Das Rascheln hinter dem Vorhang

Seit ungefähr einem Monat nimmt das Kunstprojekt Bilder für die Ewigkeit Gestalt an und in acht Tagen fährt der Liebste bereits wieder los. Für zwei Wochen, während denen ich wieder als Homebase sein Kunstblog irgendlink.de redigiere.

Ewigkeit trifft Gegenwart könnte man das Projekt auch überschreiben. Ich zitiere aus der Pressemitteilung, die wir heute Morgen vollendet haben:

Nach fast dreijähriger Forschungsarbeit im Bereich Liveblogging und Direkt-Publishing, geht der Zweibrücker „Künstler in Bewegung“ ab 20. Juli 2013 ein neues Projekt an, das im Spannungsbogen „Ewigkeit trifft Gegenwart“ rangiert. Die Reise führt von Zweibrücken in der Pfalz entlang französischer Kanäle über Süddeutschland ins Weltkulturerbe Hallstatt in Oberösterreich. Unterwegs entstehen per Smartphone etwa 120 Bild-Text-Montagen, die für das Memory of Mankind-Projekt des Hallstätter Keramikers Martin Kunze fortlaufend auf Keramikfliesen gebrannt werden. Das Konzept des Österreichers besteht darin, für das Memory of Mankind das Wissen, die Kultur und auch das Alltägliche unserer Zeit in den Salzstöcken des Weltkulturerbes Hallstatt zu sammeln.

Pure, gelebte Gegenwart mit all ihren Haken und plötzlichen Wendungen, ihren Irrungen und impulsiven Selbstverständnis trifft auf Ewigkeit. Der Reisekünstler Irgendlink (Jürgen Rinck) und Martin Kunze vom Archiv-Projekt „Memory of Mankind“ haben sich zu einem interaktiven Experiment zusammengeschlossen, um diesen Prozess näher zu beleuchten. Die beiden Visionäre fanden sich, um gemeinsam sowohl philosophische, als auch kulturelle und wissenschaftliche Aspekte unseres Umgangs mit dem Lauf der Zeit auszuloten. Konzeptkünstler Rinck will den gelebten Moment möglichst zeitgleich und hautnah mit der Webgemeinde teilen und dokumentiert dazu seit 2010 all seine Reisen zeitnah in Bild und Text in seinem Blog.

Quelle: irgendlink.de > Pressemitteilung

Wir freuen uns über viele Mit-Zeitreisende und auf eine kostbare neue Erfahrung.

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Wirbeltage

Ein bisschen wie Ebbe und Flut ist mir … als wäre ich ein Stein, ein Blatt, ein Ast, den das Wasser mal mit sich in den See zieht, mal ans Ufer spült. Ziellos treibe ich dahin, und doch nicht ziellos. Absichtslos. Und lustvoll auch … Seit einigen Tagen ist die Lust wieder da, aus Fotos Appspressionismen zu gestalten, zu appen. So absichtslos wie früher nicht. Nicht weil ich am Schluss ein Kunstwerk geschaffen haben will, nein, eher so, wie ich als Kind gemalt habe. Schauen, was passiert. Natürlich weiß ich, wie die einzelnen Apps funktionieren, natürlich weiß ich, was passiert, wenn ich so oder anders. Und nein, ich weiß es eigentlich trotzdem nicht. Oder ich weiß nicht, wie es aussieht, wenn das und jenes passiert ist. Wie ich nicht weiß, was passiert, wenn ich dies und jenes im Alltag so und so entscheide. Hypothesen. Theorien. Nur wenn ich sie anwende, werden sie wirklich. Sichtbar.

Heute gedacht: Die Orientierung an Normen schadet uns, sie lässt uns zu Leistungsmaschinen werden. Auch Vergleichen ist schädlich, es macht uns zu AnpasserInnen. Bedingungslose umfassende Liebe lässt uns Menschen sein, die sich diesem Druck entziehen können. Das ist Kunst, wahre Lebenskunst.

Kunst und Liebe. Liebe und Kunst – Zwillingsschwestern.

Kunst darf verspielt sein. Kunst darf eine Botschaft haben. Kunst ist so unfassbar wie ihre Kunstschaffenden. Kunst entzieht sich jeder festgelegten Definition, sie überholt ihre Definition sozusagen ständig. Kunst ist längst nicht mehr monogam, die meisten Kunstschaffenden arbeiten interdisziplinär. Kunst ist. Kunst genügt sich selbt. Kunst widerspricht sich selbst.

Und ob das hier Kunst ist, ist mir egal.

You and me, November 2012 by Sofasophia

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vor der Geburt, November 2012, by Sofasophia

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Anläßlich meines Geburtstagsgratulationsanrufes heute Morgen bei Freund M., der dieser Tage zum ersten Mal im hohen Alter von 46 Jahren Papa wird, erfahre ich – während ich auf meinem iPhone intuitiv dieses Schneckenhaus male –, dass ihr Baby zu warten beschlossen hat und sich keinen Deut um längst vertagte Geburtstermine schert.

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Bilder: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Sozusagen in eigener Sache …

oder: Im Namen der Kunst ? Ja, das klingt auch schön. Oder soll ich es besser Geburtsanzeige nennen? Vielleicht gar keine schlechte Idee. Nein, an Ideen mangels mir zurzeit fürwahr nicht. Sie wachsen geradezu aus dem Boden. Dem Regen sei’s gedankt … 🙂

Weil der Liebste sich als Webmaster mehrerer Websites von Kunstgruppen und anderem Klientel betätigt, die er personalisieren will – die Websites, nicht die Leute natürlich –, habe ich das Glück, als Versuchskaninchen zu amten.

Zu Testzwecken musste also seine eigene neue Website Appspressionismus.com hinhalten und personalisiert werden. Wem das zu technisch ist, der oder die nenne dies einfach verästelt oder verzweigt. Wie das genau geht, weiß ich nicht, nur dass er den ersten Ast mir geschenkt hat. Ich habe ihn sogleich ins Wasser gestellt und gucke ihm nun beim Wachsen zu.

Falls ihr zugucken wollt, wie er wächst, guckt einfach ab und zu vorbei. Ein Klick genügt und ihr könnt dabei zuschauen, wie Sofasophia die Welt appt.

Gut, Blogs gibts genug, das stimmt. Bilderblogs auch. Doch weil pixartix_dAS bilderblog zukünftig mehr eine öffentliche Galerie für liebe Gäste werden soll, freue ich mich darauf, im neuen Spielraum eine Art Bilderarchiv wachsen zu lassen. Ein bisschen Best Of soll es auch werden. Und nicht zuletzt auch ein Bilderladen. Whitewall, wo wir bis vor kurzem unsere Bilder zum Verkauf angeboten haben, gibt es so nicht mehr. Nur noch als klassisches Fotolabor.

Ich freue mich darüber, euch die Geburt des Blogs Sofasophia appt die Welt bekannt machen zu dürfen!

Noch immer ohne Netz

Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.

Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.

Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.

Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.

Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.

Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.

Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).

Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.

Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.

(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)