#flussnoten19 | Tag 10

2. Juli 2019

Der Tag beginnt mit einer wunderbaren Weitsicht auf die frisch gewaschenen Berge am anderen Ufer. Wie gewohnt wandern wir früh los, weiter Richtung Hünibach und Thun, um möglichst viel von dieser angenehmen Morgenkühle erhaschen zu können.

»Die spinnen doch, diese Schweizer*innen mit diesem elenden Auf und Ab. Echt jetzt: 26%! Ich meine: 26%! Aber geschafft haben wirs. Im Kriechgang,« twittere ich noch vor neun, als der Weg so steil bergauf oberhalb des Dorfes an Oberhofen vorbei führt. Vorbei auch am Holzatelier, das M. leitet, doch es ist noch früh und er vermutlich noch gar nicht da. Wir versuchen allerdings auch gar nicht, das herauszufinden. Mit den Rucksäcken sind spontanen Besuche eher suboptimal.

Bald sind wir wieder am See. In Hünibach. Nach einem kleinen Einkauf sitzen wir einfach nur da, auf einer Bank, und genießen den letzten Seemorgen. Von hier aus sehen wir bereits das Ende des Sees und den Aareabfluss. Keine Stunde später betreten wir in Begleitung der Aare die kleine Stadt Thun, die in einem vergangenen Leben mein Dreh- und Angelpunkt war.

Alles bekannt. Da, die Brücke, wo wir damals. Die Fähre über die Aare ist heute außer Betrieb, zu viel Wasser, zu stark die Strömung. Wir setzen uns schon wieder auf eine Bank. Das hier will behutsam angegangen werden. Erinnerungen wollen gesehen werden. Erinnerungen brauchen Zeit.

Später. Wir spazieren durchs Bälliz, die Marktstraße Thuns, das Herz der Stadt. Emsiges Treiben. Vieles ist noch wie früher, manches anders. Hier habe ich – und dort drüben war doch – ach, wie war das damals?

Es ist schön, diesen Weg heute mit Irgendlink zu gehen, Vergangenes zu teilen und die Stadt neu zu erleben. Im großen M tanken wir die Handys, trinken und essen etwas und schließlich verlassen wir die Stadt wieder. Aareabwärts. Am Aarebad vorbei.

Es gibt verschiedene Wege, auf beiden Aareseiten, für Menschen mit uns ohne Räder. Wir tüfteln ein wenig, bis wir endlich einen finden, der uns schattig genug ist. Schön geht anders, wir sind ein wenig verwöhnt nach den letzten Wandertagen.

Es ist jedenfalls ein krasser Unterschied zwischen heute Morgen und jetzt: vor Thun diese beinah illusorisch ruhige, fast heile Welt, Hügel, Seen und Natur, nach Thun an der begradigten Aare eingeklemmt zwischen Straße, Kieswerk und Naturschutzgebiet und ohne unmittelbaren Aarezugang. Es ist laut auf diesem reizlosen, schnurgeraden Weg, der einzig als Verbindung von Punkt A nach Punkt B gedacht ist.

Naturschutzgebiet, ha! Sind Naturschutzgebiete womöglich sichtbar und materiell gewordene Ablasshandlungen einer industriellen Hochleistungsgesellschaft?, orakle ich. Ich fühle mich jedenfalls nach den friedlichen Tagen in den Bergen bereits wieder gehetzt und bin froh, dass wir im Laufe des Nachmittags endlich ein kleines Seelein finden, in welchem wir uns abkühlen können. Die Aare wäre natürlich auch badbar, doch wir haben keine wirklich geeignete Stelle gefunden. Manche Stellen waren zwar schön, boten aber keinen Schatten. Aarebaden, zumal mit so viel Strömung und ohne Übung, darf außerdem nicht unterschätzt werden.

Das Baden tut gut. Im Wasser schwimmt Gras und erst da wird uns klar, dass der See Hochwasser hat. Nach dieser Erfrischung überlegen wir so langsam, wo und wie wir heute Nacht lagern könnten. Einkaufen müssten wir ja auch noch. Unser täglich Bier zum Beispiel, ein frisches Brot und sonst noch das eine oder andere.

