal all die Baustellen unseres Hauses an. Im einen Kellerraum fängt es zu schimmeln an, weil wir zu wenig gelüftet haben. Kann ja mal vorkommen. Oh, das Dach hat Risse bekommen und einige Ziegel haben sich gelockert. Der Sturm, der Sturm war das! Doch uns fehlen Kraft und Ressourcen, alles in Schuss zu halten. Selbst wenn wir es wollten, wir schaffen es nicht, nicht immer. Viel. Zu viel. Und so bleibt der Schimmel bestehen und das Loch im Dach wird nicht kleiner. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Regen ins Wohnzimmer tropfen wird?

Nun ja, wir können ja nicht alles, aber wir tun was wir können. Und so putzen wir immerhin die Scheiben regelmäßig. Das ist abschaubar, überschaubar, machbar. Und vermittelt nach außen einen guten Eindruck. Was ja soo wichtig ist.

Womit wir wieder bei den Kräften und Gegenkräften wären.

»Eigentlich dürfte man gar nicht erst anfangen, über etwas nachzudenken, denn sobald man dies tut, setzt man Kräfte in Gang, die miteinander ringen. Wie Krieg. So funktioniert alles. Dadurch, dass die Kräfte nie gleich groß sind, entsteht Bewegung und mit der Bewegung entsteht Chaos und mit dem Chaos kommt das Bedürfnis nach Ordnung, das auch wieder eine Kraft im Spiel ist. […]
Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist falsch. Und richtig. Wenn ein Falsch auf ein Richtig trifft, neutralisiert es sich zu Nichts.
Vielleicht.« -Irgendlink in ’Das graue Band, das niemals endet

Die Summe aller Zahlen ist Null*


*Mathematisch habe ich diese Aussage nicht verifiziert, sie will philosophisch verstanden werden.

Advertisements

Die Farbe Rot

Früher habe ich ja immer Originaltintedruckpatronen nachgekauft. Früher habe ich eh selten über ein Was-kostet-das? nachgedacht, wenn ich etwas brauchte. Dass es Alternativen zu den teuren Markenprodukten gibt, habe ich natürlich schon gewusst, aber wer will schon mit Spritzen hantieren und seine Patronen selbst auffüllen? Nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen hatte ich einst dann doch damit angefangen, mit meist gutem Ergebnis. Eher stand damals der ökologische Aspekt im Vordergrund, sprich weniger Abfall, mehr Nachhaltigkeit. Heute ist es beiderlei, das mich zum Selbstbefüllen motiviert: Geldersparnis und Ökologie.

Seit der letzte Befüllung druckte mein Drucker kein Rot mehr. Allerdings nicht von Anfang an. Eher schleichend. Ich führte es dennoch auf die Selbstbefüllung zurück. Weil ich aber neulich neue, nicht selbstbefüllte Patronen – ein gutes Generikum, nur halb so teuer wie das Markenprodukt – nachgeladen habe und die rote Farbe noch immer nicht druckt, wusste ich: Am Selbstbefüllen kann es nicht liegen.

Bilder oder Fotos kann ich nun schon eine ganze Weile nicht mehr drucken (na ja, kann schon, sieht aber ziemlich bescheiden aus). Zum Glück muss ich das auch nicht so oft. Aber auch beim Kopieren und Drucken anderer Dinge wie Downloads von Formularen mit ein bisschen Rot in den Logos stelle ich fest, dass das Fehlen von Rot eben wirklich ein Fehlen ist.

Heute Morgen haben der Liebste und ich darum mal so richtig hingeschaut. Wir haben gesuchtmaschint, Tutorials geschaut und am Schluss herausgefunden, dass offensichtlich der Druckkopf kaputt ist. Die wiederholte Düsenreinigung hat nämlich nichts gebracht und an den Patronen scheint auch alles gut zu sein. Anders als bei den Selbstbefüllten wird uns sogar bei den Neuen der Tintenstand angezeigt. Rot sei voll, sagt die Anzeige.

Früher hätte ich jetzt einfach einen neuen Druckkopf bestellt. Heute weiß ich allerdings nicht, womit ich diesen finanzieren würde. Mit Kunst könnte ich zahlen, kein Problem, oder mit Texten. Mit Geschichten. Mit Büchern. Aber sag das mal einer IT-Material-Firma!

