#flussnoten19 | Tag 5

(Mein schöner Plan, hier täglich ein bisschen mehr von unserer Flussnoten-Fernwanderung zu erzählen, geht nicht ganz auf. Habt Geduld, die Etappenberichte chömmed eifach nadisna, wie man bei uns in der Schweiz so schön sagt.)

27. Juni 2019

Von unserem Nachtlager nicht weit vom Aareschlucht-Eingang wandern wir am fünften Morgen in die kleine Stadt Meiringen hinein, wo wir unsere Vorräte aufstocken.

Im Migroscafé unterhalten wir uns ein wenig mit Einheimischen und stärken uns mit Heißgetränken und Mini-Ragusa [wie nennt man die eigentlich im Plural: Ragusae? Ragusas? Raguse?], bevor wir uns wieder hinaus in die Hitze aufmachen. Heiß ist es nicht zuletzt darum, weil es kaum Bäume und andere Schattenplätze auf dem Weg nach Brienz gibt. Außerdem läuft unser Wanderweg oft gleichzeitig als lokaler Fahrradweg und ist darum größtenteils geteert. Hot, very hot. Nein, es ist nicht wirklich so toll, hier zu wandern, und ich sage eins ums andere Mal, dass das Land unbedingt mehr Bäume braucht. Hier. Und überhaupt. Es braucht unbedingt überall mehr Bäume!, jammere ich. Na ja, nicht nur aus umweltpolitischen und altruistischen Gründen, ich gestehe es.

Als auf einmal fatamorganesk ein Brunnen* vor uns auftaucht, dauert es keine Minute bis Irgendlink nackt darin sitzt. Ich wasche mir die Haare, kühle mich ab, wasche mich, erfrische mich.

Die Erfrischung hält eine Weile, doch schon nach wenigen Kilometern ist es uns bereits wieder viel zu heiß. Noch eine Fata Morgana?, denke ich, als schließlich ein kleiner Baggersee auftaucht. Ein paradiesisch anmutendes Naturschutzgebiet, das wir fast verpassen, weil der offizielle Wanderweg drumherum führt.

Erneut baden wir. Es ist eh Zeit für eine längere Siesta und ein ausgiebiges Picknick. Das hier ist einer dieser Tage, an denen man nicht genug Pausen machen und baden kann.

Später hopsen wir von Schatten zu Schatten und von Bänklein zu Bänklein weiter Richtung Brienzwiler. Wir stranden in einem kleinen Weiler, wo uns der Mitarbeiter eines Kraftwerks nicht nur Wegvarianten nach Brienz erklärt, sondern uns auch gleich noch mit frischen Wasservorräten ausstattet.

Der Wanderwege sind tatsächlich viele. Die meisten allerdings eher geteert als wirklich schön wanderbar, weshalb wir überlegen, allenfalls bei Brienzwiler den Weg durch das Freililchtmusuem Ballenberg auszuprobieren. Immerhin ein richtig schöner Wanderweg mit Wald drumrum. Was uns abschreckt, ist, dass es zum Eingang ziemlich bergan geht und dass wir uns den Eintritt ins Museum nicht leisten können und wollen. Das Museum und damit die Häuser seien über Nacht geschlossen, hatte uns aber unserer Wasser-Engel erzählt, darum sei das Gelände nachts frei zugänglich.

Herz, was willst du mehr? Ich lotse uns bergauf zum Eingang des Geländes. Irgendlink ist skeptisch. Tickt die Schweiz wirklich so? Lassen die uns rein? Ja. Ja, wir dürfen, ohne Eintritt zahlen zu müssen, durch das Gelände wandern. Wir sind pünktlich und die Kassiererin wartet extra, bis wir unser Eis geleckt haben, um uns die Drehtür zu öffnen.

Hurra, wir sind drin! Lange her, seit ich das letzte Mal hier war. Einer der wenigen Ausflüge, die wir als Kinder mit den Eltern gemacht haben? Oder war es eine Schulreise? Und war es damals schon so riesig, dieses Gelände, auf welchem alte Original-Häuser aus der ganzen Schweiz aufgebaut wurden, um die Vielseitigkeit des Landes sichtbar zu machen?

