dream on

Nein, die Kinder sind es nicht primär, die dazu beitragen, dass mich mein neuer Job stresst. Obwohl ebendiese Kids ganz schön ausprobieren, wie weit sie bei mir gehen können. Nein, es sind auch nicht nur die schlechten Bedingungen, obwohl ich bei mehr Lohn gewiss motivierter wäre. Was mich am meisten stresst, ist eher etwas irrationales und ganz und gar nicht neu. Es ist die simple Tatsache, dass mein Brötchenjob mir Lebenszeit abzwackt. Lebenszeit, die ich in etwas investiere, das mir nur bedingt wichtig ist, ich aber dennoch nicht halbherzig machen kann. Weil ich einfach nicht halbherzig arbeiten kann. Zeit, die mich ermüdet, weil ich mich engagiere. Vor allem aber Zeit, die ich nicht frei gestalten kann. Was ein großer Traum von mir ist, eine Illusion natürlich, doch ein schlichter Wunsch: meine Zeit selbst zu gestalten und keine materiellen Sorgen haben zu müssen. Doch wenn ich kein Geld habe, muss ich logischerweise welches verdienen. Und wenn ich meine Kunst nicht vermarkte und/oder wenn sie niemand kauft, gibt es auch kein Geld. Ergo muss ich arbeiten. Es ist wohl am meisten dieses Müssen, das mir nicht gut bekommt. Weil ich nicht gerne muss. Ich will wollen, nicht müssen, denn eigentlich arbeite ich gerne.

Schnitt.

Heute, auf dem Weg zur Arbeit  – über meine Erschöpfung und Müdigkeit nachgrübelnd –, musste ich an den Krug denken, der zum Brunnen geht bis er bricht. Wie es verschiedene Krüge gibt – irdene, gläserne, solche aus Blei oder Kupfer, gibt es auch vielerlei Menschen, zumindest die einen und die anderen. Die einen kaufen oder töpfern sich einfach, wenn der alte Krug gebrochen ist, einen neuen. Oder noch besser: sie lassen sich einen schenken. Die anderen grübeln Jahre, bevor der Krug auch nur ans Risse machen und Zerbrechen denkt, schon an den bevorstehenden Bruch und was sie tun werden, wenn er eines fernen Tages tatsächlich brechen wird. Falls er denn brechen wird, so lange sie leben. Mit ihren Angst-vor-den-Scherben-Sorgen versauen sie sich jegliche Alltagsfreude. Irgendlink gehört zu den einen, ich nicht, leider.

Selig, die einen Krug haben, den sie füllen können.

schnell

Eigentlich habe ich gar keine Zeit zum Arbeiten, denn eigentlich hätte ich genug anderes, das ich viel lieber tun würde. Schreiben und Bloggen zum Beispiel. Aus den Liveblogtexten von der Schwedenreise – wie letztes Jahr – wieder ein kleines Buch für Irgendlink und mich gestalten. Bilder auswerten und bearbeiten. Oder endlich mal die Idee meines Liebsten sich setzen lassen, dass wir eine gemeinsame iPhoneArt-iDogma-Ausstellung anpacken sollten. Ihr Form geben. Endlich mal dies und endlich mal das. Das Liegengebliebene, das nie Erledigte.

Ich muss an Nietzsches „Vereinsamt“ denken, an diese Zeilen hier:

Bald wird es schnein –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Was jetzt erledigt ist, ist erledigt. Gemäht ist gemäht. Vorbei ist vorbei. Ein desperates Gefühl, dass ich mit meiner Rückkehr ins Berufsleben nun keine Zeit mehr für Kreatives haben werde, will von mir Besitz ergreifen. Immer schon habe ich meine Arbeit außer Haus als Konkurrenz zu meiner eigentlichen Passion – dem künstlerischen Ausdruck – empfunden.

