Depression zwischen Buchdeckeln #4 – Super, und dir? von Kathrin Weßling

Eigentlich könnte alles so einfach, denkt Marlene Beckmann. Sie ist jung, klug, hübsch und beliebt. Und seit ein paar Jahren ist sie mit Jakob zusammen, der sie über alles liebt. Und sie ihn. Ja, wirklich, es geht ihr super. Jedenfalls könnte sie glücklich sein. Sollte sie sogar, denn vor einem knappen Jahr hat sie ihre Traumstelle gefunden. Schwarzweißaufnahme einer sommerlich gekleideten Frau, die erschöpft auf einer Holzbank liegt. In großen neonblauen Buchstaben steht der Titel im Schatten über der Bank. Unter der Bank steht der Name der Autorin in der gleichen Schrift. Unten rechts der Verlagsname Ullstein.In einem jungem Traditionsunternehmen arbeitet sie siebzig Stunden die Woche und hofft darauf, nach ihrem einjährigen Volontariat eine Feststelle angeboten zu bekommen. Sie hätte es verdient, denn sie gibt alles. Sie lächelt. Sie nickt. Sie schuftet. Und in ihrer knappen Freizeit geht sie ins Fitnesszentrum, das mit ihrer Firma kooperiert. Und Yoga macht sie auch. Sie optimiert sich selbst. Und sie lächelt immer und sie sagt allen, die es hören wollen, wie toll es doch ist in dieser Firma zu arbeiten. Ja, endlich hat sie es geschafft. Schließlich hat sie ja damals auch die traumatische Trennung ihrer Eltern überlebt. Und den anschließenden schlimmen Absturz ihrer Mutter in dem Alkoholismus.

Um dem wachsenden Druck standhalten zu können, ruft sie ab und zu ihren Kumpel Ronny an. Er hat das eine oder andere Mittel, das hilft. Speed zum Wachwerden zum Beispiel, Kokain und anderes. Nein, kein Heroin. Natürlich nicht, sie ist schließlich kein Junkie. Sie hat ja alles im Griff, hat die volle Kontrolle. Sie funktioniert ganz wunderbar und lächelt auch dann noch, als ihr Chef Stefan ihr auch nach zehn Monaten noch immer nicht sagen kann, ob ihre Firma, die im Grunde völlig sinnlose Produkte vermarktet, eher Marlene oder doch besser Maya übernehmen wird, wenn das Volontariatsjahr der beiden um ist. Nach dem Gespräch ist ihr zum Heulen, doch sie knipst ein lächelndes Selfie im Fahrstuhl und schreibt dazu einen klugen Spruch. Hauptsache deep.

Marlene lächelt sogar noch, als ihre gemeinsam geplanten Ferien ins Wasser fallen und ihr Freund Jakob schließlich allein nach Teneriffa fliegt. Marlene wird in der Firma gebraucht. Marlene kann jetzt nicht weg. Marlene ist gefangen im Hamsterrad von Arbeit und Leistungsdruck.

Das ist an sich nichts Neues. Eher neu sind aber wohl die Methoden, mit denen heute die Ressourcen junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt auf Stromlinie gebracht werden. Anders als früher werden jetzt nicht mehr von außen Disziplin und Ordnung aufgedrückt; von außen wird heute nur noch die zu erreichende Form vorgegeben. Stichwort Selbstoptimierung. Den ganzen Rest erledigen die jungen Menschen heute selbst. Nein, auch Konkurrenzkampf ist nichts Neues. Und Ehrgeiz wird heute direkt aufs Handy geliefert. Du brauchst nur die richtige App, die dir täglich sagt, wie gut das Fitnesstraining und wie entspannend die Yogaübung wirkt. Also los! Bloß nicht schlappmachen, weiter, immer weiter, schließlich wolltest du es doch genau so.

Doch eines Morgens sagt Marlene einfach Nein. Zum Wecker. Zum Telefon. Bleibt im Bett liegen. Dröhnt sich zu. Genug. Erst einunddreißig Jahre alt hat sie sich bereits kaputtgeschuftet. Menschen wie Marlene erscheinen nicht auf Drogenstatistiken, Menschen wie Marlene bleiben kurz liegen, dann stehen sie wieder auf, dann machen sie weiter. Irgendwie. Als Marlenes Hausarzt, dem sie ihre Drogenabhängigkeit beichtet, ihr ein Rezept für ein Antidepressivum in die Hand drückt und ihre Krise mit banalen Worten kleinredet, weiß Marlene nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

Kathrin Weßling schreibt in ihrem dritten Roman mit ihrer gnadenlosen Beobachtungsgabe und messerscharfen Sprache über eine Arbeitswelt, die durch fehlende Perspektiven glänzt, Menschen mit schönen Worten einlullt und jede, die rausfällt, sofort ersetzt. Weßling schreibt, wie dieser Zwang zur Arbeit ans sich selbst, diese sogenannten Selbstoptimierung, Druck auf eine ganze Generation junger Menschen ausübt und im Grunde weniger mit Selbstoptimierung als mit Manipulierbarkeit und Machbarkeit zu tun hat.