Irgendlink findet auf der Karte einen Weg nach Uttigen und lotst uns durch den Aarewald ins nahe Dorf. Wir fragen uns bis zum Volg durch und kaufen ein. Wie wir uns vom Volg aus wieder Richtung Aare wenden, spricht uns eine freundliche ältere Dame an. Ob wir Pilgernde seien und wohin und woher und dass sie vor zig Jahren nach Santiago gepilgert sei. Wir kommen ins Gespräch, trotz der Rucksäcke auf dem Rücken, und schon bald sitzen wir an ihrem Gartentisch und trinken selbstgemachten Sirup. Köstlicher Schatten. Wohltuendes Sitzen. Wir plaudern über das Woher und Wohin und über die Gewitter der letzten zwei Nächte und dass diese Nacht auch wieder welche gemeldet seien.

Irgendwann lädt uns Monika, die wir inzwischen von Pilgerin zu Pilgerin duzen, ein, in ihrem Garten zu zelten. Ein Angebot, das wir gerne annehmen, auch wenn es doch eine rechte Umstellung wird, inmitten von Häusern und dem Gewusel eines Dorfes statt in der Natur zu schlafen.Doch vorher gehen wir mit unserer Gastgeberin noch ein wenig spazieren. An die Aare natürlich. Und danach gibt es Coupe Danemark, mit hausgemachter Schoggisauce.

Es wird für mich die am wenigsten erholsame Nacht dieser Reise. Vor allem ist es die Hitze, die mich nicht schlafen lässt. Wegen der Gewitterwarnung haben wir nämlich wieder einmal auch das Außenzelt aufgebaut. Ein Zwei-Sekunden-Regen ist aber alles, was es heute Nacht gibt, darum stehe ich mitten in der Nacht auf und baue das Außenzelt ab.

Als ich endlich doch noch ein wenig schlafen kann, fährt beim nahen Volg der Lieferant vor und entlädt seine Waren. Willkommen zurück in der Zivilisation.

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Zur Karte der letzten drei Tage:

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#flussnoten19 | Tag 9

1. Juli 2019

Am liebsten würden wir ja jede Nacht auf einem solch tollen Platz wie diesem übernachten. Auf unserer gemeinsamen Favoritenliste bekommt er viele Punkte. Andererseits hatten wir ja bis jetzt immer tolle Plätze.

Wir beschließen, dem Pilgerweg zu folgen, den wir bereits unten im Dorf ausgeschildert gesehen haben. Um uns in ihn einzufädeln, müssen wir zuerst ein wenig bergan durch den Wald. Bald finden wir den Weg, der allerdings ziemlich viele schattenlose Anteile hat und uns entsprechend ins Schwitzen bringt. Da wir aber mehrheitlich geradeaus und abwärts wandern und ein sehr klar definiertes Ziel haben – in Gunten Käse und Brot einzukaufen – geht es. Und ein bisschen jammern darf ja auch sein.

Immer wieder staune ich unterwegs darüber, dass ich Mimose und So-was-von-Unsportliche michin diesem Wanderalltag so wohl fühle. Ich nenne unsere Art des Fernwanderns für mich gar mein selbsttherapeutisches Konzept –im Wissen darum, dass es sich nicht 1:1 auf andere Menschen übertragen lässt. Mich fasziniert es, wie ich auch diesmal innert Tagen  – wie schon bei Reuss (2014) & Rhein (2016) – in eine innere und äußere ‚Natürlichkeit‘ hineinwachse. Kopf und Bauch sind wieder ein Team, ich bin (meist) gegenwärtig, konzentriert, achtsam und spüre meine Grenzen und Bedürfnisse. Auch will ich das, was ich tue, tun, weil ich es genauso will. (Im Alltag oft nicht möglich.) Natürlich war dem hier eine gemeinsam vorab getroffene Entscheidung vorausgegangen, darum halte ich mich täglich an diese. Zum Glück im Wissen darum, dass ich jederzeit Stopp! sagen kann.

In diesem Selbstbestimmungsmodus spüre ich Freude und Müdigkeit, erlebe Hunger, Durst, Sattheit, Erschöpfung bis zum Geht-nicht-Mehr, Staunen, Hitze, Erfrischungsbäder, Sternenhimmel, Bach-Fluss-See-Rauschen, Mücken-/Bremsenstiche, Weitblick, Steilhang … Ja, alles geht nebeneinander – manchmal ist es sehr viel, manchmal auch zu viel. Und hätte ich vorher all die eher ungemütlichen Dinge dieser kleinen und unvollständigen Aufzählung als Preis bezahlen müssen, um im Tausch dafür all die schönen Dinge zu bekommen – à la kapitalistisches Kosten-Nutzen- oder Preis-Leistung-Denken –, ich hätte den Preis so aufs Mal nicht zu zahlen gewagt, da ich mir die guten Dinge längst nicht in dieser Qualität hätte vorstellen können. Und wer nimmt schon freiwillig Mückenstiche und Muskelkater auf sich?