Vorhin, am Esstisch, haben wir darüber gesprochen, was man wirklich braucht und warum. In Utopia gäbe es einen zentralen Drucker, spinntisierte ich. Das Druckerhäuschen auf dem Dorfplatz. Alle, die ihn nutzen wollen, würden Sorge zu ihm tragen, würden Papier nachfüllen, würden Tinte nachkaufen.

Im Nicht-Utopia, in dem wir heute und hier leben, hat jede und jeder ihren und seinen eigenen Drucker. Es muss schließlich rasch gehen, alles. Für eine Runde über den Dorfplatz reicht die Zeit nicht.

Weiter stellt sich die Frage, wie dringend ich die Farbe Rot brauche. Nun ja, das ist wirklich eine gute Frage. Natürlich ist die im Drucker fehlende Farbe Rot keine Lebensnotwendigkeit. Wirklich nicht. Sogar schwarzweiß drucken würde ja zur Not gehen. Dann hätte ich halt blasse Logos. Graue Logos. Gelbgrünstichige Logos. Geht. Kein Problem. Erste-Welt-Problem.

Rote Frühlingsknospen mit feinem Spinnenfaden von oben. Im Hintergrund ein unscharfes Haus und ein grünes Gebüsch.
Leihgabe von Pixartix (https://pixartix.wordpress.com/2016/03/24/intermezzo-2-feines-faedchen/)

Stell dir eine Welt ohne rot vor. Und jetzt eine ohne blau. Und nun eine ohne gelb. Eine blasse Welt. Und jetzt stell dir einen Regenbogen ohne rot und violett vor. Und jetzt einen ohne blau. Und nun einen ohne gelb. Geht nicht? Stimmt, geht nicht. Jede einzelne der drei Grundfarben ist so wichtig wie die beiden anderen. Für einmal gibt es keine Dualitäten, keine Rivalitäten. Einfach nur Gleichwertigkeit.

Wie wir zwei so über die Farben sprechen und wie die Welt funktioniert, dieses Nicht-Utopia unserer Tage, realisiere ich, dass Farben für mich weit mehr sind als ein bisschen Bunt im Grau.


Falls jemand hier Lust haben sollte, mir den Druckerkopf zu schenken, schenke ich ihm dafür ein Bild nach Wahl (siehe Pixartix | Sofasophia appt die Welt | Instagram) oder sonst etwas aus meiner Kunst-Kiste (eine eigens geschriebene Geschichte zum Beispiel).
Ganz utopiaesk!
.
(Kontakt)

Kürzestgeschichten II

Sie hat schon als Kind all die wilden Wörter gezähmt, die sich in den Büchern tummelten, die sie las. Schon früh hat sie sich all der unbekannten Wörter angenommen, hat sich ihrer erbarmt und schließlich in ihren Wortschatz aufgenommen, in ihre Familie. Die der Wörter.

+++

Ja, auch er hatte einige Tattoos. An Orten, an denen niemand sie sehen konnte. Auf der Seele.

+++

Form folgt Funktion – so weit, so gut, denkt sie. Doch inzwischen ist es oft andersrum. Oft hat die Form, die Fassade, das Äußere viel zu viel Macht und verdrängt das, was zuerst da gewesen ist. Die Ideen, die Gedanken, die Inhalte. Natürlich brauchen die einen Körper, eine Hülle, überlegt sie weiter. Brauchen wir denn nicht alle Strukturen und Formen für all die Ideen in unseren Köpfen? Ja, und wir brauchen auch  Schönheit. denkt sie, wir wollen es ästethisch um uns herum. Und wir wollen diese Welt und das, was in ihr ist, formen, mitformen. Am liebsten nach unseren Vorstellungen.

+++

Da ist diese Schraube, schier unerreichbar. Und sie sitzt so fest, dass sie sich nicht mehr lösen lässt. Höchstens mit Gewalt. Vielleicht mit Hitze. Ja, auch er hatte solche. In sich drin. Solche Schrauben, die niemand mehr lösen konnte.

