Der alte Mann und das Wasser

Unser erstes Mal sollte auf dem Bözberg sein. Ein neues Zelt will schließlich getestet werden. Darum haben wir letzten Freitagmorgen beschlossen, es ein erstes Mal trocken aufzubauen. Also noch ohne Übernachtung. Auf dem Spielplatz einer Dorfschule.

Dazu muss erzählt werden, dass mir auf meinen Hilfeschrei nach dem Bündnerland-Ausflug neulich, als ich des Liebsten Wanderzelt eine enge Sardinendose genannt und mir ein größeres, aber ebenso leichtes Wanderzelt gewünscht hatte,  ein Twitterer, dessen Weltreise wir vor einigen Jahren in dessen Blog live mitverfolgt hatten, sein ’altes Zelt’ zum Testen und Kaufen angeboten hatte. Mit seiner Partnerin zusammen hatte er mit ebendiesem Zelt die Welt bereist.

Und was soll ich sagen? Das Zelt fühlt sich noch fast wie neu an und sieht auch so aus, denn es wurde sehr gut gepflegt. Es ist viel größer, aber nur ein winziges bisschen schwerer als das von Irgendlink. Und es hat, was mir sehr wichtig war, zwei seitliche Eingänge, so dass wir nun einfacher ein- und aussteigen können. Gerade bei nächtlichem Pinkelmüssen oder so ist das sehr genial. Und es hat auch mehr Platz für unsere Sachen. Und mehr Platz für das Kochen vor dem Zelt. Kurzum: Wir sind beide schockverliebt, nachdem wir das Zelt das erste Mal auf dem Bözberg aufgebaut haben.

Auf dem Rückweg fahren wir an die Aare und stellen fest, dass sie durchaus noch eine erträgliche Badetemperatur hat. Hätte. Schade, dass ich mein Badezeug nicht dabei habe. Irgendlink hupst in der Unterhose rein, der Glückliche.

Am Samstagmorgen wissen wir nur, dass wir mit dem Zelt und den Rädern losfahren werden. Aber wohin ist unklar. Die Region Hallwilersee steht zur Diskussion, der Aareweg zum Rhein ebenso und natürlich auch das Fricktal, diese Landschaft, die uns mit ihren Dörfern, Weilern und Hügeln immer wieder so bezaubert. Also fahren wir ohne Plan los und entscheiden laufend. Es wird schließlich ein spannender Mix aus Vertrautem und Neuem.

Doch zuerst kaufen wir im Unterdorf ein Brot, zwei Dosen Bier und ein paar Goodies. Wir radeln zuerst der Reuss und später der Aare entlang Richtung Villigen und Böttstein und auf einmal sind wir in Laufenburg am Rhein. Und es hat noch nicht mal wirklich weh getan. Zumal wir immer wieder Pausen machen. Gegen Abend finden wir, in den Hügeln in der Nähe von Kaisten, eine Wiese, auf der wir praktisch unsichtbar sind, aber einen wunderbaren Ausblick haben. Hier bleiben wir.

Auf dem Trangia kochen wir unser Abendessen und bauen später, kurz vor Sonnenuntergang, das Zelt auf.

Zur Feier des Sonnenuntergangs stoßen wir aufs Leben und die Liebe an. Nach einem Nachtspaziergang genießen wir den vielen Platz im Zelt. Leider habe ich gegen Morgen schreckliche Träume von Krieg und Tod. Meinem intensiven Nachdenken und Mitfühlen mit den Menschen in Moria geschuldet? Selbst wenn ich (wie schon so oft) versuche, mich wenigstens für einen Tag nur auf meine kleine Welt einzulassen, nehme ich ja doch immer alles mit. Die Welt ist in mir, ich bin die Welt, wir alle sind die Welt.

Nun ja, richtig gut schlafen geht anders, aber weil ich genug Platz habe, mich, ohne dabei den Liebsten zu stören, hin und her zu wälzen, war das Wachliegen nicht so schlimm wie in Irgendlinks schmalem Wanderzelt. Ich genoß die Nachtgeräusche. Lauschte Eulen und Käuzchen. Dort ein Rascheln, da ein Zischen und ein Klopfen in den Bäumen.

Um acht tauchen wir aus unsern Nachterlebnissen auf und begrüßen uns und den neuen Tag. Kaffee und Tee im Bett; hach, wie ich das liebe! Das Frühstück verschieben wir auf später. Auf eine Bank. Und das Zelt packen wir nass ein. Auch das wird später trocknen dürfen. Es ist schattig auf unserer Wiese, nicht kalt, eher frisch auf die angenehme Art.

