krass, diese Sache mit Grass

Ich lese endlich wieder, mit einigem Nachholbedarf, Zeitung. Heute kam mir sogar die vor drei Wochen in Mainz erhaltene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in die Hände, die zwischenzeitlich zu Packmaterial mutiert war.

Nach umzugsbedingten medienarmen Wochen erschlagen mich dieser Tage gewisse Informationen geradezu und ich weiß nun auch wieder, wieso ich oft Zeitung und Medien meide. Weil sie mich unendlich hilflos zurücklassen. Schreiben hilft.

Auch andere schreiben sich ihre Empörung vom Herzen. Gestern schon hat Sherry über Günter Grass und dessen mutiges Gedicht zum aktuellen Iran-Irak-Konflikt berichtet. Sein Gedicht, dort zitiert, wäre ja eins. Das andere ist die Reaktion der Medien. Grass wird nun unter anderem Antisemitismus vorgeworfen. Und mir vielleicht auch, wenn ich hier laut denke:
Darf eine ehemalige Opfer-Nation, die natürlich und zu Recht viel Respekt verdient, darf diese Nation heute einfach alles tun, was sie will – nur weil sie einst Opfer war? Ich finde nein.

Und was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit?

Lest dazu weiter auf „Liberté“:

Grass‘ “irres Hassgedicht”: Warum laufen deutsche Medien Amok?

Grass hat ein Gedicht gegen den Krieg geschrieben, gegen Israels drohenden Erstschlag, gegen den Maulhelden Ahmadinejad, gegen seinen Populismus und gegen das deutsche Schweigen – gegen das immerwährende, deutsche Schweigen. Stellen Sie sich nur eine Sekunde lang vor, dieses Gedicht sei nicht an Israel adressiert gewesen, sondern an die Islamische Republik Iran. Wie hätten die Medien reagiert? Wie viele kritische Artikel wären gegen dieses Gedicht entstanden, wie viele Sendungen aufgezeichnet, wo doch Israel eine Bedrohung für das Land Iran darstellte, folgt man den Drohgebärden? Wenn Sie ehrlich sind: Gar keine, denn die IRI wird schon seit zehn Jahren zur Achse des Bösen gezählt und zur globaler Gefahr heraufstilisiert, obwohl sie die größte Gefahr einzig und allein für das eigene Volk darstellt. Und noch immer warten wir auf die große „Bombe“ die platzen wird.

Doch stellen Sie sich vor, dieses Mahngedicht gegen die Islamische Republik Iran wäre doch von vergleichbarem Interesse gewesen. Die Reaktion, die daraufhin von den Medien erfolgt wäre, wäre ein simultaner Applaus aus allen Ecken. Herr Grass hätte vermutlich einen weiteren Nobelpreis bekommen, der Stil und die Eleganz seiner Sprache wären hochgelobt worden {auch, wenn sie einfacher nicht hätte sein können}, man hätte ihm stolz auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt, dass man gar nicht gedacht hätte, dass der Gute in seinen späten Jahren noch so einen messerscharfen politischen Durchblick habe. Ist dieses Szenario für Sie vorstellbar? Sicherlich. (weiter …)

Quelle: Liberté-Blog, by Sherry Iranique

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Ein Anfang zu sein

Ein bisschen wie der kleine Prinz von Saint-Exupéry komm ich mir vor. Täglich jätet der kleine Kerl seinen kleinen Planeten, damit das Unkraut nicht überhandnimmt. Täglich befreit er seine Rose von den gefräßigen Raupen, damit sie sein Ein-und-alles nicht zu Grunde richten. Und täglich verschont er ein paar Raupen – um der Schmetterlinge willen. So hab ich es im Kopf. So ähnlich jedenfalls. Falls mir das Buch beim Einrichten des Bücherregals in die Finger kommt, will ich es wieder lesen. Eins meiner ewigen Lieblinge. Längst zerfleddert, aber heiß geliebt.