Weßling schreibt auch diesmal nicht über große Dramen, sondern darüber, wie jene Dinge, die die Menschen kaputt- und krankmachen, meist ganz klein und unscheinbar anfangen, fast unsichtbar sind und scheinbar banal. Ein Buch, das mich in seiner Alltäglichkeit fast umhaut und beim Lesen wehtut.


Das erste Buch von Kathrin Weßling habe ich damals hier vorgestellt: KLICK.

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Abschluss der Blogaktion #Schattenklänge

Vor zwei Wochen habe ich hier meinen letzten Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge eingestellt:
+ Von Seilen und Ankern; Quelle: https://sofasophia.wordpress.com/2018/03/28/von-seilen-und-ankern-schattenklaenge/
Andere Texte von anderen AutorInnen sind leider seit dem letzten Update nicht mehr publiziert worden (ich habe es jedenfalls nicht mitbekommen).

Ich danke herzlich all jenen*, die mitgemacht haben. Ihr habt auf euren Blogs Geschichten über Armut, Depressionen, Flucht, psychische Krankheiten, Anderssein, Andersaussehen, Angst, Verlust und das Altwerden geschrieben. Gemeinsam haben wir – vierzehn verschiedene Menschen – dreiundzwanzig Geschichten erzählt.

Ich gestehe, dass ich mehr erwartet habe. Dass ich gehofft habe, mehr Menschen, die Geschichten über Menschen am Rand zu erzählen wissen, mit diesem Projekt begeistern zu können. (Vermutlich wären mehr Geschichten eingereicht worden, wenn ich mit einem Preis gewinkt hätte. Oder wenn ich einflussreicher wäre, eine sogenannte Influencerin, wie das heute so schön auf Neudeutsch heißt. Vielleicht. Wer weiß das schon so genau.)

Fakt ist, dass die meisten Menschen für Einfach-So-Dinge zu wenig Zeit haben. Oder andere Prioritäten setzen. Oder ihre Zeit nur dann in etwas investieren, wenn es sich irgendwie lohnt.

Nun ja, all diese Menschen am Rand, um die es in unseren Texten geht, hatten schon immer kaum Unterhaltungswert. Armut, Anderssein und Flucht sind wenig dazu angetan, Leute vom Hocker zu reissen. Ja, ich sage das durchaus mit einem traurigen, ein bisschen resignierten Bauchgefühl. Wir wenden uns lieber dem Bunten, Heilen, Netten zu als dem Unauffälligen, am Boden Liegenden, Kaputten. Neulich las ich über ein Buch, in welchem ein erwachsener Mann über seinen frühen sexuellen Missbrauch erzählt und das sich sehr schlecht verkauft hatte, dass das Buch sicher ein Verkaufserfolg gewesen wäre, wenn es von einer jungen hübschen Frau geschrieben worden wäre.
Ooops! Ja, so habe ich auch geguckt.

Wie es nun mit #Schattenklänge weitergeht, mit unseren Geschichten und diesem Projekt?

Entweder Option A oder Option B:
A.) Ich mache aus den Texten ein kleines eBook (epub und PDF) und biete es allen, die es wollen, für 6,50 € resp. 7,70 Fr. zum Verkauf an.
Die vierzehn Autorinnen bekommen das Büchlein natürlich kostenlos (zum Eigengebrauch).
Der Verkaufserlös fließt einem Projekt zu, das Menschen am Rand zugute kommt.
B.)
Ich lasse die Buchherstellung bleiben und schenke den TeilnehmerInnen das bisher entstandene Dokument als PDF (zum Eigengebrauch).

Für Option A brauche ich allerdings konkrete Zusagen und Unterstützung:

  • Wer lektoriert ehrenamtlich die Texte nach der neuen deutschen Rechtschreibung?
  • Das Buch wird nur bei mindestens dreißig festen Kaufzusagen weiterproduziert.

Dazu bitte folgende Umfrage beantworten (Mehrfachauswahl ist möglich):
Menschen, deren Texte im Buch sind, bitte ich, nicht zu wählen, außer Option B respektive außer sie würden das Buch ausdrücklich kaufen wollen.

Die Kommentarfunktion ist für einmal wieder geöffnet.


