Keine Regel ohne Ausnahme

Offline wolle ich sein während unserer Wanderung, schrieb ich vor dreizehn Tagen. Digital Detox für eine Internetsüchtige wie mich. Offline bin ich auch, oft. Meistens sogar. Aber am Morgen und Abend checke ich doch kurz meine Mails und ab und zu gibts ja sogar ein Blogbild.

Heute weiche ich sogar noch ein bisschen mehr von der Offline-Regel ab. Was wäre das auch für eine Regel, wenn ich sie nicht hin und wieder brechen würde? Ist doch wahr!

Wie naiv und unwissend ich doch vor kurzem noch war!

Vor zwei Wochen hatten wir noch keine konkrete Ahnung, wohin uns unsere Wanderung führen würde. An Gotthardpass hätte ich nicht im Traum gedacht. Kiental im Berner Oberland, Via Mala in Graubünden, Wandern an der Reuss oder einem andern Fluss standen zur Diskussion. Reusswandern wurde immer mehr zum Favoriten, da wir diesem Fluss ja direkt ab Haustür folgen konnten. Immer mit dabei die Option, einfach jederzeit einen neuen Weg einzuschlagen, falls wir das wollten. Außerdem klang Reusswandern moderat oder zumindest am wenigsten anstrengend. Das sollte doch wohl auch eine wie ich, die noch nie länger als zwei Tage am Stück gewandert ist – und erst recht noch nie mit einem fünfzehn Kilogramm schweren Rucksack – schaffen. Dachte ich. Ha!!!

So schloßen wir am vorletzten Freitag um zwei Uhr nachmittags die Haustür ab und liefen los. Eine Pilgerreise sollte es für mich werden, beschloss ich, wozu Irgendlink meinte, dass letztlich jede Reise eine Pilgerreise sei. Recht hat er.

Knapp wusste ich Geographie-Banausin, dass die Reuss aus der mir fast unbekannten Innerschweiz in den Aargau floss. Aus dem Zugersee vermutete ich. Ja, in Geografie hatte ich einen Fensterplatz, ich gestehe es.

Die ersten drei-vier Tage waren landschaftlich so schön-urig-wildromantisch-lieblich, wie sie körperlich hart waren. Danach wurde die Sache mit dem Wandern mit jedem Tag besser. Die Blasen zwischen den Zehen sind auch schon fast verheilt. Kopf und Herz sind klar und leicht.

Unser Wanderübermut und unsere Lebensfreude, gepaart mir Neugier und Erforschungsdrang haben uns reusswärts immer weiter südlich geführt. Der Weg wächst, wenn wir ihn gehen, heißt es in Irland. Wie wahr!

Wir lernten die Reuss als Freundin kennen und erfuhren in Gesprächen mit Menschen unterwegs, woher sie kommt. Und von Wikipedia. 🙂

In Hospental, auf 1450 m. ü M. trafen wir die tolle Entscheidung, der Gotthardreuss zu folgen (der Furkareuss folgen wir vielleicht ein ander Mal?).

Drei Stunden dauere die Wanderung, meinte die Rössli-Wirtin gestern morgen. Mit Rasten und Fotostopps unterwegs, schweren Rucksäcken auf den Rücken und vom Regen auf dem letzten Drittel ausgebremst, brauchten wir fast viereinhalb. Egal – es war eine wunderwunderbare Wanderung! Nein, Regenwandern ist nicht toll, kein Zuckerschlecken wahrlich, aber die ersten zwei regenfreien Drittel durch hochalpine Vegetation, Alpenrosen, Riesenfarne, gurgelnde Bäche, ab und zu ein Sonnenscheinchen, waren einfach nur GRANDIOS. So was wollte ich ja mit Irgendlink schon lange mal machen (allerdings nicht unbedingt mit fünfzehn Kilo auf dem Rücken). Tja …

Auf ungefähr neun Kilometern sechshundertfünfzig Höhenmeter ersteigen ist für Wander- und Pilger-Elevinnen wie mich eine tolle Leistung. Hut ab, Sofasophia, *schulterklopf*! Dazu Regen. Alles (ausser die Kleider unter der wasserdichten Regenjacke) klitschnass, ein Fußbad vom feinsten in den Wanderschuhen. Und dies alles ohne zu Murren, denn es war das, was ich wollte: auf den Berg hoch. Außerdem konnte ich es ja nicht ändern (ob ich wohl by the way ausdauernder und zäher geworden bin? Vermutlich.).