Wir sind beide sehr beeindruckt. Auch von den vielen Rastplätzen, die zum Innehalten einladen. Ob wir hier campieren könnten? Das lassen wir schließlich, denn immerhin ist das Gelände Naturschutzgebiet.

Wo wir wohl hinter Ballenberg unser Nachtlager aufschlagen könnten? Die Gegend ist hier schon viel dichter besiedelt als an den ersten Wandertagen. Viel Land ist zudem Weideland und da können wir nicht einfach so wild zelten. Auf der Karte sehen wir einen Bach, nicht weit entfernt Häuser. Da dürfen wir bestimmt campieren!, überlegen wir.

Leider ist auf der Karte alles ein bisschen einfacher und anders als in Wirklichkeit. Tatsächlich ist der Bach schwer zugänglich, beidseitig von Gebüsch zugewachsen, das Gelände steil und die Wege sind schmal. Und außerdem sind wir auch noch auf der falschen Bachseite, stellen wir fest, als wir auf einer Wiese stranden und der Weg einfach aufhört.

So langsam werde ich ungeduldig. Es ist heiß. Ich habe Hunger. Ich bin müde. Wir parken die Rucksäcke auf einer Wiese und während Irgendlink nach einem besseren Platz sucht, finde ich mit Karten- und Telefonbuch-Apps die Telefonnummern der diesem Platz am nächsten wohnenden Menschen heraus. Ich nehme meinen ganzen Mut – unterfüttert von Tagesmüdigkeit und Hunger – zusammen und rufe eine der gefundenen Nummern an. Ich habe Glück. Die Frau am anderen Ende, jenseits des Baches, hat uns vorhin sogar vorbeiwandern sehen und meint, dass dort, wo wir jetzt seien, der bestmögliche Platz zum Lagern sei. Da dürften wir zelten. Eine Nacht sei kein Problem. Aber einfach nichts liegen lassen. Natürlich nicht, sage ich. Und: Danke!

Das Beste aber ist: Wir dachten, das hier sei eine Sackgasse und wir müssten einen großen Bogen zurück gehen, um auf die Straße zurückzukommen. Ist es aber nicht. Der Weg geht hier weiter. Ein sehr schmaler Weg sei es allerdings, rutschig, nicht ganz ungefährlich. Wenn man ihm folge, komme man direkt runter nach Brienz.

Ich freue mich sehr. Dass ich mich anzurufen getraut habe. Dass wir hochoffiziell hier bleiben können. Dass der Weg weiterführt. Dort, wo er vermeintlich aufhört, geht es in dichten Wald hinein und nach zehn oder zwanzig Metern direkt zum Bach. Eine Badestelle ist schnell gefunden und einmal mehr staune ich, wie schnell sich das Blatt nach einem erfrischenden Bad wendet.

Den Wassersack, am Bach gefüllt, hängen wir an eine Art Dreifuß, den wir aus den Wanderstöcken und einem dritten Stecken basteln. So können wir uns Koch-, Wasch- und Abwaschwasser holen, ohne jedes Mal zum Bach hinunterklettern zu müssen.

Was für ein farbiger, anstrengender, heißer Tag! Wir lassen ihn gemütlich ausklingen.

Bilder von Tag 5

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 5 unserer Wanderung (Text folgt)


Kartenlink Tag 5


*den Brunnen hatte ich übrigens versehentlich schon am vierten Tag erwähnt, doch unsere Bilder belegen, dass er erst am 5. Tag auftauchte. So viel also zu Fata Morganas.

Nachtlager: 1. – 9. Nacht auf Twitter hier klicken

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#flussnoten19 | Tag 4

26. Juni 2019

Was für ein schönes Schlafen unterm Sternenhimmel und was für ein angenehmes Erwachen im Bachbett! Da bekommt doch der Begriff Himmelbett gleich eine neue Bedeutung.