So lehrt mich Fernwandern einmal mehr Demut, nicht im Sinne von Demütigung, sondern vom Bewusstsein meines Seins als Teil des Ganzen, als Teil der Natur.  Ich anerkenne, dass ich nicht alles in der Hand habe. Diese ‚Natürlichkeit‘ ist es, die ich oben meinte. Die Schwerpunkte verschieben sich. So wirkt vieles aus meinem Alltag mit Abstand betrachtet wie Surrogat, welches letztlich mein tiefes Bedürfnis nach einer allumfassenden Verbundenheit nicht wirklich stillen kann. (Doch es könnte auch ein Ziel für mich sein, solche Wertungen nach und nach aufzugeben.)

Wir wandern mal still, mal ins Gespräch vertieft. Mal philosophieren wir, mal lachen wir. Schau, der Niesen – endlich hat das Huhn ganz oben auf dem Gipfel – gemeint ist ein Jahr für Jahr gleichförmiges Schneefeldgebilde – sein Ei gelegt! Ab sofort dürfen die Kinder barfuß gehen und im See baden, so will es der Volksmund.

Die Bäckerei Gunten hat noch auf und wir kaufen ein frisches Brot. Auch das letzte Käsesandwich, einen Spitzbuben und etwas zu trinken gönnen wir uns. Vor der Bäckerei lungern wir am Cafétisch herum, da es schön schattig ist. Ich mache schließlich eine kleine Runde, um Altglas, Flaschen und Müll loszuwerden und kaufe im Lädelli frischen Käse ein. Die Verkäuferin erzählt von ihrem Sohn auf der Alp und dass er am Anfang der Alpsaison jeden Tag etwa sechs soo große Käse macht. Inzwischen seien sie nicht mehr so groß und auch nicht mehr täglich sechs. Aber lecker sind sie allemal. Ich lasse mir ein großes Stück abschneiden. Von einem Käse vom letzten Jahr. Schmeckt genial.

Weiter gehts. Inzwischen haben wir einen guten, hitzekompatiblen Rhythmus des Gehens gefunden. Gehen-Schattenpause-Gehen-Schattenpause. Zeitlich sind die Phasen ähnlich lang, trotzdem kommen wir voran. Es ist heiß. Von Gewitterneigung ist noch nichts zu merken. Nach Gunten geht es erstmal wieder so richtig bergauf, bis wir den Wanderweg erreicht haben. Ein schöner Wanderweg, der über den Siedlungen Richtung Oberhofen entlang führt.

In Oberhofen in den See. Das muss jetzt einfach sein, zumal die Badi keinen Eintritt kostet. Und ja, sie ist wirklich sehr hübsch, M. hat recht. Während wir uns im See abkühlen, ziehen fette Gewitterwolken auf. Wieder kündigt die Wetterapp für heute Nacht Gewitter an. Darum beschließen wir auch für diese Nacht eine Waldhütte zu finden. Auf der Karte zuerst und dann auch in echt.

Weil es immer düsterer wird, lassen wir die Sehenswürdigkeiten – Schloss und Museum – links liegen und schauen zu, dass wir in den Wald kommen. Schnell kaufen wir im Dorfladen ’unser täglich Bier’ und was wir sonst noch so brauchen und steigen dann hoch zu besagter Hütte.

Wieder ist es ein schönes großes Haus, doch diesmal gibt es keine überdachte Tische. Immerhin ist das Hausdach schön breit, hat gemütliche Bänke und bietet uns, wie wir bald am eigenen Leib erleben können, guten Regenschutz. Wir haben es uns  auf der Hausvorderseite bequem gemacht, mit bestem Blick auf See, Niesen und die ganze Gegend hier.

