Ausgelesen #27 | Die wundersame Mission des Harry Crane von Jon Cohen

Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.
Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.

Am Anfang von Jon Cohens Märchenroman sterben zwei Menschen. Doch keine Angst, trotz des traurigen Auftaktes ist Die wundersame Mission des Harry Crane keine traurige Geschichte. Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte? Auf alle Fälle lesenswert!

Wie schon oft finde ich persönlich den deutschen Titel übrigens ziemlich schlecht gewählt, zumal ich diesen Bandwurm-Titel-Trend eh nicht mag. Im Original heißt dieser Roman schlicht Harry’s Trees, was der Sache schon näher kommt. Harrys Bäume. Als Titel hätte mir auch Orianas Wald gut gefallen.

Was wäre, wenn über Nacht Wunder geschähen und die Probleme, die uns am meisten belasten, sich von selbst oder durch Zauberfeenhand gelöst hätten und unsere Welt beim Aufstehen eine andere wäre? Was wäre am Morgen anders?

Harry Cranes Antwort wäre vermutlich ziemlich einfach: Seine Zauberfee hätte über Nacht die Uhr zurückgedreht. So hätte er dieses eine Los nicht gekauft und seine Frau nicht an dieser gefährlichen Straßenecke warten lassen. Stattdessen wäre er mit Beth, seiner großen Liebe, wie geplant schnurstracks ins Kino gegangen. Der tödliche Unfall wäre nicht geschehen und Beth noch am Leben. Auch die zehnjährige Oriana müsste vermutlich nicht lange überlegen: Ihr wunderbarer Vater Dean wäre nicht gestorben.

So aber ist geschehen, was geschehen ist. Kurzum: wir brauchen ein neues Wunder. Harrys Wunder geschieht, als er einen Anruf von seinem Anwalt bekommt. Die Baufirma, die Beths Tod zu verantworten hat, zahlt sieben Millionen Schadenersatz. Geld allerdings, das Harry gar nicht will. Nur seinem großen Bruder Wolf zuliebe ist er mit zum Anwalt, der schließlich eine Schadenersatzklage angeleiert hatte. Harry will nicht das Geld, Harry will Beth. Die Schuld, die er sich an Beths Tod gibt, ist im Laufe des seither vergangenen Jahres nicht kleiner geworden. Nach dem anwältlichen Anruf setzt er sich darum in sein Auto und fährt los. Mitten in die Wälder Pennsylvanias, die erbisher tagtäglich von Berufs wegen verwaltet hat. Harry will nicht mehr leben. Mit Blutgeld schon gar nicht.

Derweilen ist Oriana davon überzeugt, dass ihr Vater Dean nicht tot ist, sondern sich in ein geflügeltes Tier verwandelt hat. Darum legt sie ihm im Wald seine Lieblingsleckereien hin. Überhaupt ist sie ganz oft im Wald. Mit oder ohne Bücher, die sie sich bei der betagten Bibliothekarin Olive in der Stadtbibliothek holt. Von ihr hat sie auch das handgeschriebene Märchenbuch des alten Grum, eine Geschichte, die sie schon viele Male gelesen hat. Ausgerechnet dieses Buch aber hat sie verloren. Vermutlich im Wald, an einem ihrer vielen schöne Leseplätze.

Oriana, die mit ihrer Mutter Amanda nach dem verlorenen Buch sucht, findet Harry, der beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, von einer maroden Mauer gestürzt ist. Drei Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, lernen sich kennen – der Beginn einer großen Seelenfreundschaft. Amanda bietet Harry an, seine Beule zu verarzten, ist sie doch von Beruf Krankenschwester und von Natur aus sehr pragmatisch, ganz anders als ihre belesene und von Märchen besessene Tochter.

So kommt es, dass Harry für drei Wochen ins Baumhaus der Familie einzieht, um die Bäume zu zählen. Als Forstbeamter kommt ihm diese Ausrede gerade recht. Vielleicht kann er in dieser Zeit ja ein bisschen Frieden finden? Waren Wälder, waren Bäume denn nicht schon immer – schon als er ein Kind war –, seine große Leidenschaft gewesen? Auf ihren Ästen und in ihrem Blätterwerk hatte er sich versteckt, wenn ihn sein großer Bruder Wolf piesacken wollte oder die Eltern sich einmal mehr in die Haare geraten waren.