Einmal reparieren bitte! | #notjustsad | #Depression

Wäre es doch so einfach wie bei einem Fahrrad! A. seufzt. Reparieren. Und gut ist …
Wir haben über unsere Krankengeschichten gesprochen, letzte Woche, auf dem Weg vom Parkplatz zum Arbeitsplatz. Beide sind wir IV*-Maßnahme-Teilnehmerinnen. Ziel solcher Maßnahmen ist es, festzustellen, ob womöglich eine Berentung angebracht ist oder um – primär – wieder fit fürs Hamsterrad für den Arbeitsmarkt zu werden. Dass ich dem ganzen Prozess inzwischen skeptischer als zu Anfang gegenüberstehe, hat mit den Erfahrungen der letzten Monate zu tun.

Eine GIF-Animation, bei welcher bunte Flächen erscheinen und wieder verschwinden.
Dinge kommen, Dinge gehen. | Die Kunst besteht darin, damit klarzukommen. | Scheitern erlaubt.

Ich stellte und stelle nämlich fest, dass es mir nicht gut tut, ständig unter Beobachtung zu stehen, ’ein Fall’ zu sein. Für mich ist das kein ideales Klima, um gesund oder zumindest wieder belastbarer zu werden. Obwohl ich zum Glück sehr engagierte Bezugspersonen habe, die mich eben nicht als Fall sondern als Menschen behandeln. Das ambivalente Gefühl bleibt dennoch.

Chronisch krank zu sein ist nicht schön.Anders, als wenn man einen Unfall hatte oder eine temporäre Krankheit und dabei immer weiß, dass die Knochen wieder zusammenwachsen werden und der Körper sich wieder erholen wird. Selbstheilkräfte greifen zwar auch bei chronischen Krankheiten, aber wie Herr Bock es in einem aktuellen Blogartikel so genial beschreibt: »Er zündet nicht richtig, zumindest nimmt er das Gas nicht richtig und holpert zwischendurch.« Kann sein, dass das am Druck liegt, unter dem wir in solchen Lebensphasen stehen. Rein biochemisch gesehen, verhindern Druck und Stress nämlich, dass wir all das, was uns  an Nährstoffen zugeführt wird, weniger gut aufgenehmen können. Und ja, das darf ruhig auch metaphorisch verstanden werden. (Ich sage nur Das Gesetz des Minimums.)

Wenn unsere chronischen Erkrankungen eher seelischer, mentaler, psychischer Natur sind und somit für die Umgebung praktisch unsichtbar, ist der Umgang damit – für die Betroffenen und für die Angehörigen – oft noch schwieriger als bei einer körperlich sichtbaren Einschränkung.

Lässt sich denn wirklich alles reparieren? Auch diese Frage müssen wir uns stellen und auch darüber denkt Herr Bock im erwähnten Text nach. Ebenso über die unterschiedlichen Aspekte und Stadien des Kaputtseins, Kaputtgegangenseins, Kaputtgemachtwordenseins. Ursachen. Wirkungen.

Wer ist die Mechanikerin in meinem Leben? Ich? Meine Therapeutin? Wir zusammen als Team? Ich weiß längst, dass ich nicht alles Kaputte an und in mir selbst reparieren kann. Wie beim Auto. Mir fehlen Wissen und Können. Dennoch bin ich die Einzige, die schlussendlich sagen kann, ob eine Reparatur funktioniert hat. Und ich bin die, der bei all den unreparierbaren Stellen die Aufgabe überlassen bleibt, herauszufinden, wie sich am besten damit leben lässt.

»Alles was ich selbst brauche? Ist Zeit. Zeit, damit ich einen Weg für mich finde, die Fehler identifizieren und reparieren kann. Nach und nach. Immer mal wieder testen, probieren, schrauben, weiterlaufen. So läuft das wohl. Dieses Leben«, fasst Herr Bock sein Essay, die Metapher mit der Autowerkstatt, zusammen.

Zeit? Ja. Und Geduld. Und die Unterstützung lieber Menschen. Und Liebe, Selbstliebe. Die vor allem.


Zitate aus »Ab in die Werkstatt« von Markus Bock

*sprich: IiVau = Invalidenversicherung. Schweizer Sozialversicherung für Behinderungen aller Art.