Im Ospizio haben wir ein Zimmerchen bezogen und so herrlich heiß geduscht, dass die Haut kribbelte und sich rötete. Mit Föhn und Heizkörpern haben wir Kleider und Dinge trockengelegt und ein köstliches Loblied auf die Zivilisation gesungen.

Und jetzt? Gehts weiter Richtung Süden. Vielleicht gibts da ja ein paar Sonnenstrahlen?

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Glück am Wegesrand

Eine für einmal etwas andere Geschichte von unterwegs, zum Mittsommer passend … poetisch und sommerleicht vom Emil gesponnen …

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Natur in der Stadt

Ich saß am Wegrand und lauschte
und hörte des Käfers Lied.
Nur wenige Meter weg rauschte
Verkehr durch das Neubaugebiet.
In neu ausgehobenen Teichen
hatten Enten sich breitgemacht.
Dort lag ich im Gras, im weichen,
alleine dann – die ganze Nacht.

Der Käfer
Der Käfer

Ich sah keine Sterne funkeln,
der Stadthimmel war viel zu hell.
Und Angst hatte ich nicht im Dunkeln
vor heftigem Hundegebell.
Verschont blieb ich vom Regen
in dieser lauwarmen Nacht,
als einsam im Gras ich gelegen
hab’ und über Glück nachgedacht.

Link zu vom Emil gesprochenen Texten auf Soundclound

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© für Text & Bild: Der Emil | 2014

Unterwegs

Montagmorgens um perversfrüh halb acht auf dem Bahnhof B.. Menschen fluten die Treppe herunter, die ich hinauf muss. Ab und zu bleibe ich stehen, um nicht angerempelt zu werden. Oder um niemanden anzurempeln.

Meine zweitletzte Fahrt mit dem Zug nach Bdf steht mir bevor. Anderthalb Stunden bis ins Büro, am Abend nochmals. Ich datiere meine Fahrkarte und gehe langsam, mich um die andern Pendlerinnen und Pendler schlängelnd, zu meinem bevorzugten Einstiegsort fast in der Mitte des Perrons, zwischen den Treppen. Dort wird am wenigsten geplappert, auf dem Steig und im Zug. Kaum bin ich dort, fährt der Zug ein. Immer bin ich knapp, nie habe ich ihn verpasst und nur gerade zweimal in einem ganzen Jahr kam ich wegen technischer Probleme zu spät. Verschlafen habe ich mich nie, ich Schweizerin. Dafür war ich ein paar Mal krank. Resümée im Zug auf Handytastatur.

Lemminge. Der Zug fährt immer langsamer, ruckelt nur noch in Dezimetersprüngen, und bleibt schließlich stehen. Wir tun es ihm gleich. Wie Japanerinnen mit kleinen Füßchen ruckeln wir Wartenden möglichst nahe zur Tür, ellbögeln uns unauffällig in die erste oder zumindest in die zweite Reihe.

Die Türen öffnen sich mit schrillem Gejammer, dann kotzt der Zug Menschen aus. Nach der letzten Frau – ist es eigentlich immer eine Frau, die zuletzt aussteigt? – wechselt die Fließrichtung. Wie bei den Lachsen. Oder ist es ein großer Magnet, der uns Menschen in den Zug hineinzieht, uns Lemminge?

Ich finde einen Platz in einem Viererabteil, das ich mit einer jungen Frau teile. Bereits macht sich die Sommerferienzeit bemerkbar. Der Zug ist weniger voll als sonst. Wir fahren los, während ich mein Phone aus dem Rucksack hole um diese Zeilen hier zu tippen.

Nächster Halt: B…! Ein Raunen und Lächeln geht durch den Zug, einige (ich zum Beispiel) blicken verstohlen aus dem Fenster. In B. bin ich doch vorhin eingestiegen? Bin ich im falschen Zug? Fahre ich gar rückwärts, zurück ins kuschelige Bett?
Nächster Halt: A…!, klingt nun die korrekte Ansage durch die Lautsprecher. Fehler sind menschlich, aber sie müssen korrigiert werden.