TeilnehmerInnen:
Philosophyofthougths
Dergl (zwei Geschichten)
Ulli Gau
Amazonasknallerbse (vier Geschichten)
Sofasophia (vier Geschichten)
Traumspruch
Irgendlink
Der Emil (zwei Geschichten)
Piri Ulbrich
Violaetcetera
Lakritze
Zeilensturm
Ella
Minerva (zwei Geschichten)

Nachgereicht:
Schreibenwärmt (direkt zum Text)
Agnes Podczeck (1. Text | 2. Text)

Sollte ich eine Geschichte nicht erwähnt haben, weil sie nicht verlinkt wurde, gebt mir bitte Bescheid.

Von Seilen und Ankern | #Schattenklänge

Kinder sind die Anker im Leben einer Mutter*, sagt Sophokles. Als sie diesen Satz liest, zufällig, absichtslos, schnappt sie nach Luft. Heute hat ihr Boot keinen Anker mehr. Heute haben manche Sätze, denen sie lauscht, die Macht, sie in eine andere Gegenwart zu werfen. Eine längst vergangene.

Eine dieser Gegenwarten gab damals vor, ein Synonym für Ewigkeit zu sein. Es war eine Gegenwart, in der sie sich ganz und heil fühlte. Sie sah sich ganz, sie fühlte sich ganz, sie dachte ganz und das alles, was sie ist und je war und je sein wird, war auf einen einzigen Punkt verdichtet. Dieses Jetzt und sie selbst waren eins, das Jetzt und sie waren heil.

Es ist dieser seltene Blick hinter den Vorhang, der ihr hilft; dieses Einswerden mit dem, was auch noch hätte sein können, wenn. Dieses Verschmelzen mit dem Damals und dem Jetzt und dem Schmerz, der irgendwann aufhört schmerzhaft zu sein, weil er irgendwann Teil geworden ist von ihr, so sehr, dass nichts mehr vorsteht und bei einer zufälligen Berührung weh tun kann. Festhalten lassen sich solche geradezu heiligen Trostmomente nicht, doch ohne sie würde sie sinken.

Da hinein Sophokles’ Satz. Ein schöner Satz. Eigentlich. Doch auf einmal treibt sie ab. Treibt ohne Anker auf offener See. Ohne Ufer in Sicht und auch ohne Navigationshilfe.

Sie treibt im Nebel und weiß, dass ihr jetzt selbst ein Anker nichts helfen würde. Er würde bestenfalls ein Weiterabtreiben verhindern. Sie kann nur warten, bis der Nebel verschwinden würde, verschwunden wäre. (Bis jetzt war er noch jedes Mal verschwunden.)

Und als die Sonne wieder durchbricht, sieht sie Land. Einen Anker aber hat sie noch immer nicht. Sie lenkt ihr Schiff in den Hafen, in der Hoffnung dass da jemand sei, der ihr ein Seil zuwerfen würde. Und so ist es.

Immer war da bisher jemand, der den Seilwurf konnte. Ist dieses Seil vielleicht der Anker all jener Mütter, deren Kinder nicht mehr leben? Ist es so, dass Mütter wie sie – vielmehr noch als andere, da sie keinen Anker mehr haben –, immer darauf angewiesen sein werden, dass da jemand steht, der Seilwerfen kann?


*Quelle: Sophokles; Phädra, Fragment 612, eigentlich: Söhne sind die Anker im Leben einer Mutter/Sons are the anchors of a mother’s life.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (5)

Hier liste ich von Zeit zu Zeit alle neuerschienenen Beiträge der laufenden Blogaktion

#Schattenklänge – Texte vom Leben am Rand

Noch einen Monat habt ihr Zeit, Texte beizutragen. Gesucht sind weitere Geschichten von Menschen, die arm sind oder auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Ich bin gespannt auf eure Texte, die das Leben vom Rand der Gesellschaft aus illustrieren.

Da das mit den Pingbacks offenbar nicht immer geklappt hat, bitte ich euch herzlich darum, euch zu melden, falls ich euren Text nicht erwähnt haben sollte.

Herzlichen Dank für alle seit der letzten Zusammenfassung publizierten Texte. Hier nur die Liste der Bloggerinnen und Blogger, die mitgemacht und die Links zu ihren Texten:

+ Auf einem Dorf in einer Scheune oder Zweimal 40 Watt von Der Emil; Quelle: https://deremil.wordpress.com/2018/02/14/auf-einem-dorf-in-einer-scheune-n-045/

+ Die geheime Welt der Fantasie – Von Gedanken, die keiner wissen durfte von Minerva; Quelle: https://planetminerva.wordpress.com/2018/02/17/die-geheime-welt-der-fantasie-von-gedanken-die-keiner-wissen-durfte/

+Verlorene Freundschaft? von Minerva; Quelle: https://planetminerva.wordpress.com/2018/03/13/verlorene-freundschaft/

Ich freue mich auf weitere Texte.  Die Spielregeln findet ihr hier.

Danke!