Wie Menschsein sein könnte

Ich habe da schon lange so ein Ideal vom Menschen und vom Menschsein in mir drin. Mein Ideal, wie wir sein könnten. Wie wir sein sollten. Wie ich gern wäre.

So ist mein idealer Mensch liebevoll und geht sowohl mit sich selbst als auch mit seinen Mitmenschen achtsam um. Selbstliebe und Liebe sind seine innere Haltung, die sein Handeln steuert. Ungekünstelte Liebe, die aus dem Selbstverständnis und dem Verständnis vom eigenen Wert und dem Wert jedes anderen Wesens gewachsen ist.

Mein idealer Mensch handelt respektvoll, kreativ, reflektierend und auch wenn er Fehler macht – denn die macht er, und nicht zu knapp! –, bleibt er den anderen und sich selbst gegenüber liebevoll. Er verzeiht sich selbst.

Je nachdem, was mein idealer Mensch für ein Temperament und für einen Charakter hat, arbeitet er eher still vor sich hin oder macht sich sichtbar. Er setzt sich für eine lebenswertere Welt ein, im Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Er ist gegenwärtig, ist sich aber sein Vor- und sein Nachher jederzeit bewusst. Mein idealer Mensch ist in der Lage, jetzt aus Überzeugung zu agieren und auf Umstände zu reagieren.

Dieser ideale Mensch ist sich nicht zu schade, den Dreck aufzuwischen, den andere verursacht haben – zum Wohl aller. Er tut es ohne jede Servilität, weil er weiß, dass alle zusammen im gleichen Boot sitzen. Aber er tut es auch in einer kritischen Haltung, denn er lässt sich nicht ausnützen. Er hat Rückgrat und eine klare innere Haltung.

(Ja, ich weiß, ich habe sehr hohe Ideale. Geht das auch in kleiner?, fragen manche. Nö, geht nicht.)

Ein solcher Mensch gedeiht natürlich nicht von allein und das ideale Umfeld um darin ideal aufzuwachsen gibt es natürlich auch nicht, so wie es auch die ideale Kindheit nicht gibt. Und auch die idealen Lebensbedingungen gibt es nicht.

Außerdem haben manche mehr Glück als andere. Und manche haben tauglichere Krücken als andere. Manche können mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen besser umgehen als andere. Manche haben von Natur aus ein sonnigeres Gemüt als andere. Und vergessen wir nicht: Ganz viel, was geschieht, mit uns geschieht, können wir nicht beeinflussen. Und alle erleiden wir im Laufe des Lebens Verletzungen, die uns beeinflussen. Unser Denken, unser Handeln.

Kurz: Wir alle leben nicht unter idealen Bedingungen und unsere Befindlichkeiten sind selten ideal. Darum können wir oft nicht unseren Idealen gemäß denken und handeln. Ich jedenfalls bin von meinem Ideal weit entfernt. Dennoch und vielleicht auch darum bin ich froh, dass ich ein paar Vorbilder habe, die Selbstliebe, Schwachseindürfen, Empathie leben. Ja, ich weiß, Vergleiche sind müßig und ja, auch diese Menschen sind nicht ideal. Dennoch denke ich, dass wir alle Vorbilder und Ideale brauchen, um uns vorwärts zu entwickeln.

Es braucht Menschen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Oder auch wie die neuseeländische Präsidentin und viele andere, die im Stillen handeln. Es braucht Menschen, die nicht aus Profiliersucht Gutes tun, denen es egal ist, was die andern von ihnen denken, die ihr Handeln am Nutzen für andere messen, nicht am Nutzen fürs eigene Ego.

Es braucht einen Wertewandel. In allen Lebensbereichen. Je länger je dringender.

+++

Apropos Wertewandel:
Gestern habe ich das neue Asterix-Heft – Die Tochter des Vercingetorix – verschlungen. Ich kann es nur herzlich empfehlen.