So langsam bin ich im Wanderleben, im Unterwegsmodus, angekommen. Diesmal habe ich eine ganze Weile gebraucht, mich aus dem Sorgenmachen-Alltagsmodus herauszuschälen, aus diesem Immer-etwas-Tun des Alltagslebens. Diese Lange-Weile hat mich die ersten Tage geradezu nervös gemacht. Da war auf einmal so viel Raum, so viel Leerraum, so viel Nichts und so viel Zeit, die ich mit meiner puren Anwesenheit füllen konnte. Fast hatte es mich überfordert, fast hätte ich gerne meine Nase in ein Buch gesteckt und mich mit Geschichten abgelenkt. Doch genau das will ich auf solchen Wanderungen ganz bewusst nicht. Ich will einfach sein, mich aufs Gegenwärtige einlassen. Auch diese Umstellung braucht Zeit. Hier, im Flussbett liegend, wird mir klar, wie wertvoll diese Möglichkeit und Gelegenheit ist.

Nach einem kleinen Frühstück packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg. Die Morgenkühle will genutzt werden, denn schon bald wird es wieder heiß, sehr heiß. Nachdem wir den Weiler Boden durchquert haben, entscheiden wir uns für den schmalen Säumerpfad nach Innertkirchen. Ein toller Wanderweg, einer von denen, die ich besonders gerne wandere. Rauf und runter, mal steinig, mal Wiese … nur leider ohne jegliche Sitzgelegenheiten unterwegs. Kurzerhand bauen wir uns vor Innertkirchen selbst eine Bank aus Brettern und Stangen, die herumliegen.

Bis nach Innertkirchen zieht sich ein Stück unbewaldeter Weg. Die Hitze macht uns zu schaffen. Bei jedem kleinen Schattenfleck ruhen wir uns aus, trinken Wasser. Ich ziehe Socken und Schuhe aus und lasse mich trocknen. Verdunsten viel eher, denn als wir uns einmal auf den schattigen Boden vor einem Haus gesetzt haben, hinterlassen wir beim Aufstehen zwei Wasserlachen.

Minimal abgekühlt, aber bald schon wieder so verschwitzt wie zuvor, erreichen wir schließlich den Friedhof Innertkirchen, wo wir unsere Wasserflaschen am Brunnen auffüllen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum erholen. Die Überwindung, dieses kleine Idyll wieder zu verlassen und im nahen Laden einzukaufen, ist groß. Wir schaffen es dann doch irgendwann. Und wir schaffen es sogar durchs Dorf, der inzwischen begradigten Aare entlang Richtung Aareschlucht, zu wandern. Schon wieder ohne Schatten. Schon wieder sind wir reif für ein Bad. Schließlich finden wir ein paar Felsen, auf denen wir es uns bequem machen, allerdings nur kurz, denn hier hat es viele Bremsen.

Später, in der Aareschlucht, wird es kühl sein, ermutigen wir uns, doch bis zum Eingang müssen wir eine steile Treppe ersteigen. Auf die vielen Touristinnen und Touristen, die das gleiche Tagesziel wie wir haben, bin ich nicht gefasst. Soo viele! Dass die Aareschluch so ein Musst-du-gesehen-haben-Event ist und sogar Eintritt kostet, macht mich ein wenig mürrisch. Ich hatte an die Rheinschlucht gedacht. Die ist einfach. Die kann man einfach so anschauen. Natur eben.

Nun denn, hier waren wir also, und wir mussten auf die andere Seite. Also mittendurch. Auf Holzstegen und durch höhlenartige Gänge. Immerhin schön kühl war es. Und ja, sehr beeindruckend war es auch. Dennoch fühlte ich mich nicht so richtig wohl. Zu viele Menschen. Ich tue mich ja immer ein wenig schwer damit, wenn Natur derart vermarktet wird. Andererseits müssen diese Wege ja auch unterhalten werden.