Später, bei einer Halbschatten-Bank, breiten wir das Zelt auf der sonnigen Wiese und über meinem Fahrrad aus; es darf an der schon warmen Sonne trocknen, während wir gemütlich frühstücken. Später radeln wir weiter südwärts. Nicht mehr auf Radwegen nun, sondern auf Wanderwegen, weil wir zum Sennhütten-Kneipchen wollen, das wir diesen Juni auf einer Wanderung entdeckt haben. Sagte ich Wanderwege? Bergwege eigentlich eher, denn das Gefälle war streckenweise 36%. Ich übertreibe nicht. Die Wasserwaage in meinem Handy hat es gemessen. Es ist schlicht zu steil zum fahren. Räderschieben ist anstrengend, jedenfalls wenn es so steil bergan geht. Wir schieben darum immer abwechselnd mal das eine, mal das andere Rad zu zweit hoch. Total müssen wir wohl etwa einen bis zwei Kilometer schieben. Einmal sogar über eine Treppe. (Das kommt davon, wenn man Wanderwege radeln will.)

Aber dann sind wir da. Das Sennhütten-Beizli ist voll. Es summt und brummt. Wir fragen am Selbstbedienungstresen, ob wir eine Bank neben der Scheune im Schatten aufstellen dürfen. Weg vom Gewusel. Dürfen wir. Auch frisches Wasser bekommen wir. Einfach so. Und Kuchen. Und Getränke.

Wir lagern gemütlich und füttern unsere Handys übers mitgebrachte Solarpanel. Nach einer ausgiebigen Siesta fahren wir weiter, runter nach Kästhal, weiter nach Effingen, weiter nach Linn, weiter nach Bözberg. Vieles nun ist Abfahrt. Manches steil, meistens aber moderat, so wie ich es mag. Staunen darüber, dass wir zuvor sooo viel hochgeradelt sind.

In Linn finden wir endlich einen Brunnen, doch als wir unsere leeren Flaschen füllen wollen, sehen wir, dass es kein Trinkwasser ist. Ein alter Mann im Bauernhaus gegenüber spricht uns an. Wir dürfen unsere Flaschen füllen. Meine ist noch halbvoll, das reicht bis daheim, aber Irgendlink nimmt das Angebot gern an und folgt dem Mann in die Bauernküche. So sollte es sein, denke ich. Teilen aus der Fülle, die wir haben.

Von Bözberg radeln wir über Riniken nach Umiken und sind schließlich wieder an der Aare. Und diesmal haben wir die Badesachen dabei, und diesmal will ich baden. Es ist heiß. Und das kalte Wasser tut so gut.

Wir dösen und auf einmal kriecht das Kopfweh der letzten zehn Tage wieder in meinem Schädel herum. Umso besser tut die Siesta. Wir genießen die Frühabendstimmung und irgendwann radeln wir noch das letzte Stück wieder nach Hause.

Und jetzt weiß ich übrigens, dass ich für kommende Touren Anhängertaschen brauche und dass das mit dem Radeln vielleicht doch etwas für mich sein könnte. Nicht im großen Stil wie der Liebste, aber ab und zu so dreißig, vierzig Tageskilometer mit dem Zelt? Ja, das könnte mir durchaus gefallen.

Im Bündnerland | #mdLidA

oder Drei Tage Leben aus den Bordmitteln
oder Mit dem Liebsten in den Alpen (#mdLidA, mein Twitterhashtag)

Endlich doch noch ein bisschen raus. Ein bisschen was wie Ferien. Mit möglichst wenig Gepäck wandernd unterwegs sein. So der Plan. Wir wollten unterwegs sein ohne auf Einkaufsmöglichkeiten angewiesen zu sein, denn auf über tausend oder gar zweitausend Höhenmetern, zumal am Wochenende, könnte es schwierig werden, einen offenen Laden aufzutreiben. Wir schafften es mit Kocher, Wasser, Lebensmitteln und Übernachtungskram auf nur rund zehn Kilo pro Person. Plusminus. Omni mecum porto. Mein Wandermantra. Ich trage alles (was ich brauche) mit mir.

Mit dem Gedanken, doch noch so ein mehrtägiges Abenteuer zu wagen, hatten wir seit Wochen gespielt, und dann war da auf einmal dieses eine Wochenende ohne Termine und Pflichten. So packten wir am Freitagmorgen unsere Siebensachen und fuhren gegen Mittag los in die Berge. Bruthitze. Richtung Thusis zuerst und von dort dann westwärts den Berg hoch. Bei Ober Rascheins haben wir mein Autochen zweieinhalb Tage stehen lassen und machten uns von dort zu Fuß und per ÖV auf den Weg. (Route: siehe unten*)