Hier gibts einen kleinen Happen zum Anfixen:

Die vier abgebildeten Comic-Strips aus dem neuen Asterix-Band zeigen eine Szene auf dem Schiff. Im ersten Bild sieht man zwei alte und einen jungen Gallier, die darüber reden, dass sie die Tochter des Häuptlings in Sicherheit bringen müssen. Der junge Mann ist Kapitän des Schiffes und heißt Letibix. Normalerweise transportiert er Blumen. Er zitiert im dritten Bild den Beatles-Song Imagine. Ihr mögt sagen, ich bin ein Träumer, doch wie ihr, glaube ich, dass eines Tages Frieden herrschen wird.  Im vierten Bild sagt er: Stellt euch vor, es gibt keine Grenzen mehr, Römer und Gallier tauschen ihre Waffen gegen Saatgut und pflanzen überall gemeinsam Getreide und Blumen ...
Halbe Seite aus dem neuen Asterix-Band (Bildbeschreibung im Quelltext)

Wenn die Berge rufen | #flussnoten19

Die Aare also. Dieser Fluss, an dem ich vor vielen Jahren geboren wurde. Dieser Fluss, in dessen Nähe ich die meiste Zeit meines Leben gelebt habe. (Aufzählungen erspare ich euch. Ich bin so oft umgezogen, dass ich selbst manchmal nicht mehr weiß, in welcher Reihenfolge ich wann und wo gelebt habe.) Sie hat mich geprägt, die Aare. Auch die wenige Jahre, die ich nicht im Dunstkreis der Aare gelebt habe, wohnte ich – fast immer – in der Nähe eines Gewässers, zum Beispiel an der Limmat mit ihrem schönen Zürichsee.

Kurz und gut: Es ist höchste Zeit, endlich herauszufinden, woher mein Heimatfluss überhaupt kommt.

Es sind die Aargletscher – eine Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare gebären, auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Als Hauptquell nennt Wikipedia den Unteraargletscher auf 1977m ü. M. im Grimselgebiet.

Von da aus fließt die Aare stetig abwärts, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen, um schließlich bei Koblenz – bei 312m ü. M. – in den Rhein zu münden. Bis dahin hat sie einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und 291,5 km zurückgelegt.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt

Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

So weit werden wir es in den zwei Wochen, die wir uns freigeschaufelt haben, allerdings nicht schaffen. Nicht im gebirgigen Auf-und-Ab, nicht mit den 15kg-schwerem Wanderrucksäcken mit Zelt-Matte-Schlafsack auf den Rücken. Auch geht es ja nicht um sportliche Leistung, es geht um Entschleunigung, um Ruhefinden, um Kraftschöpfen.

Manche Aarewege bin ich bereits früher in meinen Leben schon geradelt – allein, mit andern, mit Irgendlink. Andere Teilstücke sind uns von gemeinsamen Wanderungen bekannt. Doch jenen Abschnitt ganz oben im Berner Oberland haben wir beide bisher weder erwandert noch erradelt. Darum werden wir – wie vor drei Jahren beim Rhein – bei der Quelle anfangen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wir auf den Grimselpass, da dort irgendwo die Aare, inmitten von Bergseen, ihr Dasein als Fluss anfängt.

>> Karte Grimsel <<<

Am Samstag werden wir Freunde am Thunersee besuchen und bei ihnen übernachten. Bei ihnen dürfen wir auch das Auto abstellen, um von dort aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge zu fahren.

Die ersten Wandertage sehen dann ungefähr so aus:
>>> Karte <<<

Ich freue mich total.

Ob wir bloggen oder twittern werden, wird von der Tageslaune abhängen, vom Netz, von der Befindlichkeit. Vielleicht werden wir auf Twitter sogar unseren Rheinwander- und Rheinradelhashag #Flussnoten wachküssen. Und vielleicht sogar das gleichnamige Blog?

Die Tageslaune wird es zeigen.

Ausgelesen #27 | Die wundersame Mission des Harry Crane von Jon Cohen

Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.
Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.