Schließlich beginnt er, den Wald und dessen Bäume zu erkunden und zu erklettern. Immer ein bisschen höhere. Immer ein bisschen mehr kommt Harry wieder zu Kräften. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihm und Oriana weicht allmählich Orianas Fixierung auf die Rückkehr ihres Vaters als geflügeltes Wesen auf. Gemeinsam wollen die beiden jetzt die Geschichte des alten Grum in die Wirklichkeit holen, der sein Glück gefunden hat, nachdem er all seine Schätze verschenkt hat. Harry fühlt sich in den Wäldern Pennsylvanias je länger je sicherer. Auch vor seinem Bruder Wolf, der einen Anteil von Harrys Schatz für sich beansprucht. Derweilen schlägt sich Amanda mit ihren Verehrern herum, die nach ihrem Trauerjahr anfangen, mit den Hufen zu scharren. Doch dann geschehen Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Geschichte entwickelt nach und nach eine ihr eigene Dynamik, die sowohl märchenhaft als auch lebensnah ist. Jon Cohen webt eine weise und phantasievolle Geschichte, von der ich am Schluss nicht weiß, ob sie Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte, Liebesroman, Coming of Age-Geschichte oder Feelgood-Roman ist. Nun – sie ist all das. Und noch viel mehr. Liebevoll und warmherzig geschrieben ist sie pure Medizin für Menschen, die Bäume lieben, gerne teilen, gerne träumen und die Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander nicht aufgeben wollen.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Jon Cohen | Die wundersame Mission des Harry Crane – Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Erschienen: 02.10.2018
insel taschenbuch 4662 | Klappenbroschur, 536 Seiten
ISBN: 978-3-458-36362-0
Auch als eBook erhältlich

D: 15,95 € | A: 16,50 € | CH: 22,90 sFr

Suhrkamp

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Das ’Kunst ist für alle’-Ding

»Als ich Ende Dezember 2018 den Entschluss gefasst habe, endlich einen Kunstwerke-Shop online zu stellen, hatte ich nicht geahnt, welche Odyssee mir bevorsteht«, schreibt Irgendlink im ersten Blogartikel seines nigelnagelneuen Online-Shops. »Ob ich es schaffen würde, so viele verschiedene Kunstwerke zu kreieren, dass dabei jeden Tag ein Bild herausspringt? Die Kunst ist das Eine. Sie zu verkaufen das Andere. Und die geeignete Plattform für den Verkauf zu finden ist wieder eine andere Geschichte.« Als alter ‚Kunstkonzepter‘ trage er ein schweres Kreuz und könne nicht einfach künstlermorgenblütenträumend darauf los geschäftstätigen, schreibt er im letzten Newsletter der alten und zugleich ersten Newsletter der neuen Ära, den er gestern versendet hat. »Vielleicht erkennt Ihr die feinen Details, die sich im Laufe des Jahres im Kunstshop noch zeigen?«

Schaut selbst.

Nein, das hier ist nicht einfach ein weiterer Online-Shop und auch nicht einfach ein weiteres Blog. Und auch nicht einfach nur Kunstvermarktung. Das Ganze ist ja bekanntlich immer mehr als die Summe seiner Teile. Wusste ja schon Aristoteles. Soweit zurück reicht die Idee zu diesem Shop aber nicht, obwohl sie auch nicht wirklich neu ist. Schon seit einer Weile konnte man ja bei Irgendlink Bilder und Poster über sein Alltags- und Livereisen-Blog kaufen. Dort allerdings umständlich, via Mail, und ohne direkte Zahlungsmöglichkeit. Das ist nun vorbei, denn ab sofort kann man direkt einkaufen.

»Ich möchte mich 2019 auf die Serie 365-Daily konzentrieren. Jeden Tag ein 12 x 12 cm großes Bild zum Sammeln. Für einen bezahlbaren Preis, so dass jedeR mitmachen kann.«

Tolle Sache! Von den Dailies – auf Holz aufgezogene, quadratische Kunstwerke – kann ich schon ein kleines Liedlein singen, denn ich habe bereits meine Sammlung gestartet.

Die täglich neuen Bilder kann man nämlich ganz einfach zu einer eigenen, sehr persönlichen Wandcollage zusammensetzen – absolut einmalig und immer wieder anders. Nach Lust und Laune. Links die ersten drei Bilder von Freundin M. (2) und rechts meine eigenen ersten drei Dailies.

Und nein, ich bekomme keine Provisionen dafür, dass ich hier meinen neuen Lieblingsshop anpreise. Wobei, … vielleicht macht mir der Liebste ja gelegentlich ein neues Daily 😉


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Notizen am Rande #2

Wieso soll man eigentlich körperlichen Schmerz auf keinen Fall ignorieren, weil er auf etwas Ernstes hinweisen könnte und sich möglichst schonen und Belastungen vermeiden, aber bei psychischem Schmerz sagen sie: da musst du durch!, denn dieser solle angeblich nämlich stark machen, weil er uns ja nicht umbringe …

»Apropos Vermeidung, schon mal jemand einem Nussallergiker gesagt, dass er durch den Walnusseisbecher einfach durch muss?«

Julia von Blütenstille

Ich werden den Eindruck nicht los, dass da etwas ziemlich falsch läuft in unseren Denkwelten. Schmerz ist doch Schmerz: ob nun die Seele schmerzt oder das Kniegelenk.

