Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 1

Etwas mehr als zwei Wochen lang sind wir nordwärts gefahren. Mit Auto und Zelt haben wir uns über Bundes- und Landstraßen treiben lassen. Sind geblieben, wo es uns gefallen hat; sind weitergezogen, wenn die Möwen uns weiter nordwärts gerufen haben. So fuhren wir aus dem Süden – der Schweiz resp. der Südpfalz – über Bielefeld ins Alte Land Niedersachsen, nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, an die Nordseeküste Schleswig-Holsteins, auf Nordstrand, weiter ins dänische Südjütland (nach Broager um genau zu sein), weiter an der Ostsee bleibend nach Kiel und von da aus schließlich wieder zurück.

Vor zweieinhalb Wochen haben wir im niedersächsischen Stade, das sich als sehr kulturaffine Stadt mit einem richtig schönen Ortsbild entpuppt hat, im dortigen Kunsthaus die Ausstellung von Wolfgang Herrndorf besucht. Sie hängt übrigens noch bis Anfang Okotober und ist echt empfehlenswert. Diese Bilderschau zeigt das bildnerische Schaffen Herrndorfs, der ja vor allem durch seine Romane und sein Blog, in welchem er über seine Tumorerkrankung und deren Auswirkungen auf sein Leben geschrieben hat, bekannt geworden ist. Vor vier Jahren hat er sich entschieden, seinem Zerfall und Leiden mit einem selbstgewählten Tod ein Ende zu setzen. Die gezeigten Bilder stammen aus seinem Nachlass. Sie zeigen seine unglaubliche künstlerische Weite und Vielseitigkeit, die ja auch in seinen Gedanken und Texten sichtbar geworden ist.

Dass er sich als bildnerischer Künstler hauptsächlich mit Auftragsarbeiten – für Satiremagazine ebenso wie für Verlage – über Wasser halten musste, hat ihn, wenn ich seine Texte richtig verstehe, sehr frustriert. Vielleicht darum hat er eines Tages das Malen gelassen und sich dem Schreiben zugewendet. Einen Teil seiner Bilder hat er, so lese ich auf Informationstexten, sogar ein Jahr vor seinem Tod zerstört.

»Es ist Herrndorfs unbestechlicher Blick gewesen, der die Schönheit der Natur, aber auch die Skurrilität des Lebens und die bizarren Facetten der menschlichen Gesellschaft aufdeckte. Er war auch als bildender Künstler ein Beobachter, Gestalter und Erzähler
Quelle: www.museen-stade.de

Wie auch immer: Die Ausstellung zeigt eine Vielseitigkeit, die ich selten so bei einem Künstler gesehen habe. Herrndorf zitiert Klassiker ebenso gekonnt wie er simple Redewendungen in Wortbilder und Comics übersetzt. Von Skizzen zu opulenten Gemälden ist alles da und fast kann ich nicht glauben, dass seine göttliche Komödie ein zeitgenössisches Gemälde ist und kein antikes.

Uns beiden hat es richtig Spaß gemacht, uns in die Bilder einzulesen, ihre Geschichten zu hören, sie zu betrachten.

Die Bilder stammen teils von Irgendlink (leider unabsichtlich mit einer etwas gelbstichigen Fehleinstellung aufgenommen) und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].

Tipp: Mit der Eintrittskarte zum Kunsthaus können auch das städische Museum und das Freilichtmuseum besucht werden.

Artwalking mal wieder

Eigentlich wollten wir ja nur einige Beiträge zur wachsenden Bahnhofsbilder-Sammlung einer auf Twitter befreundeten Community schießen, doch auf einmal fanden wir uns in einem herzigen Dorf mit dem pittoresken Namen Waldfischbach-Burgalben wieder und suchten nach der Bahnhofsfotografierung mal wieder nach einem Geocache in den nahen Hügeln. Zwar haben wir den nicht gefunden, aber sonst ein paar schöne Motive. Denn echt jetzt, die Pfalz ist schön. Nicht immer und nicht überall. Aber gestern. Aber dort.

Das Ding mit dem Respekt oder Mut zum Mut

Ich bin nicht unschuldig daran, dass andere zuweilen auf mir und meinen Nerven und Gefühlen herumtrampeln, denn ich lasse es ja zu. Womöglich lade ich andere sogar geradezu dazu ein, weil ich mich erst spät zur Wehr setze. Mich zu wehren kommt in meinem Repertoire natürlicherweise nicht wirklich vor, diese App funktioniert in meinem Betriebssystem nicht. Noch nicht jedenfalls. Mich für mich zu wehren habe ich nicht gelernt, nur ein bisschen bei anderen abgeschaut und ja, ich fühle mich dabei unwohl wie in fremden Schuhen.

Ich wehre mich aber auch aus einem zweiten Grund in der Regel nicht für mich: Weil ich nämlich immer sooo viel Verständnis für die Probleme der anderen habe und deshalb vor mir immer sehr schnell eine Rechtfertigung dafür finde, warum die andere gerade jetzt so böse zu mir sind (ja, das ist jetzt ein bisschen ironisch, aber nur ein bisschen …).