Der Hamsterradtretmühlenalltag hat mich wieder. Von Viertel vor eins bis Viertel vor fünf bin ich eingebunden. Fünf Tage die Woche. Zu sechst begleiten wir hundert Kids zwischen zehn und fünfzehn Jahren durch den freien Nachmittag. Für einen Hungerlohn. Wir sorgen dafür, dass sie unter anderem ihre Hausaufgaben gemacht haben, wenn sie heimgehen. In meiner Gruppe sind zwanzig Kids, davon dreizehn Jungs. Elf davon FünftklässlerInnen, also neue GymnasiastInnen. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass ich nach der ersten Aufgabenstunde gestern schon alle Namen der siebzehn Anwesenden den Gesichtern zuordnen konnte. Dennoch war es auch sehr anstrengend, sowohl für eine gemütliche Ruhe besorgt zu sein, als auch die mir gezeigten Aufgaben jeweils konzentriert zu kontrollieren. Bereits sehe ich, wie unterschiedlich begabt die einzelnen Kinder sind. Zwanzig Kinder – jedes hat seine Geschichte. Ich hoffe, dass wir es gut zusammen haben werden.

Dennoch – ich war total kaputt, als ich um Viertel vor fünf das Schulhaus verließ. Der Lärmpegel in der halben Stunde von halb drei bis drei, als die meisten heimgingen oder abgeholt wurden, war schon recht hoch. Ohne dass die Kinder gezankt hatten. Einfach Gespräche- und Spiellärm von ungefähr noch fünfzig Kindern im Aufenthaltsraum.

Alles ist Gewohnheit. Ich werde mich an den neuen Alltag gewöhnen.
Wie immer. Aber ist das alles?

 

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen

Ich begrüße euch herzlich zur Lektion fünf des Integrationskurses „Alltag in Deutschland“ und mache euch darauf aufmerksam, dass alle bisherigen, aktuellen und zukünftigen Kursinhalte dieser Reihe ohne jegliche Gewähr vermittelt wurden und werden. Sie beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten. Augenzwinkern und Ironiemodus inklusive. Jegliche Risiken gehen zu Lasten der Teilnehmenden.

Eine grundsätzliche Feststellung sei mir erlaubt: Integration, so weiß ich jetzt, ist Schwerarbeit. Selbst ich, die ich von bilateralen Freizügigkeitsabkommen mit meinem „neuen“ Land profitiere und aus einem Deutschland doch recht ähnlichen Land komme, selbst ich, die ich nicht wirklich eine neue Sprache lernen muss – abgesehen vielleicht vom ß, dass es in der Schweiz nicht gibt –, stelle fest, dass das Kennenlernen einer neuen Kultur, einer neuen Geografie, geringfügig oder deutlich anderer Umgangsformen, unausgesprochenen Regeln und Verhaltenskodexen eine große Herausforderung ist. Das gesunde Maß an Anpassung muss individuell gefunden werden. Mich verlieren und mir eine fremde Haut überziehen geht nicht. Will ich auch nicht. Wie viel schwerer muss es einem Menschen fallen, in der Fremde Wurzeln zu schlagen, der unter anderen als erfreulichen Umständen hier – oder in der Schweiz – gestrandet ist?!

Kommen wir – nichtsdestotrotz – zum heutigen Thema: „Essen in deutschen Restaurants“. Okay, ich gestehe, dass ich in Wirtschaftskunde noch nicht sattelfest bin und es wohl auch nie sein werde. Das war auch in der Schweiz nicht anders, denn ich bin nicht wirklich die Auswärtsesserin. Lieber koche oder grille ich mit meinem Liebsten oder mit lieben Leuten zusammen etwas, wo ich dann auch sicher weiß, dass keine Tiere – und keine tierischen Nebenprodukte wie Gelatine – drin sind.

Während es in der Schweiz kaum mehr ein Restaurant gibt, dass nicht mindestens ein Vegimenü auf der Karte hat – auch wenn es irgendwas phantasieloses mit Käse ist, da die meisten keine Ahnung von abwechslungsreicher, genußvoller Vegikost haben –, wird hierzulande schon mal mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis genommen, dass ich Vegi bin. Dass es Vegis gibt. So was exotisches aber auch! Immerhin nicht in unserem nahen Umfeld. Zum Glück! Dennoch musste ich mich hier schon fragen lassen, was ich denn sonst esse. Sonst? Hallo?

