Neue Schuhe

Na, hast du dich schon eingelebt?, lautet eine der Fragen, die mir in letzter Zeit häufig gestellt werden.

Wie ich vorhin im frisch geputzten Bad, meine Zähne schrubbend, meine Gedanken belausche, begreife ich, dass das hier wirklich Wirklichkeit ist. Meine neue Gegenwart. Ich. Hier. In diesem kleinen, großen Haus wohnend. Irgendwo zwischen hier und dort und nirgendwo in der pfälzischen Landschaft. Zeit. Stille. Tun und lassen nach Bedarf.

Neue Schuhe wollen eingelaufen werden, wir wollen uns schließlich keine Blasen holen. Wir spazieren zuerst nur kurze Stücke, geben den Neuen Zeit, unsern Fuß kennenzulernen, ihn zu umschmiegen, sich an ihn zu gewöhnen. Und umgekehrt. Als Kind sind wir regelmäßig den alten Schuhen entwachsen. Die neuen Schuhe wurden ein klein bisschen zu groß gekauft, und erst nach ein paar Wochen waren wir ihnen endlich gewachsen.

Sich einleben – ein bisschen ist es wie neue Schuhe einlaufen. Noch zu große Schuhe vielleicht. Ich wachse hinein. Wachstumsschmerzen zuweilen. Sehnsucht gar nach den alten Schuhen, ich gebe es zu. Und ab und zu kann ich es kaum glauben, wie gut ich es doch habe. Die äußeren Umstände ebenso wie innerlich, was meine Bedürfnisse nach Liebe, Zufriedenheit, Stille, Autonomie und vielem mehr betrifft.

Ja, danke, ich habe mich gut eingelebt. Von ein paar Blasen abgesehen, die wohl einfach Teil des Prozesses namens Einleben sind.

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Von Paralleluniversen, Flugrost und den vielen Baustellen der Sofasophia

Etwas bremst dich immer aus! Mit diesem Satz bin ich gestern Nachmittag zuhause gelandet. Hier zuhause, hier in der Pfalz, hier auf dem einsamen Gehöft. Bin wieder zurück aus der Schweiz, wo ich noch immer und immer auch zuhause bin. Doch ist daheim mehr und mehr einfach mitten in mir drin.

In der Meinung, dass alles in Ordnung ist, da meine blecherne Gefährtin doch neulich erst im Service war, fuhr ich los. Es galt die periodische Autokontrolle zu bestehen. Natürlich, die Nervosität fährt zu solchen Anlässen immer mit, doch im Grunde war ich sicher, dass wir es schaffen würden, mein Sternchen – deutsch für Starlet – und ich. Mit Irgendlink hatte ich am Tag zuvor noch den letzten Flugrost abgeschmirgelt und dies und das vergoldet, so dass ich mich beinahe neu in die alte Dame mit den vielen Dellen verliebte.

Doch was musste ich erfahren, wie ich da auf der Prüfspur stand? Mein Auto sei krank! Ein bisschen nur, zum Glück. Seine Ölwanne ist rostig und muss ersetzt werden. Ebenso die Hinterreifen. Für Normalsterbliche unsichtbare, für den Fachmann im Prüfzentrum wohl sichtbare Abnutzung des Gummis um die Felgen rum. Sehen Sie: hier und hier! Nein, ich will hier nicht mit Details langweilen, doch gebe ich zu, dass mich die Diagnose doch überrascht hat. Und geschmerzt. So als wäre eine Freundin krank. Na ja, das ist mir mein Auto irgendwie. Wie viele Abenteuer wir doch schon zusammen erlebt haben!

In der Schweiz habe ich ganz nebenbei ein paar tolle Menschen getroffen. Ein schöner Nebeneffekt meines Besuches in der Schweiz. Ohne mein Dazutun hatte nämlich meine Schreibgruppe genau jenen Abend zu ihrem Treffabend auserkoren und traf sich schließlich statt in Bern extra wegen mir in Biel, wo ich bei meiner Freundin K. gastierte. Was für ein toller Abend!