Am Anfang von Jon Cohens Märchenroman sterben zwei Menschen. Doch keine Angst, trotz des traurigen Auftaktes ist Die wundersame Mission des Harry Crane keine traurige Geschichte. Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte? Auf alle Fälle lesenswert!

Wie schon oft finde ich persönlich den deutschen Titel übrigens ziemlich schlecht gewählt, zumal ich diesen Bandwurm-Titel-Trend eh nicht mag. Im Original heißt dieser Roman schlicht Harry’s Trees, was der Sache schon näher kommt. Harrys Bäume. Als Titel hätte mir auch Orianas Wald gut gefallen.

Was wäre, wenn über Nacht Wunder geschähen und die Probleme, die uns am meisten belasten, sich von selbst oder durch Zauberfeenhand gelöst hätten und unsere Welt beim Aufstehen eine andere wäre? Was wäre am Morgen anders?

Harry Cranes Antwort wäre vermutlich ziemlich einfach: Seine Zauberfee hätte über Nacht die Uhr zurückgedreht. So hätte er dieses eine Los nicht gekauft und seine Frau nicht an dieser gefährlichen Straßenecke warten lassen. Stattdessen wäre er mit Beth, seiner großen Liebe, wie geplant schnurstracks ins Kino gegangen. Der tödliche Unfall wäre nicht geschehen und Beth noch am Leben. Auch die zehnjährige Oriana müsste vermutlich nicht lange überlegen: Ihr wunderbarer Vater Dean wäre nicht gestorben.

So aber ist geschehen, was geschehen ist. Kurzum: wir brauchen ein neues Wunder. Harrys Wunder geschieht, als er einen Anruf von seinem Anwalt bekommt. Die Baufirma, die Beths Tod zu verantworten hat, zahlt sieben Millionen Schadenersatz. Geld allerdings, das Harry gar nicht will. Nur seinem großen Bruder Wolf zuliebe ist er mit zum Anwalt, der schließlich eine Schadenersatzklage angeleiert hatte. Harry will nicht das Geld, Harry will Beth. Die Schuld, die er sich an Beths Tod gibt, ist im Laufe des seither vergangenen Jahres nicht kleiner geworden. Nach dem anwältlichen Anruf setzt er sich darum in sein Auto und fährt los. Mitten in die Wälder Pennsylvanias, die erbisher tagtäglich von Berufs wegen verwaltet hat. Harry will nicht mehr leben. Mit Blutgeld schon gar nicht.

Derweilen ist Oriana davon überzeugt, dass ihr Vater Dean nicht tot ist, sondern sich in ein geflügeltes Tier verwandelt hat. Darum legt sie ihm im Wald seine Lieblingsleckereien hin. Überhaupt ist sie ganz oft im Wald. Mit oder ohne Bücher, die sie sich bei der betagten Bibliothekarin Olive in der Stadtbibliothek holt. Von ihr hat sie auch das handgeschriebene Märchenbuch des alten Grum, eine Geschichte, die sie schon viele Male gelesen hat. Ausgerechnet dieses Buch aber hat sie verloren. Vermutlich im Wald, an einem ihrer vielen schöne Leseplätze.

Oriana, die mit ihrer Mutter Amanda nach dem verlorenen Buch sucht, findet Harry, der beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, von einer maroden Mauer gestürzt ist. Drei Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, lernen sich kennen – der Beginn einer großen Seelenfreundschaft. Amanda bietet Harry an, seine Beule zu verarzten, ist sie doch von Beruf Krankenschwester und von Natur aus sehr pragmatisch, ganz anders als ihre belesene und von Märchen besessene Tochter.

So kommt es, dass Harry für drei Wochen ins Baumhaus der Familie einzieht, um die Bäume zu zählen. Als Forstbeamter kommt ihm diese Ausrede gerade recht. Vielleicht kann er in dieser Zeit ja ein bisschen Frieden finden? Waren Wälder, waren Bäume denn nicht schon immer – schon als er ein Kind war –, seine große Leidenschaft gewesen? Auf ihren Ästen und in ihrem Blätterwerk hatte er sich versteckt, wenn ihn sein großer Bruder Wolf piesacken wollte oder die Eltern sich einmal mehr in die Haare geraten waren.