Irgendlink hängt den Wassersack in den Brunnen, aus welchem nur ein kleines Rinnsal fließt. Steter Tropfen füllt den Sack und als dieser voll ist, hängt ihn Irgendlink auf der Hausseite auf. Die Dusche ist bereit. Wir könnten uns allerdings auch einfach ausziehen und in den Regen stellen, witzeln wir. Aber mach das mal bei Hagel!

Es gewittert ein erstes Mal ziemlich heftig. Wenn man Donner sehen könnte, wäre er dunkelblau mit graublauen, fast schwarzen Rändern, da wo er an- und abrollt, schreibe ich auf Twitter. Es regnet ein bisschen. Später regnet es ziemlich heftig. Wie und wo man hier wohl biwackieren könnte, jetzt, wo alles bis auf die Bänke rund ums Haus nass ist? Es hagelt. Das Gewitter wandert, kreist, kommt und geht. Wie wird es in der Nacht wohl werden?

Angst habe ich keine, auch wenn es zugegeben ein bisschen gruslig ist. Ich stelle mich auf eine Nacht im Sitzen ein. Auf eine schlaflose Nacht. Aber es kommt anders. Besser. Wir beschließen, probehalber unsere Matten auf die relativ schmalen Bänke zu legen. Siehe da. Es funktioniert. Die Tische in der Nacht zuvor haben uns erfinderisch gemacht.

Nach einer erfrischenden Dusche aus dem Duschsack –  yesss, was muss, das muss! – schlafen wir Kopf an Kopf ein. Was, wenn ich es mir so recht überlege, ziemlich romantisch ist (ich sag jetzt nur Überkopfgutnachkuss).

Irgendwann tröpfelt es dann doch unters Dach, denn es windet. Wir wachen auf, überlegen nicht lang und ziehen um, ums Eck. Ich darf auf die Bank, während sich Irgendlink mit der Matte auf den harten Boden legt. Der Gute!

Bilder von Tag 9

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#flussnoten19 | Tag 8

30. Juni 2019

Ein sehr schönes Aufwachen ist es auf 1100 Höhenmetern. Stille, Weitblick – und schon bald kitzelt die Sonne die Berg wach. Nach einem winzigen Frühstück packen wir unsere Sachen und wandern weiter Richtung Waldegg-Beatenberg. Weit ist es nicht mehr, aber schon bald ist es sehr heiß. Als Zwischen- oder vielleicht sogar Tagesziel haben wir uns für die Sundlauenen entschieden, einem Platz direkt am Thunersee, den ich von früher kenne und als wildromantische Badebucht mit Wald und einigen tollen Wildzeltplätzen in Erinnerung habe. Lang her.

Ab Waldegg, einer Siedlung, die zum sehr weitläufigen Berg- und Feriendorf Beatenberg gehört, folgen wir darum den Wegweisern nach Sundlauenen. Da wir keinen Brunnen finden, bitten wir zum ersten Mal auf dieser Tour bei einem Wohnhaus um Wasser. Normalerweise füllen wir unsere Flaschen an Brunnen, Bächen, Flüssen. Die Frau, die uns Wasser zapfen lässt, fragt, wo wir lang wandern und staunt, wie weit wir in einer Woche schon gekommen sind.

Erzählen wir jemandem, dass wir auf der Grimsel losgewandert sind, staunen die Leute immer, dabei ist es im Grunde gar nicht mal so weit. Doch das Wandern scheint hier ungewöhnlich geworden zu sein, wir treffen unterwegs jedenfalls kaum Wandernde.

Auf einer Schattenbank frühstücken wir ausgiebig und genießen die Weitsicht. Noch immer sind wir ziemlich hoch oben.

Bald weicht der Wald Weideland, Scheunen säumen den Weg, Höfe auch. Im Schatten des Waldes ist die Hitze definitiv erträglicher gewesen als auf den Wiesen und – überhaupt! – der steile Abstieg geht ganz schön in die Knochen und Gelenke. Ich bin denn auch ziemlich erschöpft, als wir irgendwann die Autostraße erreichen, die wir überqueren müssen, um zur Sundlauenen-Bucht zu kommen. Was für eine Brutofenhitze! Dazu macht mich die Nähe des Sees ganz hibbelig, ich will mich so schnell wie möglich ins Wasser stürzen.

Doch hier sieht alles anders aus als früher, der Wald ist mit einem Campingverbot belegt, manche Stellen sind abgesperrt und als privat gekennzeichnet. Dazu ist die Badestelle schon ziemlich gut besetzt.