Auch den Mittwoch verbrachte ich in der Schweiz, fuhr weiter zu meiner Freundin L. und begriff einmal mehr, wie wunderbar es ist Freundinnen zu haben. Wunderbar nährende Gespräche da wie dort. Ein Austauschfluss – erfrischend und wohltuend. Auch zeigten sich sowohl K. als auch L. begeistert von meinen iPhone-Bildern. Fast identisch waren ein paar von ihnen beiden geäußerte, kritische Gedanken zur iPhone-Kunst:
Eigentlich ist es ja nicht wirklich fair, dass du mit nur ein paar wenigen Berührungen des Bildschirmes so tolle Bilder machen kannst!
Okay, ja,
habe ich gesagt, das mag easy aussehen. Die paar wenigen Berührungen sind allerdings nicht einfach Automatismen, sie sind der eigentliche künstlerische Prozess.

Kunst ist immer eine Synthese von initialer Idee, Handwerk, Wissen und Können betreffend das Material, dazu kommen Inspiration, und Phantasie. Nicht zu verachten: ein bisschen Zufall. Kunst ist ein Weg. Kunst ist es, den Augenblick wahrzunehmen und festzuhalten, und Kunst ist auch dessen Echo. Kunst ist das Erlebnis, der Ausdruck, die Lust am Hinsehen und Hinfühlen. Und Kunst ist noch viel mehr.

Li Ssi hat dazu in ihrem Blog einen genialen Text zitiert:

Ich brauche nicht in die Geschichte der Philosophie einzutauchen, um darauf zu bestehen, dass es in der Kunst K E I N E R E G E L N gibt und keine Chance für Schwachköpfe und Blödmänner, die an Regeln und Gesetzen und verbotenen Bereichen festhalten, und keinen Grund für Hierarchie, der zufolge „breit“ besser als „schmal“ ist und „männlich“ wünschenswerter als „weiblich“. Es gibt in der Kunst kein Gefühl, das nicht ausgedrückt, und keine Geschichte, die nicht erzählt werden darf, es sei denn, man hat ein Brett vorm Kopf. Die Verzauberung entsteht durch das Fühlen und das Erzählen, das ist alles. (Zitat Ende)

Quelle: Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

Während ich nordwärts heimwärts fahre – besonders auf dem letzten Wegstück, wo die Autobahn aufhört – und während sich die Ebenen verschieben – kaum bin ich hier, schon bin ich dort, fahre rauf und runter –, stelle ich fest, dass ich doch nicht in einer flachen Welt leben möchte, wie ich sie mir beim Radfahren zuweilen wünsche. Die verschiedenen Ebenen, der Wechsel der Dimensionen machen mein Leben reich. Kaum hier, schon dort …, ja, das muss so sein, so und anders. Immer wieder andere Ebenen. Langer Atem, den ich brauche, immer wieder. Viel Kraft, die wir brauchen, um all die Wechsel, all die vielen Baustellen, auf denen wir leben, auszuhalten. Schiefe Ebenen oft genug, Schräglagen, Geraden, Paralleluniversen …

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Baustelle 1: Meinen Wohnraum fertig gestalten, so dass ich mich wieder vermehrt um meine anderen Projekte kümmern kann.

Als da wären:
Baustelle 2a: An meiner iPhoneArt-Gallery weiter spinnen. Mich verbessern. An meinem Handwerk arbeiten. Mein Auge schulen.
Baustelle 2b: Meine WhiteWall-Seite, meinen Internet-Bilderladen, wo jede und jeder meine Bilder in genialer Qualität für sich selbst bestellen kann, weiter kreieren. Mehr dazu, wenn ich so weit bin. Und ja, inspiriert dazu hat mich natürlich Irgendlink, dessen eigener WhiteWall-Shop ich allen nur wärmstens empfehlen kann.

(((Ach ja … heute haben wir unsere Bilder, die wir ebendort bestellt haben, voller Freude von allen Seiten betrachtet, gedreht, gewendet. Fazit: Super Qualität! Bestellen! Aufhängen! Weitersagen! )))

Baustelle 3: Jener Foto-Wettbewerb zum Thema „short-lived“, zu dem alle iPhoneographInnen eingeladen sind. In Frankreich irgendwo wird es eine Ausstellung zu besagtem Thema geben. Da will ich mitmachen.

Baustelle 4: Mein Blog, das ich nicht vernachlässigen will.

Baustelle 4a: Für mein Blog kleine, feine, weise Artikelchen über die einzelnen Apps, diese süchtigmachenden Bildbearbeitungsprogramme des iPhones, schreiben.

Baustelle 5: Meine Manuskripte vollenden und voranbringen. Verlagssuche zum Beispiel. Ich sage da nur „Loch im Eis“!