Auf der anderen Seite angelangt, hängen wir sehr lange müde vor dem Gebäude auf dem Grill- und Spielplatz herum und studieren die Karten. Wo man hier wohl wild zelten könnte? Das Gebiet hier ist, je näher wir dem Brienzersee kommen, desto dichter besiedelt. Zwischen hier und Meiringen kaum freies Land. Und allzuweit wandern mögen wir auch nicht mehr.

Nachdem die Schlucht für diesen Tag geschlossen ist, lassen wir uns schließlich an einer der Grillstellen nieder, die zwischen Aareschlucht und nächster Siedlung in einem kleinen Wald direkt an der Aare angelegt wurden.

Irgendlink füllt den Wassersack in der Aare und hängt ihn in einen der Bäume. Später, als es ruhig und schon fast dunkel ist, gönnen wir uns eine erfrischende Dusche. Das muss so, genauso, nach einem dieser Tage, die sich am besten im und am Wasser überleben lassen.

Bilder vom 4. Tag

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 4 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 4

#flussnoten19 | Tag 2 und Tag 3

24. + 25. Juni 2019

Es geht eigentlich noch so mit Muskelkater, denke ich, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack schäle. Wie immer habe ich die erste Zeltnacht der Tour nicht so toll geschlafen. Die Umstellung von breitem Bett zu schmaler Matte braucht Zeit, außerdem ist auch das Wanderzelt schmal. Ich male mir aus, wie ich – noch schlafsackwarm – aus dem Zelt krieche und mich unter den nahen Aarewasserfall stelle.

Hm, wie klettert frau gleich wieder aus dem Zelt heraus? Außerdem ist die Wiese, die gestern noch ’nur ein bisschen feucht’ war, heute Morgen ziemlich nass. Unser Glück – oder nennen wir es Irgendlinks Erfahrung – ist es, dass wir das Zelt an der trockensten Stelle auf der ganzen Wiese aufgebaut haben.

Nun ja, aus der Wasserfalldusche wird schließlich nur eine kleine erfrischende Katzenwäsche und nach dem Frühstück wandern wir auch schon bald los. Immer weiter der Aare nach. Kleine Wasserfälle. Furten. Brücken. Pausen machen wir recht häufig, denn noch immer sind wir in der Phase des Umstellung. Und so langsam setzt dann doch noch der Muskelkater ein. Da hatte ich mich also am Morgen zu früh gefreut. Bei jeder Pause ziehe ich schnell die Schuhe aus, bade – wann immer möglich – die Füße, lasse sie und die Socken trocknen. Meine bewährte Blasenprophylaxe. Irgendlink badet seine Füße sogar in einem Wasserbecken, das die Aare über viele Jahre in einen Fels geschliffen hat.

Bei der Alp Handegg rasten wir, essen Eis, kaufen Bergkäse, entscheiden, dass wir genug Vorräte dabei haben, um zum Gelmersee hoch fahren und dort oben übernachten zu können. Den Wanderweg zum Bergstausee haben wir nämlich eine Stunde vorher verpasst.

Die Gelmerseebahn lockt – Irgendlink vor allem – und die erwartete Schönheit der Bergwelt. Über eine lange Hängebrücke klettern wir über die Aare zur Bahnstation. Vielleicht, wenn ich  gewusst hätte wie steil es ist, vielleicht hätte ich gekniffen. Aber zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Zack, ein Ticket gekauft. Zack, in die Bahn gestiegen. Den schweren Rucksack auf dem Schoß sitzen wir in einer der hinteren Reihen und bekommen von der Fahrt nicht viel mehr als das Kreischen der Mitreisenden und die Enge der Bahn mit. Und das Gewicht des Rucksacks auf dem Schoß.

Immerhin werden wir oben für diese Mühsal großzügig entschädigt: Der See ist wunderschön, still, sauber, klar. Wir wandern über die Staumauer auf die andere Seite, wo es nicht mehr so viele Menschen hat. Wir überlegen, wo wir zelten könnten, spazieren ein wenig herum, schauen da und schauen dort und irgendwann – nach der letzten Bahn – sind wir ganz allein oben am Gelmersee.

