Die kleine Wildnis

Meine erste Nacht unter freiem Sternenhimmel erlebte ich ziemlich spät. Ich muss bereits etwa siebzehn Jahre alt gewesen sein. In einem Pfingstlager war es; und ich erinnere mich kaum mehr an Details. Eigentlich nur noch daran, wie erstaunt ich gewesen war über die Feuchtigkeit des Frühsommermorgens im Wald.

Später hatte ich immer mal wieder mit Freundinnen und Freunden die eine oder andere Nacht in der freien Natur verbracht – von Zeltplätzen einmal abgesehen. Aber auch in der Wildnis häufiger mit Zelt drumrum als ohne. Und obschon ich Nächte im Zelt liebe, ist doch dieses Gefühl, unter dem freien Sternenhimmel zu schlafen, durch nichts zu übertreffen. (Natürlich spreche ich von warmen (Früh-)Sommernächten, denn ich friere schnell.)

Bereits vor vielen Jahren machte ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, einmal ganz allein in der Natur zu übernachten. Hätte ich eine Löffelliste – eine Liste also mit Dingen drauf, die ich tun will, bevor ich eines Tages den Löffel abgebe –, wäre ’allein unter freiem Himmel schlafen’ sicher einer der ersten Punkte. Gewesen. Denn jetzt kann ich diesen Punkt ja abhaken. Wobei … ich ahne, dass es nicht meine letzte Alleinnacht war.

Dass ich es endlich getan, gewagt, habe, verdanke ich der lieben M. (2), die mich gestern eigentlich hatte besuchen wollen. Zu Fuß startete sie am Samstagmorgen fünfzig Kilometer von mir entfernt und näherte sich meiner Wohngegend dem Lauf der Aare folgend, dem Fluss der unsere Wohnorte miteinander verbindet.

Ich selbst machte mich erst am späten Samstagnachmittag auf den Weg. Mein Fahrrad belud ich mit Schlafsack, Matte, Überlebensdecke, Buch, zweieinhalb Liter Wasser, Picknick, Zahnbürste und einem guten Buch. Klingt nach wenig, ist aber dann doch einiges an Material.

Auf mir wohlbekannten Wegen fuhr ich der Aare entlang und hielt immer mal wieder Ausschau nach einem schönen Platz, zumal ja nicht die Radtour im Vordergrund stand. Ich kenne hier viele schöne Plätze, denn ich bin nicht weit von hier aufgewachsen und habe als Jugendliche und auch später, als ich schon mal in der Gegend gewohnt hatte, viele schöne Sommerabende am einen oder anderen Kies- oder Sandstrand und auf dieser oder jener Halbinsel verbracht.

Dass diese noch immer heiß begehrt sind, musste ich schnell feststellen. Alle Lieblingsplätze, die ich beim Vorüberradeln sah, waren besetzt. Und beschallt. Womit wir beim Punkt wären, warum ich mich bisher vor so einer Nacht in der Natur gefürchtet hatte. Die Leute. Das Partyvolk. Menschen, die lärmen. Weniger also die Natur, obwohl auch diese natürlich meinen ganzen Respekt hat.

Ich ließ die lärmenden Menschen links liegen und fuhr weiter. Und auf einmal war er da, der Flow. Die Ruhe. Ich machte immer wieder Pausen, setzte mich auf sonnige und auf schattige Bänke; und auf Steinstufen, badete die Füße und genoss es einfach zu sein. Ich blieb immer genauso lange, wie ich mich an einem Ort wohl fühlte. Und immer nur dort, wo ich mich wohlfühlte. In mir drin das ruhige Wissen, dass ich jederzeit umkehren und nach Hause radeln könnte.

Selbst als ich bereits meinen Platz für die Nacht gefunden hatte, war diese Ruhe in mir, dass ich nichts muss, ich muss niemandem etwas beweisen. Da war einfach diese tiefe, innere Gewissheit, dass es gut ist, wie es ist. Zwischen einem Rapsfeld und einem Waldrand, auf einem Stück Wiese, fand ich schließlich meinen Platz. Eigentlich für einen Frischling in Sachen ’Schlafen unterm Sternenhimmel’ perfekt. Hier würde ich meine Ruhe haben, fernab vom Partyvolk. Vom Radweg nicht allzu weit entfernt, aber wegen des Rapsfeldes war ich hier praktisch unsichtbar.

Derweil hatte auch M. mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass überall an den Stränden und schönen Plätzen schon Menschen waren. Schließlich fand auch sie einen Nachtplatz. Und ja, auch für sie war es das erste Mal allein unterm Sternenhimmel. Wir schrieben hin und her und nach einem kleinen Anruf beim Liebsten legte ich mich um zehn bereits schlafen. Es war dunkel und das Beobachten der Nacht spannender als mein Buch. So blieb ich noch eine Weile wach und lauschte dem Glücksgefühl in mir nach. (Endorphine und so.) Der Halbmond leuchtete mir ins Gesicht und tauchte alles um mich in ein sanftes Licht.