Hatte nicht B. letzte Woche etwas von einer Baustelle erzählt? Davon, dass hier wegen Überschwemmungen oder Unwetterschäden baulich eingegriffen worden sei? Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber  früher war es hier auf jeden Fall schöner. Jedenfalls in meiner Erinnerung.

Der Badestrand ist steinig, ohne Bäume und somit ohne Schatten. Doch da es dort eh schon viele Menschen hat, suchen wir uns im nahen Wäldchen einen Platz, wo wir lagern können. Wir breiten uns aus und folgen, dem Wandern der Sonne entsprechend, den Schattenflecken. Der See ist hier sehr kalt und weil die großen Steine sehr rutschig sind, ist der Einstieg entsprechend, sagen wir mal, experimentell. Dennoch tut die Erfrischung sehr gut und wir erholen uns ein paar Stunden vom anstrengenden Abstieg.

Den Plan, hier zu bleiben, um zu biwackieren, verwerfen wir schnell, es ist ja auch erst etwa vier Uhr. Der Platz ist zu öffentlich und außerdem sind Gewitter gemeldet. Für Gewitter wäre eine Waldhütte nicht schlecht. Oder ein öffentlicher Zeltplatz, auf welchem wir zur Not in ein Badehäuschen flüchten könnten. Wir diskutieren die Möglichkeit, mit dem Schiff von der Sundlauenen-Schiffländte aus ans andere Ufer zu fahren, da dort ein Campingplatz ist. Bei dieser Gelegenheit hätten wir auch gleich einen Twitter-Blog-&-Künstler-Kollegen heimsuchen können. Aber passen Besuche und passt ein Seeseitewechsel in unseren Wanderflussflow?

Hin- und hergerissen sind wir, denn mit dem Schiff könnten wir ja auch einfach die Beatenbucht umschiffen. Denn um die Bucht zu Fuß zu umwandern, hätten wir einmal mehr ein ziemliches Aufwärtsstück gehen müssen. Bei dieser Hitze. So spät noch. Bei Gewitterprognosen. Nein. Man darf sich ja auch mal etwas gönnen. Eine Schifffahrt zum Beispiel.

Die Fahrt ist kurz und das Schiff sehr voll. Wir setzen uns ins Schiffsinnere, denn die vielen Leute und die brutale Hitze strengen an. Über dem Niesen ziehen Wolken auf, wie um die Prognosen zu bestätigen. Ob wir in Merligen irgendwo einen sicheren Platz finden werden? Eine Scheune vielleicht, bei einem Bauernhof?

In Merligen ist da auf einmal diese riesige Lust auf Pommes. Oder doch lieber ein Eis? Die Möglichkeit zu konsumieren macht es. Oder sind es die vielen Menschen hier? Jedenfalls sitzen wir kurz darauf schon wieder an einem schattigen Tisch. In der Badi Merligen. Mit einem Klingeldingsi vor uns, das angeblich kundtun wird, dass die Pommes fertig sind. Nach zwanzig Minuten gehe ich beim Kneipchen vorbei und frage nach. Doch die Pommes sind noch nicht fertig, denn die arme Frau ist mit Küche und Theke allein und bekommt buchstäblich nichts gebacken. Nach einer weiteren Viertelstunde werde ich dann doch langsam ungeduldig und kündige Irgendlink an, dass ich in zwei Minuten nochmals nachfragen werde. Ich stelle dazu sogar demonstrativ den Handywecker. Nach anderthalb Minuten hüpft und lärmt das Klingeldingsi auf dem Tisch herum und ich hüpfe auch und hole die Pommes. Die dann auch ziemlich gut schmecken und den gröbsten Hunger stillen.

Inzwischen haben wir die Wanderkarten ein bisschen ausgiebiger betrachtet. Irgendlink hat oberhalb von Merligen eine Waldhütte entdeckt. Nicht weit von hier. Luftlinie gerade mal achthundert Meter. Da in der Nähe könnten wir es bestimmt mit Zelten versuchen. Irgendlink ersteht am Badi-Kiosk eine Flasche Bier, Dosen gibt es hier nicht. Verrückter Kerl, als hätten wir nicht schon genug Gewicht in den Rucksack. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf einen kühlen Schluck Bier.

