Live aus Mainz

Tag zwei für uns, Tag eins für die normalen Gäste. Jugendliche strömen in Scharen durch die heiligen Hallen der Kunst.

Alle Bilder sind von A-Z mit dem iPhone gemacht, erkläre ich den Kids, die Irgendlinks Stand fluten.

Wow? Echt cool. Das merkt man gar nicht!, sagt ein Bursche. Ein Kompliment offensichtlich. Hm, denke ich, muss ein iPhone-Kunstwerk offensichtlich als solches erkennbar sein, minderwertig sozusagen? Natürlich ist die Auflösung eine kleinere, aber dank der Bearbeitung spielt das eine untergeordnete Rolle.

Mir fällt auf, dass wenig Fotografien ausgestellt sind. Vor allem finden sich hier Gemälde, Skulpturen und andere spannende Techniken.

Alle wollen gesehen werden. Alle schütten Botschaften hinaus in die Welt. Jedes einzelne Werk hier hat eine Geschichte, die es erzählt. Mein Kopf schwirrt nach meinen Spaziergängen durch die Messe vor Geschichten. Meine Ohren sirren tinnitusal. Wie zuzeit fast ständig. Stimmengemurmel. Heute lauter als gestern.

KünstlerInnen hätten in der Regel eine Botschaft, sagte eine der Rednerinnen gestern in einer der drei Grußbotschaften. Wohl wahr. Was will ich denn der Welt da draußen sagen? Vielleicht nur dies, dass wir unserer Intuition, unserem Innern trauen sollen. Ungeachtet des Mainstreams. Egal, was die andern über mich und mein Schaffen denken. Selbst wenn ich mal keine höhere Intension für ein Kunstwerk, als Schönheit zu schaffen, haben sollte.

Findet mich die Kunst – oder finde ich sie?, geht es mir durch den Kopf. Und was war zuerst da?
Muss Kunst erlitten werden oder darf Kunstschaffen Spaß machen und einfach so, oft fast beiläufig und zufällig, obwohl auch folgerichtig, entstehen?

Intensiv ist es, inmitten so vieler Kunstwerke, ihrer SchöpferInnen und all diesen Geschichten zu sitzen. Immer wieder werde ich beim Schreiben unterbrochen, wenn Einzelne oder Gruppen vorbeikommen. Ich erzähle von Techniken, Handwerk und Absicht der Bilder und verteile „Ums Meer“-Postkarten. Ab und zu entwickeln sich gute Gespräche. Flaute und Flut – wie im richtigen Leben.

Und du bist schon wieder am Bloggen?, fragt Irgendlink soeben. Gleich bevor ich auf publizieren klicke.

Dies noch: Auch hier gibt es (bald) Nachschub pixartix – dAS Bilderblog und Irgendlinks Blog

Werbeanzeigen

Kunst direkt 2012 Mainz

Was ist Kunst? Je mehr ich von ihr weiß, desto weniger kann ich diese Frage beantworten.

Vielleicht finde ich ja im Ausstellungskatalog der Kunstmesse (siehe Bild) eine Antwort. Eher wohl nicht. Inspiration aber auf jeden Fall, wie man sieht.

20120315-135953.jpg

Und die finde ich auch beim Spazieren durch die Messe, wo wir seit heute Morgen bis Sonntagabend sind. Ihr findet uns bei der Nummer 144, an Irgendlinks Stand. Wir freuen uns auf Besuch.

Weitere Bilder findet ihr auf pixartix – dAS Bilderblog und auf Irgendlinks Blog
_________________________________________________________________

Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Die Schlange, die andere, sie hatte so recht!

Als sie Eva vom Früchte-Essen und Erkenntnisse-Erlangen überzeugte, hat sie etwas ganz wichtiges für uns alle getan, die Schlange damals. Natürlich hat es Nachteile, denn dumm und unwissend zu sein, hat ja auch seinen Reiz. Ich bin dennoch lieber eine über das Leben nachdenkende Früchteesserin als eine Unwissende mit Feigenblatt. Obwohl ich längst weiß, dass ich nichts weiß.