Überhaupt: Dämmerung. Sie ist für mich die schönste Tageszeit, wenn ich draußen schlafe. Noch nicht dunkel, noch nicht wieder hell. Zwischenwelt.

Während ich vor mich hindöste und den Geräuschen der Nacht lauschte (auch die Autobahn gehört dazu, fern zwar, aber hörbar), erinnerte ich mich an frühere Nächte unterm Sternenhimmel. Im Wald, am Gerzensee mit anschließendem Morgenbad, in St. Lup, in Israel, an der Melezza, anderswo an der Aare, zwischen den Mauern einer Ruine, immer mehr Orte und Nächte fielen mir ein und ich dachte dabei an all die Menschen, neben denen ich schon unterm Sternenhimmel geschlafen hatte. Verbundenheit. Frieden. Dankbarkeit. Und irgendwann schlief ich tief und fest ein.

Als ich um halb fünf pinkeln musste, war es noch dunkel, dunkler als beim Einschlafen, da sich der Mond nun woanders aufhielt; und es war kalt. Neun Grad. Diesmal dauerte es eine ganze Weile, bis mir warm wurde und ich weiterschlafen konnte. Kurz nach dem ersten Vogelgesang – 5:45 sagte mein Handy – döste ich wieder ein und verpennte den Sonnenaufgang.

Erst um halb acht wurde ich wieder wach. Richtig erholt fühlte ich mich. Richtig wohl. Richtig geborgen. Auch M. hatte es so ähnlich erlebt, doch weil sie am Vortag über dreißig Kilometer gewandert war, fühlte sie sich zu erschöpft zum weiterwandern und fuhr mit dem Zug nach Hause. Genau das meint Selbstfürsorge. Genau das ist Selbstmitgefühl. Wir klopften uns gegenseitig verbal auf die Schultern, wir Heldinnen.

Auf dem Heimweg fand ich einen Weg, den ich schon viel zu lange nicht mehr geradelt bin. Was für eine schöne Gegend eigentlich, in der ich lebe!

Und wie schön, dass ich ein Zuhause habe, eine warme Dusche, ein Bett. Dinge, die so selbstverständlich zu sein scheinen, wertschätze ich nach einer Nacht in der Wildnis definitiv mehr.

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Unterwegs im Schwarzwald

Du könntest eigentlich das Zelt mitbringen, hatte ich vor einer Woche zum Liebsten gesagt. Wir könnten ja mal wieder. Den Liebsten muss man für solcherlei nicht erst groß überreden und so planten wir am letzten Donnerstagabend – er war ein paar Stunden vorher angekommen – einen kleinen Ausflug mit Zelt und schön und Natur und nicht zu weit und so. Innerschweiz? Hm. Joa. Oder Züri Oberland? Hm. Oder – wie wärs mit Schwarzwald? Wutachschlucht?

Der Zeltplatz, den wir aus dem Netz fischten, hatte sogar schon geöffnet und so haben wir am Samstagvormittag das Auto gepackt und sind losgefahren. Weit ist es ja nicht, aber weil die Grenze von all den Schweizer EinkaufstouristInnen verstopft war, fuhren wir einen kleinen Umweg und erreichten um eins den Camping Stühlingen.

Das Zelt hatten wir rasch aufgebaut – direkt beim gedeckten Pavillon mit drei Tischen darunter – und schon bald waren wir zu Fuß unterwegs. Ja, diese kleine Wanderung war genau das, was ich gebraucht hatte!

Nach einem kleinen Einkauf entfachten wir am Grillplatz am Ende des Campingplatzes ein Feuerchen und grillten unser Abendessen. Seelenwohltuend. Und ja, auch gut gegen die Kälte, ist so ein Feuer. Schließlich wurde es eine ziemlich kalte Nacht im Zelt, fünf Grad oder so, und es dauerte am Morgen eine ganze Weile, bis wir wieder warm hatten. Zumal die Sonne eine Weile brauchte, bis sie die Hügel überwunden und unsern Zeltplatz gefunden hatte. Zu allem Übel hatte ich Bauch- und Kopfweh und aus unerfindlichen Gründen meine Kopfwehtabletten nicht eingepackt. Mist aber auch.