Schließlich beginnt er, den Wald und dessen Bäume zu erkunden und zu erklettern. Immer ein bisschen höhere. Immer ein bisschen mehr kommt Harry wieder zu Kräften. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihm und Oriana weicht allmählich Orianas Fixierung auf die Rückkehr ihres Vaters als geflügeltes Wesen auf. Gemeinsam wollen die beiden jetzt die Geschichte des alten Grum in die Wirklichkeit holen, der sein Glück gefunden hat, nachdem er all seine Schätze verschenkt hat. Harry fühlt sich in den Wäldern Pennsylvanias je länger je sicherer. Auch vor seinem Bruder Wolf, der einen Anteil von Harrys Schatz für sich beansprucht. Derweilen schlägt sich Amanda mit ihren Verehrern herum, die nach ihrem Trauerjahr anfangen, mit den Hufen zu scharren. Doch dann geschehen Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Geschichte entwickelt nach und nach eine ihr eigene Dynamik, die sowohl märchenhaft als auch lebensnah ist. Jon Cohen webt eine weise und phantasievolle Geschichte, von der ich am Schluss nicht weiß, ob sie Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte, Liebesroman, Coming of Age-Geschichte oder Feelgood-Roman ist. Nun – sie ist all das. Und noch viel mehr. Liebevoll und warmherzig geschrieben ist sie pure Medizin für Menschen, die Bäume lieben, gerne teilen, gerne träumen und die Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander nicht aufgeben wollen.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Jon Cohen | Die wundersame Mission des Harry Crane – Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Erschienen: 02.10.2018
insel taschenbuch 4662 | Klappenbroschur, 536 Seiten
ISBN: 978-3-458-36362-0
Auch als eBook erhältlich

D: 15,95 € | A: 16,50 € | CH: 22,90 sFr

Suhrkamp

Ausgelesen #26 | Into madness von A. K. Benjamin

Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.
Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.

Ich kann dieses Buch nicht besprechen ohne vor ihm zu warnen. Weil es ziemlich verrückt ist. Und weil es verrückt. Weil es Sichtweisen verrückt. Weil es auf den Kopf stellt, was wir für unverrücktbar hielten. Weil es Geschichten erzählt, die vom Verrücktwerden und vom Verrücktsein handeln.

Ich mag das Buch, weil es nicht nur verrückt, sondern auch zurechtrückt. Es räumt zum Beispiel mit dem Märchen des omnipräsenten Arztes und der allwissenden Ärztin auf.

Der englische Originaltitel lautet Let me not be mad – A story of anravelling minds (Lass mich nicht verrückt sein – Eine Geschichte über das Entwirren des Verstandes) und wie so oft gefällt mir dieser besser als die für die deutsche Ausgabe gewählte Version.

Was sich am Anfang wie ein persönlich gefärbtes Sachbuch mit spannenden Fallanalysen liest, wird zunehmend zu einer Spurensuche, die, je länger wir dem Neuropsychologen Alasdair Benjamin, Ally, beim Leben zuschauen, desto verrückter wird. Irgendwann sind wir von Lesenden zu Mitfühlenden geworden, Teil seiner Gedanken, Teil seiner Suche, Teil seines eigenen Leids.

Er hatte uns gewarnt, ziemlich am Anfang des Buches. Er hatte erklärt, dass die Fallbeispiele aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet worden seien. Was einleuchtet. Erst kurz vor dem Finale des Buches wird klar, was Benjamin mit seiner Information meinte, dass er auch über seine eigenen Erfahrungen schreibe.