Bevor ich im letzten Sommer meine Stelle bei jener christlichen Trägerin, die für meine Schule zuständig war, antreten durfte, musste ich … rate mal? Ja, ich musste der Kirche beitreten. Und ja, für mich war das müssen, da ich von dieser Institution, hüben wie drüben, sehr wenig halte. Weshalb ich übrigens schon in jungen Jahren meine Mitgliedschaft mit einem einfachen Brief gekündigt habe.

Für meine Anmeldung im Sommer hatte ich auf dem Kirchenamt antreten müssen. Bloß um ein Papier zu unterschreiben. Gestern, als ich auf dem Amt meinen hiesigen Wohnsitz abmeldete und meinen baldigen neuen Schweizer Wohnsitz bekannt gab, meinte die nette Beamtin dort, dass ich mit meiner Abmeldung aber nicht automatisch beim Finanzamt und andere Stellen abgemeldet sei. Sie muss bemerkt haben, wie ich die Augen verdrehte, sie kann Körpersprache. Wie kompliziert hier alles ist, hatte ich in der Tat gedacht. Ich könne das alles jedoch einfach per Mail machen, meinte sie freundlich.

Kaum wieder zuhause, suchte ich im Netz die nötigen Mailadressen und meldete mich da und dort ab. So weit so gut. Bis ich, innert weniger Stunden, auf meine Mail ans Kirchenbüro die Antwort erhielt, dass ich mich nicht bei der Kirche, sondern beim Standesamt abmelden müsse. Wie nun? Sind Kirche und Staat hier nicht getrennt? Ich grummelte ein wenig und schrieb gleich eine weitere Mail. Fast so als hätte ich nichts anderes zu tun.

Heute erhielt ich nun diese Antwort hier:
Eine Austrittserklärung kann mündlich oder schriftlich abgegeben werden (§ 2 Abs. 3 RelAuG), wobei über die mündliche Erklärung vor dem Standesamt eine Niederschrift aufzunehmen ist, die von der austretenden Person zu unterschreiben ist. Eine schriftliche Austrittserklärung muss öffentlich beglaubigt sein (d.h. notariell). Der Austritt ist dem Standesbeamten gegenüber zu erklären, in dessen Bezirk die aus der Religionsgemeinschaft austretende Person ihren (Haupt-) Wohnsitz hat. (…) Ihre E-Mail vom 13.03.2012 erfüllt nicht die o.a. Formerfordernisse des RelAuG; die darin abgegebene Austrittserklärung wird somit auch nicht wirksam.

Unwirksam? Wofür? Um weiter Kirchensteuern zu zahlen? Hallo? Sogar J. war empört. Zuerst beschloss ich, die Geschichte einfach zu ignorieren und zu schauen, was passiert. J. meinte, dass er denen zutraue, dass die mir Kirchensteuerrechnungen in die Schweiz nachschicken. Sollen sie nur!, sagte ich. Später habe ich aber dann doch eine nette Mail zurückgeschrieben.

Ist das denn wirklich die Möglichkeit? Meinen Sie das wirklich ernst? Kann ein Gesetz wirklich so restriktiv und an den Menschen vorbei gemacht sein? Zumal es sich hier ja um kirchliche Angelegenheiten handelt, also um etwas freiwilliges und (theoretisch) vom Staat getrenntes. Um etwas, das den Staat ja nicht wirklich tangiert. So viele Reglemente und Landesgesetze?

Vor ein paar Monaten musste ich beruflich bedingt, weil ich von einer christlichen Stiftung angestellt wurde, der Kirche beitreten – auch so etwas, das ich von der Schweiz her nicht kenne. Dort sind Kirche und Staat sauber getrennt und eine Kirchenzugehörigkeit darf nicht als Kriterium für eine Anstellung genommen werden. Mit großem Widerstand habe ich es schließlich getan, aber klar deklariert, dass ich keinerlei Engagement für die Kirche zu leisten im Sinne habe. Dabei habe ich die Auskunft erhalten, dass ein späterer Austritt eine einfache Sache sei. Na ja, einfach ist anders.

(…) … beim Austritt, kommt gleich die zweite Schikane: Da muss eine persönlich antreten und kann das nicht schriftlich tun (so als hätte ich alle Zeit der Welt) oder muss zumindest eine notariell beglaubtigte Abmeldung vorlegen.