Die nächste notdiensthabende Apotheke war in Neustadt bei Titisee und so planten wir kurzerhand um. Statt die Wutachschlucht zu erwandern, stand nun Tabletten kaufen auf dem Programm. Bis die Tabletten wirken würden, beschlossen wir es ruhig anzugehen. Überhaupt … es ruhig angehen ist eh genau richtig. Nach einem kleinen Spaziergang am Neustadter Stadtrand mit Sonnetanken fuhren wir an den nahen Titisee, das ich alsbald ’das Büsum, Helgoland und Interlaken des Schwarzwaldes’ nannte. So viele Touristen und Touristinnen auf einen Haufen! Von überall. Lange hielten wir es hier nicht aus. Uns zog es in die Natur und so fuhren wir doch noch in die Wutachschlucht, wie es uns die Zeltplatzbesitzerin am Vorabend ans Herz gelegt hatte.

Der Wegweiser in die Lotenbachklamm sprang uns beiden beim Wanderparkplatz bei der Schattenmühle sofort ins Auge. Da wir beide wegen der kalten Nacht wenig erholsam geschlafen hatten, beschlossen wir diese eher kurze Wanderung zu machen – knapp anderthalb Kilometer rauf und später wieder runter. Eine weise Entscheidung!

Zum einen war es ein wunderbares Stück Weg über felsiges Terrain, genau nach unserem Geschmack, zum anderen waren alle Leute unterwegs sehr freundlich und rücksichtvoll. Die Klamm? Einfach nur wunderschön! Sonnenlicht, das durch frühlingszartes Blätterdach fällt. Das Rauschen des Lotenbachs tat das seine. Meine Sinne waren weit offen und das Kopfweh endlich vergangen. Oben angelangt fanden wir eine Wiese, die geradezu zum Picknicken und zu einem Nickerchen einlud. Herz, was willst du mehr?

Später, zurück auf dem Zeltplatz, waren deutlich mehr CamperInnen auf dem Platz und ’unser’ Pavillon besetzt. Für die Nacht und den Montag war zudem Regen angesagt, sodass wir kurz überlegten, ob wir das Zelt abbauen und nach Hause fahren sollten. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns stattdessen, das Zelt hinten beim Grillplatz aufzubauen. Dass das erlaubt war, hatten wir erst am Samstagabend erfahren. Beim Grillplatz steht ein Schutzdach neben dem kleinen Bürohäuschen. Warum eigentlich nicht darunter das Zelt aufbauen?, fragte ich. Hey, super Idee, meinte der Liebste, das machen wir! Dann müssen wir am Morgen, wenn es regnet, nicht direkt aus dem Zelt in den Regen hineinklettern.

Wieder entfachten wir ein Feuer. Der Regen hielt sich brav zurück und wartete, in den Wolken hockend, die Nacht ab. Unser zweiter Abend in Stühlingen war deutlich wärmer. Was doch so ein paar Grade ausmachen! Auch die Nacht war weniger kalt als die vorherige und so schliefen wir beide tief und fest und wachten erholt und erfrischt auf. Das bisschen Regen, das nachts gefallen war, hatte uns nicht gestört. Am Morgen schien wieder die Sonne und so konnten wir gemütlich frühstücken und das Zelt abbauen.

Wir hatten uns entschieden, an die Rheinfälle zu fahren. Die größten Wasserfälle Europas. Und ja, ich bin tatsächlich – trotz der Nähe – noch nie dort gewesen, während Irgendlink, der ja ein paar hundert Kilometer weiter weg wohnt, schon einige Male – zuletzt auf der Flussnoten-Rheinradeltour – diese tosenden Wassermassen bestaunt hat.

Wenn schon, denn schon!, sagten wir uns und kauften Tickets für eine kleine Hafenrundfahrt. Uns hats gefallen.

Noch hielt das Wetter, obwohl die Sonne ab und zu Wolkenverstecken spielte, und so beschlossen wir, über Land zu fahren und irgendwo, an einem schönen Hügel, eine kleine Wanderung mit Picknick einzulegen, bevor wir wieder nach Hause fahren würden.

Unsere Pläne fielen buchstäblich ins Wasser. Der Regen hatte sich uns an die Fersen, an die Räder, geheftet und war immer genau dort, wo wir lang fuhren. Zuerst dem Lauf des Rheins folgend, später quer über Land. Und immer war der Regen auch schon da.

Okay, dann picknicken wir halt an meinem Esstisch!

+++

Nur schon zwei Tage reichen manchmal, um den Kopf wieder ein bisschen freier zu bekommen und all das, was uns im Alltag so selbstverständlich vorkommt, als wertvoll vor Augen zu führen. Ich sage ja nur: Badewanne.