Ein Freund führt seit Juni die Alp Bischola-Summerbeiz und hat uns quasi hergelockt. Darum sind wir schließlich auch als erstes dorthin und haben uns ein wenig an die für uns doch ungewohnte Höhe (knapp 2000 m. ü. M.) akklimatisiert. Zwischen Parkplatz und Bergrestaurant liegt der wunderschöne Pascuminersee. Noch zuhause haben wir ihn als ersten Lagerplatz auserkoren und zum Glück waren am Freitagabend noch nicht so viele Leute dort wie am Sonntagnachmittag. Am Freitagabend waren nur noch eine Frau mit ihrer Tochter dort. Sie zelteten ebenfalls direkt am See. Eine Jugendclique  hatte sich zum Glück etwas weiter weg auf einer Anhöhe eingerichtet. [Als es dunkel war, ließen die doch tatsächlich ein Feuerwerk steigen. Auf 2000 m. ü. M.! Was für Volldeppen!]

Beat, der Wirt, hieß uns herzlich willkommen und servierte uns – da es (neben dem Käseteller) das einzige Gericht ohne Fleisch war – einen Eblysalat. Na ja. Immerhin habe ich es mal wieder probiert, aber Ebly und ich werden wohl nie Freundinnen. Dafür schmeckte die Nussschnitte göttlich, eine Bündner Spezialität, die süchtig macht. Und die zwei Kuchenstücke, die er uns als Bettmümpfeli mit auf den Weg gegeben hat, als Geschenk des Hauses, schmeckten – am See genossen – einfach nur wunderbar. Annettes Zucchini- und Zitronencake sind echt eine Entdeckung!

Zurück am See war es ziemlich unruhig. Wir beobachteten eine Weile das Geschehen, bevor wir schließlich doch direkt am See und bei der Feuerstelle unser Lager einrichteten. Die Idee, ohne Zelt zu schlafen, ließen wir aber bleiben, weil es doch recht feucht und kühl wurde. Und weil eine Mutter und ihre halbwüchsige Tochter sich zu uns gesellten, als wir gerade das Feuer entfacht hatten.

Gut schlafen geht anders. Für eher schlaflose Nächte ist unsere winzige Sardinendose, pardon unser hübsches kleines Wanderzelt doch ein bisschen eng**, so dass ich bei der ersten Morgendämmerung aus dem Zelt schlüpfte und herumspazierte. Etwas, das ich daheim nie tun würde, da ich ja eher eine Eule als eine Lerche bin. Es war jedenfalls einer der schönsten Sonnenaufgänge, den ich je erlebt habe.

Nach einem herrlich erfrischenden Morgenbad frühstückten und packten wir, um den Tguma hochzuwandern (knapp 2200 m. ü. M.). Um ins Safiental zu gelangen, mussten wir von dort aus über sehr steile Serpentinen etwa tausend Höhenmeter abwärts steigen. Was mir mal wieder so richtig fett in die Knie gefahren ist. Sie schrien laut, ich schwör! So sehr, dass ich unten, am Stausee, angekommen – die letzten zwei Kilometer mit zig Pausen wegen der brutalen Schmerzen –, kaum mehr gehen konnte. Wir fanden zum Glück bei einem Holzlager direkt am See einen tollen Nachtplatz, von wo aus wir auch gleich im nahen Bach Wasser holen konnten. Beide waren wir sooo müde, dass wir – nach dem Essen und einer Katzenwäsche im Bach – um halb zehn schon in den Schlafsäcken waren und bis kurz vor Sonnenaufgang durchschliefen. Ha, geht doch!

Meinen Knie ging es am Morgen deutlich besser, aber an den zuhause geplanten Aufstieg zur Alp Bischola respektive nach Ober Rascheins, wo das Auto stand – diesmal auf einer andern Route als beim Abstieg – war nicht wirklich zu denken. Also setzten wir den am Samstagnachmittag gefassten Plan um, mit ÖV so nahe wie möglich ans Auto ran zu kommen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich zwar relativ schmerzfrei aufwärts und geradeaus gehen kann, aber nur mit relativ starken Schmerzen abwärts.

Wir studierten Karten und Höhenprofile und entschieden uns, mit ÖV zum Glaspass oder bis kurz davor zu fahren und von dort die letzten, nicht erschlossenen Kilometer nach Ober Rascheins zu wandern. Der Glaspass war im Grunde direkt über uns, die wir in Safien Carfil, am Stausee, lagerten. Von hier unten hinaufzusteigen hieße aber mit dem Feuer spielen, denn ich war ja nicht schmerzfrei. Immerhin waren die Schmerzen aber über Nacht erträglich geworden.

Um auf den Glaspass zu kommen, mussten wir die ganze Gebirgskette umfahren, um von der anderen Seite auf den Pass zu kommen. Heißt, wir mussten das Safiental abwärts mit dem Postauto, dort dann mit dem Zug dem Rhein abwärts ins Vorderrheintal zurück nach Thusis und von dort mit dem Postauto hoch zum Pass. Verrückte Rundreise! Aber schön wars. Trotz Maske.