Ab Dorfmitte geht es immer schön steil aufwärts, teils über Wanderwegtreppen. Schließlich lassen wir das Dorf hinter und unter uns. Erste Regentropfen fallen. Der Himmel ist ein graues Geschmier, durch das aber doch immer wieder ein paar Sonnenstrahlen dringen. Und heiß ist es auch noch immer. Das kühle Seebad ist längst mit Schweißbächen überschrieben, überschwitzt. Und noch immer geht es weiter bergauf. Ich schaue immer mal wieder auf dem Handy, wie weit es noch ist und ob wir es wohl trocken nach oben schaffen.

Und auf einmal sind wir da. Was für ein Waldhaus! Mit vielen Picknicktischen – steinerne unter freiem Himmel, hölzerne unter einem Dach. Dazu zwei Brunnen. Eine geöffnete Toilette. Ein Spielplatz mit Holzschnipselboden, den wir schon bald zum Biwackplatz bestimmen. Dazu eine prächtige Aussicht auf den Niesen am Ufer gegenüber, der sich mit Wolken bedeckt hält.

Es ist ein kleines Wunder, dass wir nach diesem heißen Tag und bei den angekündigten Gewittern so einen guten, sicheren Platz gefunden haben. Und sogar einen Bierflaschekühlbrunnen gibt es hier!

Ich mag Brunnen, auch baden lässt es sich nämlich in ihnen. Nach dieser wohltuenden Erfrischung kochen und essen wir. Später trinken wir unser kühles Bier und bald schlüpfen wir auch schon im Spielplatzbereich in unsere Schlafsäcke. Der Regen hat sich wieder verzogen und auch die Gewitter scheinen es doch nicht ernst gemeint zu haben.

Auf Twitter schreibe ich am nächsten Morgen einen Thread:
1.) So ein Gewitter hat was. Zuerst als Intro Wetterleuchten überm Niesen, dann erste Donner und Blitze ebendort, ennet des Sees. Spektakulär! Kein Kino kann so was. 3D kann einpacken. Langsam kommt das Ganze näher und wir entscheiden uns um ein Uhr nachts,
2.) uns von ‚zwischen dem Schaukelpferden’ auf die Tische zu verlagern. Wie in einem Freilichttheater konnten wir von dort aus – liegend -weiter staunen. Ja, und ein bisschen unheimlich wars schon. Schließlich der Regen. Erlösende Kühle. Um 2:22 guck ich nochmals aufs Handy, dann
3.) penne ich ein. Tief und fest. Ich wollte ja schon immer auf einem Tisch tanzen. Schlafen toppt das irgendwie.

Kurz bevor wir fertig gepackt haben, kommt der  Platzwart, ein Mitarbeiter der Gemeinde, und sagt, dass man hier eigentlich nicht übernachten dürfe, ABER alles sei gut. Wir bräuchten auch kein Geld in die Kasse am Haus zu legen (was wir vorgehabt hatten). Das Geld sollen wir lieber für die weitere Reise behalten. (Yesss! Damit sind wir nun definitiv in die Gilde der Pilgernden dieser Welt aufgestiegen. Irgendlink trauert dem Umstand nach, dass er keinen Pilgerpass dabei hat.) Wir hätten im Schloss Rallingen übernachten können, sagt der Platzwart weiter, da habe es eine Pilgerherberge. (Was wir theoretisch hätten sehen und somit wissen können.)

Was für ein netter Mensch! Danke Merligen für diese Wahnsinnsnacht.

Bilder von Tag 8

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#flussnoten19 | Tag 7

29. Juni 2019

Der See blubbert leise neben uns. Es wird langsam hell und am Ufer gegenüber lassen sich die Berge ein gelbrosa Häubchen wachsen. Was für ein Erwachen! Die Welt tut als sei sie ein ganz und gar friedlicher Ort. Wir lassen uns gerne ein wenig täuschen, kochen Wasser, frühstücken ein wenig und packen, denn auch heute wollen wir wieder vor der großen Hitze loswandern.

Eigentlich wollte ich heute Morgen ja kurz schwimmen gehen, aber ich bin noch nicht genug aufgeheizt für den morgenkühlen See und belasse es darum bei einer erfrischenden Katzenwäsche.