Ein paar Reiseimpressionen (Galerie):

Von Seilen und Ankern | #Schattenklänge

Kinder sind die Anker im Leben einer Mutter*, sagt Sophokles. Als sie diesen Satz liest, zufällig, absichtslos, schnappt sie nach Luft. Heute hat ihr Boot keinen Anker mehr. Heute haben manche Sätze, denen sie lauscht, die Macht, sie in eine andere Gegenwart zu werfen. Eine längst vergangene.

Eine dieser Gegenwarten gab damals vor, ein Synonym für Ewigkeit zu sein. Es war eine Gegenwart, in der sie sich ganz und heil fühlte. Sie sah sich ganz, sie fühlte sich ganz, sie dachte ganz und das alles, was sie ist und je war und je sein wird, war auf einen einzigen Punkt verdichtet. Dieses Jetzt und sie selbst waren eins, das Jetzt und sie waren heil.

Es ist dieser seltene Blick hinter den Vorhang, der ihr hilft; dieses Einswerden mit dem, was auch noch hätte sein können, wenn. Dieses Verschmelzen mit dem Damals und dem Jetzt und dem Schmerz, der irgendwann aufhört schmerzhaft zu sein, weil er irgendwann Teil geworden ist von ihr, so sehr, dass nichts mehr vorsteht und bei einer zufälligen Berührung weh tun kann. Festhalten lassen sich solche geradezu heiligen Trostmomente nicht, doch ohne sie würde sie sinken.

Da hinein Sophokles’ Satz. Ein schöner Satz. Eigentlich. Doch auf einmal treibt sie ab. Treibt ohne Anker auf offener See. Ohne Ufer in Sicht und auch ohne Navigationshilfe.

Sie treibt im Nebel und weiß, dass ihr jetzt selbst ein Anker nichts helfen würde. Er würde bestenfalls ein Weiterabtreiben verhindern. Sie kann nur warten, bis der Nebel verschwinden würde, verschwunden wäre. (Bis jetzt war er noch jedes Mal verschwunden.)

Und als die Sonne wieder durchbricht, sieht sie Land. Einen Anker aber hat sie noch immer nicht. Sie lenkt ihr Schiff in den Hafen, in der Hoffnung dass da jemand sei, der ihr ein Seil zuwerfen würde. Und so ist es.

Immer war da bisher jemand, der den Seilwurf konnte. Ist dieses Seil vielleicht der Anker all jener Mütter, deren Kinder nicht mehr leben? Ist es so, dass Mütter wie sie – vielmehr noch als andere, da sie keinen Anker mehr haben –, immer darauf angewiesen sein werden, dass da jemand steht, der Seilwerfen kann?


*Quelle: Sophokles; Phädra, Fragment 612, eigentlich: Söhne sind die Anker im Leben einer Mutter/Sons are the anchors of a mother’s life.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

Über die Schwelle gehen

Zwischen innen und außen gibt es diese Schwelle, die ich hier einfachheitshalber Mund nenne. Innen drin sind ganz klare Gedanken, oft wunderbar formuliert, gute Gedanken, viele Gedanken. Geschichten und Ideen. Wörter manchmal, Sätze oft.

Manche wollen heraus. Ich lasse sie gehen. Über die Lippen. Oder in die Finger. In den Stift. Auf die Tastatur. Dabei verändern sie sich. Manchmal erinnern sie mich an Asseln, die davonhuschen, wenn du den schweren Stein aufhebst, unter welchem sie hausten.

Gedanken sind, sobald ich sie aussprechen oder aufschreiben will, sobald sie ans Tageslicht kommen, flüchtig wie ein Duft. Wie ein Geräusch. Wie ein Hauch. Sie verpuffen. Sie verdampfen. Sie verflüchtigen sich. Ich verliere sie und ihre Ursprünglichkeit, ihre Originalität, in dem Moment, wo ich sie herauslasse. Oder vielleicht entgleiten sie mir sogar schon kurz vorher. Beim Absprung. Sobald sie die Grenze, die Schwelle, anpeilen und schließlich überschreiten, beginnt ihr Verfall.

Manchmal setzen sie sich hinterher wieder neu zusammen. In der Luft zwischen mir und meinem Gegenüber; auf dem Papier; auf dem Bildschirm. Nie genau so wie sie vorher gelegen haben, bestenfalls ähnlich, und nein, nicht unbedingt schlechter. Womöglich artiger, gefälliger. Aber anders.

Vielleicht geht es ja Ideen und Gedanken wie Kindern, wenn sie auf die Welt kommen. Innen pure mütterliche Geborgenheit, draußen Kälte, Lärm und all das, was eben draußen so abgeht.

Vielleicht bereuen sie es ja, meine Gedanken, dass sie nicht geblieben sind, wo sie waren. In mir drin. In der Geborgenheit meines Hirns.

Wer weiß das schon so genau?