Auf der Karte zeigen die roten Bömbel in Uhrzeigerrichtung unsere Rundfahrt an. (Den Link zur Karte gibt es hier und ganz unten.)

Screenshot der Karte
Screenshot der Karte

Irgendlink und ich hatten tatsächlich unsern Spaß, denn Postautofahren in den Bergen ist ja schon ein tolles Erlebnis. 🙂 Und die Rhätische Bahn ist auch irgendwie angenehm. Zum Glück hatten wir unsere Masken dabei und die behielten wir dann bis auf dem Glaspass auf, denn es gibt ja immer so Menschen, die … (aber das ist jetzt doch ein anderes Thema.)

Die Strecke vom Glaspass nach Ober Rascheins war nicht allzu anspruchsvoll, eine etwa vier- bis fünf Kilometer lange Wanderung rüber zum Parkplatz mit vielleicht zweihundertfünfzig Höhenmetern aufwärts und ein bisschen weniger abwärts. Wir wählten halb absichtlich, halb zufällig jene Route mit den wenigsten steilen Abstiegen und errreichten – nach einer köstlichen Picknickrast auf einer Bank mit Blick auf den Piz Beverin – gegen drei Uhr das Auto. Weil es meinen Knien noch immer relativ gut ging – super wäre übertrieben, aber ich hatte keine starken Schmerzen – und der Tag noch zu jung war, um bereits nach Hause zu fahren, beschlossen wir, nochmals ins Beizli zu wandern. Eine knappe halbe Stunde rauf, eine knappe halbe Stunde runter. Ohne Gepäck. Auf dem Rückweg wollten wir ein letztes Mal im Pascuminersee baden.

Im Beizli angelangt, freuten wir uns darüber, auch Annette noch zu sehen, die Partnerin des Beizers. Es herrschte Hochbetrieb, doch nach 17 Uhr wurde es ruhiger und wir hatten Zeit, ein bisschen auszutauschen. Eile hatten wir ja keine und die angenehme Temperatur um die 25 Grad war es wert, solange wie möglich zu bleiben. Auf dem Rückweg dann wieder alles abwärts. Und ja, ich habe das bewusst in Kauf genommen. Ich ahnte, dass das für meine Gelenke nicht so gut sein würde, doch ein letztes kühles Bad im Pascuminersee wollte ich mir eben nicht entgegen lassen. Unten angelangt pochten meine Kniegelenke wieder heftig. Gut, dass Irgendlink fuhr.

Inzwischen geht es den Gelenken zum Glück wieder besser und auch der Muskelkater-aus-der-Hölle verkrümelt sich so langsam. Und ja, unsere Bordmittel haben gereicht und wir hatten am Schluss sogar noch ein bisschen Nüsse und Dörrfrüchte übrig. Oh, warte! Da war doch noch dieser köstliche Cake im Alp Bischola-Summerbeizli. Den darf ich nicht vergessen. Der war nämlich nicht Bordmittel, der war Zugabe.

Was bleibt? Erinnerungen. Viele Bilder. Filmchen mit Kuhgebimmel und Bergbachrauschen. Und immer wieder bleibt mir diese Sehnsucht nach dem nächsten Mal, wenn der Berg ruft.


Tag 1

Tag 2

Tag 3


*Für die Karte (hier) habe ich drei Wegpunktefarben verwendet. Der unterste der blauen Bömbel markiert den Parkplatz und ist somit Ausgangs- und Schlusspunkt. Die blauen Wegmarkierungen gehören zu den Tagen eins und zwei, die lilafarbenen gehören zur Wanderung am Sonntag und die roten markieren unsere Reise per ÖV. Die Karte liest sich im Uhrzeigersinn.

**Das Sponsoring für ein leichte(re)s größeres Wanderzelt für zwei Personen ist hiermit eröffnet. 😉

Mikroabenteuer, aber in groß und in Farbe

Etwas über zwei Jahre sind seit meiner ersten allein und ohne Zelt in der Natur verbrachten Nacht vergangen. Ausgeheckt hatte ich die Idee damals mit der lieben Freundin M. (2). Beide übernachteten wir irgendwo an der Aare, sie dort, ich hier in der Nähe. Ein Erlebnis, das ich damals als sehr bereichernd erlebt habe und gerne als Inspiration weiterempfehle.

Ich brauche sie hin und wieder, diese Abenteuer außerhalb meines gewohnten Alltags. Ich brauche Wald, ich brauche Erde unter den Füßen. Ich brauche Abenteuer und Abwechslung, auch wenn es oft nur etwas relativ Kleines, zeitlich Kurzes ist – ein sogenanntes Mikroabenteuer also, wie Outdoorerlebnisse in nächster Nähe neuerdings heißen. Aber besser klein als gar nicht. Und ja, ich weiß, dass das ein Privileg ist. Privilegiert bin ich auch dadurch, dass ich auf dem Land, inmitten von Flüssen und Wäldern, wohne.