Baustelle 6: Lebensschülerin sein. Immer. Überall. Ob mit Irgendlink unterwegs oder allein. Oder mit meinen Freundinnen und Freunden. Nähe. Distanz. Balancieren auf dem Lebensseil.

Baustelle 7: Für „meine“ Zeitschrift endlich die beiden ausstehenden Buchbesprechungen schreiben und abliefern.

Baustelle 8: Endlich mal wieder an meiner Galerie mit den Nikon-Bildern weiterbauen.

Ach und nicht zu vergessen:
Baustelle xyz: Mein Auto instand stellen lassen und es zur neuerlichen Prüfung innert dreißig Tagen erneut in die Schweiz begleiten. Mich der Lehrmeisterin Straße hingeben. Lehrmeisterin? Ja, sie hat mir neulich gesagt, dass gutes Autofahren nicht in erster Linie bedeutet, dass ich technisch einwandfrei unterwegs bin, sondern dass ich risikobewusst und sozialkompetent fahre und dass ich mir meiner Mitwelt bewusst bin, will heißen, weder mich über andere zu ärgern noch anderen Anlass zu geben, sich über mich zu nerven. Und so weiter.

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Banaler Text, denke ich, wo ich ihn durchlese. Hm. Die Angst vor der Banalität? Ja, die gibt’s. Die kennt wohl jeder kunstschaffende Mensch. Doch nein, ich will sie nicht mehr füttern. Ich schreibe hier, was ich will. Banal oder nicht.

Etwas oder jemand bremst uns immer aus!, schrieb ich oben. Und meistens bin ich es sogar selbst, die mir auf dem Schlauch steht, geht es mir soeben durch den Kopf. Hm, aber stimmt das wirklich?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Kompromissen!, habe ich zu Freundin K. gesagt. Und das, stimmt das? Ja und nein. Ja, denn ich bewege mich ständig in Relation zu allen anderen, bin nicht allein, der Platz ist beschränkt. Choreografie des Lebens. Schwerkraft und Zusammenspiel von Zufall und Fügung. Lebenstanz. Ich bin immer umgeben von anderen, die da sind, weil sie da sind, wie ich ebenfalls in ihren Leben irgendwie da bin. Warum auch immer. Doch müssen sich Selbstbestimmtheit und Kompromissfähigkeit ausschließen? Sie könnten sich doch eigentlich wie Essig und Öl begegnen, im Salatsaucen-Tanz sozusagen.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?

Dienstagvormittag. Kurz nach elf fahren J. und ich mit den Rädern in die Stadt. Er, weil er einige kleine Besorgungen machen und mich mental unterstützen will. Und ich, weil ich mich anmelden soll. Und ein Bankkonto öffnen.

Zuerst gehe ich, gut informiert wie ich dank Irgendlink bin, gleich aufs Ausländeramt. Obwohl ich ja AusländerIN nicht Ausländer bin. Aber lassen wir das. Gendersensibilität ist hierzulande ein Fremdwort. Diesbezüglich ist Deutschland ein Entwicklungsland. Mit viel Potenzial allerdings, hoffe ich.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt der nette Herr. Tonfall: ungläubig. So in etwa wie: Gibt’s doch nicht! Zur Kollegin: Hatten wir noch nie, nicht wahr? Nur immer umgekehrt! Und schon wendet er sich mir zu, nimmt meine Papiere in Empfang, macht Kopien, erzählt mir von Freizügigkeitsabkommen und dass ich in den nächsten neunzig Tagen mit Arbeitsvertrag und Krankenversicherungsausweis wiederkommen muss. Ein Gang auf die Botschaft bleibt mir zum Glück erspart.