Hat Deutschland  denn kein Vertrauen mehr zu den Menschen? Hallo, wo sind wir denn hier? Ist die Kirche nun etwas freiwilliges oder doch nicht? Wenn Sie jetzt verlangt hätten, dass ich einen schriftlichen, handunterschriebenen Brief schicke, könnte ich es ja noch verstehen. Aber dieser Aufwand mit Notar und Zeugen bei mündlicher Abmeldung? Finden Sie das nicht auch ziemlich sektiererisch? Ich bin einmal mehr verblüfft, wie Deutschland tickt.

Entweder Sie akzeptieren nun diese meine zweite Abmeldung per Mail oder Sie akzeptieren Sie nicht. Ich hoffe, dass Sie christlich und menschlich genug sind, es hierbei zu belassen.

Keine Stunde später erhielt ich bereits ein Feedback. Von wegen Gesetzen, die eingehalten werden müssen, stand da und dass es in der Schweiz bestimmt auch Gesetze gebe. (((Ja, klar, aber nachvollziehbarere. Ach, ich bin wohl einfach integrationsresitent. Streite mal mit einem Macfan über Windows.))) Ich habe nun beschlossen, einfach nicht mehr zu reagieren. Besser als zu schreiben, dass mit (ein bisschen) mehr zivilem Ungehorsam schon viel Leid verhindert worden wäre. Und dass Gesetze nicht nur dazu da sind, eingehalten, sondern auch, um in Frage gestellt zu werden.

Was wird nun geschehen? Eine Steuerrechnung werde ich gewiss nicht erhalten, da die Kirchensteuer in Deutschland ja mit dem Lohn abgewickelt wird. Im Internet habe ich die Information gefischt, dass nur in Deutschland Wohnhafte kirchensteuerpflichtig sind. Werde ich nun trotzdem weiterhin als Mitglied geführt werden – auch wenn ich nicht zahle (und danach [trotz Kirchensteuerschulden bis an mein Lebensende] in den Himmel kommen)? Oder löschen die mich in einem Jahr aus ihrer Liste? Ja, nenn mich kindisch. Nenn mich trotzig. Manchmal bin ich das wohl. Und zwar einfach deshalb, weil ich solche Powergames hasse 🙂

Dank Eva und Lilith. Weil sie damals so naschhaft waren.

Kennt ihr übrigens den?
Sagt Lilith zu Eva: Ich habe eben einen Typen getroffen. Er sagte Hallo und dass er Erster Mensch heiße. Adam.
Eva: Ach? Und?
Lilith: Ich habe ihn zum Essen eingeladen. Es gibt Apfelkuchen …

Maske bitte!

In Fassadenbauen sind wir gut. Würde mir die Frau von der Arbeitsagentur oder jene an der Kasse im Bioladen ansehen oder zutrauen, dass ich so denke, wie ich denke? Dass ich so zartbesaitet bin? Dass ich so bin, wie ich bin? Nur mal angenommen, sie würde sich das überhaupt fragen. Und ich? Auch ich sehe nur ihre Fassade. Dabei lese ich womöglich ab und zu in ihrem Blog und kenne sie somit längst. Ja, im Internet sind viele von uns mutiger, offener und authentischer als im realen Leben. Pseudonyme sind die Fasnachtsmasken der virtuellen Gesellschaft, hinter denen wir so richtig echt uns selbst sein können.

Schnitt.

Den Film Die Herrschaft der Männer, den mir Canela im Kommentarstrang vom letzten Artikel empfohlen hat, kann ich nur allen weiterempfehlen. Irgendlink und ich haben ihn uns heute Nachmittag angehört, während wir am Kunstarbeiten waren.