An den kleinen Kerl denke ich, wie ich meinen Laptop auf starte, um auf dem Irgendlink-Live-Kunst-Reise-Blog auf Raupensuche zu gehen. Auf der iPhonetastatur schleichen sich nämlich ganz schön schnell Tippfehler ein. Damit diese nicht allzu störend beim Lesen sind, mach ich die meisten weg. Nicht alle. Nur jene, die sinnverfremdend sind. Aus heite mach ich heute. So Sachen halt. Die andern lass ich – um der Schmetterlinge willen.

Zum täglichen Ritual, das ich bereits nicht mehr entbehren möchte, gehört das Illustrieren der von ihm zurückgelegten täglichen Reiseroute mittels Guuglmäps und das Downloaden von Irgendlinks Texte und Bilder in ein Textdokument. Das neue Buch im A5-Format hat bereits jetzt – samt der verkleinerten Bilder und dem Vorspann – um die siebzig Seiten. Nach nur einer Woche. Könnte also sein, dass da ein dicker Reiseschunken entsteht. Möge sich ein toller Verlag dafür finden. Obwohl die ganze Liveatmosphäre halt schon was ganz und gar einzigartiges hat. Etwas süchtigmachendes.

Ich lese im neuen SPUREN-Heft (103, Thema Neubeginn) einen genialen Artikel. Es ist ein Buchauszug aus einem Buch von Dirk Grosser namens Selbst ein Anfang sein. Es geht darin um die Möglichkeiten, die wir haben und allzuoft verstreichen lassen.

Ich zitiere:

Warum sollten wir alle das gleiche Gebet sprechen? Woher kommt dieses Misstrauen dem eigenen Erleben gegenüber? Unsere Einzigartigkeit ist das Wertvollste, was wir besitzen – niemand kann unseren Platz in dieser Welt einnehmen. Niemand kann der Welt das geben, was gerade wir geben können. Unsere Talente, unsere spezielle Wahrnehmung, unser Ausdruck, unsere Liebe … Wäre es nicht tragisch, aus Rücksichtnahme auf ein System, welches gar nicht das unsrige ist, darauf zu verzichten? Warum nicht selbst der Anfang von etwas Neuem sein? (…) Alle (diese) vorgefertigten Wege wollen uns zu „Etwas“ machen. Doch „etwas sein“ bedeutet immer eine Grenze ziehen und somit „etwas anderes“ nicht sein. So schränken wir uns selbst und die Vielfalt des Kosmos ein.

(Quelle: siehe oben)

So ähnlich erlebe ich meinen Neubeginn hier in der Schweiz. Mal misstraue ich meinem Erleben, meiner Wahrnehmung, meine, dass ich zu wenig tue. Tun, was von mir erwartet wird. Doch wer sagt, was ich tun soll? Als wäre tun der Schlüssel zu allem.
Dann wieder kann ich einfach sein. Doch einfach so sein ist so einfach nicht.

Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin

Noch trocknen die Tränen, während ich das hier schreibe. Ich weine vor Dankbarkeit. Denn es gibt sie doch, die Hoffnung. Eben habe ich diesen Blogartikel des Bloggers denkbonus hier gelesen:
We will never bomb your country

… und diesen Youtube-Film geguckt. Was Internet alles kann! Wozu Menschen in der Lage sind. Auch in der Lage sind. Nicht nur, aber auch.

Diese Tage

Endlich habe ich wieder Internet-Zugang. Umzüge sind nervenaufreibend und meistens klappen solche Dinge nicht auf Anhieb. Wäre ja zu schön gewesen, denn zurzeit bin ich sehr auf die virtuellen Verbindungen angewiesen bin. Zurzeit, denn Irgendlink hat sich heute Mittag auf den Weg gemacht. Ans Meer. Der Prolog seiner großen Reise sozusagen. In einer knappen Woche von Zweibrücken nach Boulogne-sur-Mer. Und von da aus immer weiter ums Meer. Um die Nordsee (mehr: hier klicken).