Seit einiger Zeit geistert die leise Idee in M.s und meinem Kopf herum, dass wir eigentlich auch mal zusammen eine Nacht in der Natur verbringen könnten. Anläufe genommen haben wir dazu schon einige, doch entweder spielte das Wetter nicht mit oder der einen oder anderen kam etwas Kurzfristiges oder die Befindlichkeit dazwischen.

Vor einigen Tagen war ich mit dem Gedanken aufgewacht, dass dieses Wochenende eigentlich ein neuer Anlauf fällig wäre. Vielleicht würde es ja endlich klappen. Irgendwie wunderte es mich so gar nicht, dass ich – als ich an jenem Morgen mein Mailprogramm öffnete – eine Mail von M. fand, die genau die gleiche Idee gehabt hatte. Nach ein paar Hin- und Hermails einigten wir uns darauf, uns am Samstag Nachmittag um 16 Uhr am Bahnhof Brugg zu treffen.

Kurz nachdem wir uns begrüßt haben, beichtet M. mir, dass sie später Lust auf ein Bierchen haben können würde. Ich meinerseits beichte ihr, dass ich nur eine Flasche Bier mitgenommen hätte, für mich, aber selbstverständlich würde ich diese gerne mit ihr teilen oder – noch besser – ich würde ihr schnell eine kaufen gehen. Für sie hätte ich darum keine mitgenommen, weil sie ja keinen bis nur sehr wenig Alkohol trinke. Ich hupse schnell in den nahen Laden und schon bald wandern wir los. Vorbei an Königsfelden, runter an die Aare. Wie erwartet tummelt sich dort viel Volk. Fast jede Badebucht ist besetzt. Für uns kein Problem, denn wir wollen ja eh weiter wandern, vorerst nordwärts zum Wasserschloss.

Inzwischen ist es richtig warm geworden und uns beiden ist nach einem baldigen Hupser in die Aare, die Reuss oder die Limmat. Sobald wie möglich verlassen wir die Straße und wählen aarenahe Waldweglein. Bei der Brugger Kläranlage überqueren wir die kleine Fussgänger:innenbrücke um auf der anderen Seite eine erste Badestelle zu finden.

Ab ins Wasser, wie gut das tut! Ein Nebenarm der Aare, lauschig, wohltuend kühl. Erfrischend.

Nach einer kleinen Pause gehen wir über die Brücke zurück und schlagen uns auf schmalen Pfaden zum Wasserschloss durch, wie der Zusammenfluss der Reuss in die Aare heißt. Hier gilt es nun, eine Entscheidung zu treffen. Rechts, der Reuss entlang Richtung Süden, links der Aare entlang Richtung Stroppelinsel.

Seit ich diese Halbinsel vor einigen Jahren zufällig entdeckt habe, ist sie rasch eine meiner liebsten Badestellen geworden. Zwar sind immer ein paar Menschen dort, aber immer sehr angenehme. Auch ist sie nie überlaufen, denn man kommt nicht direkt mit dem Auto hin. Selbst das Fahrrad muss draußen warten, denn um auf die Wiese zu kommen, muss man durch ein Drehkreuz. Eingezäunt ist der Zipfel der Halbinsel, weil auf dem Grasland eine Herde Hochlandrinder weidet. Friedliche, sanfte, zottelige Tiere mit schönen, riesigen Hörnern. Und ja, auch mit M. war ich schon das eine und andere Mal hier und so wundert es mich nicht, dass sie sich für diesen Platz entscheidet. Eine falsche Entscheidung kann es hier eh gar nicht geben.

Ich lotse uns also über die Eisenbahnbrücke nach Vogelsang und schließlich quer durch Wohnquartiere zum Anfang des Wanderwegs, der in die Badestelle am nördlichen Zipfel der Halbinsel mündet.

Unterwegs überlegen wir, wo wir später unser Lager aufschlagen könnten. Die Badewiese noch außerhalb der Kuhweide ist, so denken wir, eine erste ernsthafte Alternative. Dass wir auf der weitläufigen Weide übernachten könnten, ist noch kein Thema. Schließlich sind wir fast die einzigen, die sich an diesem Samstagspätnachmittag noch hier aufhalten. Angenehm ruhig ist es. Schnell klettern wir in die Schwimmanzüge und stürzen uns ins die Nicht-Fluten. Ah, herrlich! Genau die perfekte Temperatur. Wohltuend kühl, aber nicht kalt.