Zwischen Felsen, an einem sandigen Plätzchen, bauen wir unser Zelt auf und kochen uns ein feines Abendessen. Es ist sehr schön, sehr still. Eine ruhige Nacht. Trotz Muskelkater schlafe ich tief und erholsam.

Bilder vom zweiten Tag

Wir werden früh wach. Etwas, das mir im Alltag nie so richtig gelingt. Es ist denn auch ein ganz anderes Wachwerden als das Wachwerden im heimischen Schlafzimmer. Eine Klarheit, die so gar nicht Morgenmuffliges an sich hat. Wir kochen unsere Heißgetränke und genießen das Morgenlicht. Die Sonne steigt über die Berge und verglitzert das Wasser. Ich fühle mich leicht und froh. Das Funkloch verunmöglicht Twittereien, was durchaus auch irgendwie schön ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt uns, dass wir die erste Bahn, 9:12, erwischen werden.

Wir sind allein. Die Ersten, die an diesem Tag abwärts fahren. Entsprechend müssen wir die Rucksäcke nicht auf den Knien festhalten und können uns in die allervorderste Reihe setzen. Und ja, die Fahrt ist gruslig. Denn dieses Steil, diese hundertsechs Prozent, ist wirklich steil.

Ich bin schließlich froh, als wir unten ankommen. Hier warten auch bereits einige Menschen auf die Fahrt nach oben.

Wir wandern zurück über die Hängebrücke und von da aus weiter Richtung Guttannen. Der Temperaturunterschied von oben nach unten ist deutlich spürbar und wir sind nun doch auch in der Hitzewelle angekommen. Zum Glück gibt es immer wieder Bäume. Und schließlich, ganz nahe der Aare, ein wunderbarer Kiefernwald (oder vielleicht sind es Tannen). Ich jedenfalls nenne dieses Wäldchen die Guten Tannen von Guttannen, den dorthin sind wir unterwegs.

Wir halten eine lange Siesta und messen fortan jeden Rastplatz an der Qualität dieses einen wunderbaren und letztlich unschlagbaren. In der nahen Aare fülle ich unseren Wasservorrat auf. Später wandern wir in Häppchen weiter. Wandern. Pause. Wandern. Und irgendwann langen wir in Guttannen an. Finden ’Regulas Dorfladen’ (mit Deppenapostroph, aber das kann ich hier nicht wiedergeben, zu viel innerer Widerstand) und decken uns das erste Mal seit Wanderbeginn mit neuen Lebensmitteln ein. (Und mit Bier. Eine Dose für zwei.) Eine große Schale Erdbeeren essen wir direkt auf der Bank vor dem Laden.

Weiter gehts. Weiter der Aare entlang. Der Muskelkater ist nur noch ein Nachhall, eine Art Echo. Schon vor Guttannen ist der Wanderweg identisch mit der Landstraße und entsprechend geteert. Eine ganze Weile gehen wir auf Teer. Und wenn es etwas gibt, das ich beim Wandern wirklichwirklich hasse, dann das: Teer. Meine Füße fangen schnell an zu brennen.

Wir setzen uns auf eine Wiese, twittern ein wenig, dösen ein bisschen, und hoffen, dass wir später einen schönen Platz für die Nacht finden. Ich jammere auf Twitter über die Teerstraße und dass es nun bestimmt immer und immer so weitergeht.

Als wir weiterwandern, entdecken wir, dass der Teerweg nur wenige Meter nach der nächsten Kurve wieder in einen Kiesweg übergeht. So schnell haben sich meine Wünsche noch nie erfüllt!, sage ich.

Über Kuh- und Schafweiden folgen wir auf- und abwärtsgehend dem Verlauf der Aare und schließlich sind wir ihr wieder so nah, dass wir uns entschließen in ihrem Bett zu biwackieren. Für Zeltaufbau ist eh zu wenig Platz.

Wir baden im kühlen Fluss, waschen Kleider, kochen, essen und legen uns schließlich unter dem Sternenhimmel schlafen. Leise Angst, dass der Fluss über Nacht ansteigen könnte, ist da, aber – wie gesagt – nur ganz leise. Eine vollkommene Nacht mit Prachtsternenhimmel. Irgendlink zählt Sternschnuppen, während ich tief und fest schlafe und bei jedem kleinen Erwachen ehrfürchtig nach oben schaue.