In A. spuckt der Zug wieder viele Leute aus und saugt mit seinem großen Magnet neue Leute an.
Billettkontrolle! Alle Billette bitte! Kollektives Kramen in Taschen, Hosen, Jacken und Rucksäcken. Ich hatte immer ein gültiges Billett dabei, ergänze ich meine Kopfstatistik. Nein, falsch, einmal bin ich dunkelgrau gefahren. Ich wollte kurzfristig ein Handybillett lösen, da ich erst auf dem Bahnhof gemerkt hatte, dass die Mehrfahrtenkarte voll war. Dummerweise konnte ich mich partout nicht ins Internet einloggen und doppelt dumm war, dass ich ausgerechnet an jenem Morgen mein Portemonnaie zuhause im andern Rucksack vergessen hatte. Doch das Glück war mir hold und an jenem Morgen gab es keine Kontrolle. Im Büro hatte ich mir Geld für die Rückfahrt ausgeliehen.

Wir treffen pünktlich in O. ein, Ausstieg in Fahrrichtung links, schallt es aus den Lautsprechern. Ob es wohl noch ein anderes Land gibt, dass sich in der Durchsage für seine Pünktlichkeit rühmt? Japan vermutlich? Früher, als sowieso alles besser war und die Züge immer pünktlich fuhren, pünktlicher als heute, brauchte es diese attributive Aus- und Ansage nicht.

Pünktlich auf die Minute steige ich in O. aus, lasse mich mit dem Fluss der PendlerInnen treiben, in die Unterführung spülen und eine weitere Treppe hoch. In einen andern Zug. In einen noch sehr stillen Zug. Vielleicht zehn Nasen bis L., voller wird der Zug erst in H.. Ich packe mein Joghurt und meine Karotte. Mein bewährtes erstes Frühstück. Zuhause bringt ich außer ein paar Feigen noch nichts runter. So früh morgens kann ich nichts essen.

Durch ihre Augen
Durch ihre Augen

Nachher suche ich den E-Book-Reader und lese bis ich um zwanzig vor neun in Bdf. ankomme. Der zweitletzte Bürotag mit Austrittgespräch.

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Stunden später. Es ist Abend. Viertel nach fünf. Wieder besteige ich einen Zug. Nachhause. Heute ist der Feierabendzug nur halbvoll. Die andere Hälfte der Menschheit ist in den Ferien. Angenehm ruhig ist es. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Manchmal wünsche ich mir ja auch im richtigen Leben diese Ausgewogenheit, aber lauwarm passt nicht wirklich zu mir.

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Ein weiterer Beitrag für unseren Zyklus Geschichten von unterwegs

© by Sofasophia 2014

Spazierensehen

Heute darf ich mit euch eine noch unveröffentlichte Geschichte von unterwegs teilen. Geschrieben hat sie Uwe Heckmann, dessen Bilder einige von euch von Pixartix und von seinem Blog kennen.

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Unterfuehrung-header_uweheckmann

Ach, dieses Gehen auf den Straßen der Stadt, wie es mich ablenkt und unterhält, abstößt und dann wieder mitreißt in den Fluss der winzigen Ereignisse und mit flüchtigen Begegnungen füttert, welche eine Mitschrift fordern, heute anders als gestern und morgen wieder neu.

Gleich beim Raustreten, diese Lichtfülle: blendend heller Sonnenschein, ein Vademekum auf einer Runde, die mich zunächst kurz den Stadtpark durchstreifen lässt. Dort springen mir die samtig grün in der Sonne leuchtenden Baumrinden in die Augen. Vereinzelt kommen mir Jogger mit ihren Leidensmienen entgegen, und eine walkende Rentnerschar kreuzt meinen Weg, aus deren Mitte ich das Satzfragment „schlau machen über die grünen Damen“ vernehme. Bevor ich länger über den möglichen Sinn dieser Verlautbarung ins Grübeln gerate, lenkt mich schreiender Graffitikitsch ab, der die strenge Tektonik einer Backsteinwand mit einer silbern glänzenden Haut und einem mir unbekannten Schriftzug bedeckt. Ich schlendere weiter, ohne Mühe und Not, überspringe federleicht die Baumschatten, höre in der Ferne das Lärmen der Spielplatzhirsche, schaue zwei Eichhörnchen beim Umkreisen eines Stamms im flotten Tanz ihres Liebesspiels zu, und pfeife dem dunklen Begleiter an meiner Seite ein munteres Liedchen.