So langsam macht sich ein kleiner Hunger breit. Wir arrangieren ein Picknickbüffet auf der Wiese und genießen die mitgebrachten Leckereien. Und Bier. Und mal wieder eine Zigarette oder zwei.

Inzwischen sind alle anderen Menschen, die da gewesen oder nach uns gekommen sind, wieder weg. Und so langsam kommt die Müdigkeit. Die letzten Nächte habe ich nicht sonderlich gut oder viel geschlafen. Wir beschließen also, solange wir noch genug sehen, unsere Lager auszubreiten. Unterlagen, Matten, Schlafsäcke. Die Rucksäcke stellen wir vorsorglich an einen nahen Baum, an welchem auch unsere nassen Badesacken hängen. Ein tolles Lager das!

Zähneputzen, Pinkeln und ab ins Bett. Langsam ist es kühler geworden, der Schlafsack wärmt. Wir genießen den Sonnenuntergang, die Abendstimmung, erzählen einander von anderen Wildübernachtungen. Das Feierabendkonzert der Vögel untermalt unser Gemurmel. Die äsenden Rinder, eben noch weit weg, näheren sich einer Futterstelle mit Heu. Immer noch ziemlich weit weg. Ich strecke mich aus – ah – und schließe mich entspannend die Augen. M. sagt: Du, da sind zwei Kühe.

Wie jetzt? Huch, die sind ja direkt hinter uns und dann auch schon direkt neben mir. Nein, ich habe keine Angst. Nicht um mein Leben jedenfalls. Respekt aber schon, denn ich möchte nicht wirklich und unbedingt so nahen Kuhbesuch. Das dann doch nicht. Der Bulle und die Kuh haben sich nun zwischen mich und den Baum geschoben und schnuppern an unseren Rucksäcken herum. Sie gehen sehr behutsam und bewegen sich unendlich langsam. Von ihnen geht keine Bedrohung aus. Weil ich dennoch Respekt vor den großen Hörnern, halte ich mir den Arm übers Gesicht, wir verhalten uns ruhig. Da der Bulle immer näher kommt und mich nun ein bisschen anstupst, wirklich nur ganz sachte, aber bei jeder Kopfbewegung die Hörner mitbewegt, wird es mir doch ein bisschen mulmig (da wusste ich übrigens noch nicht, dass es ein Bulle ist). Ich rede ruhig mit den Tieren und bitte sie, doch woanders hinzugehen. Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass die Rinder meine Luftmatratze betreten und sie so kaputt machen. Ganz langsam schlüpfe ich aus meinem Schlafsack, umkreise M., die noch links von mir in ihrem Lager liegt, und gehe von vorne auf die Tiere zu. Ich versuche, die Technik, wie man Pferde ohne Peitsche, mit bloßem Gegenübertreten, zu Rückschritten bringt, auf die Kühe anzuwenden, doch ich scheitere. Ich bin zu wenig überzeugend. Und zu wenig überzeugt. Schließlich sind wir hier die Gäste. Die beiden schauen mich mit lieben Augen an und warten einfach ab, was wir zu tun gedenken.

Inzwischen ist auch M. aufgestanden und wir versuchen gemeinsam mit sanftem Bitten die beiden Tiere wegzuschicken. Als wir auch zusammen keinen Erfolg haben, ziehen wir unsere Schlaflager, soweit es geht, aus dem Einflussgebiet der großen Kuhfüße. An meine Turnschuhe komme ich nicht ran, die liegen genau zwischen den beiden Tieren. Auch M.s Flipflops müssen wir liegen lassen, ebenso wie unsere Rucksäcke und die Badesachen am Baum. Den Rest packen wir so gut es geht zusammen und spazieren mit dieser ersten Ladung – es ist schon nach Sonnenuntergang, doch noch hell genug, um den Weg zu sehen – zum nördlichsten Zipfel der Wiese und der Insel. Dahin, wo sich die Insel verjüngt, mit unmittelbarem Blick auf den Zusammenfluss von Limmat und Aare. Eine wunderbare Stelle, flacher als der erste Lagerplatz. Absolut perfekt. Hier wollen wir bleiben.

Mit wieder leeren Händen gehen wir nochmals zurück, um zu sehen, ob wir an unsere restlichen Sachen herankommen. Können wir. Einzig M.s Flipflops bleiben irgendwo unter dem Bullen liegen, denn ja, der Bulle hat sich genau da hingelegt, wo eben noch M.s Lager war. Oke. Die wollen ja nur schlafen. Gut so, gut für uns.

Als M. später nochmals nachschauen geht, liegt die ganze Herde genau dort, wo wir eben noch lagerten. Ob diese Tiere immer am gleichen Ort schlafen? Ob wir ihre Lieblingsstelle besetzt hatten? Oder ob es für die Rinder deshalb dort so spannend war, weil wir uns dort hingelegt hatten? Wir werden es nie erfahren.