Eben noch hatte uns der auf Diagnostik und akute Rehabilitation spezialisierte Arzt einige klinische Begegnungen präsentiert. Wir hatten eine verwirrte ältere Frau namens Lucy kennengelernt, die Alzheimer hat – oder nicht. Und da war dieser merkwürdige Junge gewesen, dessen Aggressionen und Autoaggressionen die Eltern hatten den Arzt aufsuchen lassen und dann war auch noch jener fünfzigjährige Geschäftsmann, dessen schwere Hirnverletzung ihn zu einem exaltierten unberechenbaren Menschen gemacht hatte. Benjamin entgeht in seinem Beratungsraum in einem verschuldeten Londoner Klinikum nichts. Auch nicht die Schweißflecken, die sich über Lucys Kleid bewegen und einer animierten Landkarte auseinander driftender Kontinente ähneln. Benjamins Blick ist scharf und er findet Worte, um den Dingen Gestalt zu verleihen, für die weniger Sensiblen, weniger für solcherlei Reize Empfänglichen der Blick fehlt. Er trägt nicht nur das Herz, er trägt auch das Hirn auf der Zunge und es gelingt ihm problemlos, all die Widersprüche des wissenschaftlichen Betriebes mit all seinen Grenzen in der Diagnose und der immer vorhandenen Möglichkeit von Fehldiagnosen nebeneinander zu stellen. Dass Weißkittel auch nur Menschen sind, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, wird klar, als bei Lucy, die nach der Diagnose Demenz alle Anzeichen einer Demenz entwickelt, obwohl sie klinisch gesehen gesund ist und die Diagnose de facto falsch war. Benjamin zeigt, dass das menschliche Bewusstsein ein beschränkter Ort ist, an dem selten alles so ist wie es anfangs aussah. Und sich eben auch Ärztinnen und Ärzte irren können.

Nach und nach verändert sich das Erzähltempo – zuerst schier unmerklich –, und schon bald sind die Sprünge auf der Zeitachse der Erzählung nicht mehr immer ganz einfach nachzuvollziehen. Auch die Andeutungen mehren sich, dass Benjamin selbst ein Seiltänzer und Gratwanderer ist, ähnlich seinen Patientinnen und Patienten. Sein Blick hinter den Vorhang des alltäglichen Horrors neurodegenerativer Erkrankungen gleicht mit viel gutem Willen einer schwarzen Komödie und oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Unberührt sein geht nicht. Längst bin ich mitten drin. Teil der Geschichten. Intelligenz, Weisheit und Wahnsinn wohnten schon immer nahe beieinander.

Nach und nach offenbart sich, wie es um Benjamin selbst steht. Die Beziehung zur Mutter seiner beiden Töchter ist zerbrochen, neue Liebschaften scheitern an seiner analytischen Vorgehensweise und spätestens als er für den britischen Ironman trainiert und diesen dann auch tatsächlich bestreitet, wird klar, dass auch Benjamin selbst psychisch krank ist. Dass er es wohl schon immer war. Während er mit seinem Rennrad durch die britischen Berge rast, denkt er über das Profil seiner Kunstfigur Brad76 nach, das er erschaffen hatte, um auf einer Datingplattform eine neue Partnerin zu finden. Ein Prozess, der ihn wahnsinnig gemacht habe. Kein Detail seines Profils hat er dem Zufall überlassen. Obwohl fast nichts der Realität entspricht. Manisch und getrieben versucht er, sein Leben, das mehr und mehr auseinander zu brechen droht, zusammenzuhalten, versucht, bei der Arbeit, professionell zu bleiben, was ihm immer weniger gut gelingt, und wird schließlich eines Tages vor die Wahl gestellt, selbst in die Therapie zu gehen oder mit der Arbeit aufzuhören. Längst arbeitete er da schon nicht mehr mit Patient*innen.