Zack. Etwas fällt mir auf die Wange. Ein Tier? Ein Meteorit? Eine Sternschnuppe gar? Keine Ahnung. Jedenfalls blute ich und am Morgen entdecke ich eine kleine Wunde. Tja. Auch das ist Natur.

Bilder vom dritten Tag

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 2 + 3 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 2 +3

#flussnoten19 | Tag 0 und Tag 1

22. + 23. Juni 2019

Wir haben fertig gepackt. Ich bin, wie oft in solchen Momenten, hibbelig, dünnhäutig, aufgeregt. Nicht nur der bevorstehenden Fernwanderung wegen, eher noch darum, weil ich noch niemanden gefunden habe, der zwei Wochen lang meine Topfpflanzen auf der Terrasse gießt. Ja, okay, Luxusproblem, aber ich liebe sie eben alle, und ich möchte sie darum nicht verdörren lassen. Zumal ich alle selbst gezogen habe oder – im Falle von Yucca, Friedensbaum und Zyperngras – aus winzigen Pflänzchen aufgezogen. Diesmal steht von den drei Frauen, die bisher, wenn ich einige Zeit wegfuhr, meine Pflanzen gepflegt haben, keine zur Verfügung. Meine Schwester, die über zwanzig Kilometer entfernt wohnt, würde zwar zur Not einspringen. So erleichtert ich über ihr Angebot bin, kann ich mich darüber doch nur bedingt freuen, denn der Aufwand wäre ja schon ziemlich groß. Hoffentlich meldet sich der Nachbar noch, dem ich ein Briefchen in den Kasten gelegt habe.

Beim Packen des Wanderrucksacks stelle ich außerdem fest, dass sich meine neue bpa-freie Wasserflasche ja gar nicht außen am Wanderrucksack anhängen lässt. Die Daniela-Düsentrieb-in-mir muss sich also eine Lösung ausdenken.

Irgendlink kommt auf die Idee, altes Gummischlauch-Gummiband zu verwenden. Was ein Superidee ist! Daran befestigte ich schließlich mit Schnur einen Rucksack-Klettversuchluss und fertig ist die Aufhängung. Die sich notabene sehr bewährt hat! In Konjunktion mit dem seitlichen Anzurrband des Rucksacks perfekt und leicht zu handhaben.

Gegen Mittag fahren wir los ohne dass ich von meinem Letzte-Hoffnung-Nachbarn etwas gehört hätte. (Er meldet sich erst am nächsten Tag, da er selbst in den Ferien gewesen ist, und schreibt: Klar gieße ich, kein Problem!)

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Endlich im Auto Richtung Berner Oberland. Ich brauche diesmal lange, bis ich vom Aufgeregt-Modus in den Ferien-Modus wechseln kann.

Den ersten Halt legen wir auf ’meinem’ Berner Friedhof ein. Lars’ Gärtlein. Ein lauschiger Platz. Ein trauriger Ort. Erinnerungen.

Erinnerungen bilden – im Nachhinein betrachtet – bei mir den roten Faden unserer Aarewanderung. Oft schwere, schmerzhafte Erinnerungen, die ich mit neuen, leichteren Erfahrungen zu ergänzen versuche. Integration. Altes und Neues zusammenbringen. Miteinander verweben. Dem Leichten erlauben, Schweres zu lichten.

Wie wir ab Bern über Land Richtung Thun weiterfahren, kommt uns spontan die Idee, ein Bad im Gerzensee zu nehmen. Wo wir doch schon fast daran vorbei fahren. (Dass wir zehn Tage später zu Fuß dort hinauf wandern würden, ahnen wir damals nicht.)