Ich will das nicht mehr. Was also tun? Ich beschließe hiermit, Respekt für mich einzufordern, für mich und meine Gefühle: diesen ganz normalen, ganz alltäglichen, ganz natürlichen Respekt, den ich grundsätzlich allen entgegen bringe. Ich fordere zum Beispiel einen Dank, wenn ich jemandem einen Gefallen getan habe. Ohne mich dafür zu schämen, dass ich dieses Bedürfnis nach Anerkennung habe. Danke zu sagen gehört ja eigentlich zu unserem natürlichen, normalen, respektvollen Umgang mit dazu. Ich spreche meine Bedürfnisse klar aus, ohne mit Laternen- und Zaunpfählen zu winken.

Und ich beschließe ebenfalls, dass ich rechtzeitig sage, wenn ich finde, dass jemand mich verletzt hat, ob absichtlich oder nicht. Wie soll mein Gegenüber sonst wissen, wo meine Grenzen sind? Natürlich mache ich mich damit verletzbar und angreifbar. Aber wie habe ich doch gestern getwittert?

Mit Scheitern meine ich hier alle Formen des Eingeständnisses, dass wir Fehler machen, dass wir nicht alles wissen, dass wir keine Superhelden sind, dass wir einfach ganz normale, verrückte Menschen sind.

Wenn wir alle damit anfangen, uns in unseren persönlichen Umfeldern aufrichtiger und damit eben auch verletztlicher zu verhalten, wird das den Umgang miteinander sehr nachhaltig verändern.

Und ja, dazu braucht es viel Mut. Den wünsch ich mir. Und dir auch. Dir ebenfalls.

Der Kohlraub zu T. oder das etwas andere Containern

Wir hatten die Wanderschuhe geschnürt, gestern Nachmittag, und fuhren mit dem Auto einfach mal drauflos. Irgendwohin, wo wir noch nie gewesen sind. Die Sonne hatte uns herausgelockt, hatte von Weitblick und Übers-Land-Wandern geschwärmt.

Da, guck, da könnten wir rauf! Beim Vorüberfahren entdecken wir auf einem kleinen Hügel eine kleine Ruine, doch in der unmittelbaren Nähe ist keine Parkbucht, der Weg zudem kurvig und schmal. So parkten wir im nächsten Dorf und wanderten zwischen Häusern, an Gärten und Bauernhöfen vorbei an einen nahen Bach, der uns von der Ruine trennte. Auf einmal fanden wir, wider Erwarten, eine kleine Brücke.

Lektion 1: Alles ist anders als es scheint.

Einem wunderbaren kleinen Wanderweg durch den steilen Wald bergan folgend, finden wir uns auf einmal auf einer kleinen Ebene mit Feldern und Wiesen wieder, an deren Ende die Ruine auf uns wartet.

Lektion 2: Umwege sind oft schöner als direkte Wege.

Eine Performance könnten wir es nennen, das hier, und ich könnte, so sagte ich zu Irgendlink, ich könnte morgen einen vollumfänglich im Konjunktiv geschriebenen Blogartikel kreieren. Im Artikel würde es, so sagte ich, um dieses Kohlfeld hier gehen. Um die Fülle und den Überfluss zum einen und um die Wegwerfmentalität zum anderen. Um die Schönheit im Zerfall und um den Reichtum, den man nur findet, wenn man sich bückt. Im Krieg, sagte ich, im Krieg wäre dieses Feld hier nicht so, wie es jetzt ist und nun wisse ich nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein solle. Dass kein Krieg ist. Und dass wir von dem, was hier noch rumliegt, einen Jahr lang leben könnten.

Lektion 3: Es hat genug für alle. Eigentlich.

Containern kann man offenbar auch auf dem Land. Nur ohne Container. Wir bücken uns und ernten einige krause Köpfe. Irgendlink nicht ganz ohne Skrupel, weshalb wir uns gegenseitig beim Weiterwandern erzählen, was wir sagen werden, wenn uns jemand des Kohldiebstahls bezichtigen würde. Unsere Geschichten werden skuriller, je weiter wir wanderen.

Zurück beim Auto, das nahe beim dörflichen Werkhof auf uns wartet, finden wir weitere Sujets. Auch hier wieder Abfall. Überfluss. Reichtum.

Lektion 4: Schönheit ist überall und liegt im Auge der Betrachtenden. Kunst auch.

Lektion 5: Spielen macht Spaß.

Am Abend gabs – wen wundert’s? – Kohl. Kohlroulade, blanchierte und mit Kicherbsen-Gemüse-Zöix gefüllte Kohlblätter. So lecker.

Und über die Krönung unserer Kohl-Performance kichern wir noch immer. Unsere neue Kunstrichtung heißt nämlich Des Kaisers neue Fürze.