So schaffen wir uns bergan, denn der Weg nach Bönigen führt oberhalb der Autobahn durch die Hügel. Am Anfang Wiesen, Höfe, Hüttchen, Wald. Schließlich eine Treppe, die ich Ar**sch**lochtreppe taufe, weil sie mich so richtig fertig macht. Aber so richtig. Es ist nicht die Steigung an sich, denn davon hatten wir schon viele. Aber diese Stufen hier? Echt jetzt, die muss sich Riese ausgedacht haben. Ich wandere tausendmal lieber über unebene Hügel und natürliche Wurzeln als über eine proportional derart unnatürliche Treppe wie diese hier. Sogar Irgendlink stöhnt. Aber irgendwann ist auch die längste Treppe geschafft. Wir gönnen uns eine längere Pause, bevor wir weiter wandern. Auf der übernächsten Pausenbank gibts Frühstück. Dort irgendwo haben wir die höchste Stelle erreicht und der Weg geht wieder langsam abwärts.

Als wir den See erreichen, eine Bank, eine Badestelle, geht es nicht lange und ich nehme mein erstes Bad des Tages. Es wird auch mein letztes sein, aber das weiß ich zum Glück noch nicht.

Kurz darauf erreichen wir Bönigen. Per App habe ich herausgefunden, dass wir mit dem Schiff nach Interlaken Ost fahren können. Eine Viertelstunde vor der Abfahrt treffen wir an der Schiffländte ein und kaufen uns für ein paar Kilometer wanderfrei. Hitzefrei. Nun ja, auch auf dem Schiff ist es heiß, aber hier bläst uns immerhin der Wind um die Ohren. Ich freue mich über diese Fahrt und darüber, dass wir so Interlaken um ein kleines Stück abkürzen können.

Im Gegensatz zu all den Touristinnen und Touristen von der ganzen Welt – insbesondere vom fernen und vom nahen Osten – verbinde ich mit der Gegend hier schwierige Erinnerungen. Neben dem Gewusel und der Hitze ein weiterer Grund, die Stadt baldmöglichst hinter uns zu lassen.

Doch zuerst müssen wir dringend einkaufen – morgen haben die Läden zu. Der Kellner eines Restaurants am Schiffssteg heißt uns den nahen Bahnhof zu unterqueren. Drüben sei ein großes Coop. Wir tun wie geheißen. Auf dem Bahnhofplatz pures Chaos, das von der Verkehrspolizei irgendwie geordnet wird. Wer wann wie über die Straße darf, wird recht willkürlich gehandhabt. Ein Fahrradfahrer will sich an der Polizistin vorbeimogeln, doch sie wirft sich ihm buchstäblich in den Weg, damit wir unbehelligt den Platz überqueren können. Ihr ‚Stopp heißt Stopp!, was ist daran so schwer zu verstehen?’ verfolgt uns noch lange.

Wir haben einen Coop-Gutschein in der Tasche und den zücken wir jetzt. Tagesmenü im Restaurant. Zack. Nachschub kaufen. Zack.

Bald haben wir genug vom Gewusel der Stadt und schaffen uns über das Bödeli, wie Interlaken hier genannt wird, nordwärts, um an das Nordufer des Thunersees gelangen zu können. Am Anfang wandern wir noch treudoof unserer Aare entlang, doch da uns dies so ohne Schatten schon bald zu heiß ist, beschließen wir, Richtung Friedhof Unterseen zu wandern. weil wir uns von einem Friedhof ein bisschen Schatten versprechen und vielleicht einen Brunnen. Bestimmt können wir uns dort ein wenig abkühlen.

Ja. Können wir. Doch wir stellen beim Blick auf die Karte immer wieder fest, dass wir für einmal keinen richtigen Streckenplan zur Hand haben. Es gibt zu viele Möglichkeiten. Außerdem haben wir von der Stadt längt genug, obwohl noch ein ganzes Stück vor uns liegt.

Beim nächsten Brunnen stillen wir einmal mehr unseren Durst, erfrischen uns und waschen Hände, Arme und Gesicht, denn das Wandergesetz Nr. 1 besagt, dass man jedem Brunnen Respekt erweisen soll, indem man von seinem Wasser trinkt.

Dass der Brunnen an einer Postautohaltestelle steht, ist Zufall. Noch ein größerer Zufall ist es, dass genau in jenem Moment, als ich gucken will, wo das Postauto hinfährt, eins anhält und der Fahrer uns die Türen öffnet. Innert einer Sekunde – ein kurzer Blickkontakt genügt – entscheiden wir uns, einzusteigen.