Im Gerzensee, der eigentlich ja nur Einheimischen vorbehalten ist und der einer meiner Lieblingsplätze aus meiner Zeit in Bern ist, tauche ich ein bisschen tiefer in den Ferien-Modus ein, wasche den Druck der letzten Wochen und Monate ein wenig ab. Dort, im noch angenehm kühlen Wasser, auf dem Rücken liegend, den Himmel und die Wolken betrachtend, beginne ich, mich einzulassen. Auf das Kommende. Auf das Seiende.

Fast auf die abgemachte Minute genau treffen wir abends bei M. und B. in Steffisburg ein. Die beiden Lieben haben uns angeboten, während wir die Aare erwandern, unser Auto zu hüten. Was für ein gemütlicher Abend mit meinem früheren Flüchtlingszentrum-Arbeitskollegen M. und seiner Partnerin B..

Spontan beschließen die beiden, uns am Sonntagmorgen auf die Grimsel zu fahren, da sie schon lange nicht mehr dort oben gewesen seien. Für uns ist das ein Glücksfall, hätten wir doch mit dem öffentlichen Verkehr viel länger gebraucht, zigmal umsteigen müssen und dafür obendrein noch ziemlich viel Geld ausgegeben. (Leider ist für Menschen mit wenig Geld der öffentliche Verkehr schier unbezahlbar geworden.)

Irgendlink fährt mit uns genau jene Strecke, die wir Tage später wandern würden – wenn auch größtenteils auf anderen Wegen: Am Thunersee dem Nordufer und am Brienzersee auf der Autobahn dem Südufer entlang. Tage später werden wir immer mal wieder sagen: Das hier sind wir alles gefahren!

Ab Brienz nimmt der Sonntagsausflugsverkehr groteske Ausmaße an. Vor allem die Motorradfahrenden fallen negativ auf. Zwar fahren die meisten seriös, doch manche lassen die Motoren aufheulen und ihre Anti-Potenz hörbar machen, fahren aggressiv am Geschwindigkeitslimit, überholen an unübersichtlichen Stellen. Ein Eiertanz. Kurz: Die Passstraße ist sonntagslaut-laut-laut. Und ja, wir sind natürlich auch Teil dieses Lärms.

Die kurvige Straße steigt stetig an, ähnlich dem Druck in meinen Ohren. Und auf einmal sind wir oben. Passhöhe. Fast 2000 m ü. M. Weite. Menschen. Reisebusse. Autos. Motorräder. An vielen Stellen liegt noch Schnee. Im Grimselsee schwimmen Eisschollen.

Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel
Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel

Nach einem kleinen Rundgang fahren wir wieder zurück bis zu einer Stelle, an der sich gut anhalten lässt und von der aus wir gut den ersten Wanderweg erreichen können.

Abschied. Erste Bilder. Winken. Macht es gut, habt es gut, Danke!

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Hier beginnt sie nun, unsere Wanderung. Eigentlich wären wir gerne zur Grimselseestaumauer hochgestiegen, doch die Schneefelder bremsten uns aus. Also abwärts. Zum Rätischbodensee, dem ’zweiten Grimselsee’, hinunter. Bisschen Straße, bisschen Wiese um die Straßenserpentinen abzukürzen. So richtig Wanderweg ist es erst ab Rätischbodensee, den wir auf seiner linken Seiten umwandern. Umwandern wollen.

Ein schöner Weg, den wir da gehen. Überall gurgeln und blubbern kleine Bächlein, die das Schmelzwasser entstehen lässt. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Lunge und Seele atmen auf. Die Warnung vor Schneefeldern ignorieren wir nonchalant. So schlimm können die ja wohl nicht sein!, denken wir. Jedenfalls schaffen wir die ersten beiden ohne nennenswerte Probleme. Ich rutsche zweimal aus und lande im Schnee. Wie ein Käfer auf dem Rücken brauche ich Irgendlinks Hilfe beim Aufstehen. Der noch ungewohnte, schwere Rucksack nagelt mich am Boden fest. Dennoch, wirklich schlimm ist das nicht und wir wandern zuversichtlich weiter, weiter, weiter. Schön ist es hier, komm, weiter, weiter, noch mit der Unruhe der letzten Tage im Nacken … noch nicht im eigenen Tempo angekommen. Noch ungewohnt. Noch nicht im Jetzt.