Kurz hinter dem Park komme ich an einem „Space Art Center“ vorbei, in dem „TranceEvents“ angeboten werden. Amüsiert über diese „multikreative“ Erlebnishilfestellung erfreue ich mich am Anblick einer gewöhnlichen Plastiktüte, die durch den böigen Wind aufgeblasen und auf die Straße gefegt wird. Ein Auto überfährt sie mit einem hellen Ton, durch den einige Passanten erschrocken ihren Gang unterbrechen und innehalten. Die Ramschauslage eines Buchladens lasse ich aus Gründen meiner leichten Verführbarkeit lieber links liegen und trotte weiter durch verminte Grünanlagen, überhole einen übergewichtigen Briefträger mit honiggelbem Bürstenhaar, in dem sich Pappelsamen verfangen haben, und treffe in einer Einkaufsstraße auf rastlose Beauty-People beim Konsumglücksspiel, die ich treidelnd umgehe.

An einer Baustelle beneide ich für einige Momente den Kranführer wegen seiner Übersicht, mit der er das Wimmelleben unter sich zu betrachten in der Lage ist, bis mich das Wort „Tageszulassung“ in dem Schaufenster eines Autohauses zu einer Instant-Meditation über Tage mit und ohne Zulassung anregt: etwas loslassen, sich gehenlassen, andere fallenlassen, alles oder nichts zulassen. Als lässliche kleine Sünde gönne ich mir bei einer Bäckerei drei Quarkbällchen und gehe weiter, um nach wenigen Schritten einen Vertreter der Generation Golf beim Parken einzuweisen und dafür ein geschäftsmüdes Lächeln als Dankeschön zu erhalten.

Parfümbomben explodieren in der Nähe der „Wohnsinn“-Anlagen, wo betuchte und statusbewusste Mütter in spe ihren Nachwuchs stolzgeschwellt vor sich hertragen. Eine der Hochschwangeren wendet angeekelt den Blick von dem Schauspiel ab, das sich an der nahegelegenen Ampel ereignet. Dort taumelt ein junger Mann unruhig umher. Er versucht offenbar mit seiner rechten Hand aus der Hosentasche ein paar Münzen zu fischen, warum und zu welchem Ende bleibt auf immer unerkannt. Eine ewiglange Minute verbringt er mit dieser Tätigkeit in einer unbequemen, wankenden Körperhaltung. Als er sich aufrichtet, sehe ich, dass eine glühende Zigarette lose in seinem halboffenen Mund hängt. Dann nimmt er die beiden neben sich stehenden Bierflaschen an sich und torkelt bei Rot über die Straße. Von keinem Auto erwischt, doch von vielen Umstehenden ungläubig und missgünstig beobachtet, erreicht er unversehrt die andere Seite und entschwindet bei der nächsten Ecke in der Menge. Ich wundere mich über den passgenauen Satz, den ich unvermutet auf einem Mülleimer zu lesen bekomme: „Drink your Beer and Mosh“.

Zuletzt fällt mir noch ein „ReadyMix“-Lkw auf, der mich freudig heimkehren lässt, da dieser Name an meine promisken Augenreisen auf den Straßen der Stadt erinnert. Es ist ein ständiger Wechsel der Szenen, in die ich nicht eintrete, ein Puzzle zufälliger Bilder, die mein Blick isoliert und dann wieder dem Fluss der Erscheinungen übergibt, zwischen Sehen, Würdigen und Loslassen pendelnd, einzig betreut von meinen Assoziationen und inneren Texten, mit dem Vorteil, am Ende eines jeden Spaziergangs weder vollkommen zufrieden noch wirklich enttäuscht zu sein. Und so werde ich weiter hoffnungsfroh meine Tage verwalsern und dabei im steten Vertrauen auf den nächsten Schritt diese verspielt hinfälligen Scherben des Alltags sammeln: Was braucht man andere Abenteuer!

© für Text und Bild bei Uwe Heckmann | 2014