Habkern. Das bin ich doch früher schon mal gewesen. So ganz falsch kann das nicht sein?, sage ich, als wir uns gesetzt haben, wage aber erst, als wir oben angekommen sind, auf die Karte zu schauen. Mit uns steigen ein junges Trekking-Paar und eine junge Französin aus. Das Paar will auf einen Berg und dort biwacken, die junge Frau ein wenig wandern. Und wir? Fast sind wir soweit, dass wir uns in das nächste Postauto setzen wollen und zurück fahren. Wir sind nämlich in die falsche Richtung gefahren, ein ziemliches Stück ’rückwärts’. In Habkern sind wir zwar etwa fünfhundert Höhenmeter höher, aber wieder vor Interlaken und noch lange nicht daran vorbei. Da unten liegt es, das Bödeli.

Wir spazieren durchs geteerte Dorf und überlegen hin und her. So viele Wege, so viele Möglichkeiten. Eine Mountainbikeroute führt da oben nach Beatenberg-Waldegg, sagen die Wegweiser. Ah, und hier, schau!, sagt Irgendlink, entlang der Höhenlinie führt auch ein Wanderweg nach Beatenberg-Waldegg.

Wir entscheiden uns, auf jeden Fall ein Stück in den Wald hineinzuwandern, die Straßen zu verlassen, einen Lagerplatz zu suchen. An einem wilden Bach füllen wir sicherheitshalber alle Flaschen auf, damit wir auch ohne See-Bach-Brunnen den Abend, die Nacht und den Morgen überstehen. Wie gut, dass wir unsere übliche Dose Bier dabei haben.

Wir wandern eine Stunde durch den Wald und ich merke, dass ich so langsam an meine Grenzen komme. Der Tag war unglaublich abwechslungsreich, extrem heiß, super wanderintensiv und dazu voller Eindrücke und Erinnerungen. Ich bin schlicht und einfach kaputt. Fast haben wir den Platz erreicht, an welchem wir später unser Zelt aufbauen werden – was ich aber noch nicht weiß –, als ich glaube, keinen Schritt mehr gehen zu können. Von all den Höhenmetern einmal abgesehen, waren das heute sicher nahezu fünfzehn Kilometer, die wir gewandert sind. Dazu seit Interlaken wegen des Wochenend-Vorrats mit deutlich schwereren Rucksäcken als sonst.

Irgendlink schlägt vor, dass ich hier bleiben und auf ihn warten soll. Er werde voraus gehen und jenen Platz suchen, wo Wander- und Waldweg aufeinander stoßen. Auf der Karte sei dort eine etwas breitere Stelle eingezeichnet und er sei ziemlich sicher, dass wir dort lagern können. Ich schaue mir die Stelle auf dem Handy an und stelle fest, dass es bis dahin nur noch hundert Meter sind. Ein neuer Energieschub erfüllt mich und schließlich sind wir tatsächlich bald auf einem richtig guten Platz. Nicht wirklich hübsch, aber ideal. Die einzige Stelle, die breit genug für das Zelt ist.

Ein Wendeplatz, der vermutlich, wenn wir die Spuren richtig lesen, für Holzfällerarbeiten genutzt wird. Der ganze Boden ist voller Sägespäne. Wir bauen auch heute nur das Innenzelt auf, es ist trotz der 1100 Höhenmeter ziemlich warm. Die leichte abendliche Abkühlung tut gut. Wir kochen, essen Leckeres und schließlich setzen wir uns mit unseren Bechern und der Bierdose auf unsere ganz persönliche Logenplätze und sehen der Sonne dabei zu, wie sie mit ihrem Untergehen das Eiger-Mönch-Jungfrau-Massiv erglühen lässt.

Hehre Gefühle tauchen in mir auf. Demut ob der Größe der Berge. Ein bisschen fließen die Tränchen, denn es ist einfach so schön hier zu sein und ich bin froh über das zufällige Postauto.

Dieses Abendlicht. Dieses Alpenglühen. Und immer dieses wunderschöne alte Volkslied – Luegid vo Bärge is Tal –, das in meinem Herzen kreist.

Ich schlafe gut in dieser Nacht. Tief und fest, totmüde wie ich bin.

Bilder von Tag 7

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