+++

Die Arbeitgeber*innen, die Wirtschaftsmenschen, die Was-auch-immers dieser männerdominierten Welt hätten es ja am liebsten, wenn wir Menschen alle stromlinienförmig wären, ohne Kanten, genormt, rund, flüssig, glatt und am liebsten ohne Fehler und gänzlich wartungsfrei. Der Druck auf uns Menschen ist enorm und fängt immer früher im Leben an. Nun, darüber müssen wir wohl nicht diskutieren. Auch nicht, dass immer mehr Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen, aus dem Rennen fliegen, kaputt gehen, krank werden – körperlich ebenso wie psychisch.

Kranke aber sind unberechenbar, körperlich Kranke vielleicht noch ein bisschen weniger als psychisch Kranke. Aber letztlich sind alle Kranken nicht kalkulierbar. Also drangsaliert man sie von oben und von außen mit allen Mitteln und allen möglichen Sanktionen, um ihnen dieses Krankgewordensein-am-Leben schnellstens auszutreiben. Dass das vermeintlich ’kleinere Übel’, eine Rückkehr in die stromlinienförmige Anpassung an die Ansprüche der Arbeitswelt, aber langfristig eben eine Art JoJo ist, berücksichtigen sie dabei nicht.

Ich kenne so viele Beruftstätige, die immer am Limit leben. Doch am Limit lenkt der Zufall.

+++

»Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.«

Es muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein, der diese Erkenntnis erstmalig in so einfache und klare Worte gegossen hat. Ich tippe auf eine Wasserträgerin.

Mein Bedürfnis nach Weite

Ich erwachte heute mit Gedanken zu Enge und Weite. Was welche Gefühle in mir erzeugt und warum.

Enge mag ich nicht, Weite dagegen sehr. Außerdem haben Begriffe wie Weite und Enge für mich neben der persönlichen immer auch eine politische und ökologische Dimension.

Was ist es denn, das in mir Gefühle von Enge erzeugt und mir das Atmen schwer macht?

  • Menschen und Aussagen, die darauf hinzielen, einzelne Menschen oder auch ganze Menschengruppen auszuschließen, auf ganz unterschiedliche Weise. Und aus ganz unterschiedlichen, für mich oft nicht nachvollziehbaren Gründen.
  • Dumme Menschen, die keine Zusammenhänge verstehen.
  • Menschen, die Fragen stellen, die mir im gegebenen Setting zu persönlich und/oder übergriffig sind.
  • Behörden, die Macht haben und diese missbräuchlich einsetzen.
  • Menschen, die die Grenzen anderer einmalig oder regelmäßig überschreiten.
  • Zynismus und Ironie ab einer persönlichen inneren Schwelle.
  • Menschen, die etwas von mir oder andern wollen, es aber nicht direkt sagen und damit potentiell missverständlich kommunizieren.
  • Jegliche Form von Manipulation, insbesondere subtile, sich im Subtext befindliche.
  • Menschenmaßen auf Plätzen und Bahnhöfen.
  • Lärm.
  • Stark parfümierte Menschen.
  • Starke Gerüche und Gestank.
  • Extreme wie Hitze oder Kälte.
  • Hektik.
  • Kassenschlangen.

Was mich dagegen Weite empfinden und mich gut atmen lässt?

  • Ein Spaziergang oder eine Wanderung in der Natur.
  • Der Wald.
  • Radfahren.
  • Weitblick und Aussicht.
  • Gewässer von außen oder schwimmend erlebt.
  • Menschen, die echt sind und echt über sich reden.
  • Menschen, bei denen ich nicht immer überlegen muss, wie sie meinen, was sie sagen und ob sie mit einer Aussage etwas bezwecken wollen.
  • Wohlwollende Menschen, die zuhören können, ohne gleich zu meinen, sie müssten Lösungen aus der Tasche ziehen.
  • Herzliche Toleranz und gegenseitiges Verstehen.
  • Herzumarmungen und achtsame Berührungen.
  • Gegenseitige Rücksichtnahme aus Empathie.

Ja, ich werte, ich bewerte, und nein, ohne Werte und Werten kann und will ich nicht und ja, ich weiß, dass beim Üben von Achtsamkeit nicht gemeint, dass ich alles dulde, hinnehme, mit mir machen lasse, was mir geschieht.

Gemeint ist dagegen ein klares und nicht-wertendes Gewahrsein dessen, was in jedem Augenblick geschieht. Jetzt. Und jetzt. Ein Beobachten: Ist, was ich jetzt erlebe, für mich angenehm, unangenehm oder neutral? So kann ich üben, beengende Situationen – denn alles Beengende lässt sich ja nicht umgehen –, in einem ersten Schritt wertfrei zu erfahren und so zu akzeptieren, wie sie sind. Erst danach kommt dann das mit dem Verändern. Denn manches geht, manches nicht.
Manches heilt, manches nicht.
Was heilen kann, heilt.
Was unheilbar ist, heilt nicht.
Das ist die Natur der Dinge.
Manche abgebrochenen Äste wachsen nach, manche nicht.
(Von nachwachsenden Beinen habe ich allerdings noch nie gehört.)

(Und nein, das ist nicht zynisch gemeint.)