Augenzwinkernd erzählt der Autor von einem Syndrom, das vom Kollegium nach ihm benannt wurde: Dieses Benjamin-Syndrom handelt vom Impuls, Geschichten zu erzählen, die vordergründig witzig und selbstironisch sind, sich aber ungewollt gegen die Erzählenden selbst richten. Sein Buch ist das beste Beispiel für das besagte Syndrom, denn Benjamin erzählt schonungslos, schönt nicht, übertreibt aber auch nicht wirklich, nicht jedenfalls im Sinne einer inszenierten Übertreibung. Mich erinnert der Text übrigens streckenweise an Knausgård.

Das Erzähltempo nimmt weiter zu, Benjamins Verwirrung, durchwoben von analytischen und gesellschaftpolitischen und -relevanten Erkenntnissen, klugen Lebensweisheiten und seiner unüberlesbaren Sehnsucht nach dem Verständnis der großen Zusammenhänge mit den kleinen Details wird dichter und schließlich bleibt seiner Vorgesetzten nur noch eins: Ihm ein Sabbatical aufzunötigen.

So verlässt Benjamin seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus und verbringt einige Monate in einem Meditationszentrum irgendwo im Fernen Osten, wo er sich der Selbstheilung und der Achtsamkeit widmet. Auch hier – vor allem zu Beginn – geschieht nichts ohne Selbstironie, trotz aller Ernsthaftigkeit. Und es ist keineswegs ein einfacher Prozess, den er da durchläuft. Im Gegenteil. Wer immer über das Leben nachgedacht und es analysiert hat, kann diesen inneren Lärm nicht einfach ausknipsen. Der Autor durchlebt eine schwierige Zeit und obwohl es eigentlich verboten ist, schreibt er immer mal wieder einige Erkenntnisse auf. Mal dienen diese eher der Forschung, der Selbsterforschung, mal eher dem persönlichen Heilungsweg. Wie soll man das auch trennen können?

»’Wahnsinn’, das Symptom des Festhaltens am Ich: unser Zwang, uns ständig selbst zu bestätigen. Es ist, als würde man den Vorhang beiseite ziehen und entdecken, dass der große und schreckliche Zauberer von Oz ein tatteriger alter Mann ist, der zugibt, dass er statt eines Herzens und eines Gehirns nur eine Uhr und ein Diplom geben kann. […] Nach Vorhang über Vorhang ist nur noch ein nackter Neunzigjähriger im letzten Alzheimer-Stadium übrig, der kaum mehr blinzeln kann. Bis nichts mehr hinter dem Vorhang ist. Lass mich nicht nichts sein.« (Zitat, S. 221, eBook)

Benjamin wäre nicht er selbst, wenn er das Buch mit weisen violett schimmernden Szenen und verklärten Erkenntnissen aus dem Meditationszentrum beenden würde. Im Gegenteil. In seinem letzten Kapitel sitzt er in einem Londoner Pub, überlagert ist diese Momentaufnahme mit einer Szene aus einem Trickfilm. Und auch Alkohol ist mit im Spiel. Leben ist eben mehr, als die einzelnen Teilchen an die richtigen Stellen zu fügen. Das Gesamtbild ändert sich laufend und hat eigentlich keine klaren Ränder.

Ich mag A. K. Benjamins Buch sehr. Es ist letztlich, unabhängig vom Genre, ein Hilferuf, ein Beitrag zur Aufklärung über psychische und neurodegenerative Erkrankungen und hat viele Leserinnen und Leser verdient. Mutige Menschen, die sich nicht scheuen, sich auf diese doch recht verrückte Geschichten einzulassen. Inzwischen lebt Benjamin (Pseudonym) übrigens in Indien, wo er eine Klinik für Kinder mit neurologischen Störungen aufgebaut hat.

Herzlichen Dank an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Into Madness | Geschichten vom Verrücktwerden
Erzählendes Sachbuch, Memoir
Hardcover und eBook
Aus dem Englischen von Simone Jakob
288 Seiten
ISBN: 978-3-86493-067-6
D: € 20.00/19.99 | CH: Fr. 25.90/Fr. 21.–

Verlag: Ullstein extra