Noch eine ganze Weile liegen wir kichernd undzuweilen prustend in den Schlafsäcken und erzählen uns das Erlebte immer wieder neu. Herrlich, trotz des Schreckens. Als es immer dunkler wird, zündet der volle Mond wie ein Suchscheinwerfer direkt auf unser Nachtlager. Wow! Hat was.

Später, ich bin das erste Mal eingedöst, höre ich plötzlich Menschenstimmen und Ghettoblaster-Musik. Ganz nahe. Huch, da sind ja doch Menschen!, sage ich erwachend. Ein paar Taschenlampen leuchten zu uns. Die Musik verstummt. Flüsternde Stimmen junger Menschen, die sich wieder entfernen und sich woanders einen Platz suchen. Später hören wir Stimmen, nicht laut; junge, rücksichtsvolle Menschen, die sich vermutlich ein Nachtbad gönnen wollen. Später Gitarrenklänge und Gesang, weit genug weg um nicht zu stören.

Ich schlafe in Etappen. Das Rauschen der beiden Flüsse, der Tinnitus, Frösche, Enten, irgendwann größtmögliche Stille. Sterne am Himmel. Der wandernde Vollmond. Der Geruch von Gras und Erde und Wasser. Und ein bisschen Kuhmist, ja, das auch.

Gegen Morgen sehe ich die orangefarbene Sonne hinter den Bäumen, wie schön!, doch ich döse erneut ein. Gegen sieben ist die Blase dann bereit für eine erste Leerung und so ziehe ich mir die warme Jacke an und schlüpfe in die geretteten Turnschuhe. Für barfuß ist es mir doch noch ein klein bisschen zu kühl. Ein erster kleiner Spaziergang. Wie schön es ist. Wie still. Wie friedlich. Wie schön doch so ein Sommermorgen ist! Diese saubere Luft.

Die Rinder sind bereits am futtern und auf unserm ehemaligen Lagerplatz liegen einsam und verlassen M.s Flip-Flops, die ich mitnehme, im Fluss wasche, die Wassertemperatur teste und ein Bad zu nehmen beschließe.

Zurück beim Lager ist M. auch aufgewacht. Sie hat Cold Brew-Kaffee dabei, ich eine Thermosflasche mit gestern gekochtem Heißwasser für meinen Tee (zur Nachahmung empfohlen), sodass wir beide mit unseren Aufwachgetränken in den Tag starten können. Schließlich das Morgenbad, wohltuend, erfrischend. Schnell in die Kleider, bevor ich friere.

Ich bekomme fast nicht genug von dieser Insel, spaziere herum, genieße die Stimmung, die Sonne, die langsam zu wärmen beginnt.

Es ist halb neun, als wir unsere Sachen gepackt haben und loswandern wollen. Während ich noch die letzten Dinge verstaue, merke ich gar nicht, dass eine der Kühe sich uns genähert hat. Nummer 3802, unser Abschiedskomitee. Neugierig beschnuppert sie meinen Rucksack. Ich kann es nicht lassen und muss unbedingt ein Bild schießen. Irgendwie mag ich diese sanften, diese beharrlichen Tiere.

Barfuß spaziere ich neben M. zurück zur Straße. Bevor wir wieder ein Stück durch die Quartierstraßen gehen müssen, ziehe ich mir die Schuhe wieder an. Auf weichen Wegen gehe ich sehr gern barfuß, Straßen aber sind nichts für mich.

Als wir wieder zurück über der Eisenbahnbrücke sind, schlage ich vor, dass wir der Reuss entlang zurückzuwandern könnten. Zurück durchs Kunzareal und am Wehr vorbei über eine weitere Brücke. Bei der Gebenstorfer Reuss-Badi hupsen wir nochmal kurz ins kühle Nass. Diesmal ist es die Reuss. Es ist bereits wieder heiß geworden und wir schwitzen. Eine junge Frau, die einzige Anwesende auf dem Platz, warnt uns vor der starken Strömung, weshalb wir nicht schwimmen, sondern nur ein kleines Reintunk-Erfrischugsbad nehmen und uns anschließend unter die Duschen stellen. Aaaah. Wie gut das tut. Ich beschließe, das Badekleid anzubehalten, da wir ja eh bald daheim sind.

Dort gibt es Frühstück. Und endlich noch mehr Kaffee, diesmal heißen, für die liebe M.; was muss, das muss.

Was für ein tolles Abenteuer das war! Aber, äh, so Mikro nun auch nicht, nein, eigentlich richtig groß und in 3D.

Die Route: Hier klicken.

Fast wie eine Woche Ferien

Wenn ich so erschöpft bin wie diese Woche, hilft eigentlich nur noch wandern.