Auf einmal liegt es vor uns, dieses Schneefeld, das wir nicht überqueren können. Zu breit. Zu schräg von oben links nach unten rechts in den See ragend. Eine Rutschbahn, die tödlich enden könnte. Ein falscher Tritt und du versinkst im Schnee oder rutscht ab und gleitest in den See. Nein. Geht nicht. Zu gefährlich. NEIN.

Also zurück auf Anfang. Zum Beginn des Wanderwegs. Alternativen zum nicht eben ungefährlichen Gang über die vielbefahrene Passstraße gibt es keine, aber wir könnten, so überlegen wir, damit wenigstens bis am Montagmorgen warten, denn jetzt fahren einfach zu viele Autos. Und vor allem zu viele Motorräder.

Eine Familie – Mutter-Tochter-Vater –, die ebenfalls am Schneefeld umgedreht ist, winkt uns zu, als sie uns zurückkommen sieht. Die Mutter deutet auf das Familienauto, das sie im einer Bucht am Anfang des Wanderweges geparkt haben. Sie deutet auf uns. Deutet an, dass wir als Mitfahrende willkommen seien. Wir recken die Hände. Signalisieren ein Ja. Mit Ausrufezeichen. Was für ein Glücksfall! Am Ende des Sees, an der Staumauer des Rätischbodensees, bedanken wir uns herzlich bei unserem Fahrer und seiner Familie und wandern zum nahen Wanderweg.

Schon bald finden wir einen schönen Platz für eine längere Pause. Eine immense Müdigkeit – dem ungewohnten Rucksackwandern ebenso geschuldet wie den letzten Tagen und Wochen, die dicht gewesen waren – macht sich in mir breit.

Wir beschließen, zunächst noch ein Stück weiter weg von der Staumauer mit ihrem großen Parkplatz und den Gebäuden zu wandern, aber uns baldmöglichst einen passenden Lagerplatz zu suchen. Es ist bereits etwa sechs Uhr und wir wollen es ja am ersten Tag nicht übertreiben.

Der signalisierte Wanderweg führt theoretisch über die reissende junge Aare, will heißen über eine den reissenden Aarebach querende Brücke, doch diese fehlt. Rechts und links der Aare felsiges Geröll, das ein improvisiertes Übersetzen verunmöglicht. Also bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir nicht erneut den ganzen Weg zurück zur Straße gehen wollen, als einen großen Bogen zu machen, um über Umwege auf den Wanderweg zurückzukehren.

Mehr schliddernd als absteigend gelangen wir eine Ebene tiefer und finden dank Navigationsapp wieder zurück zum Wanderweg. Diesem durch relativ feuchtes, hochalpines Grasland auf und ab folgend, suchen wir nach einem Platz für die Nacht, ein Stück relativ ebenes Land, nicht zu feucht, nicht zu felsig. Etwas abseits vom Weg werden wir schließlich fündig und bauen auf der trockensten und flachsten Stelle einer vom Schmelzwasser feuchten Wiese das kleine Wanderzelt auf.

Wir kochen uns eins der mitgebrachten Fertig-Gerichte – eine Reispfanne – und essen dazu Karottensalat. Wie köstlich es doch schmeckt, wenn man in der freien Natur gekocht hat.

Weil wir in einem der seltenen Funklöcher sind, spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig zurück zu ein paar schönen Felsen, die wie Sofas am Wegrand liegen. Abendsonne. Weite. Sonnenuntergang. Und ja, so langsam komme ich an. In den Bergen. In der Natur. Im Hier.

Langsam wird es kühl. Die angekündigte Hitzewelle ist noch nicht auf der Grimsel angekommen. Wir schlüpfen müde in unsere Schlafsäcke und verbringen eine akustisch einzig vom Rauschen des nahen Aarewasserfalls untermalte erste Zeltnacht.

Nun folgt eine Bildergalerie des ersten Tages:

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 1 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 1

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