Umwucht

Rundlaufen wäre das Ziel, sagen sie. Ausgewogen, ausgewuchtet, so muss es sein. Ich aber eiere. Zu viel Umwucht. Eigentlich war das schon immer so. Ich habe, wäre ich Rad, eine hässliche Acht. Hätte eine Delle, einen Knick in der Außenwand wäre ich eine Kugel. Ich eiere, laufe nicht rund.

Nun ja, wer sagt, dass Rundlaufen das Wahre ist? Bloß weil es rundläuft, weil es bequem ist und wir beim Rundlaufen nirgends anecken?

Was ist das Wahre?

Meine Normalität ist das Eiern. Und ja, es ist anstrengend, verdammt anstrengend. Weil, eiernd kannst du keine Bahn halten, wirst immer in die eine oder andere Richtung rollen ohne es zu wollen. Eiernd bist du ziellos.

Unfassbar. Unhaltbar.
Eiernd rollst du davon.

Nichts gegen Schönheit, aber …

Mein letzter Artikel könnte den Eindruck erwecken, dass ich mit Schönheit nichts anfangen kann. Das Gegenteil ist der Fall. Ich brauche es, mich in schöner Umgebung mit schönen Dingen, mit schönen Menschen zu umgeben. Weil Schönheit eine heilsame, wohltuende Wirkung auch mich hat.
Bloß: Was ist Schönheit?

Nur schon, wenn ich schreibe, dass ich mich gerne mit schönen Menschen umgebe, wird es schwierig.
Weil: Was ist Schönheit?

Ich selbst finde mich ja nicht schön. Nun ja, auch nicht wirklich hässlich. Aber eben: Das Wort schön würde mir für mich selbst niemals einfallen. Und doch: Auf manchen Bildern, die der Liebste von mir macht, fühle ich mich schön. Weil ich mich darauf gesehen, erkannt, verstanden fühle. Weil ich so aussehe – mit meinen Augen, die mich sowohl von innen als auch von außen sehen können und kennen –, wie ich mich fühle. Ganz. Als eine Einheit von Innen und Außen.

Diese Art Schönheit meine ich, wenn ich sage, dass ich mich gerne mit Schönheit – schönen Menschen, schöner Umgebung, schönen Dingen – umgebe. Nicht die gemachte Schönheit, dieses Perfekte, Gepuderte, Aufgebretzelte. (Unter uns gesagt: Fassaden irritieren und verunsichern mich ja eher. Vielleicht ist es ja ihr Zweck, das Innere zu verbergen, auf falsche Fährten zu locken?)

Frau Rebis hat es in einem Kommentar zu einem Blogartikel wunderbar formuliert: »Das Perfekte ist immer ein Gemachtes und mit viel Anstrengung verbunden, die noch dazu letztlich nutzlos bleibt (da ja kein Ende möglich ist). Das Vollkommene als das voll (aus mir heraus) Gekommene ist, was ich mir als „Ziel“ setzen könnte. Das Wort Ziel trifft es ja gar nicht. Es bleibt ja Prozess, Bewegung und Weichheit darin, etwas, was „Ziele“ im klassischen Sinne sonst nicht haben. Irgendwie so: wenn zwischen mir und meinem Ausgedrückten keine falschen Erwartungen(?) mehr stehen, dann wird es vollkommen.« Besser hätte ich es nicht formulieren können.

Auch ist Schönheit theoretisch etwas Persönliches, Individuelles, nichts also, trotz Goldenem Schnitt & Co., nichts, was ich mir diktieren lassen sollte.  Doch Grayson Perry zeigt in seinem Buch So geht Kunst!, dass wir letztlich irgendwann schön finden, was wir immer und immer wieder sehen. Schönheitsideale sickern peu à peu in uns ein. Was schlimmer klingt als es ist. Oder schlimmer ist als es klingt. So oder so: eine eigene ästhetische Meinung zu haben, ist gar nicht mal so einfach. Wir alle sind nicht immun gegen Bilder, gegen Einflüsse, gegen Gewohnheiten. Ich sag nur Schlankheitswahn und Jugendwahn versus Speck und Falten.

Dennoch: »Was ist schön?« heißt ab sofort »Was finde ich schön?«

Ich zum Beispiel finde die Bilder von K.eckstein, die sie von Elke, der Mützenfalterin, gemacht hat, wunderschön. Auch der liebevolle Blick ist es, den ich hier so speziell wunderschön finde. Diese Natürlichkeit und Echtheit! Ja, das ist für mich Schönheit. Vollkommene Schönheit – im Sinne meines letzten Artikels, wo ich für den vollkommenen Ausdruck plädierte.

Wir wissen, dass Liebe schön macht. Selbst auf Bildern, die den Liebsten zerzauselt und nach klassischen Maßstäben unvorteilhaft zeigen, finde ich ihn schön, wunderschön. Weil ich sein Innen und sein Außen verbunden sehe. Dieses Schön eben, das hinter den Vorhang schaut. Davon wünsche ich uns wieder mehr.

Worte wie Monster

Metapher, Gleichnis, Parabel, Synonym, Sinnbild, Symbol, Stellvertreterwort, Lehrstück.

Nein, diese Wörter meinen nicht alle das Gleiche und nein, sie sind auch keine Monster. Aber ’Monster’ – das Wort, der Begriff, die Terminologie – ist für mich mal Metapher mal Lehrstück, dann wieder eher Symbol und manchmal blutiger Ernst. Ein roter Faden, der sich durch mein Leben zieht. Ein geliebtes Kind hat viele Namen, sagt man. Noch mehr Namen jedoch haben Leid und Schmerz, Not und Weh, Krankheiten. Depression. Viele Monster.

Nicht aus wirklich akutellem Anlass eher zu Recherchezwecken habe ich heute in meinen Blogs nach Monstertexten geforscht und daraus folgenden Patchworktext gewoben.

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Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Am liebsten stellt mir mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, viele Fragen. Und am liebsten mitten in der Nacht.

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne.
Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen.
Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne.
Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe.
Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse.
Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst.

Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich nicht mit Samthandschuhen, nein, es schmeißt mir unbequeme Erkenntnisse geradezu um die Ohren. Und es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Mein Monster weiß, wo diese Stellen sind.
Ja, mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange, sehr lange.

Dass ich während solcher nächtlichen Treffen nicht schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise geht es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündet es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellt eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews. Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei. Hauptsache weh.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich, Stunden später beim Teetrinken. Kann Vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archiven abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben einem Schredder und verwandle Altlasten. Wundersame Tranformation von festen Papierbögen in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich um nicht zu sagen die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte sich diese Maschine bloß nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.