Ich musste zwischendurch immer mal wieder auf Pause klicken, weil wir das eine oder andere Stichwort diskutieren wollten. Echt verrückt fand ich besonders jene Passage gegen Schluss, wo ein Zusammenschnitt fünf oder sechs Männer aus Quebec gezeigt wurde. Quebec ist, wie ich heute erfahren habe, so emanzipiert, dass sich gewisse Männer dort ihres Lebens nicht mehr wohl fühlen (wie vielen Frauen auf der Welt es wohl andernorts so geht?). Sie ließen kein einziges gutes Haar an dieser Entwicklung. Am schlimmsten fand ich, dass einer von ihnen meinte, dass die Statistiken über Gewaltverbrechen getürkt seien. Nicht 85% aller Gewaltdelikte würden an Frauen, sondern von Frauen an Männern verübt, sagte er. Dass er glaubte, was er sagte, machte das ganze besonders grotesk. Ich musste an die Holocaustlüge denken, als schon ein nächster Mann meinte, dass das, was die Frauen in Quebec und auch anderswo anrichten, schlimmer sei als das, was die Nazis damals gemacht hätten. Sie (die armen Männer) würden total unterdrückt. Was sei schon ab und zu eine Ohrfeige im richtigen Moment gegen diese Hetzkampagnen der Emanzen?!

Das ist ja das pure Matriarchat!, sagte einer von ihnen, als wäre das M-Wort ein F-Wort. Worauf J. meinte, ob sich dieser Mann wohl schon mal überlegt habe, wie es für Frauen sei, im Patriarchat zu leben.

Dass Männer ganz eindeutig das schwächere Geschlecht sind, wurde mir heute deutlich, als ich den jungen Frauen zuhörte, die nach ihrem Männerbild befragt, Antworten gaben, die mir alle Haare zu Berge stehen ließen. Dass Männer eben Frauen brauchen, die zu ihnen aufschauen, war da noch etwas vom harmloseren (wenn auch getarnt harmlos natürlich). Männer brauchen dies und Männer brauchen das … Das arme, schwache, bedürftige Geschlecht. Unausgesprochen das Satzende, dass die armen Männer sich mit Gewalt holen, wenn sie nicht freiwillig kriegen, was ihnen zusteht. Dinge, von denen sogar Frauen glauben, dass es Männern zusteht. Macht über sie, nur so als Beispiel. Ich zitiere hier nur, was junge Frauen von heute sagen und denken. Und vor allem verinnerlicht haben. Wenn jede dieser Frauen sich auch nur halb so viel Gedanken darüber machen würde, was sie selbst braucht und was ihr wirklich (!) gut tut, sähe die Welt besser aus. Und wenn auch nur ein paar von diesen Männern sich Gedanken machen würden, was denn ihre Partnerinnen brauchen …

Die verbeulten, vernarbten, eingegipsten, sprich verprügelten Frauen, die interviewt wurden, haben alle eins gemeinsam: sie haben längst den Glauben an ihren Wert verloren und harren in dieser Beziehungswüste mit täglichen Schikanen oft schon seit Jahrzehnten aus.

Nein, nicht alle Frauen und nicht alle Männer sind so, aber das verinnerlichte Frauenbild in unserer Gesellschaft hat mich einmal mehr geschockt. Im Film sehen wir sehr viele Aspekte, wo sich dieses rosa Frauen-Idealbild im Alltag zeigt. Ob im Spielwarenladen oder auf dem Strich ist gar kein so großer Unterschied: sind die Frauen schön, klein, süß und nett und verhalten sich adäquat, ist alles gut *hüstel* …

Im Film hören wir auch Gespräche mit einem Künstler, der am Rechner Bilder von Models aufpimpt, und mit einem Arzt, der Penisse verlängert. Die Aussagen des Mannes, der seinem Leben mit seinem nun endlich verlängerten Ding mehr Würde, Macht, Männlichkeit und somit Daseinsberechtigung zu verleihen glaubt, sind so peinlich, dass ich mich frage, ob er das wirklich glauben kann, was er da sagt. Doch offenbar schon.

Irgendwie muss ich bei vielen der gezeigten Männern an die Tamagotchis von früher denken, die immerzu riefen: Hab mich lieb, hab mich lieb, hab mich lieb.

Ich glaube, ich habe die Gleichwertigkeit von Mann und Frau einfach in mir drin. Ich komme gar nicht auf die Idee, mich unterdrückt zu fühlen, wenn ich nach dem Essen den Tisch abwische oder das Geschirr in die Spülmaschine stelle. Haushalt ist doch nicht minderwertig und ich mach‘ ja genauso viel Dreck wie du …, sagt Irgendlink später.

Das nenn ich wahre Männlichkeit Menschlichkeit.