Wie oft, wenn die Wanderschuhe locken, fahren wir nach Bözberg auf den Bözberg. Im Dorfteil Kirchbözberg der sehr weitläufigen Gemeinde parken wir bei der Kirche und beschließen spontan, Richtung Sennhütten zu wandern, diesem kleinen Weiler, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte.

Kaum haben wir Oberbözberg hinter uns gelassen, bergan wandernd, betreten wir Neuland. Verrückt eigentlich, wie sehr uns die nahe Umgebung oft unbekannt bleibt. Normalerweise lockt ja das Ferne mehr, doch gerade in den letzten zwei Monaten haben wir sowohl hier als auch ins Irgendlinks Wohnumgebung neue, nahe Wanderschätze entdeckt. Gestern auch wieder. Eintauchen in die Wald-und-Hügelwelt. Wohltuendes Im-Wald-Gehen, moderat bergan, hinter uns ein herrliches Alpenpanorama, die Schneeberge der Zentralschweiz zum Greifen nah.

Unterwegs zwischen Wiesen und Feldern philosophieren wir, wie schön und wertvoll doch Alleen sind, wie sehr doch Schattenbäume rechts und links des Wegen sowohl der Umwelt gut tun als auch uns Wandernden doch das Leben versüßen würden. Immerhin können wir uns immer mal wieder von Kirschbaum zu Kirschbaum mundrauben, denn ein paar Bäume stehen zum Glück ja doch am Wegrand. Und ach, was für eine wunderbare Frucht doch so eine Kirsche ist!

Und auf einmal sind wir im Weiler Sennhütten. Ein kleines Bergrestaurant, Take & Sitz, lädt zum Verweilen ein. Schön weit auseinander sind Tische auf dem Gelände verteilt, ein paar Menschen wuseln herum, vom Nachbarhof ennet der Weges dudelt Volkstümliches, das ich sonst ja nicht wirklich mag, aber hierher passt, und wir holen uns am Tresen etwas zu trinken. Kaum haben wir uns hingesetzt, hopst ein Kater auf unsern Tisch und will nur genau etwas: Gestreichelt werden. Zuerst oben, dann am Bauch. Wie so ein Brotteig breitet er sich auf dem Tisch aus und lässt es sich gut gehen.

Später gesellt sich die Wirtin zu uns und wir erzählen uns gegenseitig Geschichten von Katzen und Hunden und werden auch gleich noch ihrer Hündin Carma vorgestellt, einer sehr zutraulichen Mischlingshündin. Kater Courage hat sich nun wieder verabschiedet und später tun wir es ihm gleich, holen beim Wirt noch ein paar Tipps für die Weiterwanderung über Kästhal zurück nach Kirchbözberg ab und machen uns auf den Weg.

Zuerst Richtung Effingen, hat er gesagt, dann aber steil runter nach Kästhal. Der schmale Wanderweg nach Kästhal ist fast zugewachsen, so dass wir an einer besonders dichten Stelle beschließen, direkt querfeldein durch den Wald abzusteigen. Unten, am Waldrand, angelangt hält uns ein elektrischer Zaun auf. Die Kuhweide ist groß und die Kühe weit weg, weshalb wir beschließen, ein Stück über die Kuhweide zu gehen. Wozu gibt es schließlich Wanderstöcke, wenn nicht um elektrische Zäune herunterzudrücken um bequem darüber steigen zu können? Nach einem weiteren Wald- und Quer-über-die Wiese-Stück sind wir wieder auf Kurs.

Kästhal ist ein Nest am Ende der Welt. Oder mittendrin? Wer weiß das schon so genau. Jedenfalls kommen wir uns vor wie irgendwo in den Bergen, nicht wie gerade mal ein paar Kilometer von den nächsten Kleinstädten in einem sehr dicht besiedelten Kanton entfernt.

Wieder bergan steigend peilen wir wieder jenen Weg nach Bözberg an, den wir teils bereits gegangen sind. Auf einer schattigen Bank angelangt vespern wir Mitgebrachtes und genießen das Alpenpanorama in der Ferne, den Blick in die Weite.

Kurz vor Kirchbözberg dann eine letzte Schattenbank. Unter uns das Dorf. Du, wie lange waren wir eigentlich unterwegs? Eine Woche? Ach nein, nur ein paar Stunden.

Eine Biene setzt sich auf meinen Arm und leckt mich ab. Hat die mich eben Blüte genannt? Ich mag das, ihr zuzugucken, wie sie sich ganz langsam vorantastet bis sie genug hat und weiterfliegt.

Als wäre das alles nicht schon genug des Guten steht auch noch unweit des parkenden Autos ein Bücherschrank und natürlich können wir nicht widerstehen, lesen je ein Buch aus und geloben, das nächste Mal neue Bücher mitzubringen.

Gestrige Wanderroute