Willst du als Vegi in Deutschland auswärts essen, findet sich beim Italiener immer eine Vegi-Option. Das gilt weltweit. Auch indisch essen kann ich überall vegetarisch. Aber was, wenn weit und breit kein Italiener und keine Inderin kochen? Wie steht es denn mit der gutbürgerlichen Küche wie jener in der Dorfkneipe, in die Irgendlink und ich neulich nach einer Wanderung eingekehrt sind?

Schon vor dem Eintreten hatte ich beschlossen, einfach zu nehmen, was es gibt. Salat und irgendeine Beilage. Spaghetti vielleicht. Die Karte vor dem Restaurant hatte nämlich nur Fleischmenüs gelistet.

Kaum saßen wir an unserem Platz, wurden wir auch schon von der Wirtin aufs Freundlichste begrüßt und nach unseren Wünschen gefragt. Mein Liebster erkundigte sich sogleich, was sie Vegis zu bieten habe.
Was halten Sie von Schupfnudeln mit Gemüsepfanne? Steht zwar nicht auf der Karte, aber ich hätte alles im Vorrat, sagte die Dame.
Ich nicke, sage Ja, gerne! und freue mich auf ein feines Essen. J. bestellt die auf der Wanderung visualisierten Pommes und Fleisch. Und Salat.
Wir müssen nicht lange mit knurrendem Magen warten, als die Dame uns auch schon letzteren serviert. Ohne Brot, was mich befremdet.
Das ist in Deutschland so üblich, sagte J. Egal. Hauptsache es schmeckt.
Auch der Hauptgang ist sehr fein, mit Pilzen und meinen Lieblingsgemüsen. Liebevoll angerichtet sogar. Als die Rechnung kommt, schlucke ich leer. Positiv überrascht.
Für den Preis hätte in der Schweiz nur eine Person gegessen, nicht gleich zwei!, sagte ich zu J..

Merke: Ungewohntes muss nicht schlechter sein.

(verfasst am 11. Juli 11)
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Weiterführende Artikel:

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank ? Teil 1

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1

Über das deutsche Gesundheitswesen gäbe es viel zu erzählen. Besonders für die SchweizerInnen, die mein Blog besuchen, mag ein erster Blick hinter die Kulissen interessant sein. Doch ich warne alle Nichtdeutschen schon mal vor: Dieses Gebilde ist erstens gewöhnungsbedürftig und zweitens – jedenfalls am Anfang – scheinbar kompliziert und drittens funktioniert es meiner Erfahrung gemäß – hm, na ja, wie soll ich sagen? – nicht wirklich überzeugend.

Punkt 1: Die Praxisgebühr: Fängt ein neues Quartal an, ist beim ersten Besuch in einer Fachärztin-Praxis (gilt auch für Fachärzte, erwähne ich nun aber nicht mehr speziell) eine Gebühr fällig. Zehn Euro Praxisgebühr, die aber nicht den Halbgöttinnen in Weiß zu Gute kommt, sondern den Krankenkassen. Sie soll davor schützen, dass die Leute wegen Bagatellen in die Praxen rennen. Denn alle ärztlichen Behandlungen sind – GUTE NACHRICHT! – (ohne die in der Schweiz üblichen Selbstbehalte) kostenlos, will heißen, sie werden vollständig von den Kassen übernommen.

Darum die zehn Euro. Die sollen ein bisschen wehtun. Zehn Euro sind nämlich nicht einfach zwölf Franken, weil hier ja die Löhne nicht einfach einskommazweimal tiefer sind als in der Schweiz, sondern unvergleichlich tiefer. Die Mieten auch. Und die Lebensmittel sowieso. Aber das ist ein anderes Kursthema, das wir vielleicht in einer Nachfolgelektion behandeln werden. Back to the topic. Ich zücke also meine Krankenkassenkarte und zahle zehn Euro. Das kann nun bei der Orthopädin oder bei der Hausärztin sein. Egal. Beim ersten Besuch pro Quartal wird bezahlt und somit ist das hier für mich für dieses Quartal der Ort, wo ich für alle weiteren Besuche bei anderen Fachärztinnen eine Überweisung hole. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Punkt 2: Die Überweisung. Was Schweizerinnen, die das Hausarztmodell bevorzugen, praktizieren, ist hier in Deutschland der Normalfall. Für nicht Hausarztmodellvertraute wie mich, ist es schon ziemlich befremdlich (ich habe nicht wirklich den Sinn der Sache begriffen) dass ich, wenn ich zu einer anderen Fachärztin will – bleiben wir doch gleich bei der Orthopädin – wieder zu meiner erstbehandelnden Ärztin rennen muss, um dort einen von ihr unterschrieben Zettel zu erhalten, der mich legimitiert, zu ebendieser Orthopädin zu gehen. Puh.