Endlich wieder Internet. Nach Unterbrüchen technischer Natur und erst über ein ziemlich kurzes, gelbes Kabel, das mich zu unmittelbarer Nähe zum Telefonanschluss zwingt. Besser als nichts. Mein Kopf summt wie ein Korb voll wilder Wespen. Die letzten Tage klingen nach.

Den gestern Abend verfassten Blogartikel, den ich vor dem Schlafen im iPhone notiert, kann ich erst morgen nachliefern, da mein iPhone, neu mit Schweizer SIM-Karte bestückt, noch nicht aktiviert ist. Swisscom hat heute Pannentag. Auch die Schweiz ist nicht perfekt.

In Gedanken lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Da war dieses Gespräch am Sonntagabend. Beim Künstlerpaar B. Über die Definition von Lebenswert haben wir philosophiert. Arbeitstauglich müsse einer sein, um sich das tägliche Brot zu verdienen, zitierte die Dame des Hauses einen alten Mann, der körperlich nicht mehr arbeitsfähig war und daher das Essen verweigert hatte. Für die Generation meiner Eltern war Arbeit zumeist eine körperliche, eine handwerkliche Angelegenheit. Mir fehlt der Respekt für diese Sicht der Dinge keineswegs. Aber. Aber Arbeit ist mehr. Arbeit ist auch, hier zu sitzen und diesen Blogartikel zu schreiben. Zumal mir noch immer fast alle Knochen wehtun. Vor allem der rechte Arm. Eine Sehnenscheidenentzündung, die mich mal mehr, mal weniger plagt. Putzen, womit ich die letzten Tage verbracht habe, ist unbestritten Knochenarbeit. Ja. Und wieder: aber. Großes ABER. Denn auch Kunst ist Knochenarbeit.

Reiseblogkunst ist gar schweißtreibende Knochenarbeit. Geistarbeit auch. Und Herzarbeit sowieso.
Arbeit darf Spaß machen.
Arbeit hat ihren Preis. Und ihren Lohn.
Jede Arbeit (auch Kunstarbeit) soll entlohnt, belohnt, bezahlt werden, denn von unserer Arbeit wollen und sollen wir leben können. Doch wer zahlt Kunst?

Die Sache mit dem Geld. Alle brauchen es. Auch Kunstschaffende. Irgendlinks Kunstprojekt ist nicht nur mit einem Lohnausfall von drei Monaten verbunden, sondern ist auch drei Monate unbezahlte Arbeit. Deshalb haben wir uns im Vorfeld erdreistet, zu Spenden aufzurufen. Aber Spendenaufrufe sind so eine Sache. Und die Reaktionen darauf ebenfalls. So und anders.
Du könntest ja für die Reise zuerst viel arbeiten um Geld zu sparen, war eine. Da wagte eine, laut und deutlich auszusprechen, was andere nur dachten.

Für jemanden, der Kunst, für jemanden, der die Liveblog-Kunstreise Irgendlinks und für jemanden, der das Bloggen NICHT als Arbeit betrachtet, mag dieser Ansatz logisch sein.

Die Welt funktioniert so, dass wir Produkte und Leistungen, die existentiell oder sonst wie wichtig sind, kaufen und verkaufen. Kunst aber ist nicht überlebenswichtig im unmittelbar existentiellen Sinn. Etwa so wichtig, wie ein totes Schwein für eine Vegetarierin, um Irgendlinks Pragmatismus zu zitieren. Jedenfalls für jene, denen Kunst nicht wichtig ist.

Der Wert eines künstlerischen Produktes (ob nun an die Wand hängbares Bild oder virtuelles Reiseblog ist dabei nebensächlich) ist eben nicht in Geldwerte zu fassen. Was sie deswegen nicht weniger kostbar macht.

Das Zauberwort heißt Respekt. Ich träume von einer Welt, wo alle das tun können, was sie am liebsten machen und am besten können, um mit ihren Talenten ihr Brot zu verdienen.

Wie würdest du, wie würde ich, leben, wenn wir diese Möglichkeit hätten?