Mit einem gelben Post-it am Pass gehe ich ins nächste Büro. Aufs Einwohnermeldeamt. Strenge Dame.
Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt sie, schielt über den Brillenrand. Mustert mich erstaunt. Wie kann die nur?, höre ich sie denken, und: was will die hier? Ich spiele mit dem Gedanken, zu sagen, dass ich nicht direkt aus der Schweiz, aber direkt aus dem warmen Bett komme, lasse es aber bleiben.
Unglaublich, nicht wahr?, sage ich, grinse schief, nicke und nun lächelt sie doch ein bisschen. Im Büro wird es ein paar Grad wärmer.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt zwei Stunden später auch die Dame auf der Bank. Zum dritten Mal krähte der Hahn. Neugierig fragt sie, bewundernd geradezu, so als sei es ein riesiges Opfer, dieses wunderbare Land zu verlassen. Ich nicke. Zum wunderbaren Land ebenso wie zu ihrer Frage. Sie hat eine Schwester in Zürich, sagt sie, und dass das Leben in der Schweiz teuer sei.
Na ja. Ist relativ. Die Löhne sind ja auch höher, sage ich, während sie meine Personalien aufnimmt und den Pass von hinten nach vorne blättert. Sie ist nett und erklärt mir alles gut. Wünscht mir zum Abschied gutes Einleben und lächelt. Ich stolpere das erste Mal nicht, als ich die Bank verlasse. Ein gutes Omen, wie ich hoffe, denn wann immer ich mit J. hier Geld ziehen gegangen bin, habe ich beim Herausgehen die Schwelle übersehen.
Später kaufe ich Gemüse auf dem Markt, fühle mich ein wenig wie zuhause und stelle fest, dass die Menschen überall gleich sind. Nett die einen, neugierig alle und immer gibt es auch die andern.

Willst du die Menschen eines Landes verstehen, sag ich später zu J., dann geh hin und eröffne ein Bankkonto. Und melde dich bei einer Krankenversicherung an!

Oke, das mit der Krankenversicherung ist noch nicht ganz ausgestanden, obwohl ich es bereits in der Schweiz aufgegleist habe. Weil ich noch kein Einkommen habe, werde ich nur freiwillig versichert. Minimaler Schutz. Wer kein Einkommen hat, zählt nicht wirklich. Da gibt es nichts zu verdienen.

Domino

Ein Gedanke, der mich seit Tagen verfolgt: Alle Entscheidungen haben Auswirkungen, die wir uns im Moment der Entscheidung nicht im geringsten vorstellen können. Ob wir nun ein Kernkraftwerk bauen oder – ganz banal – einen Umzug beschließen.

Wie hat doch J. neulich erst in seinem Blog geschrieben?

Kurzerhand räume ich den etwa 12 qm großen Raum im Haupthaus des einsamen Gehöfts leer – Anlass dafür: wenn in der Schweiz ein Sack Kleider umfällt – aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Sack Kleider fällt um. Er sucht sich einen neuen Platz. Einen neuen Schrank. Ein neues Land. Ein neues Leben.

Denk dir Domino. Oder dieses andere Spiel. Wie heißt es eigentlich? Da ist dieser Kunststoffrahmen, ungefähr zehn mal zehn Zentimeter groß. Darin, mit den Fingern verschiebbar, die Zahlen eins bis fünfzehn auf kleinen Täfelchen innerhalb von sechzehn Plätzen. Der sechzehnte Platz ist frei. In diese Lücke wird immer eine der Zahlentäfelchen verschoben um durch Schieben nach oben, nach unten, nach links und nach rechts die vorher vereinbarte Anordnung der fünfzehn Zahlen zu erreichen.

So ähnlich empfand ich meine Umzugsvorbereitungen und den Umzug selbst.

Wenn ich diese Person für jene Hilfeleistung frage, so wusste ich, hat das gewisse Konsequenzen. Für sie selbst. Für ihre Mitmenschen. Ein Stein fällt ins Wasser, erzeugt Kreise. Wie viele Personen in meinen Umzug direkt und indirekt involviert waren, kann ich gar nicht zählen. Hier wie dort.

Zum Kreis im Wasser gehören meine Freundinnen und Freunde. Jene, die unmittelbar mitgeholfen haben, doch auch jene, die immer mal wieder an mit gedacht und mir Mut gemacht haben.

Zum Kreis im Wasser gehören auch meine Nachmieterin und mein Nachmieter und deren Umfeld.

Zum Kreis im Wasser, zu den sachten Wellen, die er erzeugt hat, gehören meine Bloglesenden.

Alles ist mit mir – und mit allem – verbunden, sagen die Lakota, bevor sie in die Schwitzhütte kriechen. Immaterielles ebenso wie sämtliche Materie. Alles was lebt, Tiere, Pflanzen. Alle Menschen. Ob in der Schweiz, in Deutschland oder in Japan.

Kerne spalten sich, Zellen gehen ob der Spaltung der Kerne möglicherweise kaputt. Für immer. Die Auswirkungen auf unsere Leben kennen wir noch nicht. Kreise im Wasser, deren Wellen wir zwar hier nur sachte wahrnehmen, aber mit nicht ausdenkbaren Folgen.