Vorgestern hatte ich gleich zwei Termine nacheinander. Was nicht einfach zu bewerkstelligen ist, weil du eben nie weißt, wie lange du in den Wartezimmern verbringt. Womit wir bei den Wartezeiten wären (siehe Punkt 3) … Doch ich habe zum Glück auch den zweiten Termin pünktlich geschafft. Nachdem ich in der ersten Praxis anderthalb Stunden gewartet hatte, wartete ich in der zweiten exakt eine Stunde und wurde deshalb in der Mittagspause der Ärztin behandelt. Dass sich weder die erste noch die zweite Ärztin für meine lange Warterei entschuldigt hat, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Und dass bei der Hausärztin, die meine Schilddrüsen checkte, schon jemand oben ohne auf der Behandlungsliege lag, als ich mich hinlegen wollte, verschweige ich hier wohl besser.

Punkt 3: Die Wartezeiten: In den Praxen, die ich bisher gesehen habe, gibt es vielmehr Sitzgelegenheiten als in den Schweizer Praxen, die ich kenne. Der Grund ist einfach. Sie sind fast immer besetzt. Ich verstehe das deutsche Buchungssystem nicht. Und ich gestehe, dass ich Deutschlands Gesundheitssystem, dass auf mich mindestens so krank wirkt, wie das schweizerische, ebenfalls nicht nachvollziehen kann. Es kann doch nicht funktionieren, wenn acht Leute in eine einzige Stunde gebucht werden und die Ärztinnen im Sieben Minuten-Takt (hab ich mal aufgeschnappt), Menschen heilen oder ihnen zumindest helfen sollen.

Punkt 4: Die Behandlung: Wie gesagt, sie ist sehr kurz. Ob das mit den sieben Minuten stimmt, weiß ich nicht. In der Schweiz – bei meiner goldigen Berner Hausärztin ist es jedenfalls so – dauert eine Behandlung entweder eine Viertel- oder eine halbe Stunde. Warten tust du höchstens fünf Minuten. Sind es doch einmal zehn, entschuldigt sie sich herzlich. Und dann setzest du dich hin und redest. Dann guckt sie dich an. Schaut, was du brauchst, meine Ärztin. In der Schweiz.

Und hier? Na ja, Wie geht’s?, fragt sie schon und nett ist sie auch, aber die Antwort verdampft ungehört, denn dann geht’s ruck zuck. Und schon stehst du wieder draußen und hast all deine vorher zurecht gelegten Fragen zu stellen vergessen. Wann auch? Doch wer kann es ihr verargen? Sie hat ja gar keine Zeit!

Okay, niemand will mehr Geld für die Behandlungen zahlen, logisch. Es ist ja kaum welches da im Billiglöhneland Deutschland.

Im Vergleich: Das Schweizer System mit dem Mindest-Restselbstbehalt von zehn Prozent der Kosten pro Behandlung verfolgt im Grunde den Ansatz der Selbstverantwortung. Doch in der Schweiz liegt der Hase bei der Höhe der Prämien im Pfeffer. Diese erreichen astronomische Höhen und sind nicht einfach einskommazweimal höher als jene in Deutschland. Darum sagen sich die Leute: Wenn ich schon so viel zahlen muss, will ich auch zum Arzt, pardon, zur Ärztin! Und schon geht der Schuss nach hinten los. Nein, auch nicht wirklich viel besser. Und nein, ich habe auch keine besseren Vorschläge.

Merke:
Manches ist hier einfach anders als dort, wo du herkommst. Gib dem neuen eine Chance, vor allem wenn du keine besseren Ideen hast.

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Weiterführende Artikel:

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
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